Labyrinthitis

Hallo Experten,

ich habe eine Frage zu der Erkankung „labyrinthitis“. Ein Unfallopfer macht Schadensersatz geltend und behauptet, durch den Unfall mit lauten Geräuschen und Schock sei diese Erkrankung mit schweren Auswirkungen (Ohrgeräuschen, Schmerzen, etc.) entstanden. Bei Google konnte ich hierzu nur finden, dass es sich um eine Entzündung des inneren Ohres handeln soll. Frage: Wenn es sich um eine Entzündung handelt, kann die Erkrankung doch nicht aufgrund einer Einwirkung von Aussen entstehen. Wie lange dauert diese Erkrankung und was sind die Ursachen - sind die Patienten bei dieser Erkrankung lärmempfindlich. Simuliert dieser Patient oder könnten die Behauptungen stimmen.

Vielen Dank für die Antworten.
BM

Kannst Du etwas mehr über die „Argumentation“ des Unfallopfers schreibens (natürlich rein allgemein gehalten)?

Ich habe als ärztlicher Psychotherapeut eine Zeit auf einer Tinnitusstation gearbeitet bzw. mich auch mit Hyperacusis (Geräuschüberempfindlichkeit) und verschiedenen Schwindelformen beschäftigt. Grundsätzlich wird in diesem Bereich von vielen HNO-Ärzten und Orthopäden eine recht merkwürdige Sichtweise den Patienten nahegelegt. Häufiger auch von Anwälten oder aus einem Selbststudium…

Aus meiner Sicht wären (mindestens) zu unterscheiden

  1. Eine objektivierbare Schädigung des Hörvermögens (ein- oder beidseitig) mit einer Hypakusis (=vermindertes Hörvermögen)
  2. Eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans (Labyrinth) mit entsprechend nachweisbaren neurologischen Funktionsstörungen (im einfachsten Fall als sog. Nystagmus am Auge sichtbar).
    2a) andere Schwindelformen (z.B. ein phobischer Attackenschwankschwindel, Schwindel bei Angst oder anderen Störungen)
  3. Eine Tinnituswahrnehmung (die übrigens nichts oder wenig mit dem Ohr und viel mit der Wahrnehmung und Verarbeitung im Gehirn zu tun hat).

Es gibt daneben noch weitere Formen einer Schädigung bzw. Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans. Als Labyrinthitis würde ich aber auch eine Entzündung ansehen. Daneben gibt es aber auch noch andere akut einsetzende Schwindelformen.

Meistens simulieren die Patienten nicht. Aber es liegt auch nicht zwingend ein wirklich kausaler (ursächlicher) Zusammenhang zwischen Unfall und geklagten Beeinträchtigungen vor. Zumindest wäre eine Beweisführung sehr schwierig und wird eben von den einzelnen Ärzten bzw. auch Anwälten und Gerichten unterschiedlich bewertet.

Sehr pauschal und vereinfacht dargestellt.

Ein plötzlich einsetzendes Ereignis wie ein Unfall löst auch eine emotionale Bewertung im Gehirn aus (z.B. Lebensgefahr, Angst, Panik, Hilflosigkeit) und stellt somit subjektiv eine grosse Bedrohung dar.

Das Gehirn verknüpft nun fälschlich (aber durchaus nachvollziehbar) diese Gefahrensituation mit Wahrnehmungen bzw. nicht-gefilterten Pseudo-Wahrnehmungen, die als Geräusch interpretiert werden). Und eben Schwindelsymptomen. Tinnitus an sich ist mehr oder weniger ein normales Phänomen (siehe z.B. Disko-Ohrgeräusche). Die subjektive Bedrohung (und das Gerede wie gefährlich dies alles sei) verstärkt aber die Wahrnehmung im Sinne eines Teufelskreises.

Ähnlich kann es mit Schwindel bzw. Geräuschüberempfindlichkeit sein. Schmerzen können auch so entstehen, allerdings wäre hier auch noch eine organische Differentialdiagnostik notwendig.

Es ist ausgesprochen schwierig, hier Unfallopfer und Verursacher gerecht zu werden. In mir hat sich immer viel dagegen gewährt, Patienten hier zuviel „Recht“ zubilligen zu wollen. Nicht weil ich es ihnen nicht gönnte oder den Leidensdruck nicht sehe. Aber allein der juristische Kampf um vermeindliches Recht (oder die so „ungerechten“ ärztlichen Gutachten) führen immer weiter zu Stress und dazu, dass nun erst Recht den Symptomen eine Bedeutung zugeschrieben wird, ja sie quasi als Beweis gebraucht werden (aber nicht objektivierbar sind).

Es gibt schon einiges an Literatur zu diesem Thema. Ich habe es aber nicht mehr parat (ist auch schon ein wenig her). Sehr kompetent müssten aber die Klinik in Arolsen (Dr. Schaaf oder so) sein bzw. die deutsche Tinnitusliga.de. Jedenfalls haben sich Ärzte dieser Klinik intensiver mit Tinnitus und Schwindel beschäftigt.

Ich hoffe, das ist eine vorläufige Antwort…

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Hallo BM!

Auch ich würde eine Labyrinthitis eher im Rahmen einer Entzündung sehen.

Im Fall eines Knall- oder Lärmtraumas geben manche allerdings wirklich Schmerzen an. Sollte die Problematik tatsächlich bestehen, so gibt es einige Zusatzuntersuchungen, die bei der Differenzierung und Objektivierung helfen können.

Wie lange über das schädigende Ereignis hinaus bestehen denn die Probleme und was für eine Einwirkung lag vor?

Gruß Peter