Diagnose Alzheimer

Vor kurzem wurde bei meiner Mutter Alzheimer diagnostiziert. Ich kann es immer noch nicht wirklich fassen. Bis jetzt lebt sie noch allein und das scheint auch noch gut zu klappen. Mein Bruder lebt bei ihr in der Nähe und hat sich schon immer um sie gekümmert - mal einen Einkauf gemacht usw… Meine Mutter ist schon immer ein sehr selbstständiger Mensch gewesen und wollte nur selten die Hilfe ihrer Kinder in Anspruch nehmen. Aber nun hat sich ja alles geändert. Weder mein Bruder noch ich haben die Möglichkeit unsere Mutter bei uns zuhause zu pflegen. Wir sind beide beruflich sehr stark eingebunden und leider wäre es auch eine Platzfrage, so schlimm sich das anhört. Ein wenig Hoffnung hat uns jetzt aber ihr Arzt gemacht. Er hat ihr ein Medikament namens Reminyl verschrieben und meinte, dass meine Mutter mit Reminyl noch bis zu zwei Jahre relativ selbständig zuhause leben könnte. Das wäre natürlich super, so könnten wir in Ruhe über die Zukunft nachdenken und planen und uns vielleicht auch erstmal mit der Situation auseinandersetzten. Das gilt natürlich an erster Stelle für meine Mutter. Deshalb wäre meine Frage ob die Aussage des Arztes realistisch ist. Kann Reminyl den Fortschritt von Alzheimer so lange aufhalten? Über Erfahrungsberichte würd ich mich freuen.

Hallo erstmal,

Deshalb wäre meine Frage ob die
Aussage des Arztes realistisch ist. Kann Reminyl den
Fortschritt von Alzheimer so lange aufhalten?

Diese Frage wird man nicht realistisch beantworten können. Niemand hier kennt den aktuellen Krankheitszustand Deiner Mutter, und weiß wie gut oder schlecht sie aktuell im eigenen Haushalt zurecht kommt. Niemand weiß, welche Anforderungen ihr Haushalt an sie stellt.

Zudem sind die im weiteren Verlauf der Krankheit potentiell auftretenden Dinge höchst Unterschiedlich in Bezug auf den Verbleib in der eigenen Wohnung zu sehen. Einige Betroffene ziehen sich sehr stark zurück (sitzen den ganzen Tag auf dem Sofa), was gegenüber ebenfalls oft zu beobachtenden „Fluchttendenzen“ natürlich eine gänzlich andere Beurteilung in Bezug auf den Verbleib in der eigenen Wohnung bedeutet. D.h. es gibt Betroffene, die recht lange, z.B. mit der Unterstützung durch regelmäßige Besuche aus der Familie, mit Pflege- und Menübringdienst in der eigenen Wohnung bleiben können, weil die auftretenden Dinge dem nicht entgegen stehen. Es gibt aber auch Betroffene, die man schon in einem recht frühen Stadium nicht mehr alleine lassen kann.

Moderne Medikamente können durchaus eine gewisse Verzögerung erreichen. Es ist aber auch recht individuell, wie viel Zeit dies bedeutet, und insbesondere auch in welchen Bereichen sie viel oder auch weniger bringen. Und das müssen eben nicht unbedingt die Bereiche sein, die für den Verbleib in der eigenen Wohnung entscheidend sind.

Gruß vom Wiz, der die Angehörigensituation leider nur zu gut kennt

Hey,

zunächst einmal sorry, dass du davon betroffen bist. Angehörige von Demenz und Alzheimererkrankten durchlaufen meistens eine jahrelange Odysee, die sie am Ende kraftlos zu Boden sinken lässt. Aus dem Grund ist es sehr wichtig, sich vorab schon mal zu informieren.

Ja, es ist in der Tat unfassbar. Die Person, die einem gegenübersteht verändert sich zu einer anderen und man kommt irgendwann damit nicht mehr zurecht.

Um hier gleich vorab aufkeimende Hoffnungen von falschen Versprechungen abzubauen, damit du weisst, womit du es zu tun hast: Alzheimer ist nicht heilbar und wird sich in den der kommenden Zeit verschlimmern. Anfangen tut es mit der leichten Schusseligkeit der Betroffenen, auf denen die Angehörigen mit Wortwitz reagieren („Hach, der Opa Heinz erzählt mal wieder seine Kriegsgeschichten“ - „Ja, kann ja mal passieren, dass man den Löffel zum Butterstreichen benutzt…“) und endet mit regelrechtem vegetieren in irgendeiner Ecke.

Reminyl verlangsamt der Verlauf gewiss und wir haben da auch verhältnismäßig gute Resultate damit erzielt, aber versprich dir damit keine Hoffnung auf Besserung. Der Perönlichkeitsabbau wird vorranschreiten, da hilft kein Medikament.
Eine Wirkung über zwei Jahre ist mir nicht bekannt. Normalerweise kommen die Patienten nach spätestens einem halben Jahr wieder zurück und dann bleibt nichts mehr übrig, als eine Heimunterbringung anzuregen.

