Carbamazepin absetzen

Hallo Experten,
es gab mal Zeiten, da hatte mein Kumpel manchmal ein Bier zuviel getrunken. Hatte er selbst gemerkt, spontan aufgehört und ist dann in der Klinik aufgewacht. Nach einem Krampfanfall.
Das Ganze mehrmals, er konnte damals nicht lernen.
Gegen die Krampfanfälle hatte er dann Carbamazepin bekommen.
Seit mehr als zwei Jahren ist er nun wirklich absolut trocken. Nicht die Spur von Alk.
Aber das Carba nimmt er immer noch, verdammt hoch dosiert. Mit fast allen Nebenwirkungen die auftreten können. Hat dadurch sogar seinen Job verloren - und findet jetzt auch nichts Neues.
Er muss vom Carba weg, weiss aber nicht wie. Er hat schon alle möglichen Ärzte durch, aber keiner geht da ran. Er soll zum Facharzt. Das hat er nun auch versucht. Die nehmen entweder gar keine neuen Patienten auf, oder, wie eben passiert, er hat einen Termin zur Terminvergabe im Juli 2009! Ausser aber, er sei privat versichert, dann könne er gleich im Januar kommen.
Ist das normal? Muss er sich sowas bieten lassen?
Er weiss nicht mehr weiter, sieht absolut keine Zukunft mehr.
Noch ist er krank geschrieben, aber er musste schon zum MDK. Wahrscheinlich wird er ab Mitte Januar „arbeitsfähig“ sein.
Dann steht er absolut ohne Einkommen auf der Strasse. Und dann zahlt er auch nicht mehr in die gesetzliche Krankenkasse.
Was er dann machen wird, ich weiss es nicht. Ich traue mich gar nicht, daran zu denken.
Hat irgend jemand von Euch eine Idee?
Danke
Almaro

Hallo !
So ganz verstehe ich nicht, wo das Problem nicht. Ihr Freund
leidet offenbar an einem cerebralen Anfallsleiden, d.h. sein
Gehirn hat von Natur aus eine erhöhte Krampfbereitschaft.
Da Alkohol die Krampfschwelle senkt, ist es nicht ungewöhnlich,
wenn er durch Trinken desselben einen Anfall erleidet.

Carbamazepin ist ein Antiepileptikum, dass die Krampfschwelle
heraufsetzt. Es gehört zu den Benzodiazepinen. Diese Substanzgruppe
macht abhängig, wenn sie regelmäßig eingenommen wird.

Soweit kann ich noch folgen.

Wieso es aber so schwierig sein soll, vom Carbamazepin wegzukommen,
verstehe ich nicht. Richtig ist, daß ein abruptes Absetzen der
Substanz nicht so einfach möglich und auch nicht empfehlenswert ist.
Das führt dann zu Unruhezuständen und möglicherweise auch wieder
zu Krampfanfällen, weil sich der Körper eben daran gewöhnt hat.
Man kann aber durchaus schrittweise über Wochen oder auch Monate
die Dosis langsam reduzieren und so von dem Medikament wegkommen.
Notfalls kann man hierbei auch psychiatrische Hilfe in Anspruch
nehmen (ambulant oder auch stationär in einer Klinik).
Treten dann noch Krampfanfälle auf, so kann man auf andere Medikamente, die dann vielleicht ja besser vertragen werden,
ausweichen. Es gibt mittlerweile wirklich eine ganze Reihe von
Möglichkeiten. Dein Freund sollte sich diesbezüglich mal von einem
Facharzt für Neurologie beraten lassen. Wenn es Probleme mit der
Terminvergabe gibt, so kann es sinnvoll sein, sich erstmal einen
kompetenten und engagierten Hausarzt zu suchen. Dieser wird dann
direkt das Gespräch mit dem Neurologen suchen und kann die Sache
dann u.U. ganz erheblich beschleunigen.

Gruß Kai (Assistenzarzt für Innere Medizin)

Hallo, Kai!

So ganz verstehe ich nicht, wo das Problem nicht. Ihr Freund
leidet offenbar an einem cerebralen Anfallsleiden, d.h. sein
Gehirn hat von Natur aus eine erhöhte Krampfbereitschaft.
Da Alkohol die Krampfschwelle senkt, ist es nicht
ungewöhnlich,
wenn er durch Trinken desselben einen Anfall erleidet.

Ich hatte die Geschichte so verstanden, daß nach abruptem Aufhören mit den Trinken die Anfälle kamen. Entzugskrämpfe sind, soweit ich das beurteilen kann, häufiger als Alkoholinduzierte.

Carbamazepin ist ein Antiepileptikum, dass die Krampfschwelle
heraufsetzt. Es gehört zu den Benzodiazepinen. Diese
Substanzgruppe macht abhängig, wenn sie regelmäßig eingenommen wird.

Soweit kann ich noch folgen.

Ich nicht mehr folgen… :smile: Carmazepin ist definitiv kein Benzodiazepin, es wirkt nicht auf GABA-Rezeptoren, sondern wahrscheinlich auf Na-Kanäle, und es hat eine chemisch doch andere Grundstruktur. Es wird sogar im Rahmen von Benzo-Entzugstherapien zur Krampfanfalls-Prophylaxe verwendet…

Ändert aber alles nichts an der Tatsache, daß Carbamazepin nicht abrupt abgesetzt werden darf, sondern über einen gewissen Zeitraum ausgeschlichen werden muß; das sollte jeder erfahrene Neurologe „beherrschen“ :smile:

Grüße,
Vlado

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Hallo Kai!

Ihr Freund
leidet offenbar an einem cerebralen Anfallsleiden, d.h. sein
Gehirn hat von Natur aus eine erhöhte Krampfbereitschaft.

