Könnte mir wohl jemand erklären, warum Parasiten oder Viren, die sich in die Leber oder Gallenwege zurückziehen, dadurch dem Immunsystem ihres Wirtes entgehen können? Und sich da u.U. jahrelang „ruhig“ verhalten? Wovon ernähren sie sich dabei und eben, warum werden sie dabei nicht „entdeckt“?
Danke,
Stella
Hallo Stella,
vorweg: Viren sind keine Lebewesen i.e.S. D.h, sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und müssen sich von nichts ernähren. Viren sind nichts weiter als verpacktes Erbgut, das von einer Wirtszelle benutzt werden kann (bzw. muß), um neue Viren zu bauen.
Es gibt Viren, deren Erbgut in das Erbgut der Wirtszelle intergiert wird. Als (nun neuer) Teil des zelleigenen Erbgutes (das die Zelle nicht als „fremd“ erkennen kann!) wird es ebenso pfleglich behandelt wie eben das übriger zelleigene Erbgut auch. Das hat für das Virus große Vorteile! Nicht nur, daß es von der Zelle nicht abgebaut wird - es wird mit jeder Zellteilung auch noch an die Tochterzellen weitergegeben. Das Immunsystem sieht ebensowenig wie die Wirtszelle, daß ein paar Gene dieser Zelle „eigentlich“ nicht zur Zelle gehören. Das Virus selbst existiert in dieser Form auch gar nicht. Um da begrifflich klarzumachen, wir ein in die Zelle integriertes Viren-Erbgut auch als Provirus bezeichnet.
Bleibt nur ein Problem: Wenn nicht gerade zufällig eine der sehr wenigen Keimzellen als Wirtszelle gefunden wird, ist’s vorbei mit dem süßen „Leben“, wenn der Wirtsorganismus stirbt. Schaffte es die Zelle, das Erbgut des Virus vorher weiterzugeben an andere Organismen, bleibt das Virus über die Generationen erhalten. Da gibt es verschiedene Strategien. Die erfolgreichsten schädigen den Organismus nicht wesentlich und nutzen zur Ausbreitung Phasen, in denen das Immunsystem anderweitig beschäftigt ist (Herpes ist ein gutes Beispiel!).
Grüße,
Jochen
Hallo Jochen,
danke für Deine Erläuterungen. Wie verhält sich die Sache aber z.B. bei Protozoen? Genauer geht es um Giardien, da bin ich auf die Info vom Sich-in-die-Leber/Gallenwege-zurückziehen gestossen. Die leben ja extrazellulär und müssten eigentlich entdeckt werden, nur scheint der Ort eben die ausschlaggebende Rolle zu spielen! (Oder habe ich da etwas falsch verstanden?)
Gruss,
Stella
Jochen
Hallo,
danke für Deine Erläuterungen. Wie verhält sich die Sache aber
z.B. bei Protozoen?
Das weiß ich leider nicht so genau. Die üblichste Strategie ist das „Sich-verstecken“ in Schleim, wohin die Immunzellen nicht vordringen können. Der Schleim kann selbst produziert werden (Sichwort: Glycokalyx) oder auch körpereigener Schleim sein. Außerdem können verkapselte oder säuretolerante Erreger in Körperregionen verweilen, die für die Immunzellen tödlich sind (Bsp: Heliobacter pylori im suren Magenmilieu, dort auch noch geschützt durch Schleim). Außerdem bilden einige Erreger Dauerformen (Sporen od. Zysten), die von den Immunzellen schlecht entdeckt werden (weil die Antigenen Oberflächeneigenschaften fehlen, die eine „normale“ Zellmembran hat) und/oder einfach derart robust sind, daß Immunzellen sie nicht zu zerstören vermögen.
Giardien sizten im Darm (also AUSSERHALB! des Körpers), dort ist schonmal die Wahrscheinlichkeit gering, daß sie von Immunzellen gefunden werden. Selbst wenn, so ist dort keine koordinierte Immunabwehr möglich, weil die Cytokine die anderen Immunzellen nicht effektiv erreichen. Zudem bilden sie Zysten als Dauer- und Verbreitungsformen.
Grüße,
Jochen
Vielen Dank, Jochen, für Deine interessanten Angaben!
Stella