Leitdispziplinen der Medizin(geschichte)

Hallo!

Normalerweise wird ja als (zeitlich) erste Leitdisziplin in der Medizin die Anatomie angesehen.
Später habe sich auf dieser Grundlage die Physiologie entwickelt.
Mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei die Mikrobiologie die Leitdisziplin geworden durch Aufwind von Chemie und bildgebenden Verfahren sowie der Verfestigung einer analytischen Methode auch in der Medizin.

Ist das so richtig?

Bisher habe ich nicht gehört, die Iatrochemie oder viel ältere Formen der Phytotherapie würden als Leitdisziplinen angesehen?
Mir fallen jetzt Namen wie Paracelsus ein oder die Naturheilkunde vieler Völker und dann in späterer Zeit auch Namen wie beispielsweise Hildegard von Bingen.
Warum würde man da nicht von Leitwissenschaften sprechen?
Wegen der Ermangelung an wissenschaftlicher Methodik mit der die Erkenntnisse erzielt und weiterverwendet wurden oder weshalb?

Was kam nach der Bakteriologie? Und in welcher Reihenfolge?
Hier ein paar Ideen:
Noninvasive Bildgebung?
Wissenschaftliche Pharmazie bzw. pharmazeutische Chemie?
Biochemie?
Zellbiologie?
Medizinische Psychologie?
Genetik?
Kristallographie von polymeren Biomolekülen?

Was ist heute die Leitdisziplin?
Meine Ideen:

-Neurowissenschaften zur Synthese von Entwicklung, Anatomie, Zellbiologie und Funktionalität der NS?
-Immunbiologie
-Chemische Biologie und Hochdurchsatzverfahren
-Genetik / Genomforschung
-Darstellungsmethodik auf subzellulärer Ebene

Und überhaupt: Was waren und sind Leitdisziplinen in der Medizin eher?
Sind das die Disziplinen, die mehr zum theoretischen Verständnis des Lebens und der Krankheit führen oder die Disziplinen, die in unmittelbarer bzw. mittelbarer Zeit den größten Zuwachs an Qualität und Quantität von Therapien hervorgebracht haben oder werden?

