Frage an Ärzte, Medizinstudenten zum Studium

Hallo

Wie habt ihr es „erlebt“?

Die Frage bezieht sich auf die klinische Zeit im Studium und das PJ?
Nicht auf die Fachinhalte, denn das kann jeder nachschlagen…

Ich muss überdenken, ob ich vielleicht zur Medizin nach Heidelberg wechseln will und will Infos sammeln.

Ich danke euch sehr für Antworten,

Stefan

Hallo Stefan
Ist das jetzt eigentlich ein Studienfachwechsel, den Du vorhast? Von der Biodingsda zur Medizin?
Für mich war der Wechsel vom Psychologie- zum Medizin-Studium aus heutiger Sicht einer der sinnvollsten Schritte meines Lebens.
Medizin ist nach wie vor eine wunderbare Basis, um verschiedene sinnvolle Tätigkeiten auszuüben. Ich habe in den 70er Jahren an der FU Berlin studiert. Die Vorklinik fand ich eher mühsam, hatte sie doch recht wenig mit Medizin zu tun. Man musste die verschiedensten chemischen Versuche machen, ohne dass einem erklärt wurde, wo der Bezug zur Medizin ist.
Später, nach dem Physikum wurde es erst richtig medizinsich und für mich weitaus interessanter. Die Medizinal-Assistent-Ära war gerade vorbei und ich war einer der ersten, die das neue „Praktische Jahr“ machen durften. (Die 2 Jahre Arzt im Praktikum gab es damals noch nicht.) Das PJ zerfiel ja in drei Teile: Innere, Chirugie und Wahlfach (bei mir natürlich Psychiatrie.) Die Psychiatrie war für mich mit Abstand das Beste und Interessanteste.
Wenn ich nochmal 20 oder so wäre, würde ich entweder wieder Medizin studieren oder garkeine Wissenschaft. Als Alternagtive gäbe es für mich eine künstlerische Laufbahn, z.B. Schauspiel, Regie usw.
Gruß,
Branden

Hallo!

Ist das jetzt eigentlich ein Studienfachwechsel, den Du
vorhast?

Von der Biodingsda zur Medizin?

Das wäre einer…

Die Vorklinik fand ich

eher mühsam, hatte sie doch recht wenig mit Medizin zu tun.
Man musste die verschiedensten chemischen Versuche machen,
ohne dass einem erklärt wurde, wo der Bezug zur Medizin ist.

Mit Chemie habe ich keine Probleme. Ich mag die Chemie und war immer sehr gut darin. Ich müsste eh nicht mehr viel davon neu machen, denn ich mache ja schon viel im Moment (Anorganik + Praktikum, Organik +Praktikum, Biochemie), was auch teilweise anerkannt werden sollte…
Ich hab auch Experimentalphysik (Mechanik, Thermodynamik, Elekrtizität, Opik, Wellen + Praktikum)

Die Psychiatrie war für mich

mit Abstand das Beste und Interessanteste.

Was habt ihr denn in der Chirurgie gemacht? Für mich wär die Psychatrie nichts, da ich wohl leider nahezu „gefühlsblind“ bin, was in der Hinsicht doch wohl schlecht wäre…

Ich hab einfach Angst, dass ich daran zu Grunde gehe, als Naturwissenschaftler 40 Jahre in einem Labor zu hocken, da ich recht aktiv, eigentlich wohl hyperaktiv, bin…

Ich erhoffe mir als Arzt Abwechslung zu erfahren und außerdem aus idealistischen Ansätzen zu handeln. Das klingt sehr kitschig, aber es ist wirklich so, dass mir sehr viel daran liegt, anderen Menschen zu helfen.
Wieweit kann man sich eigentlich aussuchen, was man später macht?

Bis jetzt könnte ich mir besonders die Innere, Hämatologie, Onkologie, Radiologie, Infektionsbiologie oder so vorstellen…

VG, Stefan

Antwort aus bonn
Hi,

Mit Chemie habe ich keine Probleme. Ich mag die Chemie und war
immer sehr gut darin. Ich müsste eh nicht mehr viel davon neu
machen, denn ich mache ja schon viel im Moment (Anorganik +
Praktikum, Organik +Praktikum, Biochemie), was auch teilweise
anerkannt werden sollte…
Ich hab auch Experimentalphysik (Mechanik, Thermodynamik,
Elekrtizität, Opik, Wellen + Praktikum)

ja, ich denke auch mal, dass du da ne menge angerechnet bekommst.
Gerade biochemie. Der prof. da (name grad entfallen, fleischmann oder so) hat diesen bio-dings-studiengang doch erst eingeführt in bonn (oder der is physio-prof, weiß nicht mehr genau).

