Auflösungsvermögen des menschlichen Gehirns

Hallo zusammen,

wir kamen neulich in lustiger Runde auf eine interessante Feststellung und damit verbundene Frage: Wenn man sich an ein Lied erinnert, merkt man, dass die Auflösung mit der man es sich gemerkt hat, offenbar nicht übermäßig groß ist. Denn die Komplexität der Erinnerung ist deutlich geringer als wenn man das Musikstück von CD hört (wäre es anders, bräuchten wir uns ja für uns alleine keine CD mehr einlegen). Gibt es eigentlich wissenschaftlich nachgewiesene Werte zum Auflösungsvermögen unserer Erinnerung (Phänomene wie fotografisches Gedächtnis, … mal außen vor gelassen)? Wie gut/stark komprimieren wir?

Gruß vom Wiz

Hallo,

ich schätze mal, das ist nicht so einfach festzustellen. Der Mensch merkt sich iA das für ihn wichtige und registrierbare. Bei einem Normalverbraucher wird ein nicht unerheblicher Teil des Liedes wohl im emotionalen Bereich gespeichert. Bei einem Musiker wird das Lied sehr stark im analytischen Bereich gespeichert und auch in einer viel größeren Komplexität. Die Speicherung wird wohl eher einer Fourrier-Analyse ähneln (bzw einer Zusammenstellung aus Harmonien einzelner Instrumente) als einer Amplitude wie bei der CD.

Ähnlich ist es beim Auge. Dort werden auch Umrisse und Farbverläufe registriert und weniger einzelne Pixel.

Gruß, Niels

Hallo Wiz,

das Hirn ist wie ein Muskel, bei Training wird es stärker.

Ein Berufmusiker wird ein Stück sicher besser erinnern können als unsereins.

Ich hab ein sehr gutes Gedächtniss (auch im Vergleich zu anderen Chemikern) für Strukturen und kann mir komplexe chemische Formeln hervorragend merken, etc.

Es ist wohl eine Mischung aus Übung, Technik und Talent, was die Erinnerung ausmacht.

Gandalf

Hallo zusammen,

wir kamen neulich in lustiger Runde auf eine interessante
Feststellung und damit verbundene Frage: Wenn man sich an ein
Lied erinnert, merkt man, dass die Auflösung mit der man es
sich gemerkt hat, offenbar nicht übermäßig groß ist. Denn die
Komplexität der Erinnerung ist deutlich geringer als wenn man
das Musikstück von CD hört (wäre es anders, bräuchten wir uns
ja für uns alleine keine CD mehr einlegen). Gibt es eigentlich
wissenschaftlich nachgewiesene Werte zum Auflösungsvermögen
unserer Erinnerung (Phänomene wie fotografisches Gedächtnis,
… mal außen vor gelassen)? Wie gut/stark komprimieren wir?

Hallo Wiz,

ja es gibt Werte dafür.

Man muss zunächst die verschiendenen Wahrnehmungskanäle unterscheiden.
Beim visuellen Kanal strömen bis zum 10 Millionen bit/s auf dich ein, beim auditiven Wahrnehmungskanal (Hören) z. B. nur bis zu 2 Millionen bit/s an Information. Geschmack bringt es nur noch auf ca. 50 bit/s.
Der sogenannte sensorische Speicher nimmt diese Inforamtionen auch alle auf, aber nur für 0,1-0,2 Sekunden. Dann MUSS selektiert werden, weil das menschliche Gehirn diese Informationsflut sonst nicht verarbeiten kann. Stell es dir so vor: Du fährst mit dem Auto, nimmst eine riesige Menge an Informationen optisch auf, aber letztlich weisst du nach der Fahrt nur noch ein Bruichteil davon, weil das meiste an Infos nur für Bruchteile einer Sekunde in deinem Gehinr projeziert wurde und dann wieder verschwindet.

Es folgt die sogenannte Apperzeption (Aufnahme) mit einer Informationsreduktion von 10 hoch 6 zu 1. Das bedeutet die Infromationsbreite wird auf ca. 16 bit/s reduziert und kommt so in den Ultrakurzzeitspeicher, der die Informationen für ca. 10 bis 30 Sekunden in Form elektrischer Potentialänderungen behält. Dann geht es weiter . … es wird noch stärker reduziert. Falls es dich interessiert, schreibe ich auch den Rest der Geschichte noch auf.

