Hallo allen, die bisher am Thread „Abtreibung“ teilnahmen,
Noch bin ich neu bei „wer weiss was“, habe das gesamte Thread „Abtreibung“ beharrlich und sehr aufmerksam gelesen.
Sehr interessant war mir die große Anzahl an unterschiedlichen Meinungs- und fundierten Wissensbeiträgen und das fast jede/r sich bemühten, die Ansichten und Beiträge anderer zu kritisieren und das eigene Geistesprodukt zu dem alleinig gültigen, zum einzig Wahren zu erklären. In vielen Artikeln unterschiedlicher Absender entdeckte ich immer wieder Teile der Wahrheit, aus denen ich ganz besonders zu den Begriffsfindungen wichtiges lernte. Den Umfang an Informationen hätte eine einzige Person ohne diesen konstruktiven Austausch kaum zustande bringen können und für diese vielen Artikel möchte ich allen danken. Ich meine Dank und Wertschätzung sind nötig für den Umgang miteinander und wichtig für die weitere Motivation sich diesem Thema zu widmen.
Auch ich weiß nicht endgültig, habe noch keine entsprechenden wiss. fundierten Studien dazu kennengelernt, ob dieses winzige in der Frau ruhende ungeborene Leben Schmerzen empfindet und ich weiß auch nicht, ob all diese vielen Erklärungen und Beschwichtigungen, dass es keine Schmerzen empfindet, doch vielleicht mehr dazu dienen, das eigene Gewissen zu beruhigen, denn es ist meist ungemütlich, einem anderen Lebewesen Leid zuzufügen, wenn das einem auch oft vordergründig nicht bewusst ist, dass man das tut.
Ich hoffe, Ihr „erschlagt“ mich nicht, mein Artikel, mit dem ich auch meine Antwort für Karl-Heinz formuliere, ist angesichts der eigenen erlebten biografischen Tragik zum Thema „Schwangerschaftsabbruch“ und der Fülle, der von Euch bisher erarbeiteten Beiträge etwas ausführlicher geraten, und ich bitte um Geduld und konzentrierte Aufmerksamkeit. Danke.
Während meiner langen Lesestrecke im Thread war ich anfangs auch genervt zum Benni und dann doch wieder zunehmend sehr beeindruckt zu seinem klaren, präzisen, gut auf den Punkt gebrachten, ernsthaft recherchierten Faktenwissen, dass er beizutragen wusste und ich bewunderte, dass er sich ganz besonders auch angesichts seiner 30 Lebensjahre nicht hat klein schreiben, nicht in die Knie zwingen, nicht den Mund bzw. die Meinungsäußerung verbieten lassen.
Ich bin auch der Meinung, nur alleine der rein körperliche Sachverhalt des Absaugens eines Embryos / Fe(Ö)tus ist Tötung von Leben. Da stimme ich dem Benni zu.
Doch es ist nach unserer Gesetzgebung keine strafbare Tötung und die Mütter oder die ausführenden Mediziner sind auch nicht als Mörder zu bezeichnen.
Wenn dem so wäre, würde und dürfte niemand mehr abtreiben.
Die Begrifflichkeit der „Tötung“ wird bzgl. der Interruption verschieden gewertet.
Da gibt es die biologischen, moralischen, ideologischen, religiösen, soziologischen, psychologischen, philosophischen, theologischen, universellen und rechtsstaatlichen Werte, Normen und Gesetze und wer weiß, was noch für Wertungsmöglichkeiten.
Deshalb stimmt es auch wieder, was andere sagen, dass es keine Tötung ist, weil es sich nach dem deutschen Gesetz (das innerhalb des Landes, der jeweiligen Gesellschaftsform ein Konstrukt ist) um ungeborenes Leben handelt. Zu anderen Zeiten, in anderen Ländern und Religionen kann es wieder andere Normen geben, ist das Thema Abtreigung anders bewertet.
Was das Schmerzempfinden eines bis zur 10. Woche Embryo und danach Fetus genanntem ungeborenen Leben (umgsprl. Kind) anbetrifft, prallten hier im Thread auch die verschiedenen Ansichten aufeinander. Niemand der bisherigen Meinungsäußerer konnte definitiv und konkret eine Studie benennen, in der mit Messungen nachgewiesen wurde, ob Embryonen oder Feten, Schmerzen und wie Benni äußerte, auch Angst und Selbstschutzverhalten empfinden können. Alle hatten eine Meinung zu dem Thema, einige beschuldigten einander, nichts wissenschaftlich fundiertes, sondern glaubendes zu äußern, doch niemand wollte seine Angaben mit konkreten wissenschaftlichen Studiendaten belegen.
