Alkoholismus

Hallo, zusammen!
Ich arbeite derzeit mit einer alkoholkranken Mutter zusammen, da ihr Sohn heftigste Probleme macht! Er ist derzeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht. Er weist immer wieder darauf hin, dass er sich wünscht, dass seine Mutter (alleinerziehend, 2 ältere Geschwister) mit dem Trinken aufhört! Die Mutter behauptet natürlich (?), dass sie keine Alkoholprobleme hat, doch inzwischen weiss jeder, dass dies nicht stimmt!
Nun meine Frage: ist ein Alkoholiker überhaupt jemals in der Lage, ehrlich gemeinte Krankheitseinsicht zu zeigen, oder ist ein eventuell vorhandener Wille zur Entgiftung und anschließender Therapie eher von der Umwelt suggeriert?

Danke schon mal, Renate

Ein alkoholkranker Mensch wird meist erst mit dem Trinken aufhören, wenn der Leidensdruck groß genug ist, d. h. die Welt über ihn zusammenbricht (Job, Kinder, Partner und Führerschein weg …). Dann wird er einsichtig. Ansonsten bleibt Dir eigentlich nur noch, abzuwarten. Wenn Du weiter auf die Frau einredest, dann schaltet die auf Stur und dann geht gar nichts mehr.

Tom

Ein alkoholkranker Mensch wird meist erst
mit dem Trinken aufhören, wenn der
Leidensdruck groß genug ist, …
Tom

Im Prinzip richtig. Die Grundfrage ist jedoch, wie man einen kranken „Alkoholiker“ von einem „Säufer“ abgrenzen kann. Dies hängt sicher nicht nur von der mittleren Dosis Alkohol ab. Es gibt leider Therapeuten, für die jeder Mensch, der täglich 2 Viertele (0,5 Liter Wein) zu sich nimmt -in Weingegenden völlig „normal“-, schon ein Kranker ist. Bei Frauen wird in unserer Gesellschaft leichtfertiger mit dieser Stigmatisierung umgegangen, als bei Männern, für die „Saufen“ eher akzeptiert wird. Ich erinnere mich an eine Bekannte, die auf einem Straßenfest einen kleinen „Schlaganfall“ erlitt. Bei der stationären Aufnahme (in einer neurologischen Abteilung!) fiel Alkoholgeruch auf -sie war übrigens nicht „betrunken“-, worauf ihr in der Krankenakte "dringender Verdacht auf „Alkoholismus“ bescheinigt wurde. Man hätte vermutlich bei den meisten erwachsenen Besuchern des Festes „Alkoholgeruch“ feststellen können.
Ob nun „nur“ gelegentlicher Säufer oder Kranker, Alle wissen sehr gut über ihren Zustand Bescheid und entwickeln Schuldgefühle, wenn sie ihren täglichen Pflichten nicht mehr befriedigend nachkommen können. Dieses Unwohlsein wird dann wieder mit Alkohol „behandelt“. So entsteht ein „Teufelskreis“. Oberlehrerhafte Ermahnungen sind daher in der Regel sinnlos! Frauen werden eben aus gesellschaftlichen Gründen seltener bereit sein, über ihren Zustand zu sprechen.
Rüdiger Dierkesmann

Ja, das ist allerdings ein Problem. Ich sprach gerade wieder mit der Frau, sie hat tausend Ausreden und Ausflüchte, an ihr Alkoholproblem komme ich nicht heran. Ist allerdings auch nicht direkt meine Aufgabe. Mir geht es eher darum, der Frau klarzumachen, dass der Sohnemann einen Hilferuf startet mit seinen Problemen, die eigentlich nur sie lösen, bzw. angehen kann.

Renate

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Die Grundfrage ist
jedoch, wie man einen kranken
„Alkoholiker“ von einem „Säufer“
abgrenzen kann. Dies hängt sicher nicht
nur von der mittleren Dosis Alkohol ab.
Es gibt leider Therapeuten, für die jeder
Mensch, der täglich 2 Viertele (0,5 Liter
Wein) zu sich nimmt -in Weingegenden
völlig „normal“-, schon ein Kranker ist.

