Hallo Katzenmama,
Ich habe eine ganz konkrete Frage zur Chemotherapie.
Auf einer Seite im Internet habe ich gelesen das durch
Chemotherapie Tumore enstehen bzw. deren Entstehung begünstgt
werden können
das ist richtig. Ich arbeite momentan im Labor mit Zytostatika und da diese Substanzen krebsauslösend sein können, gelten für die Arbeit damit sehr hohe Sicherheitsvorschriften. Meistens stören Zytostatika die DNA-Vervielfältigung oder die Zellteilung. Der Eingriff in die DNA-Vervielfältigungsmaschinerie kann auf der einen Seite den Zelltod auslösen, begünstigt aber auf der anderen Seite die Entstehung neuer genetischer Veränderungen (indem das Genom weiter vervielfältigt wird, aber mit Fehlern). Solche genetischen Veränderungen können ihrerseits zur Entartung der Zellen und somit zur Krebsentstehung führen. Deshalb gibt es auch das Phänomen der Sekundärtumore, wenn Patienten nach erfolgreich abgeschlossener Krebsbehandlung Jahre später an anderen Krebsarten erkranken.
und Metastasierung beschleunigt werden.
Na ja, wie gesagt, die Mutationsrate der Zellen wird erhöht. Viele Zellen sterben durch Zytostatika-Einwirkung ab. Doch Zellen mit bestimmten Mutationen erhalten einen „Überlebensvorteil“ gegenüber anderen Zellen. Häufig sind dies besonders „aggressive“ Krebszellen, in denen diejenigen Moleküle ausgeschaltet sind oder nicht mehr produziert werden, die eigentlich für die Einleitung des Zelltods verantwortlich wären. Da also einerseits nur die aggressivsten Zellen überleben, und andererseits die Entstehung weiterer genetischer Veränderungen begünstigt wird, die wiederum die Metastasierung fördern könnten, kann es dazu kommen, dass die Metastasierung beschleunigt wird.
ABER: Das gilt nur unter der Voraussetzung, dass überhaupt irgendwelche Krebszellen überleben! Im Idealfall geht man ja davon aus, dass es gar keine resistenten Krebszellen gibt und durch die Zytostatikagabe alle Krebszellen abgetötet werden. Um Resistenzbildung zu vermeiden, wird meistens eine ganze Reihe an Medikamenten mit verschiedenen Wirkungsweisen gleichzeitig verabreicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Zellen gibt, die gegen ALLE diese Wirkungsweisen gleichzeitig resistent werden, ist eben gering.
Das heißt
dann wohl das Zytostatika genau das fördern was sie
bekämpfen.
Wenn Zytostatika eingesetzt werden, liegt bereits eine Krebserkrankung vor, die unbehandelt höchstwahrscheinlich zum Tod des Patienten führen würde. Durch den Einsatz moderner Zytostatika können heutzutage etwa 75% der Krebserkrankungen geheilt werden. Ob hingegen ein Zytostatikum gleichzeitig Mutationen verursacht hat, die später mal zu einem Sekundärtumor führen werden, steht noch in den Sternen - es erhöht die WAHRSCHEINLICHKEIT, aber Wahrscheinlichkeit ist eben noch lange keine Garantie. Außerdem hat man bis zur Entstehung des Sekundärtumors so einige beschwerdefreie Lebensjahre gewonnen. Letztlich hast du also zwei Möglichkeiten, wenn bereits eine Krebserkrankung vorliegt:
- keine Zytostatika einnehmen und mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit der Krankheit erliegen
- Zytostatika einnehmen und mit 75% (das variiert natürlich stark je nach Krebsart!) geheilt werden. Dabei kann es sein, dass
2a) durch die Zytostatika Jahre oder Jahrzehnte später eine andere Krebsart entsteht (die Zwischenzeit ist aber Lebenszeit!)
2b) die Zytostatika überhaupt nicht zu einer neuen Krebserkrankung führen
Im Übrigen wird auch in Situationen, bei denen eine Heilung der Krebserkrankung nicht mehr möglich erscheint, häufig eine lebensverlängernde Chemotherapie verabreicht, die das Tumorwachstum bremst. Es ist also mitnichten so, dass bei Nicht-Ansprechen des Tumors auf die Chemotherapie automatisch die Lebenszeit aufgrund der Zytostatika-Einnahme verkürzt wird. Im Gegenteil, häufig gewinnt man Lebenszeit!
Das erinnert mich übrigens an einen Freund der Familie, bei dem vor anderthalb Jahren Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium mit zahlreichen Metastasen festgestellt worden ist. Der Ernst der Lage war ihm jedoch anscheinend nicht klar. Es wurde eine Chemotherapie eingeleitet, die mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden war. Er hat die Therapie abgebrochen mit der Begründung, ein Freund hätte ihm gesagt, Chemotherapie könne zum Tod führen. Nun ja, kurz darauf ist er an dem Lungenkrebs gestorben…
(Da in diesem Fall jedoch die Chemotherapie sowieso nur palliativen Charakter haben konnte, vermag ich nicht zu beurteilen, ob seine Entscheidung nicht doch die richtige gewesen ist. Denn eine Genesung war leider nicht mehr zu erwarten, die Nebenwirkungen der Behandlung trafen ihn jedoch hart und hätten ihm die Lebenszeit nur etwas verlängert (dafür aber mit diesen Qualen). Er hat nach Absetzen der Chemotherapie ausschließlich symptomatische Therapie bekommen, fühlte sich damit gut und ist am Ende friedlich weggedämmert.)
Kann mir irgend jemand dazu eine Auskunft geben?ich
bin deswegen sehr verunsichert.Das sind die Berichte die ich
meine. Da ich selbst betroffen bin,machen mich diese
Neuigkeiten sehr nervös und unsicher ob ich die Behandlungen
weiter zulassen sollte.
Dass es dich verunsichert, kann ich mir gut vorstellen. Letztendlich ist es deine Entscheidung, ob du die Medikamente einnehmen möchtest. Für den allgemeinen Fall habe ich die Folgen beider Entscheidungen umrissen. Für deinen konkreten Fall solltest du jedoch ein ausführliches Gespräch mit deinem behandelnden Arzt führen. Generell muss man aber sagen, dass nur mithilfe der modernen Zytostatika Krebsheilung überhaupt möglich ist und für den durchschnittlichen Krebspatienten die Vorteile der Behandlung die von dir angeführten Nachteile überwiegen. Medikamente, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Sekundärtumoren führen, werden in der Regel nicht (mehr) in der Therapie eingesetzt.
Mit anderen Worten: Ein Patient, der mit einem Zytostatikum
behandelt wird, kann vielleicht seinen Tumor unter Kontrolle
bekommen; er lauft aber Gefahr, an einem anderen Krebs zu
erkranken, zum Beispiel an Leukämie.
Eben, er läuft Gefahr, aber das steht noch lange nicht fest. Hingegen steht fest, dass wenn er nicht mit Zytostatika behandelt wird, er gleich an seinem Primärtumor verstirbt. Außerdem entstehen die Sekundärerkrankungen, wie gesagt, normalerweise erst nach Jahren, und diese Jahre sind gewonnene krankheitsfreie Lebenszeit.
Wie gesagt, du solltest mit deinem Arzt all deine Sorgen ausführlich besprechen. Er kennt deine konkrete Situation (Diagnose, Tumorstadium, Ansprechen deiner Erkrankung auf die Therapie, bereits aufgetretene Nebenwirkungen usw.) und kann dir deine Optionen am besten darlegen.
Ich wünsche dir, die für dich richtige Entscheidung zu treffen.
Viele Grüße
Anja