Das Problem an der Krankheit ist auch, dass man über den Verlauf wenig sagen kann… manche leben damit lange Zeit und kommen zurecht, bei anderen geht das so rapide bergab, dass sie vor drei Monaten noch alleine auf Toilette gehen konnten und jetzt nicht mal mehr mit Messer und Gabel umgehen.

Sollte die Situation irgendwann eskalieren, dann scheut Euch nicht, die Mutter in einer spezialisierte Einrichtung einzuweisen (in der Regel Psychiatrie). Dort bekommt man durch die Sozialarbeiter auch entsprechende Hilfe, wenn es dann um Pflegestufen oder eine eventuelle Heimunterbringung geht.

Ihr selber würdet gut daran tun an einen Biographiebogen zu arbeiten und diese mit einzureichen. Somit kann man die Mutter am Besten versorgen, wenn man weiß, was sie früher gemacht hat (solche Dinge kommen leider Gottes im Alter und besonders bei dieser Diagnose wieder hoch). Du kannst es dir so vorstellen:

Wenn du alles verlierst, was du hattest: lesen, schreiben, denken… dann bleiben dir irgendwann nur noch deine Emotionen übrig. Und da wiederum setzt die Technik der Validation an. Es empfielt sich von der Autorin Naomi Feil das Buch „Validation“ anzuschaffen und sich mit ihrer Arbeit frühstmöglich auseinander zu setzen, damit die Mutter noch ein würdevolles Leben hat.

Gruss levi

Hallo,

Normalerweise kommen die Patienten nach spätestens einem
halben Jahr wieder zurück und dann bleibt nichts mehr übrig,
als eine Heimunterbringung anzuregen.

Das Problem an der Krankheit ist auch, dass man über den
Verlauf wenig sagen kann… manche leben damit lange Zeit und
kommen zurecht, bei anderen geht das so rapide bergab, dass
sie vor drei Monaten noch alleine auf Toilette gehen konnten
und jetzt nicht mal mehr mit Messer und Gabel umgehen.

diese beiden Aussagen widersprechen sich aber deutlich, und ich kann eigentlich nur die zweite Aussage bestätigen. Jeder Fall ist anders, und jeder Verlauf ist anders. Zudem weiß man ja nie - ohne den konkreten Fall im Detail zu kennen - wie der Stand der Dinge bei Diagnose ist. Der eine Patient kommt sehr früh zum Facharzt, der andere erst sehr spät. Insoweit kann es durchaus sein, dass jemand auch noch zwei Jahre allein in der eigenen Wohnung (mit Unterstützung) klar kommt, was aber nicht unbedingt mit einem speziellen Medikament zu tun haben muss.

Sollte die Situation irgendwann eskalieren, dann scheut Euch
nicht, die Mutter in einer spezialisierte Einrichtung
einzuweisen (in der Regel Psychiatrie).

Glücklicherweise gibt es dazu aber eine Menge interessanter Alternativen, die im Einzelfall den Betroffenen eine deutlich höhere Lebensqualität und insbesondere einen massiv höheren „Wohlfühlfaktor“ geben können. Eine meiner Mandantinnen wird in Kürze einen speziellen Geronto-psychiatrischen Pflegedienst aufmachen, der u.a. auch einige Dementen-Wohngemeinschaften betreuen wird. Und für jemanden, der mit der Welt um ihn herum nicht mehr klar kommt, und für den alle größeren und fremden Strukturen eine Bedrohung darstellen, ist eine familiäre WG mit ~10 Bewohnern sicher eine deutlich bessere Alternative als eine große Psychiatrie. Für „sorgende“ Angehörige sind zudem die Möglichkeiten sich dort einzubringen und nicht das Gefühl haben zu müssen, „jemanden abgeschoben zu haben“ erheblich besser. Auch kann in solch familiären, kleinteiligen Strukturen eine ganz andere Biographiearbeit gemacht werden, als dies in großen Einrichtungen möglich ist. D.h. in der WG wird gemeinsam gekocht, der Garten versorgt, …

Ganz abgesehen davon, spart so eine Unterbringung auch ganz massiv Geld, da nur ein ganz normales WG-Zimmer gemietet wird, und die Pflege ambulant läuft.

Gruß vom Wiz

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Hallo,

Normalerweise kommen die Patienten nach spätestens einem
halben Jahr wieder zurück und dann bleibt nichts mehr übrig,
als eine Heimunterbringung anzuregen.

Das Problem an der Krankheit ist auch, dass man über den
Verlauf wenig sagen kann… manche leben damit lange Zeit und
kommen zurecht, bei anderen geht das so rapide bergab, dass
sie vor drei Monaten noch alleine auf Toilette gehen konnten
und jetzt nicht mal mehr mit Messer und Gabel umgehen.

diese beiden Aussagen widersprechen sich aber deutlich, und
ich kann eigentlich nur die zweite Aussage bestätigen. Jeder
Fall ist anders, und jeder Verlauf ist anders. Zudem weiß man
ja nie - ohne den konkreten Fall im Detail zu kennen - wie der
Stand der Dinge bei Diagnose ist. Der eine Patient kommt sehr
früh zum Facharzt, der andere erst sehr spät. Insoweit kann es
durchaus sein, dass jemand auch noch zwei Jahre allein in der
eigenen Wohnung (mit Unterstützung) klar kommt, was aber nicht
unbedingt mit einem speziellen Medikament zu tun haben muss.