Ja, sieht ganz so aus.

Da Alkohol die Krampfschwelle senkt, ist es nicht
ungewöhnlich,
wenn er durch Trinken desselben einen Anfall erleidet.

Jein. Alkohol selbst erhöht sogar die Krampfschwelle. Der abrupte Entzug, der nach dem Trinken eintritt, führt dann jedoch zu einem Krampfanfall.

Carbamazepin ist ein Antiepileptikum, dass die Krampfschwelle
heraufsetzt. Es gehört zu den Benzodiazepinen. Diese
Substanzgruppe
macht abhängig, wenn sie regelmäßig eingenommen wird.

Das stimmt nicht, wie auch schon von Vlado erläutert wurde. Carbamazepin wird bei Epilepsien auch durchaus als Dauermedikation angewandt, im Gegensatz zu z.B. Clobazepam, das tatsächlich ein Benzodiazepin ist und zur Abhängigkeit führen kann und deshalb normalerweise nur als Notfall- oder kurzfristige Medikation verschrieben wird.

Wieso es aber so schwierig sein soll, vom Carbamazepin
wegzukommen,
verstehe ich nicht.

Erstens ist in der Phase des Absetzens die Krampfwahrscheinlichkeit recht hoch. Zweitens wird man sicherlich nach einem Ersatz-Antikonvulsant suchen müssen, das gleichzeitig langsam eingeführt wird, dessen Wirksamkeit aber nicht vorherzusagen ist. Oder man geht das Risiko des völligen Absetzens ein in der Hoffnung, dass ohne Alkohol keine epileptischen Anfälle mehr auftreten. Je nach Diagnose ist die Rezidivwahrscheinlichkeit dabei sehr hoch. Auf jeden Fall ist jeder Medikamentenwechsel oder das Absetzen der Medikamente immer mit einem stark erhöhten Risiko für einen erneuten Krampfanfall verbunden.

Notfalls kann man hierbei auch psychiatrische Hilfe in
Anspruch
nehmen (ambulant oder auch stationär in einer Klinik).

Was hat das mit einem Psychiater zu tun? Der Patient gehört definitiv in die Hände eines guten Epileptologen.

Treten dann noch Krampfanfälle auf, so kann man auf andere
Medikamente, die dann vielleicht ja besser vertragen werden,
ausweichen. Es gibt mittlerweile wirklich eine ganze Reihe von
Möglichkeiten. Dein Freund sollte sich diesbezüglich mal von
einem
Facharzt für Neurologie beraten lassen.

Ich empfehle bei Epilepsien definitiv, nicht zu einem „normalen“ Neurologen zu gehen, sondern sich eine Überweisung an ein Epilepsiezentrum ausstellen zu lassen. Diese Empfehlung beruht sowohl auf persönlicher sehr schlechter Erfahrung mit Neurologen bei Epilepsie als auch auf Erfahrung zahlreicher anderer Betroffener. Nur 1% der Bevölkerung leidet an Epilepsie, wie oft wird also ein Neurologe mit dieser Krankheit konfrontiert? Hinzu kommt, dass es viele verschiedene Arten von Epilepsien gibt. Wie oft wird also der Neurologe mit dieser konkreten Art der Epilepsie (die man erst einmal überhaupt diagnostizieren muss) konfrontiert? Die Medikation ist zu einem großen Anteil Erfahrungssache des Arztes - doch welche Erfahrung hat ein Neurologe unter den oben genannten Umständen?

Wenn es Probleme mit

der
Terminvergabe gibt, so kann es sinnvoll sein, sich erstmal
einen
kompetenten und engagierten Hausarzt zu suchen. Dieser wird
dann
direkt das Gespräch mit dem Neurologen suchen und kann die
Sache
dann u.U. ganz erheblich beschleunigen.

Na ja, das einzige, worauf ich in diesem Zusammenhang hoffen würde, wäre, dass der Hausarzt den Neurologen um die Ausstellung einer Überweisung an eine spezialisierte epileptologische Einrichtung bittet. Dort wird man den Termin aber kaum beschleunigen können, denn die Wartezeiten sind tatsächlich ein halbes Jahr, es sei denn, man ist bereits Patient dort und hat einen Notfall.

Gruß

Anja

Hallo Almaro,

ich empfehle deinem Freund wärmstens, einen Termin in einer spezialisierten Einrichtung auszumachen. Die bekanntesten sind sicherlich die Zentren in

Adressen findest du z.B. hier: http://www.epilepsie-netz.de/5/Adressen__Kliniken_.htm

Die Empfehlung einer spezialisierten Klinik bzw. eines Epilepsiezentrums beruht auf persönlicher Erfahrung sowie auf Erfahrung zahlreicher anderer Betroffener. Genauer habe ich es unten als Antwort auf Kais Beitrag erläutert. Glaube mir, die lange Wartezeit auf einen Termin in Kauf zu nehmen lohnt sich, wenn dein Freund dafür einen Termin an einer spezialisierten Einrichtung bekommt.

Viele Grüße und deinem Freund eine schnelle Genesung im Neuen Jahr

Anja

Noch etwas ist mir eingefallen. Anscheinend hat dein Freund ja erhebliche Probleme bei der Wiedereingliederung in den Beruf. Auch dabei können Epilepsiezentren helfen, denn normalerweise erhält man dort auch soziale Beratung, teilweise gibt es auch Rehabilitationseinrichtungen und berufliche Eingliederungsprogramme. So etwas kenne ich von den Zentren in Berlin und in Bielfeld/Bethel, aber es gibt das sicherlich auch in anderen Epilepsiezentren. Beim „normalen“ Arzt bekommt man so etwas nicht.