Hi yoyi,
das ist nicht beängstigend, sondern fachgerecht. Depressionen,
auch wenn sie reaktiv sind, sind ernstzunehmende Erkrankungen,
bei denen je nach Ausprägung ein nicht zu unterschätzendes
Suizidalitätsrisiko besteht.
Ich finde es erschreckend, wenn heutzutage Trauer von vornherein pathologisiert wird. Noch fragwürdiger: Warum „dürfen“ Menschen heute nicht mehr trauern, warum erlaubt man ihnen nicht, durch diese Täler zu gehen und nimmt ihnen - vordergründig - diese in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Phase der bewussten Bewältigung ab, in dem man sie mit Chemie von dieser lebenswichtigen Funktion „entlastet“?
Nach dreißig Minuten Exploration und Anamneseerhebung kann ein
erfahrener Arzt hinreichend sicher entscheiden, ob vorläufig
eine medikamentöse Behandlung geboten ist.
Ja klar, Rezept in die Hand und Patient tschüss. Nee, nee, das ist doch vorsintflutlich (oder „modern“?)…
Fachgerecht behandeln heißt, zunächst medikamentös die
Stimmung und den Antrieb aufzuhellen,
Für mich heißt fachgerecht behandeln, sich intensiv mit dem Patienten, in diesem Falle mit seinem Verhältnis zu der verstorbenen Person, zu beschäftigen, ihn zum Trauern ermutigen, ihm Trauer als einen wertvollen Bestandteil des Lebens zu vermitteln. Und das funktioniert keinesfalls in einer halben Stunde.
in der ersten Zeit der MEdikamentengabe engmaschig zu überwachen (weil Fluoxetin zunächst nur den Antrieb, erst mit etwas Verzögerung die Stimmung aufhellt, deswegen ist zur Vermeidung der
Suizidalität engmaschige Überwachung geboten),
Ich bin ja keine Fachfrau, aber ich nehme einfach an, das die Suizidalität bei Trauernden in der Statistik im untersten messbaren Bereich liegt, denn Trauer ist ein bewusster und damit aktiver Moment, der ohne weiteres nicht mit Depression (auch wenn sie durchaus depressiven Charakter haben mag) zu vergleichen ist.
danach gegebenenfalls den Patienten zu einer ergänzenden
Psychotherapie ermuntern (wenn es reaktiv ist, ist das nicht
unbedingt notwendig).
Nicht „danach“…
Fahrlässig wäre, einen Patienten mit starker depressiver
Symptomatik unbehandelt wegzuschicken „das wird schon
wieder!“, das wäre ein Vabanquespiel,
nach einer halben Stunde bleibt doch eigentlich keine andere Reaktion übrig, oder?
lieber zu früh und unnötig ein Medikament gegeben, als einen Patienten durch Suizid verloren.
Ja, den Patienten und das eigene Gewissen ruhig stellen…
Der Schaden den der Patient durch die
NEbenwirkungen erleidet, ist im Vergleich zum Risiko gering
(Übelkeit, sexuelle Unlust, Aufgedrehtheit, Muskelzucken, das
ist zwar vielleicht unangenehm, aber nicht gefährlich).
Ich glaube kaum, dass ein trauernder Mensch unter sexueller Unlust leidet…
Die endgültige Diagnose, ob es wirklich eine Depression ist,
oder nur eine depressive Verstimmung, oder eventuell eine
Angststörung oder ähnliches, kann dann natürlich nach einer
längeren Beobachtung auch anders ausfallen. Dann kann die
Therapie auch verändert werden.
Aber erst einmal Pillen verschreiben. So einfach ist das.
Du weißt, dass ich selbst Pillen gegen Depressionen nehme. Aber ich kann Dir auch die Beobachtung mitteilen, dass ich bei Todesfällen in meiner nächsten Umgebung (meine beste Freundin z.B., meine Mutter etc.) Trauer als „aktives“ Moment erlebt habe, die die Lähmung der unspezifizierten Depression in den Hintergrund hat treten lassen.
Yoyi (nicht Dipl.-Psych., aber Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie)
Anja
ohne Titel, sich dennoch als kompetent betrachtend