Kollektiver Selbstmord bei Lemmingen

hey leute,

also von dieser komischen lemmingsache hat ja sicher jeder schon mal was gehört: bei überbevölkerung stürzen sich die lemminge ins meer, verzichten so auf ihre eigene reproduktion um den fortbestand der art zu sichern wegen knapper ressourcen usw…

vor einiger zeit hab ich nen recht seriösen tierfilm auf zdf gesehen, indem kam, dass das alles schwachsinn ist, es noch niemand gesehen hätte, und dass die lemmingpopulation alleine von den eisfüchsen abhängt.

naja mein ökologieproff ist da allerdings anderer meinung und bringt die lemmings als paradebeispiel für selbstmord zur arterhaltung.

ABER: wer hat recht???

im internet hab ich eben sowohl das eine als auch das andere gefunden und ich weiß auch nicht welche dieser seiten wissenschaftlich korrekt ist und welche nicht.

wär cool, wenn sich da jemand auskennt weil es interessiert mich echt!

vielen dank schonmal

aanie

Märchen
Hallo aanie,

also von dieser komischen lemmingsache hat ja sicher jeder
schon mal was gehört: bei überbevölkerung stürzen sich die
lemminge ins meer, verzichten so auf ihre eigene reproduktion
um den fortbestand der art zu sichern wegen knapper ressourcen
usw…

Ja, nur hat noch nie jemand sowas auf der Welt beobachtet…

vor einiger zeit hab ich nen recht seriösen tierfilm auf zdf
gesehen, indem kam, dass das alles schwachsinn ist, es noch
niemand gesehen hätte, und dass die lemmingpopulation alleine
von den eisfüchsen abhängt.

Und der Tierfilm hat IMO recht :wink: Ob das ganze allerdings auf Schwankungen in der Population von natürlichen Feinden der Lemminge (wie z.B. Füchse oder Hermeline) zurückzuführen ist, ist noch nicht wirklich geklärt. Eine weitere These ist die, dass sich die Lemminge selbst durch ihre explosionsartige Vermehrung die Nahrung entziehen. Wahrscheinlich ist es aber wohl - wie so oft - ein Zusammenspiel aus diesen und vielleicht noch anderen Faktoren, die zu den Populationsschwankungen der Lemminge führen.

Tatsache ist aber: Es wurde - selbst bei jahrzehntelanger Beobachtung von Lemmingen nicht ein Hinweis auf Selbstmord zur Arterhaltung gefunden. Es gibt einfach keinen Beweis für dieses Selbstmordverhalten…

naja mein ökologieproff ist da allerdings anderer meinung und
bringt die lemmings als paradebeispiel für selbstmord zur
arterhaltung.

…und von daher finde ich die These deines Profs, dass hier auch noch ein „Paradebeispiel“ vorliege, schon etwas abenteuerlich.

Eine schöne objektive Zusammenfassung der derzeitigen Forschung ist IMO hier zu finden:
http://www.geo.de/GEO/wissenschaft_natur/tiere/2003_…

mfg
deconstruct

Hallo !

Die Lemminge werden kaum so viel Verstand haben, dass sie sich sagen: So, jetzt reicht es. Wir sind zu viele, ab in den Abgrund mit uns, damit unsere Kinder was zu Essen behalten.

Selbst in Meyers Lexikon von 1905 steht nichts von kollektivem Selbstmord. Schon damals vermutete man Krankheiten, welche die Lemminge in Panik versetzten. Und da sie nun hauptsächlich in Gebirgen leben, stürzten sie wohl auch schon mal ab. Das Gleiche hat man schon mit Bisonherden erlebt und mit anderem Getier.

Lemming (Myodes Pall.), Gattung der Nagetiere aus der Familie der Wühlmäuse (Arvicolidae), kleine, sehr gedrungen gebaute, kurzschwänzige Tiere mit großem Kopf, tief gespaltener Oberlippe, kleinen, rundlichen Ohren, kleinen Augen, fünfzehigen, auch auf den Sohlen dicht behaarten Füßen und großen Sichelkrallen. Man kennt vier Arten im Norden der Alten und der Neuen Welt. Der norwegische L. (M. Lemmus Pall., s. Tafel »Nagetiere III«, Fig. 7, und Tafel »Arktische Fauna«, Fig. 5) ist 13 cm lang, mit 2 cm langem Schwanz, auf der Oberseite braungelb, dunkel gefleckt, auf der Unterseite fast sandfarben, mit gelbem Schwanz und gelben Pfoten und zwei gelben Streifen in der Augengegend, bewohnt die nördlichen Teile Skandinaviens und Nordamerikas, besonders die höhere Gebirgsregion, aber auch die Tundra, lebt gesellig in kleinen Höhlungen, unter Steinen oder im Moose, schürft im Winter lange Gänge in den Schnee und baut darin ein Nest aus Gras. Die Lemminge sind an manchen Orten sehr gemein; sie nähren sich von dem kümmerlichen Pflanzenwuchs ihrer Heimat, besonders von Flechten, und tun nur selten den Feldern erheblichen Schaden. Eine große Anzahl von Feinden und klimatische Verhältnisse verhindern zu starke Vermehrung der Tiere. In fruchtbaren Jahren, die Überproduktion erzeugen, unternehmen sie große Wanderungen, über die sehr viel gefabelt worden ist. Auf diesen Wanderungen brechen auch Krankheiten aus, und die vorangehenden Scharen werden von den nachfolgenden in die Flüsse und Fjorde getrieben. Der L. ist ungemein lebhaft und erregbar, verrät sich daher stets durch Quieken und Grunzen, flieht zwar bei einem Angriff, setzt sich aber, in die Enge getrieben, energisch zur Wehr und benimmt sich dann wie ein Hamster. In Lappland wird der L. in Notjahren gegessen. In der Pleistocänzeit war der L. in Mitteleuropa bis Polen, Ungarn, Belgien, Frankreich und die Schweiz verbreitet und dehnte seine Wanderungen bis Portugal aus.