Was habt ihr denn in der Chirurgie gemacht? Für mich wär die
Psychatrie nichts, da ich wohl leider nahezu „gefühlsblind“
bin, was in der Hinsicht doch wohl schlecht wäre…

Naja, alles in allem kann man über die lehre in bonn streiten. Gerade die wirren nach einführung der neuen approbationsordnung.

Außerdem sagtest du ja etwas von kursen und dass man sich die theorie ja auch privat aneignen könne.
Viel mehr isses auch nicht. Ich glaube die kurse macht man nur, um zu sehen, welches fach man NICHT machen möchte.
Der begriff „praktikum“ ist also alles-in-allem recht euphemistisch gewählt.
Meist geht man morgens dahin, nimmt erstmal auf der ganzen station blut ab und guckt hauptsächlich bei visiten zu.
Das chirurgie-praktikum ist in bonn aber mE sehr gut gestaltet.
Man bekommt zu zweit einen patienten zugeteilt und beschaäftigt sich dann eine woche lang (bzw. 3 tage) mit ihm. Donnerstags stellt man den fall dann im seminar vor.
Zudem darf man ab und an auch mal im OP haken halten.

Man muss im studium allerdings auch noch 4 monate famulaturen ableisten. Hierbei darf man sich die fachrichtungen aussuchen und wird dann ganz gut in den arbeitsalltag eingegliedert.
Hier gibts aber auch gewaltige unterschiede. In peripheren häusern lernt man schnell ne menge selbst zu machen, während man in den unikliniken wieder als blutabnahme-service verheizt wird.

Ich erhoffe mir als Arzt Abwechslung zu erfahren und außerdem
aus idealistischen Ansätzen zu handeln. Das klingt sehr
kitschig, aber es ist wirklich so, dass mir sehr viel daran
liegt, anderen Menschen zu helfen.

Ja, DEN ansatz verliert man aber schnell wieder.
Und glaub’, es ist nicht so, dass man am ende arzt wird und aufgrund seines wissens leuten hilft.
Nein. Man lernt schnell, dass man nur das macht, was einem die jeweilige „studienlage“ erlaubt.

Wieweit kann man sich eigentlich aussuchen, was man später
macht?

Naja, es gibt ja ne menge fächer. Und da kannst du später eigentlich frei wählen (natürlich abhängig von der jeweiligen joblage).
Dass man aber während des studiums die richtung schon bahnen kann ist eigentlich nicht so.

Bis jetzt könnte ich mir besonders die Innere, Hämatologie,
Onkologie, Radiologie, Infektionsbiologie oder so
vorstellen…

Klingt doch gut.
Mit infektionsbiologie meinst du wohl sowas wie immunologie oder virologie. Hier musst du aber wissen, dass diese fächer auch aufs labor begrenzt sind…

Fazitär kann man trotz der widerheiten dennoch sagen, dass es spass macht und man auch ne menge lernt.

LG Alex:smile:

Hallo und Danke!

ja, ich denke auch mal, dass du da ne menge angerechnet
bekommst.
Gerade biochemie. Der prof. da (name grad entfallen,
fleischmann oder so) hat diesen bio-dings-studiengang doch
erst eingeführt in bonn (oder der is physio-prof, weiß nicht
mehr genau).

Der unterricht auch die Molbiomeds und hat den Studiengang wohl mit eingeführt. Bin mir beim letzten aber nicht mehr sicher. Der ist mein „Mentor“, wie sich das schimpft und ich war auch schonmal bei ihm im Life&Brain Center bei der Weihnachtsfeier :smile: Der ist recht nett wie ich finde…

Was habt ihr denn in der Chirurgie gemacht? Für mich wär die
Psychatrie nichts, da ich wohl leider nahezu „gefühlsblind“
bin, was in der Hinsicht doch wohl schlecht wäre…

Naja, alles in allem kann man über die lehre in bonn streiten.
Gerade die wirren nach einführung der neuen
approbationsordnung.

Ich würde wohl eh nach Heidelberg gehen wollen, obwohl der Venusberg schon schön ist, das muss ich zugeben…

Ja, DEN ansatz verliert man aber schnell wieder.
Und glaub’, es ist nicht so, dass man am ende arzt wird und
aufgrund seines wissens leuten hilft.
Nein. Man lernt schnell, dass man nur das macht, was einem die
jeweilige „studienlage“ erlaubt.

