Vorsorge/Kosten Tumormarker

Hi,
nachdem nun innerhalb eines halben Jahres bei drei Menschen aus meinem engeren Freundeskreis nach sehr, sehr langem Rumdoktorn an Symptomen mit Diagnosen wie verschleppte Grippe oder Muskelverspannungen Tumoren, d.h. eine Krebskrankheit festgestellt wurde, frage ich mich nun, warum statt der einzelnen Vorsorgemaßnahmen (Frauenarzt, Urologe, Hausarzt) nicht bei Personen ab einem bestimmten Alter 1 x jährlich z.B. Tumor-Marker-Tests gemacht werden, damit eine Tumor-/Krebserkrankung erkannt oder ausgeschlossen werden kann. Auf die Suche nach dem/den betroffenen Organ/en kann sich der Arzt ja dann immer noch begeben. Was nützt es also, wenn die Gebärmutter bei der Vorsorge als gesund diagnostiziert wird, daneben aber schon ein Knochenkrebs sein zerstörerisches Werk begonnen hat und Nieren und Lunge schon von Metastasen befallen sind? Sind es (wie so oft) die Kosten? Was kostet ein derartiger Test?
Interessiert:
Anja

Hi!

Nur kurz:
Es liegt nicht nur an den Kosten, sondern auch daran, daß sich Tumormarker eigentlich nicht zur Diagnostik eignen, allgemein gesagt.

Diese werden nämlich nicht nur bei Krebserkrankungen ausgeschüttet, sondern bei vielen Erkrankungen, meist bei Entzündungen.

Daher verwendet man sie meist nur zur Verlaufskontrolle bei bekanntem Krebs oder bei begründetem Verdacht.

Gruß,
Sharon

nachdem nun innerhalb eines halben Jahres bei drei Menschen
aus meinem engeren Freundeskreis nach sehr, sehr langem
Rumdoktorn an Symptomen mit Diagnosen wie verschleppte Grippe
oder Muskelverspannungen Tumoren, d.h. eine Krebskrankheit
festgestellt wurde, frage ich mich nun, warum statt der
einzelnen Vorsorgemaßnahmen (Frauenarzt, Urologe, Hausarzt)
nicht bei Personen ab einem bestimmten Alter 1 x jährlich z.B.
Tumor-Marker-Tests gemacht werden, damit eine
Tumor-/Krebserkrankung erkannt oder ausgeschlossen werden
kann. Auf die Suche nach dem/den betroffenen Organ/en kann
sich der Arzt ja dann immer noch begeben. Was nützt es also,
wenn die Gebärmutter bei der Vorsorge als gesund
diagnostiziert wird, daneben aber schon ein Knochenkrebs sein
zerstörerisches Werk begonnen hat und Nieren und Lunge schon
von Metastasen befallen sind? Sind es (wie so oft) die Kosten?
Was kostet ein derartiger Test?
Interessiert:
Anja

Hi Anja,

hier gibt es ein paar probleme. Zunächst kommen Tumormarker nicht nur bei krebserkrankungen vor (wie schon gepostet). Außerdem sind sie recht unspeziefisch und es gibt nicht für jeden krebs einen marker.
Stell dir mal vor, man würde einfach solch ein labor laufen lassen und bekommt ein positives ergebnis. Der normalbürger denkt dann er hätte krebs, was ihn in schlimme psychische lagen bringen kann. Dann aber fängt die tumorsuche an, d.h. untersuchung über untersuchung. Im schlimmsten fall fängt man mal vorsichtshalber mit chemo an, spricht über prognosen usw. Tumormarker sind lediglich ein hilfsmittel aber kein probater test…

LG Alex:smile:

Hallo,

Zunächst kommen Tumormarker nicht nur bei krebserkrankungen vor (wie schon gepostet).

dann wäre der Test theoretisch noch vollständig aber nicht mehr korrekt, im Sinne es gibt falsch-positive Ergebnisse aber keine falsch-negativen oder anders formuliert eine Krebserkrankung hat zwingend eine Veränderung dieser Marker zur Folge. Ist diese theoretische Vollständigkeit wirklich gegeben ?
Ob solche Tests Sinn machen würden, ist doch eher eine Frage, mit welcher Trefferquote man Krebs damit frühzeitig erkennen könnte. Also unter Annahme, daß ein Patient positiv getestet wird, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, daß er de fakto an Krebs erkrankt ist (neben der noch zu beachtenen Fehlerquote des Tests an sich in der Praxis).

Gruss
Enno

Hallo,

leider ist es so, dass bei einem großen Anteil der Patienten die „Tumormarker“, auch bei einem passenden Tumor nicht erhöht sind. Aus meiner Erfahrung liegt dieser Anteil bei über 50 %. Ausserdem sind bestimmte Tumormarkererhöhungen schon bei Rauchern zu beobachten, die kein Karzinom haben. Tumormarkerkontrollen sind also nur zu einer Verlaufskontrolle und auch nur bei Patienten, die einen Tumormarkeranstieg hatten oder haben, sinnvoll.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. J. Sauer

was ist ein Tumormarker?
von dem Begriff habe ich noch nie etwas gehört und kann mir auch nichts darunter vorstellen.
viele Grüße
claren

Hallo,

von dem Begriff habe ich noch nie etwas gehört und kann mir
auch nichts darunter vorstellen.

