Chemische u. biologische Prozesse beim 'Verlieben'

Welche chemischen und biologische Prozesse finden im Körper statt, wenn er sich verliebt?

Gibt es Forschungen in diese Richtung, und wenn ja, wer weiss etwas über deren aktuellen Stand, oder zumindest, wo man Informationen darüber einholen kann?

Viele Grüße und schon mal vielen Dank für eure Mühen!
Oli

Hallo Oli!

Natürlich ist das Biochemische nur eine Seite des „Verliebens“. Dies liegt daran, daß zwar bei den meisten Tieren das Sexualverhalten weitgehend vom Vorhandensein bestimmter Hormonkonzentrationen abhängig ist, ohne die kein Kopulationsverhalten auftritt. Beim Menschen aber wird das Sexualverhalten kortikal gesteuert, auch wenn die Innervation der Geschlechtsorgane selbst nicht kortikal, sondern vegetativ geschieht. Ohne vegetative Erregung kommt kein Sexualverhalten in Gang. Fehlfunktionen im Vegetativum können also erhebliche Auswirkungen auf das Sexualverhalten haben. So kennt man 2 funktionelle Sexualstörungen - die verminderte sexuelle Appetenz und die sexuelle Aversion, die durch Störungen im Hormonsystem ausgelöst werden können (natürlich gibt es auch psychologische Ursachen). Die beteiligten vegetativen Prozesse können aber wahrscheinlich konditioniert werden. Lernprozesse spielen also ebenfalls eine bedeutende Rolle für die konkrete Ausgestaltung des Sexualverhaltens, v.a. beim Menschen.

Die Behandlung mit Sexualhormonen fördert das Interesse an und den Antrieb zu sexueller Aktivität (Testosteron beim Mann, Östrogen bei der Frau), allerdings wird damit nur das vor der Behandlung vorhandene Verhaltensmuster aktiviert und vielleicht verstärkt, jedoch kein neues geschaffen. Durch Hormongabe an kastrierte Tiere läßt sich das Sexualverhalten wiederherstellen, durch Läsion des Hypothalamus erlischt es.

Zwar verstehen Menschen unter „Liebe“ etwas anderes als nur Sexualverhalten, allerdings spielen die physiologischen Prozesse des Sexualverhaltens wohl immer eine Rolle, z.B. als „vorweggenommene partielle Zielreaktionen“ (anticipatory partial goal responses; Tolman, 1932). Solche partiellen Zielreaktionen können neurophysiologisch unterschwellige Aktivität der Muskeln und Drüsen sein, die normalerweise an der sexuellen Reaktion beteiligt sind. Man kann sich z.B. vorstellen, daß ein Flirt zwischen zwei Menschen Reaktionen auslöst, die sonst mit Sexualverhalten gekoppelt sind und deshalb schon verstärkend wirken (als sekundäre oder konditionierte Verstärker). Bei den typischen Reaktionen spielen Phenylethylamine eine Rolle, die ähnlich wie Aufputschmittel wirken und den Betroffenen in „verliebte“ Zustände bringen. Endorphine sorgen für allgemeines Wohlempfinden, beim Küssen und beim Sexualakt sorgt Oxytocin, ein Hormon, das aus der Neurohypophyse ausgeschüttet wird, für das Empfinden von Entspannung und Befriedigung.

Wie gesagt: Die Biochemie ist nur eine Seite der Medaille.

Gruß,

Oliver