Antibiotikagabe bei Mitralklappenprolaps

Hallo beisammen!

Ich habe eine ererbte Bindegewebsschwäche, die ich auch an meine Tochter weitervererbt habe. Das wirkt sich unter Anderem so aus, dass sowohl ich als auch meine Tochter eine Bindegewebs-Verdickung am Rand der Mitralklappe haben, wodurch diese Klappe bei jedem Herzschlag überschwingt und ein leichter Rückfluss des Blutes von 5 bis 10 % zu bemerken ist. Das Strömungsgeräusch dieses Rückflusses ist im Stethoskop deutlich zu hören.
Dieser so genannte Mitralklappenprolaps ist nach Aussage mehrerer Fachärzte aber nichts Problematisches, man kann damit 100 Jahre alt werden. Auch eine Schonung ist nicht erforderlich, es wird nur empfohlen sich nicht häufig über die Leistungsgrenze hinaus anzustrengen.
Was aber im Herzpass drin steht ist der ärztliche Rat, bei jeder Verletzung und vor jeder geplanten Operation - schon bei einer Parodontosebehandlung beim Zahnarzt - hochdosiert Antibiotika zu geben, um zu verhindern, dass Bakterien sich am Rand dieser Herzklappe festsetzen und diese dann zerstören.

Da stellt sich mir nun die Frage, ob die Wahrscheinllichkeit der Herzklappenrandentzündung und -Zerstörung so groß ist, dass sie es rechtfertigt, eine dermaßen massive Antibiotikagabe so häufig anzuwenden?! Ich sehe hier nämlich die Gefahr dass durch diese häufigen Antibiotikagaben Resistenzen entstehen und der gesamte Organismus durcheinander gebracht wird. Außerdem habe ich gehört dass Entzündungen der Herzklappe und des Herzmuskels auch durch Viren verursacht werden können. Gegen Viren helfen Antibiotika sowieso nicht, und die Abwehrkräfte des Körpers gegen Viren werden meines Wissens durch häufige Antibiotikagaben sogar noch geschwächt.

Also kurz und brutal formuliert - ist diese Empfehlung zur vorbeugenden Antibiotikagabe bei Mitralklappenprolaps ein Schwachsinn oder nicht?

Ich freue mich über jede Meinung!

Michael

Hallo Michael
ich kenne kaum Leute, die KEINEN Mitralklappenprolaps haben, mich eingeschlossen, so häufig ist derselbe. Also: Ich halte die bei jeem kleinen Eingriff „empfohlene“ Antibiotika-Behandlung für schlichtweg übertrieben. WEBNN ein bakterieller Infekt wie z.B. ein STREPTOKOKKEN-Infekt auftritt (und das merkt man ja, Fieber, manchmal Halsschmerzen etc.), dann kann man immer noch rasch und damit rechtzeitig hochdosiert ein Antibiotikum verabreichen. Übrigens: „Hochdosiert“ jklingt dramatisch - richtig dosiert, das ist es.
Gruss, Branden

Hi,

ich kann etwas zur Prophylaxe bei zahnärztlicher Behandlung sagen.
Die Mundschleimhaut ist voller Bakterien die sich normalerweise die Waage halten.
Wird allerdings im Mund manipuliert, z. B. ein Zahn für eine Krone runtergeschliffen oder eine Wurzelkanalbehandlung durchgeführt wird immer das Zahnfleisch etwas verletzt. Mundbakterien gelangen durch die verletzte Schleimhaut in die Blutbahn und werden vom Immunsystem „abgefangen“. Also normalerweise kein Problem.
Sind aber die Herzklappen verändert ziehen sie Bakterien regelrecht an.
Um eine Besiedelung zu verhindern werden dann prophylaktisch Antibiotika gegeben.

Viele Grüße - Sue

Hallo Branden,

das erschüttert mich ja direkt etwas, dass das offenbar fast jeder hat!