Nunja, wir haben einen sehr hohen Durchlauf an Patienten, wo immer wieder versucht wird, die Pflege zuhause zu realisieren (ist ja auch gut, dass es versucht wird, manchmal klappt es ja). Bloß ist das leider die Realität, dass wir immer wieder die gleichen Patienten zurückkriegen, da die Angehörigen einfach damit überfordert sind. Da erlebt man das als Mitarbeiter solch einer Station natürlich anders.

Der Verlauf wird natürlich wie du bereits geschrieben hast von Fall zu Fall unterschiedlich gehandhabt. Im Grunde genommen ist meine Aussage ja auch bloß eine Untermauerung deiner Aussage :smile:. Manche kommen zurecht, andere nicht. So wie ich das miterlebt habe ist es leider so, dass es irgendwann jedoch nicht mehr geht. Ich spreche natürlich nicht ab, dass es auch Ausnahmen gibt.

Sollte die Situation irgendwann eskalieren, dann scheut Euch
nicht, die Mutter in einer spezialisierte Einrichtung
einzuweisen (in der Regel Psychiatrie).

Glücklicherweise gibt es dazu aber eine Menge interessanter
Alternativen, die im Einzelfall den Betroffenen eine deutlich
höhere Lebensqualität und insbesondere einen massiv höheren
„Wohlfühlfaktor“ geben können. Eine meiner Mandantinnen wird
in Kürze einen speziellen Geronto-psychiatrischen Pflegedienst
aufmachen, der u.a. auch einige Dementen-Wohngemeinschaften
betreuen wird. Und für jemanden, der mit der Welt um ihn herum
nicht mehr klar kommt, und für den alle größeren und fremden
Strukturen eine Bedrohung darstellen, ist eine familiäre WG
mit ~10 Bewohnern sicher eine deutlich bessere Alternative als
eine große Psychiatrie. Für „sorgende“ Angehörige sind zudem
die Möglichkeiten sich dort einzubringen und nicht das Gefühl
haben zu müssen, „jemanden abgeschoben zu haben“ erheblich
besser. Auch kann in solch familiären, kleinteiligen
Strukturen eine ganz andere Biographiearbeit gemacht werden,
als dies in großen Einrichtungen möglich ist. D.h. in der WG
wird gemeinsam gekocht, der Garten versorgt, …

Mit der Einweisung in die Psychiatrie ist das auf keinen Fall eine Dauerlösung. Dort sitzen jedoch die Fachärzte und auf das Krankheitsbild spezialisiertes Pflegepersonal plus die Sozialarbeiter, die den Angehörigen gerade die von dir genannten Institutionen vermitteln, Kontakte herstellen können, um im Bedarfsfall gemeinsam mit den Angehörigen die Beste Lösung zu finden.
Wenn man damit noch nie was zu tun gehabt hat, ist das ansich immer die Beste (erste) Lösung.

Während des stationären Aufenthalts werden dann solche Dinge wie:

  • (Teil)Kostenübernahme durch die Krankenkasse
  • eventuelle medikamentöse Einstellung
  • Antrag auf eine Pflegestufe
  • Suchen und Finden einer dem Geldbeutel entsprechenden Unterbringungsmöglichkeit usw

eingeläutet. Dies ist ja auch irgendwo erforderlich. Und während des stationären Aufenthalts kommen dann (sollte zumindestens so sein) die Pflegedienstleitung und eine Mitarbeiterin der Institution auf Station, um den zukünftigen Bewohner kennenzulernen. Da arbeitet die Psychiatrie Hand in Hand mit diesen Institutionen zusammen. Nur irgendwo muss man ja anfangen.

Eine jahrelange Zusammenpferchung der Patienten auf der Station ist schon lange nicht mehr üblich. Der Aufenthalt wird so kurz wie möglich gehalten und schnellstmöglich die von dir genannten Alternativlösungen gesucht. Ansich nichts anderes, als wenn jemand in einem normalen Krankenhaus operiert wird und das Ziel eine kurzmöglicher Aufenthalt im Krankenhaus ist, um eben der Kosten willen.

Während der Übergangsphase können, solange der Betroffene auf einer gerontopsychiatrischen Station sind, die Angehörigen alles erforderliche in die Wege leiten. So eine Zwischenstation ist enorm wichtig, damit diese auch mal „Luft“ holen können.

Ganz abgesehen davon, spart so eine Unterbringung auch ganz
massiv Geld, da nur ein ganz normales WG-Zimmer gemietet wird,
und die Pflege ambulant läuft.

Das auf jeden Fall. Länger als nötig würde das die Krankenkasse auch nicht mitmachen.

Gruß vom Wiz

Grüsse vom levi