Re^3: merkwürdige Evolution...(lang)
Hai, Jens aus Wolfenbüttel,
klar ist das bei den Chamäleons noch 'n Tick komplizierter.
Was sich als günstige Mutation herausstellen kann, wird nicht nur durch das ofensichtliche gefressen werden/nicht gefressen werden entschieden, sondern auch innerhalb sozialer Regeln. Bei Chamäleons ist die Tarnung ja schon gegeben: grün, ihr Farbwechsel-Vermögen hat aber mit dem Konkurrenzkampf mit Artgleichen um Weibchen zu tun. Wenn sich zwei Männchen treffen, dann prügeln die sich nicht, um festzustellen, wer der Stärkere ist und an die Weibchen darf, sondern "sie geben um die Wette an", d. h. jeder färbt sich so bunt er eben kann und der buntere gewinnt.
Eine Möglichkeit, wie das zu den brillianten Farben geführt haben könnte, die Chamäleons heute produzieren, könnte ungefähr folgende gewesen sein:
zunächst gewann das Männchen, das seine Farbe in ein kräftigeres Grün ändern konnte, dann erschien eines, das seine Grüntöne in Mustern anordnen konnte - Farbvarianten wirken durch Kontrast stärker, als wenn das ganze Tier sich umfärbt - das "Muster-Tier" hatte bessere Chancen bei den Weibern, bis alle Nachkommen Muster machen konnten und dann trat ein Tier auf, das, statt lauter Grüntöne, einen roten Fleck machen konnte - wieder ein verstärkter Kontrast, wieder bessere Chancen, bunter als der Konkurrent zu sein - mehr Nachkommen...
Natürlich ist so ein roter Fleck unter dem Tarnungsaspekt ziemlich ungünstig - also überlebten nur die Tiere, die in der Lage waren, sich wieder in schlichtes Grün zu "kleiden", aber die, die ihre Konkurrenten mit roten Flecken unterbuttern konnten, konnten sich besser vermehren. Na, und irgendwann trat ein Tier auf, das noch gelbe Flecken konnte...
Und so schraubt auch der Konkurrenzkampf um Weibchen weiter an der Evolutionsschraube.
A propos Weibchen: die beeinflussen auch die Entwicklung der Art. Und zwar mit ihren Vorlieben, denn bei vielen Arten wird der Konkurrenzkampf nicht durch einen direkten Sieg über das andere Männchen erzielt, sondern der "Sieger" wird durch die Weibchen gekürt. Besonders schön ist dieser Effekt bei Pfauen zu bewundern: Pfauen-Weiber stehen auf riesen Feder-Räder mit vielen Augen. Kappt man einem Pfau seine Schwanzfedern, lassen ihn seine Weibchen nicht mehr ran. Obwohl so ein riesen Schwanz unter dem Aspekt des reinen Überlebens ein großer Nachteil ist (kostet ein Haufen Energie, fleigt sich besch*** damit), sorgt die Vorliebe der Weibchen doch dafür, daß dieses, doch eigentlich unpraktische, Feature erhalten bleibt und sich langsam aber stetig verstärkt.
Also haben wir schon mal drei Faktoren, die über den Erfolg oder Nicht-Erfolg einer Veränderung entscheiden: Fressfeinde, innerartliche Konkurrenten und Weiber.
Gruß
Sibylle