Das mit hochdosiert und dramatisch ist natürlich übertrieben.
Nach meinem rudimentären medizinischen Wissen ist eine Antibiotika-Gabe, die zu niedrig dosiert ist, sogar schlimmer als eine zu hohe, da die Bakterien sich fröhlich weiterentwickeln und die infektion chronisch werden kann.

Nach meinem Herzpass ist übrigens eine Endokarditisprophylaxe NICHT erforderlich, wenn NUR ein Mitralklappenprolaps vorliegt, OHNE Mitralinsuffizienz.
Da stellt sich mir die Frage, bei wieviel Prozent Leistungseinbuße bzw. Rückfluss von insuffizienz gesprochen werden kann!?

Laut meinem Herzpass (den meiner Tochter habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen) ist meine Mitralklappeninsuffizienz Stufe I,
wer weiss wie „viel“ das ist?

Michael

Hi Sue,

das ist meine Überlegung: Wenn die prolabierende Herzklappe auch Bakterienbesiedelung anzieht, aber das Immunsystem insgesamt in Ordnung ist, wäre doch jede Angst übertrieben?!
Meine Sorge ist ja, dass durch die häufige, fast „permanente“ Antibiotika-Gabe das Immunsystem verkümmert. Man müsste dann also wirklich permanent Antibiotika geben?!

Michael

Hi,

Wenn die prolabierende Herzklappe
auch Bakterienbesiedelung anzieht, aber das Immunsystem
insgesamt in Ordnung ist, wäre doch jede Angst übertrieben?!

Das Immunsystem kommt - meistens - mit den üblichen Belastungen gut klar.
Aber die veränderte Herzklappe ist eben ein Sonderfall, überspitzt ausgedrückt eine Schwachstelle an der es Bakterien besonders leicht haben.

Meine Sorge ist ja, dass durch die häufige, fast „permanente“
Antibiotika-Gabe das Immunsystem verkümmert. Man müsste dann
also wirklich permanent Antibiotika geben?!

Ich denke dass Du einfach eine Nutzen - Risiko Abwägung vornehmen musst.
Was sind die potentiell negativen Folgen der Einnahme der Antibiotika
und was die einer fortschreitenden, bakteriell bedingten Veränderung der Klappe.
Es gibt natürlich nie eine Garantie dass die Einnahme des Antibiotikums wirklich nützlich war, dass wirklich bei genau dieser medizinischen Maßnahme eine Gefahr bestand.
Andererseits wenn Du dann doch Probleme bekommst ärgerst Du Dich natürlich.
Ich weiss jetzt natürlich nicht wie häufig die Antibiotika prophylaktisch einnehmen musst. Vielleicht solltest Du auch noch eine zweite Arztmeinung einholen.
Mir persönlich wäre das Risiko einer Infektion zu hoch.
Aber das ist natürlich meine ganz subjektive Ansicht weil ich durch meinen Beruf häufig Patienten gesehen habe die dann operiert werden mussten.

Noch eine Bemerkung am Rande. Häufig hört man „dann lass ich mich halt operieren, Klappenersatz und alles ist bingo“. Das ist eine Fehlmeinung.
Eine herzchirurgische OP ist kein Kindergeburtstag auch wenn das von Chirurgen häufig so dargestellt wird.

Viele Grüße - Sue

Hi Sue,

Du schreibst:„Aber die veränderte Herzklappe ist eben ein Sonderfall,
überspitzt ausgedrückt eine Schwachstelle an der es Bakterien
besonders leicht haben.“

Das habe ich auch so verstanden.
Nun ist aber inmho jeder Mensch Zeit seines Lebens dem Angriff von Bakterien ausgesetzt - insbesondere z.B. von Streptokokken durch Anhusten in U-/S-Bahn, Bus, Tram, Hörsaal, am Schalter, im Großraumbüro etc. pp. ad.inf.