[Lexikon: Lemming, S. 1 ff.Digitale Bibliothek Band 100: Meyers Großes Konversations-Lexikon, S. 116072 (vgl. Meyer Bd. 12, S. 399 ff.)]

Gruß Max

Hallo !

Hier die neuesten Erkenntnisse :

Dass sie sich ins Meer oder den Berg hinabstürzen, scheint kein Gerücht zu sein.

Aber - nicht um Selbstmord zu begehen, sondern sie haben keine Anung, was sie da machen. Sie haben sich verrechnet.
Bei ihrem Auszug aus der alten Heimat, der alle drei bis vier Jahre durch Überbevölkerung nötig wird, schwimmen die Lemminge auch durch Flüsse oder Seen und am Meer angelangt, halten sie dieses nur für einen weiteren Fluß oder für einen See. Also für ein Hindernis auf dem Weg in ihren neuen Lebensraum. Und diesen Irrtum erkennen sie zu spät.
Ein anderes Argument gegen die Selbstmordtheorie : Andere Lemminge ziehen bei Überbevölkerung auch bergauf.
(Lex.d.pop. Irrtümer)

Gruß Max

Wie schon oft bewährt…
…empfehle ich auch hier das informative „Stimmt’s“-Archiv der Zeit, das diese und andere interessante Fragen beantwortet:

http://www.zeit.de/stimmts/1997/1997_38_stimmts

Gruß Alex

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Hallo Aanie !

Dazu ein Artikel aus wissenschaft-online:
http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/690837

Das Wiesel war’s [31.10.2003]

Populationszyklen bei Lemmingen folgen konzertiertem Räuberdruck

Populationsgrößen schwanken, das ist an sich nicht ungewöhnlich. Wenn auf extreme Vermehrungsphasen aber regelmäßig ganze Generationen dahinsterben wie Lemminge, dann sollten dafür Gründe zu finden sein.

Zunächst gilt es, mit einer Legende aufzuräumen: Nein, Lemminge begehen keinen Massenselbstmord. Dennoch hält sich die Mär hartnäckig, vielleicht wegen der charakteristisch heftig schwankenden Bevölkerungszahlen typischer Lemming-Gemeinschaften. Schließlich folgen hier in einem regelmäßigen, etwa vierjährigen Populationszyklus auf veritable Lemming-Babyboom-Phasen - die den begrenzten Lebensraum buchstäblich mit Nachwuchs-Nagern überschwemmen - stets derart dramatische Einbrüche der Lemming-Kopfzahl, dass wiederkehrende Suizidwellen irgendwie plausibel ins Bild zu passen scheinen.

Der tatsächliche ökologische Grund für die auffälligen Populationsschwankungen, so dachten Biologen seit geraumer Zeit, sollte eigentlich leicht auszumachen sein. Immerhin sind die klassischen Lemming-Ökosysteme in der frostigen nördlichen Tundra artenarm und somit übersichtlich. Vielleicht, so eine Theorie, vermehren sich Lemminge hier einfach regelmäßig über vier Jahre so ungestört und übermäßig, bis sämtliches Nahrungsangebot verputzt ist und bevölkerungsregulierender Hungertod unausweichlich wird. Einer anderen Theorie zufolge könnte stattdessen der wachsende Sozial-Stress der Überbevölkerung Grund für die dramatisch einbrechenden Lemmingzahlen sein.

Beides falsch, meint nun Ilkka Hanski von der Universität Helsinki, der zusammen mit Benoît Sittler von der Universität Freiburg und Kollegen die Daten aus 15 Jahren Feldforschung im nordwestlichen Grönland auswertete. Besonderes Augenmerk legten die Wissenschaftler auf die Zusammenhänge der Populationsentwicklung aller im Nahrungs-Beziehungsnetz der Lemmingheimat relevanten Spezies. Das sind gerade einmal fünf: vier Jäger - das Hermelin, der Eisfuchs, die Schnee-Eule und die Falkenraubmöwe - und eben, als deren einzig bejagtes Standardopfer, der Grönländische Halsbandlemming Dicrostonyx groenlandicus.

