Komische Krankengymnastik

Hallo,

letztes Jahr im September hatte ich einen Bandscheibenvorfall (L4/L5), wobei der Ischiasnerv eingequetscht wurde. Ich habe unter anderem Krankengymnastik verschrieben bekommen, wobei ich hauptsaechlich Uebungen machen musste, die die Rueckenmuskulatur lockern und staerken sollte, z.B. auf den Ruecken legen, Wirbelsaeule ganz flach an den Boden druecken und Beine anheben, oder auf dem Bauch liegen und wechselseitig die Beine ein paar cm vom Boden abheben. Aehnliche Uebungen hat auch ein Freund von mir machen muessen, der auch einen Bandscheibenvorfall hatte, aber bei einer anderen Krankengymnastin war. Im Februar bin ich dann nach Gross-Britannien umgezogen, das heisst, ich bin in Deutschland nicht mehr krankenversichert und daher „gezwungen“, das britische Gesundheitssystem in Anspruch zu nehmen. Nach nur knapp drei Monaten hatte ich dann auch schon einen Termin fuer die Krankengymnastik und komme seitdem aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Krankengymnastin hat mir (sehr ueberzeugend) dargelegt, dass der Bandscheibenvorfall jetzt wohl chronisch sei, das heisst, die Bandscheibe haengt irgendwie zwischen den Wirbeln raus und bildet sich offensichtlich nicht mehr zurueck, so wie es mir der Orthopaede in Deutschland „versprochen“ hat. Sie sagte also, das Einzige, das man jetzt sinnvollerweise machen kann, waere den Nerv zu dehnen, damit ich ohne Schmerzen laufen kann (das konnte ich naemlich seit September nicht mehr). Dazu muss ich mich jetzt vier Mal am Tag mit ausgestrecktem Bein und angewinkeltem Fuss (im Sitzen) so weit wie moeglich nach vorne beugen. Das tut natuerlich ziemlich weh, fuehrt aber zu einem verblueffenden Erfolg: ich kann neuerdings tatsaechlich wieder ohne auffaellig zu humpeln laufen. Nur: seitdem ich das mache, ist mein kleiner Finger und die Innenseite des Ringfingers taub. Irgendwie mache ich mir Sorgen, dass ich durch das Runterbeugen jetzt auch noch in der Halswirbelsaeule einen Bandscheibenvorfall habe - kann das sein? Sind die hier wahnsinnig, oder ist das eine anerkannte Methode, den Nerv zu dehnen? Warum haben die in Deutschland das dann nicht gemacht? Mache ich irgendwas falsch, wenn jetzt meine Finger taub werden? Ich habe erst naechste Woche wieder einen Termin - soll ich das mit dem Dehnen weiter machen, oder lieber lassen?

Vielen Dank fuer Antworten!
Gruss, Steffi

Hallo!

nachdem du so schön ausführlich dein Problem beschrieben hast möchte
ich dir auch ausführlich antworten:
der Wissensstand der deutschen Krankengymnasten ist zum Grossteil
erbärmlich. „Wir“ haben zwar eine der besten praktischen Ausbildungen
der Welt (wenn nicht sogar die beste)-aber an der Theorie dahinter
haperts gewaltig.
Das mag zum einen am Bildungssytem liegen-zum anderen an faulen und
unfähigen Dozenten. Auch reicht die Dauer von 3 Jahren nicht aus um
alle Sachverhalte zu vermitteln.

Wenn du nun an einen „frischen“ PT (Physiotherapeuten/-inn) gerätst
dann hat der nur das auf Lager „was er in der Schule gelernt hat“;
das reicht in den meisten Fällen aus um nichts kaputtzumachen-aber
Hilfe bringt es nicht wirklich.

Bandscheibenvorfälle sind so und so eines der Steifmütterchen der
Medizin-keiner weiss woher sie kommen (und wohin sie gehen) :wink:), wer
wann wie einen kriegt, etc.-sich da einzuarbeiten dauert und kostet
Unsummen.
Also wird halt „der Rücken und der Bauch gekräftigt“ (weil man es so
gelernt hat und nicht hinterfragt)-oder „die Rückenmuskulatur wird
entspannt“ (ohne sich klarzumachen dass die Muskulatur nur deswegen
so verspannt ist weil sie etwas schützen will).
Manchmal hilft es-meistens aber nicht.

