Seltsames Verhalten, Hospitalismus?

Hospitalismus? Realitätsverlust? Was geht hier vor?
Hallo Experten
Einem Familienangehörigen (75) wurden im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes nacheinander beide Beine amputiert. Der Aufenthalt dauert mittlerweile mehr als 2 Monate.
Zwischenzeitlich haben wir die diversen Phasen miterlebt: Depression, Wahnvorstellung, Suizidgedanken. Aber man konnte bis vor 3 Wochen noch kurze Gespräche ( max. 15 Minuten führen. Nach diesen Gesprächen erfolgte regelmäßig das „Zusammensacken und Abschalten“.
Seit einem kurzzeitigen Herzstillstand mit anschließender Reanimation vor drei Wochen sieht es so aus: deutlicher Realitätsverlust und falsche Erinnerungen ( Beispiele ):

  • will spazieren gehen, weil er das täglich macht
  • sucht sein Auto, mit dem er gestern zum Krankenhaus gefahren ist
  • sucht seine Pantoffel, die er vorhin unter das Bett gestellt hat
  • redet mit Angehörigen und erkennt sie nach einer Gesprächspause nicht wieder
    Hat aber auch Phasen, in denen er sich geistig absolut normal verhält. Spricht aber auch nicht mehr über die amputierten Beine und scheint seine Amputationen zu verdrängen.
    Die Ärzte erklären, das dass keine Auswirkungen der Schmerzmittel seien, sondern „Alterschwachsinn“ bzw. Hospitalismus.
    „Dröhnt" man ihn im Krankenhaus zu und erzählt uns das nicht? Nach Aussage einer Schwester verlangt er immer wieder sehr aggressiv nach Schmerzmitteln und bekommt sie dann wohl auch.
    Wer hat ein Rat bzw. wo kann ich zum Thema etwas nachlesen?
    Danke

Hallo Hansfranz!
Hab mal kurz den Begriff „Hospitalismus“ gegoogelt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hospitalismus

http://lexikon.calsky.com/de/txt/h/ho/hospitalismus.php

Vielleicht hilft dir da irgendetwas weiter!!
Wünsche dem Kranken alles Gute!
LG
Bicy

Hallo,

schon mal an ein mögliches Durchgangssyndrom gedacht?

Gruß vom Wiz

Hallo Hans,

bin kein Experte, aber für mich hört sich das schwer nach Demenz an.

http://de.wikipedia.org/wiki/Demenz

Hospitalismus ist irgendwie was anderes:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hospitalismus

Liebe Grüße von Suse

Hallo,

zunächst hätte ich noch ein paar Fragen:
gab es vor dem Krankenhausaufenthalt Anzeichen für ein seltsames Verhalten dieses Familienangehörigen?

Es ist natürlich klar, dass der Verlust beider unteren Extremitäten einen gehörigen Verlust der Lebensqualität und auch das Gefühl des kompletten Menschen verloren geht. Ein Mensch ohne Beine ist nichts wert und den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt.
Das ist erstmal ein gehöriger Schlag ins Gesicht und dass man mit Depression, Resignation, sowie Suizid sich den letzten Rest seiner Persönlichkeit noch erhalten möchte, einen Aufschrei tut, ist im Grunde genommen völlig normal. Wenn ich mir vorstellen müsste, ich würde ein Körperteil verlieren wäre das so ziemlich das Schlimmste was passieren könnte. Und ich finde, wenn einem Mensch sowas bevorsteht oder er bereits in dieser Lage ist, darf dieser auch depressiv sein.

Die über zwei Monate Krankenhausaufenthalt tun ihr übriges dazu bei. Wobei man dazu sagen muss, das ein Aufenthalt von zwei Monaten bei einer Extremitätenamputation auch durchaus legitim ist. Ich mutmaße mal, dass er eventuell eine Durchblutungsstörung gehabt hat, diese durch eine gefäßerweiternde Therapie versucht wurde zu beheben und letztendlich die Beine nicht mehr gerettet werden konnten. Wie Wunden müssen abheilen, ehe es dann zur Rehabilitation geht, was auch noch mal ein paar Wochen in Anspruch nehmen wird.

