Hallo Tom und Majikthise,
ein Körper, der von einem Turm fallen gelassen wird, trifft zwar in der Nähe des Fußes des Turms auf, jedoch nicht exakt. Ganz naiv könnte man meinen, der Körper müsse nach Westen abgelenkt werden, schließlich dreht sich die Erde ja nach Osten (dem Körper sozusagen unter den Füßen weg). Aber wie Majikthise schon erwähnt hat, besitzt der Körper auf dem Turm ebenfalls eine Seitwärtsbewegung nach Osten, da sich der Turm zusammen mit der Erde nach Osten dreht. Falsch ist hingegen die Annahme, dass Fußpunkt und Kopfende des Turmes denselben Seitwärtsgeschwindigkeitsbetrag besitzen. Fußpunkt und Kopfende benötigen beide dieselbe Zeit für eine komplette Umdrehung (ca. 24 Stunden), aber der Kopfpunkt legt aufgrund seines größeren Abstands vom Erdmittelpunkt einen längeren Weg zurück, wodurch die Tangentialgeschwindigkeit des Kopfendes des Turmes höher ist als die des Fußendes. Dies hat zur Konsequenz, dass der fallengelassene Körper nach Osten abgelenkt wird, also entgegengesetzt zur "naiven" Sichtweise.
In gängigen Lehrbüchern über Mechanik wird dieser Sachverhalt mathematisch behandelt. Im Greiner (Mechanik Teil II) wird zum Beispiel die Formel
y(h)=(2/3)*ω*sin(λ)*h*sqrt(2*h/g)
hergeleitet, wobei y die Ablenkung nach Osten, h die Höhe des Turmes, λ der Breitengrad, ω die Winkelgeschwindigkeit der Erde und g die Erdbeschleunigung sind.
Setzt man die Werte h=400m (irgendein Wolkenkratzer oder Fernsehturm), λ=90° (Äquator), ω=2*π/24h=7.27*10^(-5)/s und g=9.81m/s^2 ein, so erhält man für die Ablenkung einen Wert von y=17.6cm.
In der Praxis wird man dieses Ergebnis kaum beobachten, da in Wirklichkeit der Wind eine zu wichtige Rolle spielt und den Effekt der Erdrotation überlagern würde.
Viele Grüße
Jens