Man kann natürlich Kurse besuchen (100 Euro Minimum pro Tag)-und das
so oft pro Jahr bis einem das Geld ausgeht-und die Urlaubstage. Dann
weiss man mehr-„kann“ vielleicht auch mehr-wird aber auch nicht
besser bezahlt.
Gleiches gilt für Literatur. Ich kann schön langsam eine Bibliothek
aufmachen (meine Bank probiert mich aber zu stoppen). :wink:))

So-genug gejammert! (es sei mir verziehen; ich brauch das auch
manchmal)

Jetzt zu deinem Problem:
normalerweise bilden sich Vorfälle zurück; in wenigen Fällen aber
werden sie nach wie vor von der Bandscheibe mit Flüssigkeit versorgt
und können so ganz gut im Wirbelkanal überleben-sozusagen im Exil.
Wenn das Ding ungünstig liegt dann verengt es ein Austrittsloch für
eine Nervenwurzel die z.B. ins Bein runterzieht.
Da Nerv und Vorfall miteinander nicht genügend Platz haben gibt`s
Probleme-meist Schmerz.
Das ganze nennt man Entrapment-der Nerv ist „gefangen“.

Da aber unser Körper schlau war und jedem Nerven eine Hülle
mitgegeben hat kann man sowas behandeln: der Nerv gleitet in der
Hülle-und die ist es die feststeckt.
Wenn man nun an dem Nerven zieht so kann man die Gleitfähigkeit
innerhalb der Hülle verbessern und die Beschwerden verringern.

Das nennt man dann je nach Konzept „Neural flossing“, „Tensioners and
Gliders“ oder „Nervenmobilisation“.
Was ich aber nicht machen würde (und mich auch nicht traue): Schmerz
dabei zulassen!
Wenn ich das anleite dann sage ich dem Patienten dass er sich den
Punkt suchen soll ab dem es weh tut-und das er diesen Punkt nicht
überschreitet wenn er die Übung macht.
Wenn ein Nerv erstmal wehtut dann heisst das schon höchste Gefahr.
Ich würde also einfach die Intensität leicht herabsetzen und dafür
die Übung öfter und länger wiederholen-so bist du auf jeden Fall auf
der sicheren Seite.
Wenn das deiner Therapeutin nicht gefallen sollte dann soll sie mal
genauer nachlesen was passiert wenn man einen Nerven mehr als 10%
dehnt!

Warum dein kleiner Finger jetzt anfängt zu spinnen?
Ganz einfach: bei dem Dehnen ziehst du auch an den Rückenmarkshäuten
(v.a. Dura Mater)-d.h. wenn du unten ziehst wird`s auch oben „enger“.
Entweder hast du auch noch ein Problem an der HWS (das aber schon
ewig da sein kann)-und ein oder fällt mir jetzt keins ein.

Probier die Übung zu variieren indem du beim dehnen nicht nach unten
schaust sondern den Kopf in Richtung Decke hältst-das nimmt den Zug
von der HWS weg.

Solltest du dich zufällig in Schottland aufhalten kann ich dich an
einen fähigen Kollegen verweisen-oder du versuchst an Louis Gifford
ranzukommen-einen der englischen „Gurus“ schlechthin.

Tschüss

Matthias

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das reicht in den meisten Fällen aus um nichts
kaputtzumachen-aber

Wenn aber der/die Krankengymnast/in aber total unerfahren ist - kann er/sie schon eine ganze Menge kaputtmachen.
Ich hatte einen komplizierten Ellenbogenbruch und geriet danach an eine sehr unerfahrene Krankengymnastin. Durch diese super Behandlung in den ersten Wochen kann ich nun meinen Ellenbogen nur noch sehr eingeschränkt bewegen…
Die besten Erfahrungen habe ich mit Holländern gemacht. Dort ist die Ausbildung viel intensiver und in „meiner“ Praxis wurde auch ständig weitgelernt.

Bei Taubheitsgefühlen in den Fingern würde ich nicht lange zögern, sondern einen Arzt aufsuchen. Leider hatte ich das auch und mußte dann operiert werden. Es dauerte noch 4 Wochen bis das Gefühl so langsam wiederkam. So wie an der rechten Hand ist es aber nie mehr geworden.

Alles Gute von Karina

hallo!

das ist der schlimmste anzunehmende fall. kann leider auch passieren.

aber da muss man die leute mehr zur selbstverantwortung erziehen bzw.
aufrufen: wenn ich merke dass ich in den falschen händen bin dann
sollte ich himmel und hölle in bewegung setzen um diesen umstand zu
ändern-schliesslich bezahlt der patient direkt oder indirekt seine
behandler.

holland ist weltweit hoch anerkannt-führend sind aber die
neuseeländer, dann die australier und danach usa, uk, …

aber selbst die holländer staunen über die technische gewandtheit der
deutschen kollegen. :wink:))

tschüss

matthias

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Hallo auch,
vielen Dank fuer Deine ausfuehrliche Antwort. Ich werde also weitermachen, aber nur so weit, bis es weh tut und dabei an die Decke gucken - mal sehen, was passiert. Vielen Dank auch fuer Dein Angebot, mich an einen Kollegen zu verweisen - leider bin ich nicht krankenversichert (kann ich mir hier nicht leisten), so dass ich keine freie Arztwahl habe und zu dem fuer mein Stadtviertel zustaendigen, staatlichen GP gehen muss. Trotzdem Danke.
Schoenen Gruss, Steffi

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hallo!

das ist der schlimmste anzunehmende fall. kann leider auch
passieren.

aber da muss man die leute mehr zur selbstverantwortung
erziehen bzw.
aufrufen: wenn ich merke dass ich in den falschen händen bin
dann
sollte ich himmel und hölle in bewegung setzen um diesen
umstand zu
ändern-schliesslich bezahlt der patient direkt oder indirekt
seine
behandler.