Das entscheidende Kriterium für den Beginn einer Alkoholkrankheit ist IMHO nicht die Menge oder die Dauer, sondern die Frage, ob der/die Betroffene ohne den Alkohol auskommen würde, d.h. ob er irgendwelche Entzugserscheinungen physischer oder psychischer Art zeigen würde, wenn man ihm den Alkohol radikal entziehen würde.

Die Tendenz zur Entwicklung eines Suchtreflexes ist ja bei den Menschen sehr verschieden ausgeprägt.

Die meisten Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, sind davon überzeugt, daß sie es jederzeit lassen könnten, auch die, die es schon nicht mehr können. Man kann nur jedem empfehlen, das wirklich mal auszuprobieren.

Nach meiner Erfahrung (ich habe als Jugendlicher und „junger Erwachsener“ in der Suchtgefährdetenhilfe gearbeitet) ist es der schwierigste Schritt, einem Abhängigen klarzumachen, daß er abhängig ist. Wenn dieser Schritt geschafft ist, ist das schon „die halbe Miete“. Der Wille zum Entzug muß dann natürlich auch noch kommen …

Leider stellt sich die Einsicht in vielen Fällen erst nach dem totalen Absturz ein. Es ist zum Irrewerden, wenn man da zusieht, insbesondere, wenn wie in diesem Fall ein Kind mitbetroffen ist.

Grüße
Sebastian

Das entscheidende Kriterium für den
Beginn einer Alkoholkrankheit ist IMHO
nicht die Menge oder die Dauer, sondern
die Frage, ob der/die Betroffene ohne den
Alkohol auskommen würde, d.h. ob er
irgendwelche Entzugserscheinungen
physischer oder psychischer Art zeigen
würde, wenn man ihm den Alkohol radikal
entziehen würde.

Leider nicht ganz so einfach. Alkoholeinnahme ist häufig auch ein „Ritual“. Wenn man einem Kind sein gewohntes Einschlafritual verändert, wird es zumindest vorübergehend schlechter einschlafen und oft auch Alpträume haben.

Die Tendenz zur Entwicklung eines
Suchtreflexes ist ja bei den Menschen
sehr verschieden ausgeprägt.

Möglicherweise wahr, aber was ist ein Suchtreflex? Es wäre vielleicht auch sinn- voll, nicht jeden „bedingten Reflex“ gleich unter Krankheit einzuordnen.

Die meisten Menschen, die regelmäßig
Alkohol trinken, sind davon überzeugt,
daß sie es jederzeit lassen könnten, auch
die, die es schon nicht mehr können.

Noch einmal: Betroffene erzählen solchen Unsinn, wissen aber sehr genau, was sie können oder nicht.

Nach meiner Erfahrung (ich habe als
Jugendlicher und „junger Erwachsener“ in
der Suchtgefährdetenhilfe gearbeitet) ist
es der schwierigste Schritt, einem
Abhängigen klarzumachen, daß er abhängig
ist.

Genau das ist es nicht. Es geht nicht darum, ihm etwas klarzumachen -er weiß es ganz genau-,sondern ihn dazu zu bringen, sich zu öffnen einem ihm vertrauten Menschen gegenüber, der nicht unbedingt ein professioneller, wie immer geschulter (??) Helfer sein muß. Ich war immer erstaunt, wie leicht sich die „Professionellen“ von ihren Patienten verschaukeln ließen.

Leider stellt sich die Einsicht in vielen
Fällen erst nach dem totalen Absturz ein.

