Re: Gefährliche Güter und (Notfall-)Medizin
Hallo Claus,
ich arbeite bei einer Werkfeuerwehr in der chem. Industrie. Allerdings habe ich mit der Aus- und Weiterbildung nichts zu tun, meine Anmerkungen sind also mit der gebotenen "Vorsicht" zu betrachten. Ich will Dir aber gerne ein paar aus meiner Sicht wichtige Dinge nennen (medizinisch halte ich mich lieber zurück, denn da wirst Du bessere Quellen finden):
Erste Priorität für die Einsatzkräfte bei Gefahrgutunfällen ist der Eigenschutz! Das kann man gar nicht oft genug wiederholen. Gerade in FF trifft man immer wieder auf "Helden", die auf Teufel komm raus retten wollen, und ihren Kollegen nur weitere Rettungsarbeit bescheren. Das betrifft leider oft auch die EH-Maßnahmen, denn gerade bei unbekannten Gefahrstoffen darf z.B. nicht auf die Beutelbeatmung verzichtet werden. Und der Verunglückte muß zuerst aus dem Gefahrenbereich gerettet werden!
Das zweite muß die Informationsbeschaffung sein. Vor der Identifizierung des Stoffes können die EH-Maßnahmen nur allgemeiner Natur sein. Danach braucht man Infos über den Stoff. Der Gefahrstoffzug sollte deshalb permanent mit Handys und den Nummern der wichtigsten TUIS-Firmen (eine ganze Reihe ist das ganze Jahr rund um die Uhr erreichbar) ausgerüstet sein. Hilfreich ist hier auch ein mobiles Fax, denn dann kann unverzüglich ein Sicherheitsdatenblatt gefaxt werden. Hier sind dann alle wichtigen Informationen zusammengefaßt (einschl. Erste-Hilfe-Maßnahmen und Hinweise für den Arzt).
Bei den zu ergreifenden EH-Maßnahmen würde ich in Gruppen vorgehen:
- Gifte (einschl. gesundheitsgefährdende Stoffe)
- Säuren und Laugen (ätzende Stoffe)
- brennbare Lösemittel
- radioaktive Stoffe
Die EH-Maßnahmen innerhalb der Gruppen ähneln sich. Natürlich haben viele Gefahrstoffe nicht nur eine der Gefahren, und eine Entscheidung über die zu ergreifenden Maßnahmen kann sehr schwer sein (z.B. sollte wegen der Perforationsgefahr das Erbrechen bei Säuren vermieden werden, bei Giften kann Erbrechen aber lebensrettend sein).
mögliche Beispiele:
- zu Giften: Blausäurevergiftungen könnten ein gutes Beispiel sein. Hier ist der Eigenschutz so wichtig wie nur was (Stichwort E605), und schnellste medikamentöse Behandlung absolut lebensentscheidend!
- ätzende Stoffe: Hier bieten sich "Klassiker" wie Salzsäure, Natronlauge, Schwefelsäure und Salpetersäure an. Der übelste Vertreter dieser Gruppe dürfte die Flußsäure sein.
- brennbare Lösemittel sind oft toxisch. Benzin dürfte einer der wichtigsten Vertreter sein. Oder Aceton, Xylol...
- bei Unfällen mit radioaktiven Material bleibt für die FW eigentlich nur das Retten aus dem Gefahrenbereich und die Dekontamination.
Ich hoffe, das hilft Dir fürs erste weiter. Wenn Du konkrete Fragen hast, melde Dich bei mir.
In diesem Sinne ein gesegnetes Weihnachtsfest.
Gruß Stefan
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