Gruß, Stefan

Medizingeschichte Schnelldurchlauf
Hallo, Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber du bist leider völlig auf dem Holzweg. Leitdisziplinen in dem Masse wie du sie hier beschreibst gibt es in der Medizingeschichte nicht, besser gesagt nicht mehr. Diese Art der GEschichtsschreibung (quasi ein Entlanghangeln an Großen entdeckungen oder Entdeckern)ist bei den Profis etwa vor 100 Jahren aufgegeben worden, Hobbyforscher oder Ärzte die was für eine Lehrbucheinleitung brauchten haben sie noch etwa bis in die 50ger Jahre so weitergeführt, sind aber historisch nicht haltbar. Für letztere war natürlich deren Disziplin (wahlweise Anatomie, Chirurgie, Innere etc.)immer die wichtigste.
Wenn du dennoch solch eine Kategorisierung anstellen möchtest, kannst du als erste die MAGISCH-ANIMISTISCHE MEDIZIN nehmen (Krankheit durch Geister, Heilung durch Götter, Heiltempel, Priesterärzte)Die ist so ziemlich über den ganzen Erdball der Anfang von „Ärztlicher Tätigkeit“
Danach folgt erst eine etwas rationalere EMPIRISCHE MEDIZIN, das heißt das LErnen aus Erfahrung, das weitergeben an Schüler zT sogar schon organisiert in Schulen, dazu kannst du zB. die Ägyptische Medizin zählen, die Griechische und eigentlich alles bis etwa ins 17./18. Jh.
Die Ägypter zeichneten sich durch stark differenzierte Disziplinen aus, so gab es nicht nur rein gynäkologische papyri sondern auch (aus Grabinschriften weiß man das) spezielle Zahnärzte, Chirurgen, wieder Priesterärzte nd sogar spezielle Ärzte für das Lnke Auge und solche für das rechte Auge.
In der Griechischen Medizin, die für unsere heutige Medizin als Vorbild und „Vorgänger“ gilt (Hippokratischer Eid)ebenso wie die Griechen als Keimzelle vieler europäischer Ideen gelten, war quasi die Psychotherapie die erste Disziplin (Tempelschlaf in Asklepiaien), dazu kam die Chirurgie (Wundversorgung), und die „Innere“/Allgemeinmedizin, selbst die Orthopädie (Knochen einrenken)gabs schon. wirkliche leitdisziplin also weit und breit nicht zu sehen. Wirkliche Anatomie war weit und breit nicht zu sehen, man sezierte Tiere und bezog dies auf den Menschen, so hat man schon ganz gut die Form und Lage von Knochen und Muskeln erraten. Galen 200nChr. war da ganz groß, da er als Gladiatorarzt den ein oder andern „zufällige“ Blick auf menschliche Verhältnisse werfen konnte und viele Schweine Hunde und Affen sezierte. Der erste „Anatom“ ist er damit aber nicht, da wird gerne Erasistratos angesehen, der wohl mal heimlich EINEN Menschen sezierte und sonst auch nur Tiere.
Erst mit Vesal im 15 Jh. änderte sich der Blick auf die Anatomie, sein Atlas war ein dolles Ereignis der Medizingeschichte, zumal jetzt per Buchdruck auch das Weissen sich verbreitn konnte. Man kann aber nicht sagen, dass es neben Anatomie nichts gab, die Aufteilung von Chirurgie und Innerer ist auch ein wichtiger Punkt zu der Zeit.
Die Physiologie war immer Bestandteil der Medizin, denn ebenso wie man den Bau des Körpers erraten hat, hat man auch Idden zum Blutfluß (nix Kreislauf)und anderen Phänomenen der Körperfunktionen gehabt.
Übrigens bekamen durch den Buchdruck auch die Kräuterbücher (stichwort Phytotherapie)einen Schub und es kamen allerlei raus, aber das ist eher ein Teil der Pharmaziegeschichte. Übrigens gab es früher nie eine reine Phytotherapie, Arzneimittel wurden immerschon auch aus Mineralien und Tieren gewonnen. Dasselbe gültet für die Iatrochemie/-physik, man hat halt neue Wissenschaften für die Medizinischen Ideen mitverwertet. Ein Arzt war damals vorrangig eben Forscher, der seine Erkenntisse für HEilzwecke umzuwandeln verstand, bis ins 18./19. Jh hinein konnte ein Arzt ohne weiteres sowohl für Medizin, Botanik, Chemie, Astronomie und Philosophie gleichzeitig zuständig sein.
Wie sollten sich so „LEitdisziplinen“ herausbilden.
Durch neue Methoden haben sich die Möglichkeiten des Erkentnisgewinns vervielfacht, one das Mikroskop hätte man keine Bakterien sehen können, dennoch hat man auch schon vorher von Miasmen und Kontagion gesprochen. Durch verschiedene äussere Ereignisse (Industrialisierung, Krieg um 1870, preussisches Beamtentum in den Unis, Kolonialismus etc.)bekam die Medizinische Forschung finanziellen Anschub Ende des 19. Jh. So konnte Deutschland zur führenden Nation in der Medizin werden.
Der Kolonialismus brachte die Bakterionolgie voran, die Industrialisierung die Hygiene, Kriege die Chirurgie, das Beamtentum gestaltet die Forschungslandschaft (mal besser mal schlechter), usw.

Ich denke das reicht erst mal um deutlich werden zu lassen, dass sich Medizingeschichte nicht auf Leitdisziplinen oder ideen reduzieren lässt, man muss den Gesamtzusammenhang sehen und kann sich daraus beliebige Schwerpunkte herausgreifen, die für den anderen vergleichsweise uninteressant sind. Die Kriegschirurgie vergangener Tage ist für den heutigen Bakteriologen/Mikrobiologen/Genetiker ziemlich egal, der plastischer Chirurg oder Augenarzt oder Rettungsmediziner dürfte das anders sehen. Für letztere ist sie immerhin die Keimzelle Ihrer Disziplinen und Grund dafür, dass sie sich von der Normalen Einheits-Chirurgie herauskristallisierten.

Gruß Susanne