Nicht die Einsicht stellt sich ein, sondern die Bereitschaft, gegen die bekannte Sucht anzukämpfen in der Regel mit negativem Ergebnis. Relativ gute Ergebnisse haben stationäre Einrichtungen,die z.B.zuvor verlangen,der Kranke müsse mindestens 6 Wochen „trocken“ sein vor Beginn der Behandlung. Die Erfolgsquote liegt dann bis zu 60%. Hierunter sind allerdings versteckt ein hoher Prozentsatz nicht Süchtiger, sondern „stinknormaler“ (soll hier nicht verteidigt werden) Säufer. Insgesamt liegt die registrierte langfristige Erfolgsquote in unserem Land bei 10%. Diese Zahl sollte eigentlich die beruflich mit „Alkohol-Sucht“ Beschäftigten veranlassen, über ihre Denkweise und Methoden gründlich nachzudenken.
Rüdiger Dierkesmann

Der Artikel hat „Erinnerungen“ bei mir geweckt. Meine Mutter ist ebenfalls Alkoholikerin, aber seit 20 !!! Jahren trocken. Gerade jährte sich der Tag. Das habe ich auch zum Anlaß genommen, darüber nachzudenken, was passiert wäre, hätte sie nicht mit dem Trinken aufgehört. Obwohl sich meine Mutter stets bemühte, daß wir Kinder nichts mitbekommen, bin ich heute als „psychisch krank“ anzusehen. Ich möchte nicht alles auf meine Kindheit schieben und auch die Vergangenheit ruhen lassen. Trotzdem basieren einige Ängste und Verhaltensweisen von mir auf den Erlebnissen mit alkoholkranken Eltern. Mein Leben wäre sicher anders (negativ) verlaufen, hätte meine Mutter nicht mit dem Trinken aufgehört. Der betroffenen Mutter sollte - im Interesse der Kinder - knallhart mit der Wahrheit konfrontiert werden. Sorry, wenn das zu hart klingt, aber die Kinder haben ein Leben lang darunter zu leiden. Und meine Mutter - sie hat sich dermaßen zum Positiven entwickelt, sodaß man durchaus behaupten kann, in Ihrer Alkoholsucht und der daraus resultierenden Abstinenz steckte auch etwas Positives. Vielleicht kann man ja mit der Frau zusammen zu den „Anonymen Alkoholikern“ gehen. Anregungen von „Gleichgesinnten“ nimmt man oft besser an.
Viele Grüße und alles Gute
Sonja

Hallo, Sonja!

Der betroffenen
Mutter sollte - im Interesse der Kinder -
knallhart mit der Wahrheit konfrontiert
werden. Sorry, wenn das zu hart klingt,
aber die Kinder haben ein Leben lang
darunter zu leiden. Und meine Mutter -
sie hat sich dermaßen zum Positiven
entwickelt, sodaß man durchaus behaupten
kann, in Ihrer Alkoholsucht und der
daraus resultierenden Abstinenz steckte
auch etwas Positives. Vielleicht kann man
ja mit der Frau zusammen zu den „Anonymen
Alkoholikern“ gehen. Anregungen von

Nein, sie ist ja ihren Angaben zufolge nicht alkoholkrank, somit sieht sie keinen Sinn in einer solchen Grußße!:frowning:( Dass ihr Kind darunter leidet, das jüngste meine ich, sieht sie ebenfalls nicht, logisch. Dass ihre älteste Tochter offensichtlich schon mittrinkt, …tja, das ist halt normal. In den Augend der Mutter!:frowning:( Nun, ich denke, ich werde es schaffen, über kurz oder lang den 11-Jährigen da herauszubekommen, aber es wird noch viel Wasser den Main hinunterfließen, fürchte ich.

Lieben Gruß
Renate

Nun meine Frage: ist ein Alkoholiker
überhaupt jemals in der Lage, ehrlich
gemeinte Krankheitseinsicht zu zeigen,
oder ist ein eventuell vorhandener Wille
zur Entgiftung und anschließender
Therapie eher von der Umwelt suggeriert?

