Hallo Guido,
zunächst einmal mein Mitgefühl. Es ist immer schrecklich, einen
nahe stehenden und geliebten Menschen zu verlieren.
So wie du den Fall schilderst ist da leider vieles nicht so gut
gelaufen, wie es gelaufen sein sollte. Wennschon es natürlich
spekulativ ist zu sagen, daß u.U. das Ergebnis, nämlich der Tod
deines Vaters, daraus resultiert.
Ich muss ehrlich sagen, ich bewundere dich, daß du es so ohne
Hintergedanken fragen kannst
.
Mein Daddy ist vor knapp einem Monat verstorben. Bevor hier
jetzt jemand beim Lesen auf eine falsche Idee kommt: Ich will
niemandem ans Bein pinkeln - ich möchte nur etwas wissen!
Das sollte auch dein gutes Recht sein.
Er hatte in der Nacht einen leichten Herzinfarkt (Übelkeit,
Schwindel, linker Arm schmerzte), und meine Mutter rief den
ärztlichen Notdienst, welchen dann einen Krankenwagen
alarmierte.
War der Arzt vor Ort? Denn hier fängt das Übel schon an.
Eigentlich sollte schon der Telefonist des Ärztlichen
Notdienstes ÄND ein wenig abklären, ob dies überhaupt ein Fall
für den ÄND ist; wäre dies geschehen und deine Mutter hätte die
Symptome so wie du hier geschildert, hätte schon hier alles
anders laufen müssen. Nämliche sofortige Weitergabe an die
Rettungsleitstelle, Entsendung eines Notarztwagens mit
Stichwort „Verdacht Herzinfarkt“.
Gut, wenn nun der ÄND vor Ort war hätte auch er diese
Entscheidung treffen müssen: Notarztwagen. 50% aller Patienten,
die an einem Infarkt versterben, tun dies in der ersten Stunde
nach dem Ereignis! Also genau dann, wenn es um den Transport
geht - deswegen kommt ja auch die Intensivstation in Form eines
Notarztwagens zum Patienten, nicht umgekehrt.
Bitte auch an alle anderen, die dieses lesen: Bei den Symptomen
Brustschmerz u.U. gar in den Arm ausstrahlend, akute Atemnot,
Schwindel, Übelkeit > 112! , bzw. in Bayern, Ba-Wü, RLP,
Saarland 19222.
Ein Krankenwagen ist nur zum Transport von Patienten gedacht,
die kein Notfall sind - ein Infarkt ist dies aber immer. Diese
Fahrzeuge sind personell und technisch nicht so ausgestattet,
daß sie sich zum Transport eines Infarktpatienten eignen.
So wird beispielsweise ein Großteil der intensivmedizinischen
Maßnahmen, die Oliver erläutert hat, bereits im Notarztwagen
bzw. in der Wohnung des Patienten vom Team durchgeführt
(Heparinisierung, Thrombozytenaggretationshemmung, Lyse, ggf.
Behandlung von Rhythmusstörungen).
Die Sanis haben ihn dann den Weg bis zum Wagen laufen lassen
(54 Stufen und ca. 100 Meter). Ich habe mal vor etlichen
Jahren einen Mini-Sanitätskurs gemacht (40 Std.), und uns
wurde gesagt, dass wir in solchen Fällen darauf achten müssen,
dass sich der Patient möglichst nicht bewegt.
Völlig richtig, die Gründe sind ja genannt worden. Das Herz ist
eh stark angegriffen, jede weitere Belastung kann eine zu viel
sein. Deswegen niemals selber gehen, und sei es für die Sanis
(die übrigens Rettungsassistenten oder Rettungssanitäter heißen)
noch so schwer. Auch die Gefahr eines Kollaps im Treppenhaus ist
nicht zu unterschätzen, da steht man dann nämlich mehr als doof
da. Die Kollegen haben sich da nicht eben mit Ruhm bekleckert.
Er hatte dann im Krankenhaus den zweiten Infarkt, lag einen
Tag im Koma (?) und verstarb in der folgenden Nacht (wieso
immer in der Nacht?) dann nach dem dritten Infarkt.
Leider ist es nicht selten, daß die Patienten noch einen zweiten
Infarkt bekommen, den sie dann nicht mehr verdauen können, da
das Herz bereits so schwer geschädigt ist. Ich weiß, daß es kein
Trost ist, aber vielleicht ist ihm so eine Menge erspart worden.
Wie gesagt: Ich will hier niemandem etwas, aber: Kann sich die
Anstrengung negativ ausgewirkt haben? Nur, damit ich in einem
ähnlichen Fall (der hoffentlich nie eintritt) richtig
reagieren kann…
Wie gesagt, das Verhängnis trat IMHO bereits viel eher ein. Ich
erwarte nicht von deiner Mutter oder anderen Angehörigen, daß
sie wissen, daß man besser einen Notarztwagen ruft. Aber jeder,
der einen solchen Anruf annimmt, sei es bei der
Feuerwehrleitstelle oder beim Ärztlichen Notdienst hat verdammt
nochmal vernünftig nachzufragen und bei diesen Symptomen ohne
wenn und aber einen Notarztwagen dorthin zu schicken, keinen
Notdienstarzt und keinen Krankenwagen, Punkt. Daß dann auch noch
zwei Pappnasen kamen, die deinen daddy laufen ließen, ist
einfach nur der Höhepunkt aus einem Beitrag „so sollte es nicht
laufen“.
Traurige Grüße
Guido
Ich wünsche dir viel Kraft dabei.
Mit freundlichen Grüßen: Claus, selber Rettungsassistent *dersichfürseineKollegenetwasschämt*
112 - bei Schlaganfall und Herzinfarkt die Wahl ihres Lebens