Zeitlicher Ablauf des Compton-Effekts

Von: , Frage gestellt am So, 2. Okt 2005

Hallo!

Ich kenne die halbklassische Herleitung der Compton-Formel (Photon trifft auf Elektron, schiefer Stoß wie beim Billard, Impulserhaltung, Energieerhaltung, ...). Außerdem kenne ich einen Feynman-Graphen zu diesem Effekt: Elektron + Photon verschmelzen zu einem angeregten Elektron. Kurze Zeit später zerfällt dieses Teilchen in ein Elektron und ein "gestreutes Photon".

Meine Fragen:
- Welches Modell (Billard oder Feynman) beschreibt den Effekt korrekter?
- Gibt es ein Experiment, mit dem man klären kann (könnte), ob es sich um einen einfachen Stoß- oder einen Absorptions-Zerfall-Prozess handelt?
- Gibt das Photon bei der Streuung kurzzeitig seine Identität auf? (Bzw. ist diese Frage quantenphysikalisch überhaupt sinnvoll?)

Michael

4 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
    Re: Zeitlicher Ablauf des Compton-Effekts

    Hallo Michael, Ich kenne die halbklassische Herleitung der Compton-Formel
    (Photon trifft auf Elektron, schiefer Stoß wie beim Billard,
    Impulserhaltung, Energieerhaltung, ...). Außerdem kenne ich
    einen Feynman-Graphen zu diesem Effekt: Elektron + Photon
    verschmelzen zu einem angeregten Elektron. Kurze Zeit später
    zerfällt dieses Teilchen in ein Elektron und ein "gestreutes
    Photon".

    Meine Fragen:
    - Welches Modell (Billard oder Feynman) beschreibt den Effekt
    korrekter?
    Da beide Modelle zum selben Ergebnis führen, sind beide Modelle IN DIESEM KONKRETEN FALL gleichermaßen korrekt. Das "Feynman"-Bild, wie du es nennst, ist natürlich verallgemeinerbarer, denn die zugrundeliegenden Mechanismen sind auch für Fälle wirksam, wo das Billiard-Modell versagt.

    Interpretieren kann man es so: die Qiuantenfeldtheorie liefert eigentlich die richtige Beschreibung für den betrachteten Stoßprozeß. Für den Fall der Compton-Streuung zeigt sich aber, daß die sogenannte Trre-(Baum-)Näherung ausreichend genaue Ergebnisse liefert und störungstheoretische Korrekturen im allgemeinen nicht benötigt werden. Die Baumnäherung ist aber äquivalent zum Billiard-Modell des klassischen Stoßprozesses.

    Ein von dir genannter Zusatz ist allerdings problematisch: "Elektron und Photon verschmelzen zu einem angeregten Elektron". Das kann man so nicht sagen, denn es gibt keinen intrinsischen "angeregten" Zustand des Elektrons im Falle der Compton-Streuung. Befände sich das Elektron im Potentialfeld und hätte E<0, dann könnten unter Umständen angeregte Energieniveaus existieren, in denen sich das Elektron kurzzeitig befindet (semistabile Zustände). Allerdings gäbe es dann keine Compton-Streuung, sondern eine sogenannte Resonanzstreuung. - Gibt es ein Experiment, mit dem man klären kann (könnte), ob
    es sich um einen einfachen Stoß- oder einen
    Absorptions-Zerfall-Prozess handelt?
    Andersrum: solange du keine intermediäre Zwischenzustände messen kannst, gibt es keine Veranlassung, von einem Absorptions-Zerfall-Prozess zu sprechen. - Gibt das Photon bei der Streuung kurzzeitig seine Identität
    auf? (Bzw. ist diese Frage quantenphysikalisch überhaupt
    sinnvoll?)
    Die Frage ist sinnvoll, und das Photon gibt seine Identität nicht auf, solange kein Meßprozeß erfolgt. Erst mit diesem führt eine Absorption des Photons "zu Meßzwecken" zu einer Vernichtung desselben. Möglicherweise werden in der Folge neue Photonen emittiert, aber es sind dann eben andere und nicht dasselbe.

    Viele GRüße

    Oliver

    • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
      Re^2: Zeitlicher Ablauf des Compton-Effekts

      Hallo Oliver,

      Erst einmal vielen Dank für die Antwort! Ein von dir genannter Zusatz ist allerdings problematisch:
      "Elektron und Photon verschmelzen zu einem angeregten
      Elektron". Das kann man so nicht sagen, denn es gibt keinen
      intrinsischen "angeregten" Zustand des Elektrons im Falle der
      Compton-Streuung. Befände sich das Elektron im Potentialfeld
      und hätte E<0, dann könnten unter Umständen angeregte
      Energieniveaus existieren, in denen sich das Elektron
      kurzzeitig befindet (semistabile Zustände). Allerdings gäbe es
      dann keine Compton-Streuung, sondern eine sogenannte
      Resonanzstreuung.
      Dessen bin ich mir schon bewusst. Aber im Feynman-Graphen (leider weiß ich nicht, wie man hier ein Bild reinstellt), haben die "Absorption" und die "Emission" definitiv verschiedene Zeit-Koordinaten. Was ist dazwischen? Oder gibt es das "Dazwischen" gar nicht und es dient nur dazu, die beiden Vorgänge gedanklich zu trennen? - Gibt es ein Experiment, mit dem man klären kann (könnte), ob
      es sich um einen einfachen Stoß- oder einen
      Absorptions-Zerfall-Prozess handelt?
      Andersrum: solange du keine intermediäre Zwischenzustände
      messen kannst, gibt es keine Veranlassung, von einem
      Absorptions-Zerfall-Prozess zu sprechen.