Wenn diese nicht vom Immunsystem sofort gekillt werden und mit dem Blutkreislauf im ganzen Körper herumschwimmen, besteht damit permanente Gefahr für die Herzklappe.?

Dazu frage ich mich allerdings, ob es nicht für Bakterien im Allgemeinen leichter ist sich zu vermehren wo sie in Ruhe gelassen werden - auf schlecht durchbluteten Schleimhäuten z.B. - als auf einer 60 bis 180 Mal pro Minute hin- und her schwingenden Mitralklappe, die noch dazu permanent von Blut umspült ist?!

Du siehst, ich verkenne nicht die Gefahr der Infektion der Klappe, im Gegenteil befürchte ich eine solche fast permanent. Nur was dagegen eine gelegentliche Antibiotika-Gabe helfen soll, stelle ich in Frage.

Michael

Hallo Michael,

Hr. Branden irritiert mich auch etwas. Ein Mitralklappenprolaps kommt in der normalen Bevölkerung je nach Untersuchung zwischen 1 - 6 % (max. 10%) vor. Gehäuft bei bestimmten Erkrankungen z.B. Marfan-Syndrom (von dem ist wohl die Rede?). Eine Endokarditisprophylaxe ist nur nötig, wenn eine Mitralinsuffizienz (undichtes Schließen der Klappe) vorliegt.
Noch etwas zur Antibiotikaprophylaxe: Die sollte nicht so ab und zu mal erfolgen, sondern nur wenn es indiziert ist, das heißt, wenn mit einem Eindringen von Keimen (Bakterien) in größeren Mengen in die Blutbahn ausgegangen werden kann, also operative Eingriffe, Zahnextraktionen, Eingriffe an der Speiseröhre oder Lunge sowie an Blase und Niere o.ä. die Wahl des Antibiotikums hängt von der Indikation und der Wahrscheinlichkeit einer Keimbesiedlung ab. Dabei ist das Antibiotikum keine Belastung für den Organismus, sondern entlastet ihn. Die Dosierung muß natürlich angepaßt erfolgen. Es gibt tatsächlich die „hochdosierte“ Antibiotikagabe, z.B. Penicillin 1-5 Mio Einheiten oder 20 Mio. Einheiten je nach Indikation. Ich weiß leider nicht, woher die „Angst“ vor Antibiotika kommt. Natürlich sind es potente Medikamente, die auch richtig eingesetzt werden sollen und nicht „nur mal so“ gegeben werden dürfen. Die Gefahr von Resistenzen schädigen nicht den Kranken primär, sondern erst, wenn das Medikament bei ihm nicht mehr wirkt!!
Ich würde also auf eine „indizierte“ Antibiotika-Prophylaxe nicht verzichten, wenn die Karditis erst einmal da ist, könnte eine verspätete oder unterlassene Antibiose fatal sein (Leider oft genug erlebt!)
Grad I bei Mitralklappeninsuffizienz ist wahrscheinlich die Einteilung nach Sellers und heißt: „Linker Vorhof nicht vollständig kontrastiert, entleert sich mit jedem Schlag“ und müßte nach einer Herzkatheteruntersuchung festgestellt worden sein. Die Gradeinteilung geht von I bis IV.

Viele Grüße

Hans-Jürgen

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Hallo Hans-Jürgen,

Danke für die Antwort.

Ich habe tatsächlich Bedenken wegen Antibiotikagaben, weil meines Wissens diese Bakterien-Killer halt relativ unspezifisch Alles niedermachen, also auch die in Symbiose mit dem Menschen lebenden „nützlichen“ Bakterien z.B. im Darm und im Mund.

Und ich befürchte, dass die Aussage „Antibiotika unterstützen den Organismus“ nur in so weit zutrifft, dass sie eben die krankmachenden Bakterien killen, eine Infektion durch Viren oder Pilze aber nicht nur nicht verhindern, sondern - vielleicht ist das auch nur ein Denkfehler - begünstigen, weil das Immunsystem „die Arbeit abgenommen bekam“ und deshalb gegen die Sekundärinfektionen „pennt“.
Ich würde mich freuen, diese Sorge abgenommen zu bekommen!