Und nun der Herzstillstand mit anschließender Reanimation. Wie jemand bereits angedeutet hat, deutet das auf ein Durchgangssyndrom hin, wenn vorher schon nicht Anzeichen einer Demenz festgestellt wurde. War der Familienangehörige vorher allerdings bei klarem Bewusstsein, ohne Desorientierung, würde es auf erwähnte Durchgangssyndrom hindeuten. Bei dem Grad der von dir beschriebenen Desorientierung innerhalb von nur 3 Wochen ohne vorherige Demenzanamnese ist es eher unwahrscheinlich, dass er an einer Demenz leidet.

Demenz wiederum kann auch nicht diganostiziert werden, sondern ist eine Auschlussdiagnose.

Ob er im Krankenhaus zuge"dröhnt" wird, könnte man leicht in einem Arztgespräch feststellen. Es gibt Medikamente im Bereich der Betäubungsmittel, die eine kurzzeitige Ermüdung hervorrufen können (aufgrund der starken schmerzlindernden Wirkung) und kann auch Desorientiertheit auslösen. Aber das muss dann direkt mit dem zuständigen Stationsarzt besprochen werden. Gegebenenfalls muss man die Schmerzmittel umsetzen, wenn er sie nicht verträgt und wenn das der Grund für sein Verhalten sein sollte.

Ich hoffe, ich konnte etwas weiterhelfen. Links zum nachlesen haben ja bereits die anderen gepostet.

Alles gute, levi

Danke für die Antwort, auch an die Anderen.

  1. Seltsames Verhalten ja = zunehmende Depressivität wegen der Probleme mit den Beinen ( Durchblutungsstörungen, Schaufensterkrankheit )
  2. Probleme mit der Abheilung durch mangelnde Durchblutung. Es musste 2 mal nachamputiert werden.
  3. Über Demenz haben wir Ende letzten Jahres nachgedacht, als ein Übergang zur zeitweisen Apathie festzustellen war. Apathie = zeitweises geistiges wegtreten, fehlende Ansprechbarkeit von einer Sekunde zur anderen.
  4. Die Arztgespräche waren bisher wenig ergiebig. Erstens bedingt durch den Wechsel zwischen 3 Stationen, zweitens wegen des Wechsels der Ärzte. An einem Tag habe ich zwei verschiedene Ärzte sprechen können/ müssen.
  5. Da wir bisher immer am Wochenende da waren, erschien es mir als würde sich der geistige Zustand von Freitag über Samstag hin verschlechtern. Meine Frage an die Ärzte/ Pfleger zu diesem Thema „zugedröhnt“ wurde so beantwortet, das man ihm das geben würde, was er verlangt. Ich weiss aber, dass er zeitweise richtig viel bekam. Letztlich ist es mir für ihn lieber so, als das bewußte wahrnehmen und das Leiden, das daraus folgt.
    Ich will nur wissen, was die Ursache für dieses Verhalten sein könnte.

Hi,

Ein Mensch ohne Beine ist nichts wert

Wie kommst Du denn zu dieser Aussage???

Erschrocken:

Anja

Hallo,

Ein Mensch ohne Beine ist nichts wert

Wie kommst Du denn zu dieser Aussage???

ich habe auf meiner Station sehr viele Patienten die aufgrund von Durchblutungsstörungen der unteren Extremitäten Amputationen erleiden müssen. Sag ihnen mit deinen zwei gesunden Beinen das Leben wäre weiterhin lebenswert. In dem Augenblick fühlen sie sich wertlos. Und das ist der Augenblick, wo du als Pflegepersonal mit Rat, Tat und Trost beiseite stehen musst.

Die Akzeptanz des Verlustes tritt erst Wochen, wenn nicht sogar erst nach Monaten auf. Und richtig bergauf geht es erst, wenn die Orthopädie die Prothesen anpasst. Vorher sind diese Menschen (zumindestens die meisten) ein großes Haufen Elend, die sich wertlos und zu nichts mehr zu gebrauchen, sich als „Krüppel“ fühlen - was ich übrigens sehr gut nachvollziehen kann.