Irgendwie logisch, dass die Populationszahlen von Eule, Fuchs und Raubmöwe über alle Jahre eng dem typischen Vier-Jahres-Zyklus ihrer Lemmingbeute folgten: Alle drei Jäger haben ähnliche Fortpflanzungszeiten wie die Lemminge und gedeihen besonders gut, wenn die große Zahl der Lemminge ihnen ein üppiges, leicht zugängliches Nahrungsangebot liefert. Nur, eine Erklärung für die dramatischen Schwankungen liefert dieser typische Jäger-Beute-Zusammenhang nicht.

Dafür ist vielmehr, so fanden die Forscher heraus, das Hermelin verantwortlich. Auch die Populationszahlen dieser Wiesel folgen einem zyklischen Auf und Ab; anders als bei den anderen Jägern aber hinkt der Hermelin-Reproduktionszyklus dem der Lemminge regelmäßig deutlich hinterher. Und das muss nach Modellrechnungen der Wissenschaftler für Bewegung sorgen: Während in einem optimalen Lemmingjahr der zurückhinkende Wieselnachwuchs noch ausbleibt, wachsen und gedeihen die Lemminge so prächtig, das sie zu immer leichteren Zielscheiben der ebenso schnell boomenden Jagdgesellschaft aus Eulen, Füchsen und Möwen werden. Die drei Arten halten ab einer bestimmten Schwelle die Lemmingzahlen konstant.

Dann aber addieren sich zu diesem fragilen Jäger-Beute-Gleichgewicht auf hohem Niveau plötzlich zu viele junge Hermelinjäger massenhaft als Nachzügler - und die Lemmingpopulation bricht unter diesem maximalen Räuberdruck ein. Am anderen Ende des Zyklus erholt sich die Lemmingzahl erst, wenn auch die Jägerdichte aus Mangel an Beute sinkt - und boomt wieder besonders, wenn die nachhinkenden, geburtenschwachen Jahrgänge der Wieselgeneration durchschlagen. Und das alle vier Jahre wieder.

Jan Osterkamp
Freier Wissenschaftsjournalist

© wissenschaft-online

Quellen
Science 302: 866-868 (2003):
http://www.sciencemag.org/

Web-Links
Hermelin (Mustela erminea):
http://www.wildbiologie.com/marder/mard1_08.htm
Dicrostonyx groenlandicus:
http://animaldiversity.ummz.umich.edu/accounts/dicro…

Weitere Meldungen zum Thema
Fressen und gefressen werden:
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/588860&tem…
Die Grenzen des Wachstums:
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/344827&tem…
Ein Gesetz für die Natur:
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/343826&tem…

Weitere Links zum Thema
Universität Freiburg, Institut für Landespflege:
http://www.landespflege-freiburg.de/
University of Helsinki, Department of Ecology and Systematics:
http://www.helsinki.fi/ml/ekol/english/

mfg
Christof

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diese wanderungsbewegungen bei überbevölkerung ist prinzipiell bei allen tierartenn möglich - sogar bei menschen: wenn lebensraum und nahrung knapp werden, weichen sie aus in gebiete, die nicht so stark bevölkert sind.

weil sich nun die lemminge (aber auch zb. eichhörnchen in der taiga) in solchen scharen auf den weg machen, fällt das natürlich als phänomen ins auge und man vermutet sonstwas dahinter.

man sollte tieren übrigens nicht verhaltensweisenn wie selbstmordgedanken unterstellen!

man sollte tieren übrigens nicht verhaltensweisenn wie
selbstmordgedanken unterstellen!

Hallo,

stimmt genau. Tiere haben kein Bewußtsein. Dem Affen werden langsam Verhaltensweisen nachgewiesen, die auf eine Art von Bewußtsein schließen lassen.
Dass Lemminge aber über sich selbst und ihre Ressourcen im Lebensraum reflektieren und sich zum Wohl der Population eines die Klippe runterstürzt ist absoluter Schwachsinn.
Stellt einen Hund vor einen Spiegel. Das Tier wird sein Gegenüber im ersten Augenblick für einen anderen Hund halten.

Mo

Hier noch ne sinnvolle Möglichkeit:
(aus einem Fernsehbericht über eine wissenschaftliche Untersuchung an Lemmingen)

Die L vermehren sich sehr stark (4 Jahres-rhythmus, das Gras von dem sie leben „wehrt“ sich gegen die immer stärker werdende Zerstärung, indem es Abwehrstoffe produziert, daß den Lemmingen endlich die Verdauung blockiert.
Aus Hunger wandern die Tiere dann aus ihrem angestammten Gebiert aus. Dabei müssen sie notgedrungen auch über Flüsse und Seen. Da sie keine großartigen Schwimmer sind, ertrinken vile von ihnen.

Erklärung erschien mir recht plausibel, weil das mit dem Verhaltren von anderen Pflanzen übereinstimmt.

Gruß

PeGö, dipl oec troph

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