War zwar keine Frage, gibt aber trotzdem 'ne Antwort:

Tumoren sind Zellen, die mehr oder weniger schnell wachsen und sich unkontrolliert teilen. Normalerweise steht Zellwachstum und -teilung unter einer ganz strengen Kontrolle und es gibt mehrere Sicherheitsbarrieren, fallst die Kontrolle mal nicht funktioniert.

Eine Zelle hat ein ganzes Netzwerk von Molekülen, die ihr zum einen Teil sagen, daß sie wachsen und sich teilen soll und zum anderen Teil, daß sie eben nicht wachsen soll und ihre differenzierte Aufgabe im Gewebe wahrnimmt. Da gibt es ein Gleichgewicht, das durch Signale von anderen Zellen, Hormonen etc. auf die eine oder andere Seite gedrückt werden kann.

Eine Zelle kann dan zu einer Tumorzelle entarten, wenn eine oder mehrere (idR mehrere) der folgenden Bedingungen gegeben ist:

  • die Moleküle, die sagen „Wachse und teile dich!“ sind überaktiv
  • die Moleküle, die sagen „Bleib ruhig und mach deinen Job!“ sind unteraktiv
  • die Moleküle, die für ein „Notaus“ sorgen, sind unteraktiv.

„Überaktiv“ kann Folge sein einer Überzahl an diesen Molekülen, es kann aber auch eine Veränderung der Moleküle vorliegen, so daß jedes einzelne „effizienter“, also aktiver ist oder nicht mehr auf seine Gegenspieler „hört“.

„Unteraktiv“ kann Folge sein einer Unterzahl an diesen Molekülen oder auch einer Veränderung, welche die Moleküle unbrauchbar macht.

Diese Moleküle - bzw. ihr für Tumore veränderte Aktivitäts-Status - sind Tumormarker, weil das Vorhandensein ihrere veränderten Aktivität eine Tumorzelle praktisch „markiert“.

Achtung, das ist stark vereinfacht widergegeben! Viele Veränderungen können auf ganz unterschiedliche Weise geschehen und Kombinationen von Veränderungen müssen teilweise in definierter Weise zusammenkommen, damit eine Zelle entartet. Nicht immer sind die gleichen „Marker“ in den gleichen Tumoren zu finden, machmal findet man Marker ohne Tumor und uumgekehrt. Ist also alles nicht so einfach. Es gibt aber trotzdem ein sehr gutes Beispiel, das die Sache nochmal praktisch erklärt:

Brustkrebs. In den meisten Fällen (ich glaube so 30%) findet man in den Tumorzellen eines Mammacarcinoms (Brustkrebs) ein Molekül in ungewöhnlich hoher Konzentration. Dieses Molekül ist also ein guter Tumormarker für Mammacarcinome. Dieses Molekül ist ein Hormon-Rezeptor, der nach der Bindung eines Wachstumshormons sich mit anderen gleichartigen Rezeptoren zusammentut und dann ein Signal in die Zelle weitergibt, welches der Zelle sagt: „Teile dich“. Das ist seine normale Aufgabe. Aus noch nicht voll geklärten Gründen neigen manche Zellen unter bestimmten Umständen dazu, viel, viel mehr von diesem rezeptor zu produzieren. Durch die hohe Rezeptordichte passiert es aber, daß die Moleküle sich zusammentun, auch wenn gar kein Wachstumshormon zugegen ist, die Zelle also immer das Signal bekommt, daß sie sich teilen soll. Das ist ein wichtiger Schritt in der Entstehung von Tumorzellen.

Noch ein Beispiel: Leukämie. Es gibt eine häufige Form von Blutkrebs (Leukämie), die darauf u.a. beruht, daß ein Molekül in der Zelle falsch zusammengabaut wird. Ein Teil dieses Moleküls ist ein Wachstumsstimulator mit einem „Schalter“, der normalerweise fast immer „aus“ ist und nur bei Bedarf angeschaltet wird. Dieser Schalter ist fälschlicherweise ersetzt durch einen Schalter, der normalerweise „an“ ist, so daß dieses verändert zusammengebaute Molekül ein ständig aktivierter Wachstumsfaktor ist, welcher der Zelle dauern ein Signal zur Teilung gibt. Die veränderung liegt hier in einer bestimmten Mutation im Erbgut der Zelle. Diese Mutation läßt sich leicht nachweisen und wenn man sie findet, kann man recht sicher sein, daß eine Leukämie vorliegt. Hier ist also die Mutation der eigentliche „Marker“.

Grüße,
Jochen

3 „Gefällt mir“

weil ich dir nur! 1 Sternchen geben kann…
möchte ich mich hier außerdem für die gut verständliche und ausführliche Antwort, und nicht zuletzt für deine Zeit bedanken.
mit herzlichen Grüßen
claren

Hallo,
danke das paßt zu meiner Frage.

Gruss
Enno

Danke & Zusatzfrage
Danke für Eure Antworten…
Meine Zusatzfrage: Es gibt also bisher keinen „Test“, der sicher eine Krebserkrankung (welcher Art auch immer) erkennen kann?
Gruß,
Anja

Danke! owT