Die fehlen mir noch und dem Karl – Heinz vielleicht auch.
Also stimme ich auch hierin wieder dem Benni zu: Alle glauben zu wissen, doch niemand weiß genau, was dieses existierende ungeborene Leben empfindet.
Es stimmt, in Deutschland wird sehr viel für Schwangere getan und ich meine, wenn ebenso viel nach der Geburt für die Mütter, die Kinder, die Familien von Seiten der Sozial- Gesundheits- und Finanz- und Arbeitsmarktspolitik getan würde (ähnlich wie z.B. in Schweden) für die Kinder und Mütter und wenn es mehr zwischenmenschliche, nachbarschaftliche Wärme, Sorge und Hilfe geben würde, dann könnte es sein, dass es sehr viel weniger Interruptionen (bewusst herbei geführte Schwangerschaftsabbrüche, das Töten von Embryonen, Feten, ungeborener Kinder) geben würde.
Sollten diese ungeborenen von den meisten Müttern als Kinder bezeichneten, im Mutterleib heranwachsenden „ Zellklumpen“ (ich bin informiert - bitte keine Proteste) wissenschaftlich fundiert nachweislich Schmerzen bei der Interruption (Tötung) empfinden, könnte man mit der o.g. gesamtgesellschaftlichen Sorge für die Kinder nach der Geburt, die Schwangerschaftsabbrüche und somit die Schmerzen (auf welcher Ebene auch immer) für das ungeborene Leben und vor allem auch für die betroffenen Mütter vermeiden.
Das Lesen dieses sehr ausführlichen Abtreibungsthreads berührte mich sehr.
Ich bin selber ein ungewolltes Kind der fünfziger Jahre, in der die Frauen ohne Pille die Empfängnis kaum verhüten konnten. Nach Angaben meiner Mutter versuchte sie mich selbst abzutreiben, zu töten und ich selbst habe in früher Jugend bei mir eine Interruption auf Anraten meiner Mutter machen lassen, weil sie meinte, ich sei angeblich noch zu jung für ein eigenes Kind. Die zweite Interruption hatte ich selber gewollt und dann noch eine Fehlgeburt in den für mich politisch sehr angstbesetzten unsicheren DDR - Zeiten 1988 / 89 selber inszeniert, die mit einer Abrasio beendet werden musste.
Ich bin somit eine dreifache Mörderin.
Warum ich mordete?
Ich hatte panische Angst vor den Schmerzen der Geburt. Ich wuchs nur unter den mich versorgenden erziehenden Frauen auf, denn die Männer blieben im Krieg und schon als kleinstes Kind nahm ich teil bzw. war ich einfach nur im Raum anwesend, wenn die Frauen im Plauderton von den Qualen ihrer Geburten erzählten. Meine Oma mütterlicherseits hatte 4 Kinder geboren und beide beschrieben schauerlich, wie schlimm, wie schmerzhaft solche Geburten sind, dass es nichts schwereres und entsetzlicheres auf Erden gibt. Dieses Erleben zum Thema Geburt hinterließ bei mir als Kind starke traumatische Eindrücke und Ängste.
Dann hatte ich Angst es nicht allein zu schaffen, für ein Kind zu sorgen. Ich wollte immer eine richtige Familie, die Sicherheit und Geborgenheit einer Familie, doch die Begegnungen mit den Männern waren meist flüchtig. Auch lebte ich damals, ein, innerhalb der Grenzen der DDR relativ selbstständiges Leben und die Vorstellung mit einem Kind von dem Gutwill der Versorgung eines Mannes abhängig zu sein, war mir ein Alptraum. Auch wollte ich meinen Bauch und mich als Frau nicht dazu instrumentalisieren lassen, um für die DDR – Diktatur Soldaten, als Stoßtrupp der Sowjets und systemtreuen Nachwuchs zu produzieren.