O. Walter möge ich mich korrigieren, wenn ich falsch liegen sollte :smile:

Hallo Michael,

wunderbar, genau was ich gesucht habe. Und ja, die weitere Reduktion in Richtung Langzeitgedächtnis würde mich wahnsinnig interessieren, denn bei der Ausgangsfrage geht es ja genau darum. Man hat ein Lied zigmal gehört und plötzlich hat man es „im Kopf“. Aber eben nicht annähernd CD-Qualität, sondern deutlich darunter.

Die Tatsache, dass eine massive Reduktion stattfinden muss, ist mir natürlich immer klar gewesen. Man stelle sich mal die Datenmengen vor, wenn man sich wirklich „alles“ merken würde/könnte, also lockere 16 Stunden 3D-Film pro Tag in Stereo.

Gruß vom Wiz

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hay Ray,

daraus folgere ich, dass es dann auch, nun sagen wir mal „Gehirnkrämpfe“ gibt?

aber sicher doch. Einige Leute kriegen auch Kopfschmerzen vom Denken. So läßt sich zwanglos erlären, warum so viele das Denken für sich abgeschaft haben.

Gandalf

Hallo Michael,

Es folgt die sogenannte Apperzeption (Aufnahme) mit einer
Informationsreduktion von 10 hoch 6 zu 1. Das bedeutet die
Infromationsbreite wird auf ca. 16 bit/s reduziert und kommt
so in den Ultrakurzzeitspeicher, der die Informationen für ca.
10 bis 30 Sekunden in Form elektrischer Potentialänderungen
behält.

sind das Durchschnittwerte eines Ungeübten?
Oder wie ist es zu erklären, daß es Menschen gibt, die binnen Sekundenbruchteile wesentlich komplexere Sachverhalte aufnehmen und behalten können.
Ich hab mal einen Dirigenten erlebt, der konnte nach einmaligem Hören recht komplexe Partituren nahezu fehlerfrei aufschreiben.
Ich kann ziemlich komplexe Strukturen nach wenigen Augenblicken soweit behalten, daß ich sie auch Tage später wieder aufzeichnen kann.
Schachspieler können sich Stellungen merken etc.
Sind da Muster im Spiel, oder wie läuft das ab?

Gandalf

Hallo Gandalf,

Oder wie ist es zu erklären, daß es Menschen gibt, die binnen
Sekundenbruchteile wesentlich komplexere Sachverhalte
aufnehmen und behalten können.

Sind da Muster im Spiel, oder wie läuft das ab?

Genau so ist es! „Geübte“ Menschen haben ein Repertoire an „Mustererzeugungsprogrammen“, sie sie bei Bedarf abrufen können. Das funktioniert - naja - so uuuhngefähr wie eine fraktale Komprimierung. Aufgrund von sehr wenigen tatsächlich gespeicherten Informationen kann so ein komplexe Erinnerung „konstruiert“ werden. Erinnern im Gehirn ist eben ein viel aktiverer Vorgang als zB. das „Laden von Daten in den Arbeitsspeicher“. Erinnerungen werden nicht abgerufen, sondern vieleher _erzeugt_.

Vorteil: Es läßt eine extrem flexible Verarbeitung von „gespeicherten“ Daten zu, vielleicht ermöglicht das sogar erst eine weitergehende Verarbeitung. Nachteil: Erinnerungen sind kein passiven Abbild des Erlebten; sie sind „gefärbt“ und sie verändern sich mit der Zeit. Das macht zB. Zeugenaussagen als „Beweismittel“ grundsätzlich bedenklich.

LG
Jochen

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Hallo,

sind das Durchschnittwerte eines Ungeübten?
Oder wie ist es zu erklären, daß es Menschen gibt, die binnen
Sekundenbruchteile wesentlich komplexere Sachverhalte
aufnehmen und behalten können.
Ich hab mal einen Dirigenten erlebt, der konnte nach
einmaligem Hören recht komplexe Partituren nahezu fehlerfrei
aufschreiben.
Ich kann ziemlich komplexe Strukturen nach wenigen
Augenblicken soweit behalten, daß ich sie auch Tage später
wieder aufzeichnen kann.
Schachspieler können sich Stellungen merken etc.
Sind da Muster im Spiel, oder wie läuft das ab?

Ja sicher, das sind Durchschnittswerte. Natürlich kann man bestimmte Wahrnehmungskanäle trainieren. Außerdem gibt es Menschen, die eher dem einen oder anderen Wahrnehmungstypus zuzuordenen sind. Beispiel: Ein Sommelier schmeckt sicher viel mehr aus einem Wein heraus als ich :smile:

Gandalf