Nebenwirkung von Chemotherapie

Ich habe eine ganz konkrete Frage zur Chemotherapie.
Auf einer Seite im Internet habe ich gelesen das durch Chemotherapie Tumore enstehen bzw. deren Entstehung begünstgt werden können und Metastasierung beschleunigt werden.Das heißt dann wohl das Zytostatika genau das fördern was sie bekämpfen.Kann mir irgend jemand dazu eine Auskunft geben?ich bin deswegen sehr verunsichert.Das sind die Berichte die ich meine. Da ich selbst betroffen bin,machen mich diese Neuigkeiten sehr nervös und unsicher ob ich die Behandlungen weiter zulassen sollte.Es wäre schön wenn mir jemand dazu eine genauere Auskunft geben könnte.

[Aus: Bundesministerium für Gesundheit, 8.9.1993]

Zytotoxische Substanzen können die Metastasenverbreitung fördern, und zwar entweder durch Immunsuppression, Schädigung der Vaskularisation [= Neubildung von Gefäßen] oder durch direkte Einwirkung auf Tumorzellen. In vitro und in vivo konnte man nachweisen, daß chemotherapierte Zellen ein größeres metastatische Potential besaßen als nicht-therapierte Zellen. Die die Chemotherapie überlebenden Zellen wachsen aggressiver, eine Tatsache, die das Fehlen des Gewinns an Überlebenserwartung der Responder erklären könnte.

Für die Behauptung, daß nach Chemotherapie Tumoren größere Malignität aufweisen können, gibt es auch klinische Evidenz. So werden Metastasen an Lokalisationen gefunden, wo man sie ohne Chemotherapie normalerweise nicht sehen würde, und zuweilen beobachtet man nach der Therapie eine exzessive Tumoraussaat.

Aus: FAZ, 30.9.87, Knochentumoren als Folge von Krebsbehandlung]

Ein fiktives Dilemma:
[Anm.: Hier schreibt ein Zytostatika-Produzent!!!]
Die einzigen Medikamente, bei denen man angesichts der Schwere der Krankheit und der mit ihr verbundenen tödlichen Bedrohung sowie angesichts fehlender Alternativen ein Krebsrisiko bewußt in Kauf nimmt, sind - Ironie des Schicksals - die Zytostatika oder Krebsmittel. Bei dieser Präparategruppe akzeptiert man notgedrungen Nebenwirkungen, die bei anderen Medikamenten völlig unakzeptabel wären: Haarausfall, Erbrechen, schlechtes Allgemeinbefinden. Und eben eine gewissen Karzinogenität. Diese läßt sich unglücklicherweise nicht vermeiden.

Mit anderen Worten: Ein Patient, der mit einem Zytostatikum behandelt wird, kann vielleicht seinen Tumor unter Kontrolle bekommen; er lauft aber Gefahr, an einem anderen Krebs zu erkranken, zum Beispiel an Leukämie.

Ob ein eingeführtes Präparat trotz allen vorhergegangenen Prüfungen und Untersuchungen beim Menschen Krebs erzeugen kann, vermögen wir eigentlich gar nie mit letzter Bestimmtheit zu sagen.

Hallo Katzenmama,

Ich habe eine ganz konkrete Frage zur Chemotherapie.
Auf einer Seite im Internet habe ich gelesen das durch
Chemotherapie Tumore enstehen bzw. deren Entstehung begünstgt
werden können

das ist richtig. Ich arbeite momentan im Labor mit Zytostatika und da diese Substanzen krebsauslösend sein können, gelten für die Arbeit damit sehr hohe Sicherheitsvorschriften. Meistens stören Zytostatika die DNA-Vervielfältigung oder die Zellteilung. Der Eingriff in die DNA-Vervielfältigungsmaschinerie kann auf der einen Seite den Zelltod auslösen, begünstigt aber auf der anderen Seite die Entstehung neuer genetischer Veränderungen (indem das Genom weiter vervielfältigt wird, aber mit Fehlern). Solche genetischen Veränderungen können ihrerseits zur Entartung der Zellen und somit zur Krebsentstehung führen. Deshalb gibt es auch das Phänomen der Sekundärtumore, wenn Patienten nach erfolgreich abgeschlossener Krebsbehandlung Jahre später an anderen Krebsarten erkranken.

und Metastasierung beschleunigt werden.

Na ja, wie gesagt, die Mutationsrate der Zellen wird erhöht. Viele Zellen sterben durch Zytostatika-Einwirkung ab. Doch Zellen mit bestimmten Mutationen erhalten einen „Überlebensvorteil“ gegenüber anderen Zellen. Häufig sind dies besonders „aggressive“ Krebszellen, in denen diejenigen Moleküle ausgeschaltet sind oder nicht mehr produziert werden, die eigentlich für die Einleitung des Zelltods verantwortlich wären. Da also einerseits nur die aggressivsten Zellen überleben, und andererseits die Entstehung weiterer genetischer Veränderungen begünstigt wird, die wiederum die Metastasierung fördern könnten, kann es dazu kommen, dass die Metastasierung beschleunigt wird.

