MS und Minderwertigkeitsgefühle

Hallo Levay,

Depressionen kommen bei MS-Erkrankten häufig vor. Deswegen werden MS-Erkrankte auch von guten Ärzten nach einem Bedarf für psychotherapeutische Hilfe gefragt.
Was die Forschung bisher nicht eindeutig beantworten konnte, ist die Frage, ob die Depressionen eine organische Ursache haben oder Folge der Diagnose und den physischen und psysischen Einbußen sind.

Das Problem zum Verständnis der MS ist, dass die Symptome meistens für andere Menschen nicht sichtbar sind. Wenn dir jemand sagt, dass er schlimme Schmerzen hat und er sitzt verkrampft mit griesgrämigen Gesicht da, dann glaubt man es ihm auch.
Wenn aber jemand gesund und wie das blühende Leben aussieht, kann er ja nicht krank sein?

Eines der häufigsten Symptome ist dit Fatigue, eine vorzeitige allgemeine physische und psychische Erschöpfung. Ein Erkrankter kann sich Beispielsweise nach zwei Stunden Arbeit so fühlen, wie ein Gesunder nach einem langen Arbeitstag.

Die normalen Dinge des Lebens werden schwieriger. Das Gleichgewichtssinn wird schlechter. Man muss sich bemühen nicht wie ein Betrunkener zu schwanken.(Beobachte mal deine Freundin, wo sie sich überall festhält.) Die Koordination wird schwieriger, sogar die Zunge macht nicht mehr mit.
Der Körper verhält sich, als ob man gebechert hat und man ist dabei stocknüchtern.

Es gibt dann noch eine Viehlzahl von Symptomen. Für jeden seine persönliche Mischung; Mißempfindungen, Spasmen, Lähmungen, Sehverlust, Gefühlsverlust, … sogar Persönlichkeitsveränderungen.

Und das Fieseste von allen, du weisst nicht was Morgen kommt. Wie hieß mal ein Werbespruch der DMSG; „Stell dir vor du wachst auf und bist blind.“. Du weisst nur, dass es stetig abwärts geht.
Du musst schon ein gutes seelisches Fundament haben, um nicht depressiv zu werden.

Was kannst du nun tun?
Sei eine gute Freundin.
Probiere es erst gar nicht mit „logischen Argumenten“.
Ermutige sie therapeutische Hilfe anzunehmen.
Tröste sie und vor alllem…
Unternehme was mir, wenn sich die gelegenheit bietet.

Gruß
Carlos

Hallo!

Danke für deine Antwort erst einmal.

Das Problem zum Verständnis der MS ist, dass die Symptome
meistens für andere Menschen nicht sichtbar sind. Wenn dir
jemand sagt, dass er schlimme Schmerzen hat und er sitzt
verkrampft mit griesgrämigen Gesicht da, dann glaubt man es
ihm auch.
Wenn aber jemand gesund und wie das blühende Leben aussieht,
kann er ja nicht krank sein?

Nun ja, also --> Niemand bestreitet, dass sie eine sehr ernste Krankheit hat. Unklar ist mir nur, woher das Minderwertigkeitsgefühl kommt.

Sei eine gute Freundin.

Herrje, du meinst, ich soll eine Geschlechtsumwandlung machen? :wink:

Probiere es erst gar nicht mit „logischen Argumenten“.

Du hast sicher Recht, das ist sinnlos. Andererseits…

Ermutige sie therapeutische Hilfe anzunehmen.

…ist das auch sinnlos, weil ich damit bei ihr auf taube Ohren stoße.

Schon schwer das.

Findet:
Levay

Hallo Levay,

Nun ja, also --> Niemand bestreitet, dass sie eine sehr
ernste Krankheit hat. Unklar ist mir nur, woher das
Minderwertigkeitsgefühl kommt.

Meine Ansicht in Stichpunkten:
Du bist totkrank - kannst dir keine Zukunft aufbauen - Kinder, Heirat, irgendwann mal Enkel haben ist so gut wie ausgeschlossen - Beruflich ist wahrscheinlich auch nicht viel drin - die einzige Möglichkeit am Leben teilzunehmen ist den anderen zuzuschauen - die Krankheit wird ja immer schlimmer und es gibt soweit ich weiss keine Heilung - Wie lange dauert es noch bis zum Rollstuhl? - Wann kann ich gar nichts mehr allein? - Fragen über Fragen und es gibt keine Positiven Antworten - würdest du dich dann nicht auch Minderwertig fühlen? Dann kommt noch eine Wahrnehmungsveränderung durch die Depression dazu, sprich alles wird noch schwärzer - einige der Fragen würde ein „Gesunder“ (Nichtdepri) so sicher auch nie stellen bzw. sie schnell vom Tisch wischen. Denke ich zumindest. Ich sehe die Welt auch sehr rational aber von ihrer negativen Seite, nimm Murphys Law verschärfe sie um den Faktor 100 und wende es auf alles an was im Leben passiert. Besser kann ich es auch nicht beschreiben. Du siehst vielleicht überall den Ausweg und die Chance und ich sehe alles was schief gehen könnte. Durch behandlung ist es bei mir jetzt so das ich auch Wege und Chancen anfange zu entdecken. Deppression ist sehr schwer zu erklären, weil es von aussen alles so einfach aussieht und niemand die inneren Zwänge bemerkt.

Probiere es erst gar nicht mit „logischen Argumenten“.

