…AAAAAAh Patientinverfügung
schööööön.
Ich kann nicht feststellen ob der Patient der Patientenverfügung noch genau so zustimmt, oder ob er sich das vor ein paar Tagen anders überlegt hat. Genau so kann ich nicht feststellen ob der Zettel „echt“ ist.
Dank für diese ausführliche Schilderung… Alles berechtigte Überlegungen bzw. Einwände zum Sinn der Verfügung.
Wenn ich mir jetzt keine Mühe gebe, mache ich mich schon
einmal strafbar.
da der Patient gerade seinen derzeitigen Willen nicht
ausdrücken kann, muß ich mutmaßen wie der Patient sich
entscheiden würde. dafür müßte ich eigentlich die
Lebenssituation, Ansichten usw. des Patienten kennen. die
kenne ich meist nicht. Also geht man davon aus was
normalerweise ein Mensch sich wünschen würde. Normalerweise
möchte Menschen leben.
Was die Entscheidung auch nicht leichter macht…
Bevor jetzt die großartige „Patientenverfügung ja oder nein“
Diskussion losgeht… Zumindest im Rettungsdienst treffen wir
hin und wieder auch eigentlich nicht korrekte Entscheidungen.
Ist denn die Reanimation eines 95 jährigen Patienten, der seit
ca. 20 Minuten ohne Herzaktivität da liegt und ohnehin einige
schwere Erkrankungen des Herzsystems aufweist, gerechtfertigt?
Vielleiht hilft dies etwas: Meine Mutter war im Pflegeheim und hatte lebensverlängernde Maßnahmen per Patientenverfügung ausgeschlossen. Als der Notarzt gerufen wurde, wurde er darüber nicht informiert und wollte schon eine Adrenalinspritze setzen und tat es dann doch nicht. Es hätte wenig Sinn gehabt. Dies erzählte er mir später als er den Tod bestätigte und ich inzwischen eingetroffen war (wohnte 300 km entfernt). Ich konnte ihm bestätigen, daß er richtig gehandelt hatte, denn ich wußte, daß meine demente Mutter schon lange nicht mehr so recht weiterleben wollte, was sie mir in lichten Momenten häufiger gesagt hatte. Die Ehrlichkeit des Arztes fand ich sehr schön, er hätte mir das auch verschweigen können.
Oder läßt man
den Patienten zu Hause? Ähnliches gilt für den Krebspatienten
im Endstadium. Die wissen, dass der Krebs sie einholt. Meistes
sind diese Patienten auch austherapiert. Es bringt also
nichts.
Ich habe mehrere „alte Leutchen“ im Verwandtenkreis: alle würden lieber zu Hause sterben als in einer Klinik - was natürlich nicht ausschließt, daß es anders denkende gibt.
Auch wenn es hart klingt: Es wird dann halt etwas weniger
gedrückt und auch etwas weniger beatmet. Vielleicht gibt es
auch nicht ganz so viele Katecholamine. Das ist eine recht
schwere Entscheidung, aber sie muß getroffen werden.
Und bei solchen Entscheidungen, da kann ich nur froh sein, daß ich sie nicht treffen muß. Eigentlich dürfte man sie niemandem zumuten. Andererseits ist gerade dein Bericht eine Wohltat, weil er zeigt wie gewissenhaft diese Entscheidungen getroffen werden - und dafür sei dir hier herzlich gedankt.
Und was ist mit der Überlegung, dass ein Wachkomapatient vor
ca. 50 Jahren nie so lange durchgehalten hätte. Viele
Befürworter der Weiterversorgung der Wachkomapatienten meinen
ja, dass man nicht Gott spielen darf und über Leben und Tod
entscheiden. Nur entscheidet man bei der krampfhaften
Aufrechterhaltung vo biologischen Funktionen nicht auch über
Leben und Tod?
Ja, das tut man. Da könnte man sich wünschen, es gäbe so manche Medizintechnik nicht, damit man ungestört hinübergehen kann.
Die Medizintechnik kann einen Menschen, ohne dass er wichtige
Organe in sich trägt, dauerhaft in Funktion halten. Nur soll
das so sein?
Ich persönlich glaube nicht, daß dies so sein sollte. Das Leiden wird doch nur verlängert.
Ich habe daher keine Patientenverfügung, aber meine Frau hat
eine entsprechende Geschäftsvollmacht. Mit ihr habe ich
ausgemacht, dass sie in einem solchen Fall mit den
behandelnden Ärzten die Aussicht einen möglichen Erfolg der
Maßnahmen besprechen soll und dann eine Entscheidung treffen.
Das ist sicher eine gute Alternative. Doch was geschieht bei einem Unfall fern der Angehörigen, oder was könnten Alleinstehende tun, die keine Angehörigen mehr haben?
Noch einmal ein Beispiel zum Nachdenken (ist real passiert):
Ein LkW-fahrer ist in seinem Führerhaus eingeklemmt. Das
Lenkrad drückt den Oberkörper ab. Das ist gut, weil so kann
das Blut nicht aus dem total zerstörten
unteren Körperteil entweichen. Der Patient lebt so also vor
sich hin und ist sogar noch ansprechbar. Der Patient müßte
aber aus dem fahrzeug irgendwann mal raus, weil in einem
zerknautschten LkW auf der Autobahn wohnen ist nicht die
tollste Vorstellung. Wenn das Lenkrad entfernt wird, wird der
Patient binnen Sekunden das Bewußtsein verlieren und in
weniger als einer Minute tot sein. Im jetztigen Zustand und
durch medizinische Maßnahmen kann man das Leben noch Stunden
oder Tage fortführen. Habe ich jetzt das Recht das Lenkrad zu
entfernen, oder nicht?
Für den Helfer eine ausweglose Situation und grausam, hier entscheiden zu müssen. Den ansprechbaren Patienten zu informieren und seine Entscheidung zu erbitten, scheint mir ebenso grausam.
Lieber Kuddenberg - vielen Dank für diesen Bericht und das Aufzeigen der Gewissenskonflikte, in die ein medizinischer Helfer gestürzt wird.