ABER: Das gilt nur unter der Voraussetzung, dass überhaupt irgendwelche Krebszellen überleben! Im Idealfall geht man ja davon aus, dass es gar keine resistenten Krebszellen gibt und durch die Zytostatikagabe alle Krebszellen abgetötet werden. Um Resistenzbildung zu vermeiden, wird meistens eine ganze Reihe an Medikamenten mit verschiedenen Wirkungsweisen gleichzeitig verabreicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Zellen gibt, die gegen ALLE diese Wirkungsweisen gleichzeitig resistent werden, ist eben gering.

Das heißt
dann wohl das Zytostatika genau das fördern was sie
bekämpfen.

Wenn Zytostatika eingesetzt werden, liegt bereits eine Krebserkrankung vor, die unbehandelt höchstwahrscheinlich zum Tod des Patienten führen würde. Durch den Einsatz moderner Zytostatika können heutzutage etwa 75% der Krebserkrankungen geheilt werden. Ob hingegen ein Zytostatikum gleichzeitig Mutationen verursacht hat, die später mal zu einem Sekundärtumor führen werden, steht noch in den Sternen - es erhöht die WAHRSCHEINLICHKEIT, aber Wahrscheinlichkeit ist eben noch lange keine Garantie. Außerdem hat man bis zur Entstehung des Sekundärtumors so einige beschwerdefreie Lebensjahre gewonnen. Letztlich hast du also zwei Möglichkeiten, wenn bereits eine Krebserkrankung vorliegt:

  1. keine Zytostatika einnehmen und mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit der Krankheit erliegen
  2. Zytostatika einnehmen und mit 75% (das variiert natürlich stark je nach Krebsart!) geheilt werden. Dabei kann es sein, dass
    2a) durch die Zytostatika Jahre oder Jahrzehnte später eine andere Krebsart entsteht (die Zwischenzeit ist aber Lebenszeit!)
    2b) die Zytostatika überhaupt nicht zu einer neuen Krebserkrankung führen

Im Übrigen wird auch in Situationen, bei denen eine Heilung der Krebserkrankung nicht mehr möglich erscheint, häufig eine lebensverlängernde Chemotherapie verabreicht, die das Tumorwachstum bremst. Es ist also mitnichten so, dass bei Nicht-Ansprechen des Tumors auf die Chemotherapie automatisch die Lebenszeit aufgrund der Zytostatika-Einnahme verkürzt wird. Im Gegenteil, häufig gewinnt man Lebenszeit!

Das erinnert mich übrigens an einen Freund der Familie, bei dem vor anderthalb Jahren Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium mit zahlreichen Metastasen festgestellt worden ist. Der Ernst der Lage war ihm jedoch anscheinend nicht klar. Es wurde eine Chemotherapie eingeleitet, die mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden war. Er hat die Therapie abgebrochen mit der Begründung, ein Freund hätte ihm gesagt, Chemotherapie könne zum Tod führen. Nun ja, kurz darauf ist er an dem Lungenkrebs gestorben…
(Da in diesem Fall jedoch die Chemotherapie sowieso nur palliativen Charakter haben konnte, vermag ich nicht zu beurteilen, ob seine Entscheidung nicht doch die richtige gewesen ist. Denn eine Genesung war leider nicht mehr zu erwarten, die Nebenwirkungen der Behandlung trafen ihn jedoch hart und hätten ihm die Lebenszeit nur etwas verlängert (dafür aber mit diesen Qualen). Er hat nach Absetzen der Chemotherapie ausschließlich symptomatische Therapie bekommen, fühlte sich damit gut und ist am Ende friedlich weggedämmert.)

Kann mir irgend jemand dazu eine Auskunft geben?ich
bin deswegen sehr verunsichert.Das sind die Berichte die ich
meine. Da ich selbst betroffen bin,machen mich diese
Neuigkeiten sehr nervös und unsicher ob ich die Behandlungen
weiter zulassen sollte.

Dass es dich verunsichert, kann ich mir gut vorstellen. Letztendlich ist es deine Entscheidung, ob du die Medikamente einnehmen möchtest. Für den allgemeinen Fall habe ich die Folgen beider Entscheidungen umrissen. Für deinen konkreten Fall solltest du jedoch ein ausführliches Gespräch mit deinem behandelnden Arzt führen. Generell muss man aber sagen, dass nur mithilfe der modernen Zytostatika Krebsheilung überhaupt möglich ist und für den durchschnittlichen Krebspatienten die Vorteile der Behandlung die von dir angeführten Nachteile überwiegen. Medikamente, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Sekundärtumoren führen, werden in der Regel nicht (mehr) in der Therapie eingesetzt.

Mit anderen Worten: Ein Patient, der mit einem Zytostatikum
behandelt wird, kann vielleicht seinen Tumor unter Kontrolle
bekommen; er lauft aber Gefahr, an einem anderen Krebs zu
erkranken, zum Beispiel an Leukämie.