Nach Erfahrung der Anonymen Alkoholiker, die meiner Meinung die kompetentesten „Therapeuten in Sachen Suff“ sind, ist ein Alkoholiker erst dann in der Lage, mit dem Saufen aufzuhören, wenn er seinen eigenen, persönlichen Tiefpunkt erreicht hat und zu diesem Zeitpunkt mit Menschen zusammentrifft, die das selbe Problem haben wie er (und dies auch als Problem erkennen und benennen können).
Wann das ist, ist individuell verschieden und von aussen, also von Nicht-Alkoholikern direkt nicht (manchmal aber indirekt) zu beeinflussen.
Für die Mutter gibt es meiner Erfahrung nach nur die Chance sich in einer speziellen psychiatrischen Station freiwillig(!) entziehen zu lassen und danach regelmäßig (in den ersten drei Monaten mindestens 1X täglich) in ein AA-Meeting zu gehen. Aber auch freiwillig,- also ohne Begleitung oder Druck von aussen.
Das bedingt aber, daß sie sich selbst ihre Sucht eingesteht und das wiederum den eigenen persönlichen Tiefpunkt. (siehe oben). So hart es klingt, aber die (zumindest vorübergehende) Aberkennung des Sorgerechtes für ihre Kinder könnte so ein persönlicher Tiefpunkt sein und damit just jener persönliche Tiefpunkt, an dem eine Umkehr möglich ist.
Hilfe für Dich und vor allem die Kinder der Betroffenen kann Al-Anon, die Angehörigen Organisation der Anonymen Alkoholiker bieten. Ansonsten kann ich nur dazu raten, das Fürsorgeamt dranzusetzen und, zu beten, wer an Gebete glaubt.

Christian (der-einen-Scheißberuf-hat-in-dem-er-ständig-mit-solchen-dingen-konfrontiert-ist)

Danke schon mal, Renate

Nun meine Frage: ist ein Alkoholiker
überhaupt jemals in der Lage, ehrlich
gemeinte Krankheitseinsicht zu zeigen,
oder ist ein eventuell vorhandener Wille
zur Entgiftung und anschließender
Therapie eher von der Umwelt suggeriert?

Danke schon mal, Renate

Der Alkoholismus ist nachgewiesenermaßen ein Problem des Kontrollverlustes (über die Alkoholeinnahme). In der ersten Stadien wird es immer zu einer Leugnng der Sucht kommen. In diesem Stadium ist Hilfe von außen sehr schwierig bis fast hoffnungslos. Die Frau muß Ihre eigene Einsicht in die Krankheit gewinnen. das klingt zwar schön, ist aber schwierig zu erreichen.
Helfen oder gute Tips geben kann hier nur der Fachmann.

Gruß

Harald

) zu beeinflussen.
Für die Mutter gibt es meiner Erfahrung
nach nur die Chance sich in einer
speziellen psychiatrischen Station
freiwillig(!) entziehen zu lassen und
danach regelmäßig (in den ersten drei
Monaten mindestens 1X täglich) in ein
AA-Meeting zu gehen. Aber auch
freiwillig,- also ohne Begleitung oder
Druck von aussen.
Das bedingt aber, daß sie sich selbst
ihre Sucht eingesteht und das wiederum
den eigenen persönlichen Tiefpunkt.
(siehe oben). So hart es klingt, aber die
(zumindest vorübergehende) Aberkennung
des Sorgerechtes für ihre Kinder könnte
so ein persönlicher Tiefpunkt sein und
damit just jener persönliche Tiefpunkt,
an dem eine Umkehr möglich ist.
Hilfe für Dich und vor allem die Kinder
der Betroffenen kann Al-Anon, die
Angehörigen Organisation der Anonymen
Alkoholiker bieten. Ansonsten kann ich
nur dazu raten, das Fürsorgeamt
dranzusetzen und, zu beten, wer an Gebete
glaubt.

Was, bitte, ist ein Fürsorgeamt?:wink:
Du meinst die Drogenberatungsstelle?

Gruß, Renate