Was meinst du denn mit „Studienlage“? Es ist bei mir aber eben sehr wichtig, dass ich nicht ewig im Labor bin, sondern Abwechslung habe.

Naja, es gibt ja ne menge fächer. Und da kannst du später
eigentlich frei wählen (natürlich abhängig von der jeweiligen
joblage).

Die Frage war auch, was in der Vergangenheit oft stark umkämpft war.

VG, Stefan der Sternenburger

Hallo nochmal, Stefan, Du Sternenburger :wink:!

Was habt ihr denn in der Chirurgie gemacht?

Och, naja, wir waren eine Truppe von Kommilitonen, die alle nicht Chirurg werden wollten, insofern haben wir fast nur das gemacht, was uns interessiert hat. So nach dem Motto "Blinddarm-OP? Ja, die mach ich mal mit. Galle? Auch schön " usw., ansonsten hat man uns ziemlich in Ruhe gelassen in dem Cirurgie-PJ-Teil, da keiner von uns da später ne Assistenzarztstelle haben wollte. Bei Operationen halt Haken halten, manchmal bis zum Umfallen (Freundin von mir fiel ohnmächtig um, ich selöber habe mir n Schemel geholt und mich gesetzt, weil ich nicht mehr sthen konnte bei längerer OP). War aber n ganz gemütliches Krankenhaus insgesamt gesehen. Da kam dann später meine erste Tochter zur Welt.

Ich hab einfach Angst, dass ich daran zu Grunde gehe, als
Naturwissenschaftler 40 Jahre in einem Labor zu hocken, da ich
recht aktiv, eigentlich wohl hyperaktiv, bin…

Da hast Du wohl recht, da ist lebenslang Labor wohl nicht das Richtige für Dich. Wiegesagt: Mit Medizin hast Du eine wirklich prima Ausgangsposition für interessante Stellen später.

Wieweit kann man sich eigentlich aussuchen, was man später
macht?

Wenn man ein Fach wirklich machen will, dann kriegt man das auch. Man bewirbt sich eben deutschlandweit, besser: europaweit, in den Kliniken, die ne Abteilung dafür haben.

Bis jetzt könnte ich mir besonders die Innere, Hämatologie,
Onkologie, Radiologie, Infektionsbiologie oder so
vorstellen…

Kein Problem, würde ich sagen. Im Studium selber ergibt sich dann meist deutlicher, in welches Fach man strebt.
Gruß,
Branden

Hi Stefan,

ich habe bis 1998 in Frankfurt und Ulm Medizin studiert. Ich bin der Meinung, dass das Studium aus Gründen der Tradition und der Bestandswahrung voll am Ziel vorbei haut. Zumindest, wenn man als Ziel die Ausbildung zum praktisch tätigen Arzt sieht. Man muss unglaublich viel Energie in für die praktische Tätigkeit irrelevante Themen wie Histologie, Chemie, Physik, und -Achtung Ketzermeinung!- Präparierkurs und Pathologie investieren. Das kommt vor allem daher, weil alles doppelt und dreifach abgeprüft wird. Ich habe damals über 80 Testate, Klausuren, Test usw. überstehen müssen. Heute sind es noch mehr. Vor allem in der Vorklinik wird Dir von den Lehrenden auch eine extreme Arroganz entgegengebracht, vonwegen Du bist eh zu doof und willst Dir Sozialprestige erschleichen. Methodisches Wissen aus dem Bereich der Didaktik ist im Regelfall nicht vorhanden.
Wichtige Themen werden dagegen stiefmütterlich behandelt oder nicht einmal angerissen: Gesprächsführung, Arbeitsorganisation, Fortbildungmethodik, Handeln unter Stress, rationale Differentialdiagnostik, Leitsymptomorientierte Entscheidungsfindung, Dokumentation und vieles mehr. Ich habe mich im Studium durch die extreme zeitliche Belastung durch Pflichtveranstaltungen daran gehindert gefühlt, mich selber sinnvoll auszubilden (das ging nämlich fast ausnahmslos nur in Famulaturen und im PJ).
Nach dem Studium fängst Du fast bei Null an, weil das ganze tolle systematische Wissen im Alltag nicht verwertbar ist. Es kommt ja kein Patient zu Dir und sagt: „Ich glaube ich leide an einer Störung aus dem Bereich der aplastischen Anämien“. Das ganze Kasperltheater kostet dazu noch einen Haufen Geld und wird mit den in dieser Form untauglichen Instrumenten Multiple Choice Staatsexamina „qualitätskontrolliert“. Aber welcher weggelobte C4-Physik-für-Mediziner-Professor gibt schon freiwillig seinen überflüssigen Lehrstuhl zurück?