Sie entwickeln sich erst zu den Beinamputierten, die mit ihrer Behinderung leben können.
Natürlich ist jeder Mensch - behindert oder nicht behindert - wertvoll garkeine Frage. Ich meinte das mit dem wertlos eher aus der Sicht des Patienten.

Gruss levi

2 „Gefällt mir“

Hi,

danke für die weiteren Informationen.

  1. Seltsames Verhalten ja = zunehmende Depressivität wegen der
    Probleme mit den Beinen ( Durchblutungsstörungen,
    Schaufensterkrankheit )

das kann man nachvollziehen. Wenn die Beine nicht mehr mitmachen und man merkt, es stimmt was nicht, gerät man in Sorge. Würde jeder denke ich.

  1. Probleme mit der Abheilung durch mangelnde Durchblutung. Es
    musste 2 mal nachamputiert werden.

Wenn der Familienangehörige auch noch an Diabetes leidet, ist es schon fast kein Wunder, dass Wundheilungsstörungen auftauchen. Sehr viele der sog. pAVK Patienten haben Wundheilungsstörungen, weil die Durchblutung und somit die nötigen „Bausteine“ für die Wunde nicht dorthin transportiert werden können, wo sie eigentlich hingehören.

  1. Über Demenz haben wir Ende letzten Jahres nachgedacht, als
    ein Übergang zur zeitweisen Apathie festzustellen war. Apathie
    = zeitweises geistiges wegtreten, fehlende Ansprechbarkeit von
    einer Sekunde zur anderen.

Das muss abgeklärt werden. Geistiges wegtreten, plötzliche fehlende Ansprechbarkeit muss keine Demenz bedeuten; ohne ihn näher zu kennen und ohne die Vorerkrankungen zu kennen, kann das z.b. auch auf Kreislaufinstabilität, Blutdruckschwankungen, Herzprobleme etc deuten. Aber solche eine Aussage kann nur nach einer eingehenden und gründlichen Diagnostik erfolgen (die im KH vermutlich bereits erfolgt ist, wenn er schon so lange dort ist).

  1. Die Arztgespräche waren bisher wenig ergiebig. Erstens
    bedingt durch den Wechsel zwischen 3 Stationen, zweitens wegen
    des Wechsels der Ärzte. An einem Tag habe ich zwei
    verschiedene Ärzte sprechen können/ müssen.

Stationsärzte sind immer im Stress. Den zuständigen Arzt bitte nochmals ansprechen und sich ggfs einen festern Gesprächstermin geben lassen. Sagen, dass man sich Sorgen macht.
Der Wechsel zwischen den Stationen sollte kein Problem sein, da die Ärzte untereinander sich Verlegungsberichte schreiben, Unterlagen mitgegeben werden, damit der Informationsfluss nicht abreisst.

  1. Da wir bisher immer am Wochenende da waren, erschien es mir
    als würde sich der geistige Zustand von Freitag über Samstag
    hin verschlechtern. Meine Frage an die Ärzte/ Pfleger zu
    diesem Thema „zugedröhnt“ wurde so beantwortet, das man ihm
    das geben würde, was er verlangt. Ich weiss aber, dass er
    zeitweise richtig viel bekam. Letztlich ist es mir für ihn
    lieber so, als das bewußte wahrnehmen und das Leiden, das
    daraus folgt.

„Was er verlangt“ ist natürlich eine sehr diffuse Aussage. Wenn man nicht weiss, was er für Medikamente kriegt, kann man auch nicht sagen, was ihn davon eventuell „zudröhnt“.

Ich will nur wissen, was die Ursache für dieses Verhalten
sein könnte.

Das wird, denke ich, durch diese Form der Kommunikation nicht möglich sein. Rede mit dem Stationsarzt so, wie du es hier getan hast. Nicht lockerlassen, nachhaken. Aber dabei bedenken, dass mancherorts ein Arzt für 30 Patienten zuständig ist wovon der Familienangehöriger einer davon ist. Daher: am Ball bleiben.