Und latent gab es da auch Ängste zur ständigen atomaren Bedrohung im kalten Krieg vor dem bösen westlichen Klassenfeind, was durch das DDR – System täglich propagiert wurde und meine unbewusste lebensverneinende Antwort darauf, dass es sich nicht lohnt, Kinder in diese atomare Welt zu setzen.
Dieser Thread zeigte mir, dass ich mit meinen Abtreibungen, obwohl die letzte vor 18 Jahren war, noch längst nicht fertig bin, die Verarbeitung der Geschehnisse, noch längst nicht abgeschlossen ist. Gerne würde ich die drei ungeborenen Kinder (35, 28, 18 Jahre) symbolisch beerdigen, doch auch das ist sehr schwierig in unserer Gesellschaft, weil es sich um „noch nicht gelebtes Leben“ (unter 1000g Gewicht) handelt und es dafür keine Beerdigungen gibt. So steht es im Gesetz.
Sehr bitten, tue ich und dankbar bin ich zu Hinweisen, ob und wo es in Berlin Selbsthilfegruppen, Trauergruppen für ungeborenes Leben gibt.
Wie hier schon festgestellt wurde, ist die Abtreibung ein ungeheuer sensibles Thema und ich glaube (nicht wissenschaftlich fundiert) mit großen Schmerzen für beide Seiten, für Mutter und das ungeborene Leben verbunden. Subjektiv und objektiv nach dem Lesen dieses Thread kann ich aus eigenem Erleben ganz sicher sagen, dass ich als noch lebende und um viele Jahre gereiftere (Nicht-) Mutter große Schmerzen Leid, und Trauer empfinden kann.
Interessant daran ist, dass ich, obwohl ich selbst ein schon lange geborenes Kind und längst im Erwachsenenalter war, mir vor den und viele Jahre nach den Abtreibungen auf keiner Ebene und in keiner Art irgendwelcher Schmerzen bewusst war, sondern mich eher von der „Leibesfrucht“ und der damit verbundenen Verantwortung erleichtert und befreit fühlte.
Die Bewusstheit für diese Schmerzen durch Abtreibung traf mich überraschend und wie ein Blitz! Innerhalb der Hospizwochen 2006 in Berlin gab es eine Veranstaltung, mit Ingrid Schröter, evangelische Seelsorgerin im Vivantes Klinikum Neukölln, die zum Thema „Rituale – Hilfen für Begleitung und Abschied“ und auch zum Umgang mit dem Tod von ungelebtem Leben sprach und ihre Worte bei mir plötzlich Weinkrämpfe auslösten, als sie erläuterte, dass auf dem Emauus Friedhof in der Hermannstraße, die stillgeborenen Kinder (unter 1000 Gramm Geburtsgewicht) beigesetzt werden und das es für abgetriebenes Leben keine Sterberituale in unserer Gesellschaft, kein Abschiednehmen gibt, weil diese Wesen unter 1000 Gramm Geburtsgewicht nicht als Lebewesen bewertet werden.
Und als die Seelsorgerin sagte, dass 1998 nach einem Hinweis des T.A.B.E.A. e.V. (http://www.tabea-ev.de ) durch die Sendung „Report“ öffentlich wurde, dass fehl- und totgeborene Babys als Krankenhaus- Abfall entsorgt, verbrannt und gemeinsam mit verbrannten Hausmüll-Rückständen im Straßenbau verwendet wurden. Da gab es für mich kein Halten mehr und die Tränen flossen, begleitet von krampfhaftem Schluchzen.
Ich war zu meinen Weinkrämpfen höchst erstaunt und irritiert. Diese Entgleisung war mir angesichts der vielen Anwesenden bei diesem Vortrag sehr peinlich und zugleich hätte ich noch sehr viel mehr raus lassen wollen.
Durch diesen Ausbruch wurde mir bewusst, wie schmerzhaft meine drei Abtreibungen in mir noch sehr lebendig sind.
Karl – Heinz vielleicht sind neben den Schmerzen des ungeborenen Lebens auch die Folgen und Schmerzen für das Leben der abtreibenden (tötenden) Mutter als sehr wichtig zu beachten. Falls es bei Dir, bei Euch anstehen sollte, wünsche ich Euch, die bestmöglichen Entscheidungen zu finden.
Ich danke für Eure Aufmerksamkeit bis hier her.
Seid freundlich gegrüßt von Sophia