Michael

Hallo Michael,

entschuldige, daß ich mich so spät melde, aber ich hatte lange nicht mehr „reingeschaut“.
Jetzt aber zur Antwort:

„Nützliche“ Keime möchte ich so nicht stehen lassen. Ein besserer Begriff ist vielleicht „opportunistische“ Keime. Sie sind uns in dem Augenblick, wo sie für den Körper (Darm) positiv wirken willkommen und nützlich. Häufig können aber die gleichen Keime - wenn sie sich zu sehr vermehren - Krankheiten auslösen und eben krank machen. Nur ein „gesundes Gleichgewicht“ schafft eben „Gesundheit“. Ein Antibiotikum vernichtet auch diese „opportunistischen“ Keime, aber in einem „gesunden“ Organismus (Darm) stellt sich ein normales Gleichgewicht relativ schnell wieder ein. Einen größeren Schaden erhält man damit nicht. Von einigen Pat. wird z.B. nach Antibiotikagabe von Durchfall, Veränderung der Scheidenflora berichtet. Diese Beschwerden (es sind keine Erkrankungen) gehen häufig ohne Behandlung wieder weg. Das Preis-Leistungsverhältnis (Schaden zu Nutzen) liegt auf jeden Fall und eigentlich immer auf der Seite des Nutzens. Ich hatte schon erwähnt, daß eine „blinde“ Antibiose Unfug ist und hier in anderen Bereichen (Nebenwirkungen) größeren Schaden anrichten kann. Das gilt aber für alle potenten (wirksamen) Medikamente und nicht nur für Antibiotika.
Jetzt zum 2. Teil Deiner Frage:
Natürlich kann durch das Ungleichgewicht z.B. der sogen. Darmflora ein Pilzbefall ausgelöst werden, aber der ist eigentlich durch Nahrungszusätze (Joghurt, pflanzl. Antidurchfallmittel [keine! Kohle]) relativ einfach wieder in den Griff zu bekommen.
Daß das Immunsystem von Antibiotika geschwächt wird, ist Blödsinn (ich weiß nicht wo das herkommt), denn nur wenn der Kontakt mit den Keimen vonstatten gegangen ist, kann eine wirksame Immunantwort erfolgen. Wir brauchen also den Kontakt mit den Keimen, um adäquat unser Immunssystem zu „kräftigen“. So merkwürdig das klingt, aber unsere Hygiene, die uns vor dem Kontakt mit Krankheitskeimen bewahrt, führt auch dazu, daß wir häufiger an Infektionskrankheiten erkranken, als unsere Vorfahren (Nicht daran sterben, denn wir haben ja Antibiotika!)
Bemerkbar macht sich das ganze aber in einer Zunahme der Allergien, die letztendlich fehlgelaufene Immunantworten sind. Es setzt sich z.B. immer mehr die Hypothese durch, daß die Zunahme der Allergien u.U. nicht allein durch zunehmende Umweltbelastungen zu erklären sind, sondern daß auch eine fehlende natürliche „Desensibilisierung“ zur Zunahme der Allergien beiträgt.
Du nützt Deinem Körper nicht unbedingt, wenn Du ihn vor allem „Bösen“ bewahrst. Und eigentlich gilt für alle biologischen System: Je mehr sie gefordert werden, um so besser funktionieren sie. Als Anschauungsbeispiel möge der Muskel dienen. Je mehr Du ihn trainierst, um so leistungsfähiger wird er und umgedreht.

Wenn du noch spezielle Fragen hast, frage ruhig nach. Evtl. per Email geht vielleicht schneller.

Gruß

Hans-Jürgen

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Hallo Hans-Jürgen!

Danke für die Antwort.

Sehr überzeugend formuliert, wirklich.
Ich werde mir das merken und danach handeln.

Michael