Vom akademischen Mittelbauern wird dagegen das Unmögliche verlangt: Patienten behandeln, forschen und lehren. Und das natürlich alles supertoll. Rat mal, was dabei den kürzesten Halm zieht.

Das Hauptproblem ist m.E., dass man tatsächlich glaubt, Forscher und Praktiker gleichzeitig mit dem selben Curriculum ausbilden zu können. Dabei kommt weder Fisch noch Fleisch raus: Zum Forschen zu doof, vom Behandeln keine Ahnung.

Auch die „Reformen“ sind häufig Augenwischerei. Ach, und eins noch: Ich glaube es ist von der miesen Ausbildung her völlig egal, wo in Deutschland Du studierst. Sekundäre Faktoren wie Stadt, Mietpreise, Kultur usw. sind deshalb wichtiger für die Entscheidung.

Und noch eine Warnung vor romantischen Vorstellungen: Heutzutage wird es immer schwieriger, idealistische Ansätze als Arzt durchzuhalten. Dazu bist Du viel zu sehr in Hierarchien oder Finanzzwänge reingepresst. Du wirst manchmal Dinge tun müssen, die du für sinnlos oder sogar schädlich hälst, für andere Dir wichtige Sachen hast Du einfach keine Zeit. Andererseits: Wenn Dir jemand dankbar ist für Deine Behandlung, ist dass vielleicht auch eine der schönsten Situationen, die Du erleben kannst.

Gruß, Dennis

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Was habt ihr denn in der Chirurgie gemacht?

Och, naja, wir waren eine Truppe von Kommilitonen, die alle
nicht Chirurg werden wollten, insofern haben wir fast nur das
gemacht, was uns interessiert hat. So nach dem Motto
"Blinddarm-OP? Ja, die mach ich mal mit. Galle? Auch schön "
usw., ansonsten hat man uns ziemlich in Ruhe gelassen in dem
Cirurgie-PJ-Teil, da keiner von uns da später ne
Assistenzarztstelle haben wollte. Bei Operationen halt Haken
halten, manchmal bis zum Umfallen (Freundin von mir fiel
ohnmächtig um, ich selöber habe mir n Schemel geholt und mich
gesetzt, weil ich nicht mehr sthen konnte bei längerer OP).
War aber n ganz gemütliches Krankenhaus insgesamt gesehen. Da
kam dann später meine erste Tochter zur Welt.

Tja, die Zeiten sind wohl vorbei. Inzwischen bist Du in Deutschland, wie es ein Komilitone formulierte, „Ein Instrument, ein Haken“. PJ-ler werden als 3. Assistenten voll eingeplant in den OP-Betrieb und kriegen Ärger, wenn sie nicht länger bleiben. Als Dank darfst Du dann vielleicht mal die Hautnaht machen. Wieviel man dabei lernen kann, griesgrämigen Operateuren die Haken zu halten möchte ich mal in Frage stellen. In meinen Augen läuft da eine ziemliche Schweinerei, denn auf der anderen Seite kriegen die Kliniken ja Geld für jeden PJ-Studi. Aber Ausbildung kann man sowas ja wohl nicht so richtig nennen.

Fazit: Geh, wenn irgendmöglich, für chirurgische Einsätze ins Ausland!

Gruß, Dennis

Hallo Dennis
Vielleicht überrascht es Dich, aber ich stimme Dir im Großen und Ganzen zu, was Deine Kritik an der Lehre berifft.
Trotz alledem bin ich (anscheinend mit Dir) der Meinung, dass das Medizinstudium nach wie vor eines der sinnvollsten und „benutzbarsten“ Studien ist. Ich stelle das nochmal so herazus, damit Stefan nicht allzu sehr frustriert wird. Wenn er sich dann durch das Studium gequält hat, wird er wahrscheinlich durch die Möglichkeiten (im Vergelcih zu anderen Studienfächern) belohnt. :wink:
Gruß,
Branden

Hallo Alex

Ich glaube die kurse macht man
nur, um zu sehen, welches fach man NICHT machen möchte.

Ist zwar überspitzt, aber da ist was dran. Ein schöner Aphorismus.
Gruß,
Branden

Ich würde wohl eh nach Heidelberg gehen wollen, obwohl der
Venusberg schon schön ist, das muss ich zugeben…

Ist nicht JEDER Venusberg schön ? :wink:

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