Eben, er läuft Gefahr, aber das steht noch lange nicht fest. Hingegen steht fest, dass wenn er nicht mit Zytostatika behandelt wird, er gleich an seinem Primärtumor verstirbt. Außerdem entstehen die Sekundärerkrankungen, wie gesagt, normalerweise erst nach Jahren, und diese Jahre sind gewonnene krankheitsfreie Lebenszeit.

Wie gesagt, du solltest mit deinem Arzt all deine Sorgen ausführlich besprechen. Er kennt deine konkrete Situation (Diagnose, Tumorstadium, Ansprechen deiner Erkrankung auf die Therapie, bereits aufgetretene Nebenwirkungen usw.) und kann dir deine Optionen am besten darlegen.

Ich wünsche dir, die für dich richtige Entscheidung zu treffen.

Viele Grüße

Anja

Danke Anja das wr sehr informativ.Leider haben meine Ärzte(es sind ja mehrere daran beteiligt) mich nicht auf diese Nebenwirkungen hinngewiesen und ich bin rein zufällig darüber gestolpert.Letztes Jahr bin ich an Brustkrebs erkrankt und da der Tumor relativ groß und die Lymphknoten sngegriffen waren, wurde eine voroperativer Chemo durchgeführt um brusterhaltend operieren zu können, ohne mir andere Optionen aufzuzeigen.Vielleicht wäre es ja auch genausogut gegangen die Brust zu amputieren,die Lymphknoten wurden ja eh entfernt.
Dieses Jahr bin ich wieder an Brustkrebs erkrankt, diesmal eine andere Art,und irgendwie habe ich Angst das es durch die Chemo kam und jetzt in meinem Körper noch mehr Knoten lauern.
Verstehe mich nicht falsch, bis jetzt bin ich da immer gut mit fertig geworden und in meinem Fall waren auch die Nebenwirkungen der Chemo durchaus erträglich, aber dieser Bericht hat mich letztlich doch ziehmlich aus der Bahn geworfen, auch was das vertrauen in die Ärzte betrifft.Ich bin jetztzwar in einer anderen Klinik, aber mein Vertrauen in die Ärzte ist sehr erschüttert,zumal meine Gyn.Ärztin nicht sehr einverstanden mit dieser Entscheidung ist.

Hallo,

Vielleicht wäre es ja auch genausogut gegangen die
Brust zu amputieren,die Lymphknoten wurden ja eh entfernt.

es kann sein, dass dies eine Option gewesen wäre, aber da ich kein Arzt bin, vermag ich das nicht zu beurteilen. Letztlich nützt es dir jetzt aber nichts, in „was wäre wenn“-Schemata zu denken. Es ist so passiert, wie es eben passiert ist, und nun musst du etwas aus der momentanen Situation machen.

Dieses Jahr bin ich wieder an Brustkrebs erkrankt,

Oh je, das verfolgt dich ja so richtig. :frowning: Aber kann es nicht sein, dass es quasi der gleiche Brustkrebs ist (also vom letzten Mal ein paar Zellen übriggeblieben sind), nur eben etwas mutiert? Ich kann mir wirklich nur schwer vorstellen, dass wirklich unabhängig voneinander die gleiche Krebserkrankung innerhalb eines Jahres neu entsteht.

Was mich auch interessieren würde - wurde denn damals nach der OP keine Chemotherapie oder irgendeine andere Behandlung durchgeführt? Wurdest du also nach der OP einfach als geheilt nach Hause entlassen? Kennst du den Namen des Protokolls, nach dem du behandelt wurdest?

diesmal
eine andere Art,und irgendwie habe ich Angst das es durch die
Chemo kam und jetzt in meinem Körper noch mehr Knoten lauern.

Das kann sein, muss aber nicht… Letztlich wird dir diese Frage niemand beantworten können.

Verstehe mich nicht falsch, bis jetzt bin ich da immer gut mit
fertig geworden und in meinem Fall waren auch die
Nebenwirkungen der Chemo durchaus erträglich, aber dieser
Bericht hat mich letztlich doch ziehmlich aus der Bahn
geworfen, auch was das vertrauen in die Ärzte betrifft.Ich bin
jetztzwar in einer anderen Klinik, aber mein Vertrauen in die
Ärzte ist sehr erschüttert,zumal meine Gyn.Ärztin nicht sehr
einverstanden mit dieser Entscheidung ist.

Ich denke, du solltest deinen behandelnden Arzt gezielt nach einem Gesprächstermin fragen und ihn schon mal „vorwarnen“, dass du mit einer Menge Fragen ankommst, damit er ausreichend Zeit einplant. Und dann frag ihn bei diesem Termin Löcher in den Bauch. Notiere dir vorher alles, was dich beschäftigt, damit du nichts vergisst. Im Rahmen ihrer Arbeit sind Ärzte auch zur Aufklärung ihrer Patienten verpflichtet und dazu gehört es, Fragen zu Behandlungsalternativen zu beantworten. Letztendlich geht es um DEINE Gesundheit und du hast ein Recht darauf zu erfahren, warum so vorgegangen wird und nicht anders und ob es auch jetzt noch Alternativen zur derzeitigen Behandlungsstrategie gibt.

Viele Grüße

Anja

1 „Gefällt mir“