Alles Gute,
levi

  1. Von gestern auf heute ist das seltsame Verhalten beendet. Offensichtlich hat es sich um das Durchgangssyndrom gehandelt. Er hat sein Gefühl für die Realität nahezu komplett wieder erlangt, stellt Fragen zum Geschehenen und ist sich des Verlustes seiner Beine wieder bewußt.
    Danke für die Hilfe, sie hat mir auch persönlich geholfen.
  2. Das ein Mensch ohne Beine nichts mehr Wert ist, ist nach meiner Feststellung ein Gefühl, das von dem Betroffenen stärker empfunden und betont wird, als von Dritten.

Hey!

  1. Von gestern auf heute ist das seltsame Verhalten beendet.
    Offensichtlich hat es sich um das Durchgangssyndrom gehandelt.
    Er hat sein Gefühl für die Realität nahezu komplett wieder
    erlangt, stellt Fragen zum Geschehenen und ist sich des
    Verlustes seiner Beine wieder bewußt.
    Danke für die Hilfe, sie hat mir auch persönlich geholfen.

schön zu hören, dass er das Durchgangssyndrom beendet hat und es ihm offensichtlich wieder besser geht.

Schönen gruss,
levi

Hi,

Natürlich ist jeder Mensch - behindert oder nicht behindert -
wertvoll garkeine Frage.

Gut - das klang ganz anders … deshalb entschuldige meinen erschrockenen Einwurf…

Ich meinte das mit dem wertlos eher
aus der Sicht des Patienten.

Naja, ich denke, es ist ein Unterschied, ob ein passionierter Marathon-Läufer seine Beine verliert oder ein Schriftsteller, der eh nur auf einem Stuhl hockt - so ganz profan gesagt … Allerdings finde ich es schlimm - so oder so - wenn man den Verlust von Gliedmaßen als Verlust von Lebensqualität per se betrachtet…

Nebenbei:
Mein Hund hat ein Bein und eine weitere halbe Pfote bei einem Unfall verloren. Meine Beobachtung ist die: Der Mensch guckt, was er nicht mehr kann, das Tier versucht, was es noch kann. Aber das ist jetzt vielleicht schon off topic.

Gruß,

Anja

Hallo,

Gut - das klang ganz anders … deshalb entschuldige meinen
erschrockenen Einwurf…

fand den Einwurf gut. Immerhin hast du dir Gedanken um das Thema gemacht und gerade wenn man in einem Forum, wo man nur das geschriebene Wort vor sich hat, kommt es oft zu missverständnissen, weil man das, was man sagen will nicht so nuanciert rüberbrigen kann :smile:

Allerdings finde ich es schlimm - so oder so - wenn man den
Verlust von Gliedmaßen als Verlust von Lebensqualität per se
betrachtet…

Nun, die Lebensqualität wird natürlich erstmal angeschnitten. Du hast, wenn du kein Bein hast, Einschränkungen. Selbst wenn der Schriftsteller nur in seinem Kämmerlein hockt, so genießt er mit Sicherheit den ein oder anderen Spaziergang am frühen Abend. Und der Marathonläufer ist sicherlich auch nicht unglücklich darüber den ein oder anderen Gedanken aufs Papier zu bringen.

Allein dass man die Möglichkeit und Freiheit dazu nicht mehr hat (egal, ob man es machen würde oder nicht) schränkt einem in der Lebensqualität schon ein, finde ich.

Nebenbei:
Mein Hund hat ein Bein und eine weitere halbe Pfote bei einem
Unfall verloren. Meine Beobachtung ist die: Der Mensch guckt,
was er nicht mehr kann, das Tier versucht,
was es noch kann. Aber das ist jetzt
vielleicht schon off topic.

Das stimmt schon. Eine Freundin von mir hat eine dreibeinige Katze, die steinalt ist und nur einmal am Tag sich die Treppen runterquält. Rauf kommt sie nicht mehr, das macht die Luft nicht mehr mit und sie pfeift aus dem letzten Loch. Aber dennoch geht sie jeden Tag diese Stufen runter und checkt ihr Revier ab. Das Tier hat dann doch schon den größeren „Willen“ oder Instinkt als der Mensch, das stimmt schon.

Aber wir Menschen neigen ja schon immer Dinge erst von der negativen Seite aus zu sehen.

Schöne Grüsse,
levi