Hallo Matthias,
leider hatte ich bis dato noch keinerlei Erfahrung mit Krankengymnastik. Wie soll ich als Patient beurteilen ob die Behandlung gut ist oder nicht?
Fortschritte konnte ich nicht beobachten, weil der Arm die meiste Zeit für die Lymphdrainage bandagiert war.
Die Krankengymnastik fand im KH statt, in der ich auch operiert wurde. Erst viel später, als ich andere Krankengymnasten hatte, habe ich gemerkt, wie schlecht die 1. Behandlung war…
Da es ein Arbeitsunfall war, hat die BG viel zur Genesung getan, tja leider hats nix mehr geholfen.
Aber ich denke, wenn die erste Behandlung besser gewesen wäre, wäre die Bewungsfähigkeit besser geworden…

Viele Grüße
Karina

hallo!

ich weiss dass sich viele leute schwer tun zu beurteilen ob ihr
therapeut gut ist.
komischerweise gibt`s diese probleme in anderen bereichen nicht; wenn
man mit den leuten über ihren letzten urlaub redet sind sie sich
immer ziemlich sicher.

was ich sagen will: die gleichen grundprinzipien gelten überall; die
wären im medizinbereich:

  1. fühle ich mich verstanden?, d.h. nehmen mich meine behandler
    ernst?
  2. wird mir erklärt a) was gemacht wird? b) wie die behandlung
    aufgebaut sein wird? c) wird erklärt was zu erwarten ist? d) werden
    zeiträume genannt?
  3. habe ich das alles auch verstanden? wenn nicht: habe ich
    nachgefragt und alles nochmal bzw. besser erklärt bekommen?
  4. sehe ich erfolge?
  5. arbeite ich selbst mit? hat man mir diese möglichkeit gegeben? hat
    man mir die notwendigkeit erklärt? (und bin ich vielleicht trotzdem
    zu „unmotiviert“?)
  6. … (beliebige frage einfügen)

ich durfte dieses jahr auchmal zum arzt; und als die behandlung
vorbei war waren all meine obigen fragen geklärt-und ich musste
nichtmal was sagen.
mir wurden die befunde erklärt-incl. gelbem leuchtmarker,
behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt (durfte dann wählen), etc. etc.
vielleicht gäbe es einen arzt der besser ist-aber nach meinen
kriterien fühle ich mich beim jetzigen mehr als gut aufgehoben.
vor allem weil es hier um das thema gesundheit geht finde ich das
sehr sehr wichtig.
schliesslich kann man haben was man will-wenn der eigene körper nicht
mitspielt dann kann man mit vielem anderen nichts mehr anfangen.

eines muss ich noch zur verteidigung anbringen:
ellenbogenfrakturen gehören mit zum schwierigsten was es gibt. da hat
man nämlich drei gelenke auf einem sehr engen gebiet; meist bleibt
eine mehr oder minder kleine einschränkung.
die erstversorgung im krankenhaus ist auch nicht ohne da meist noch
nicht belastet und voll bewegt werden darf.
man nimmt sozusagen ein teilweises einsteifen in kauf um wenigstens
eine restfunktion zu erhalten.

ist trotzdem kein trost für die betroffenen.
medizin ist eben weit davon entfernt perfekt zu sein.

tschüss

matthias

Hallo Matthias,
leider hatte ich bis dato noch keinerlei Erfahrung mit
Krankengymnastik. Wie soll ich als Patient beurteilen ob die
Behandlung gut ist oder nicht?
Fortschritte konnte ich nicht beobachten, weil der Arm die
meiste Zeit für die Lymphdrainage bandagiert war.
Die Krankengymnastik fand im KH statt, in der ich auch
operiert wurde. Erst viel später, als ich andere
Krankengymnasten hatte, habe ich gemerkt, wie schlecht die 1.
Behandlung war…
Da es ein Arbeitsunfall war, hat die BG viel zur Genesung
getan, tja leider hats nix mehr geholfen.
Aber ich denke, wenn die erste Behandlung besser gewesen wäre,
wäre die Bewungsfähigkeit besser geworden…

Viele Grüße
Karina