      Warum stellt man es dann so dar, als ob es so wäre? - Gibt das Photon bei der Streuung kurzzeitig seine Identität
      auf? (Bzw. ist diese Frage quantenphysikalisch überhaupt
      sinnvoll?)
      Die Frage ist sinnvoll, und das Photon gibt seine Identität
      nicht auf, solange kein Meßprozeß erfolgt. Erst mit diesem
      führt eine Absorption des Photons "zu Meßzwecken" zu einer
      Vernichtung desselben. Möglicherweise werden in der Folge neue
      Photonen emittiert, aber es sind dann eben andere und nicht
      dasselbe.
      Dazu hätte ich folgende Idee: Ich erzeuge verschränkte Photonen. Das Photon wird an einem Elektron Compton-gestreut. Verstehe ich Dich richtig, dass durch diesen Vorgang die Verschränkung nicht aufgehoben wird?

      Michael

      • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
        Re^3: Zeitlicher Ablauf des Compton-Effekts

        Hallo. Dessen bin ich mir schon bewusst. Aber im Feynman-Graphen
        (leider weiß ich nicht, wie man hier ein Bild reinstellt),
        Gar nicht. Aber man kann einen link auf eine Graphik setzen, die
        der Leser dann anklicken kann. Z.B. so: http://delphiwww.cern.ch/figures/new/conf/98van/pape... haben die "Absorption" und die "Emission" definitiv
        verschiedene Zeit-Koordinaten. Was ist dazwischen? Oder gibt
        es das "Dazwischen" gar nicht und es dient nur dazu, die
        beiden Vorgänge gedanklich zu trennen?
        Für den Rest habe ich die Findemaschine von pro-physik.de anzubieten:
        http://findemaschine.pro-physik.de/?vkid=web&languag...

        HTH
        mfg M.L.

      • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
        Re^3: Zeitlicher Ablauf des Compton-Effekts

        Hallo Oliver,

        Erst einmal vielen Dank für die Antwort!


        Dessen bin ich mir schon bewusst. Aber im Feynman-Graphen
        (leider weiß ich nicht, wie man hier ein Bild reinstellt),
        haben die "Absorption" und die "Emission" definitiv
        verschiedene Zeit-Koordinaten. Was ist dazwischen? Oder gibt
        es das "Dazwischen" gar nicht und es dient nur dazu, die
        beiden Vorgänge gedanklich zu trennen?
        Eher Letzteres. Feynman-Graphen beschreiben virtuelle Zwischenzustände, was soviel heißt wie: es gibt sie nicht wirklich. Sie sind eine graphische Abbildung der Störungsreihe, die beliebig kleine Korrekturen liefert. Daß diese "Zwischenzustände" nicht real sind, sieht man schon daran, daß Energie- und Impulssatz dort nicht erhalten sind, daher die Schleifen, die im Bild der Störungstheorie zu regularisierbaren Integralen und zur Renormierung führen. Andersrum: solange du keine intermediäre Zwischenzustände
        messen kannst, gibt es keine Veranlassung, von einem
        Absorptions-Zerfall-Prozess zu sprechen.

        Warum stellt man es dann so dar, als ob es so wäre?

        Weil sie eine natürliche Veranschaulichung der Störungstheorie darstellen. Sie sind gewissermaßen ein mathematisches Artefakt. Die Frage ist sinnvoll, und das Photon gibt seine Identität
        nicht auf, solange kein Meßprozeß erfolgt. Erst mit diesem
        führt eine Absorption des Photons "zu Meßzwecken" zu einer
        Vernichtung desselben. Möglicherweise werden in der Folge neue
        Photonen emittiert, aber es sind dann eben andere und nicht
        dasselbe.
        Dazu hätte ich folgende Idee: Ich erzeuge verschränkte
        Photonen. Das Photon wird an einem Elektron Compton-gestreut.
        Verstehe ich Dich richtig, dass durch diesen Vorgang die
        Verschränkung nicht aufgehoben wird?
        Natürlich nicht. Nur müßtest du korrekterweise die zeitliche Entwicklung eines 2-Photon-Zustands im effektiven Potential des bewegten Elektrons betrachten. Das macht keiner, weil es keine interessante Frage ist (und sowieso praktisch nicht zu lösen ist).

        Der Punkt ist ja ohnehin der, daß du die erfolgte Compton-Streuung erst mit dem Meßprozeß "wahrnimmst". Dann ist die Verschränkung aber auch aufgehoben.

        Viele Grüße

        Oli

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