Du hast sicher Recht, das ist sinnlos. Andererseits…

Ermutige sie therapeutische Hilfe anzunehmen.

…ist das auch sinnlos, weil ich damit bei ihr auf taube
Ohren stoße.

Glaube ich nicht das es sinnlos ist. Ich hasse den Spruch, aber: Die Hoffung stirbt zuletzt.

Schon schwer das.

ja und es wird nicht leichter. Du kannst nur versuchen da zu sein aber ohne dich aufzudrängen oder wie ein guter Samariter rüberzukommen etc. Und du darfst Dich dabei auch nicht vergessen. Und du musst auch die Kraft aufbringen denn Kontakt abzubrechen, wenn er über deine Kräfte geht.

Das ist alles aus Deprisicht geschrieben und hat mit MS relativ wenig zu tun. Ich hab auch kein MS, „nur“ einen gutartigen Gehirntumor - aber einige der Fragen tauchen so auch bei mir auf.

Gruss Jan

Hallo,

wie gesagt - mit Depressionen kenne ich mich ziemlich gut aus.

Es geht im Speziellen um das Minderwertigkeitsgefühl. Und um auf deine Frage zu kommen, ob ich mich da minderwertig fühlen würde - nein, würde ich nicht. Wieso auch? Was ist denn das für eine Einstellung, egal gegenüber sich selbst oder anderen, eine Krankheit zum Quell von Minderwertigkeit zu machen? Das ist für mich nazistisch, ich beurteile keinen Menschen nach seinem Gesundheitszustand, und niemand ist für mich deswegen mehr oder weniger wert.

Levay

Wieso auch?

Ich sag doch. das du das mit deinem gesunden Verstand nicht verstehst. Du hast ja keine Wahrnehmungsstörungen. Dazu kommt noch ein Schock wenn du plötzlich erfährst das du eine schwere Krankheit hast. Das verzerrt alles um dich herum und es dauert erstmal eine Weile(1-2 Jahre) bis man sich in der neuen Situation zurechtgefunden hat. Keine Ahnung wie ihre Ärzte sind, meine waren Arschlöcher und ich durfte mir alles an Infos selber besorgen.

Was ist denn das
für eine Einstellung, egal gegenüber sich selbst oder anderen,
eine Krankheit zum Quell von Minderwertigkeit zu machen?

Eine depressive eben. Denkst du das ist bei Menschen mit Fettsucht u.ä. etwas anderes? Mich haben auch die Leute die über mich gelästert haben weil ich so dick war nie gefragt ob das die Folge eines Tumors ist.

Das
ist für mich nazistisch, ich beurteile keinen Menschen nach
seinem Gesundheitszustand, und niemand ist für mich deswegen
mehr oder weniger wert.

Mach mal einen Reality Check. Bewirb dich doch mal mit der Gewissheit das du regelmässig Arzttermine hast, die immer am Tag sind und auch nicht verschoben werden können. Dann darfst du dem Arbeitgeber auch noch über deine Krankheit aufklären, wenn meinst du wird der nehmen?

Ganz so schlimm ist es nicht.
Hallo Jan,

Du bist totkrank - kannst dir keine Zukunft aufbauen - Kinder,
Heirat, irgendwann mal Enkel haben ist so gut wie
ausgeschlossen - Beruflich ist wahrscheinlich auch nicht viel
drin - die einzige Möglichkeit am Leben teilzunehmen ist den
anderen zuzuschauen - die Krankheit wird ja immer schlimmer
und es gibt soweit ich weiss keine Heilung - Wie lange dauert
es noch bis zum Rollstuhl? - Wann kann ich gar nichts mehr
allein?

Du malst da ein schreckliches Bild. Ganz so düster ist es glücklicherweise nicht.

  • Die Letalität ist bei Erkrankten kaum höher als bei Nichterkrankten.
  • Nur ein Drittel der Erkrankten landet in einem Zeitraum von 25 Jahrem im Rollstuhl.
  • Mit der richtigen Ausbildung kannst du noch lange weiterarbeiten. Dachdecker oder Tänzerin ist nicht mehr drin, aber da gibt es noch einen Haufen Bürojobs. Und das Autofahren funktioniert länger als das Laufen.
  • Nur ein Bruchteil der Erkrankten landet auf der höchsten Pflegestufe.
  • Familie? Ja klar, auch Erkrankte können und sollen Familien gründen.

Gruß
Carlos

Hallo Carlos,

Du malst da ein schreckliches Bild. Ganz so düster ist es
glücklicherweise nicht.

Ok das mag sein. Ich hab ja auch nur versucht das was in meinem Kopf so rumgespuckt hat als ich erfahren habe das ich einen Tumor im Kopf habe, umzusetzen darauf was ich denken würde wenn ich MS hätte. Einfach um mal zu zeigen was sich da im Kopf abspielen kann(nicht muss) und warum ich mich weniger wert fühle. Ist vielleicht nicht so ganz rübergekommen.
Das muss ja dank Depression mit der Realität nichts zu tun haben und es braucht denke ich mal eine lange Zeit um sich in das neue Leben reinzufinden und zu merken das es auch ein Leben mit der Krankheit gibt. Ich hab in der Situation Sachen für Logisch empfunden wo ich jetzt nur ungläubig den Kopf schütteln kann - aber wie will man das jemanden verständlich machen?

Gruss Jan