Hallo,
im Zuge des Ames-Tests lassen sich ja alle möglichen Substanzen auf ihre Mutagenität prüfen, wobei von Ames selbst festgestellt wurde, daß es eine Korrelation zwischen der Mutagenität und der Cancerogenität gibt. Dies ist auch sofort einsichtig; jedes Mutagen muß ein potentielles Cancerogen sein.
Es wurde aber auch festgestellt, daß manche Cancerogene nicht mutagen sind und ich habe im Moment ehrlich gesagt keine rechte Vorstellung, worauf das beruht. Kann mir jemand eine plausible Erklärung liefern? Ich bin über jeden Tip außerordentlich dankbar!
Schwere Frage. Ist in der Fachwelt nicht übereinstimmend gelöst. Meine Ansicht:
Es gibt Agenzien, sog. Tumorpromotoren, welche durch ihre Anwesenheit Signalkaskaden des Zellteilungszyklus anstoßen (z.B. Phorbolester, ein Analogon zu Inositol-3,4-bisphosphat, welches die Proteinkinase C stimuliert aber nicht hydrolysiert werden kann, aber auch Steroidhormone!). Solche Zellen haben dann einen Wachstumsvorteil mit evtl. verkürzter Generationsdauer. Das ist aber noch kein Tumor. Sobald das Agens entfällt, stehen die Zellen wieder unter ihrer Teilungskontrolle. Das ist bei der Steroidwirkung verwirrend: Da reagieren eben nur bestimmte Zellpopulationen drauf. Bei z.B. krankhaft gesteigerter Produktion eines bestimmten Steroids wachsen nun genau diese Zellen mehr als sie sollten (Tumorartige Wucherung). Sorgt man dafür, das die Konzentration des Steroids im Blut gesenkt wird, bildet sich dieser „Tumor“ von alleine wieder zurück. Etwas langfristiger könnten die Effekte von Agenzien sein, welche das Methylierungsmußter im Genom ändern. Die Demethylierung ist selbst per Def. keine Mutation, regulatorisch aber sehr wichtig. U.u. kann bei der betreffenden Zelle auch die Erhaltungsmethylierung nach der Verdopplung der DNA nicht aufrechtgehalten werden und die Teilungsrate der Zelle bleibt dauerhaft erhöht. Aber auch das ist noch kein Tumor, denn Tumoren benötigen viele Änderungen: Die Kontaktinhibition muß aufgehoben werden, die Angiogenese muß beeinflußt werden können, später ist auch das Durchdringen der Basalmembran und die Fähigkeit zur Migration von Bedeutung. Dazu muß so einiges in der Genregulation geändert werden, was sich nur durch eine Reihe verschiedener Mutationen dauerhaft manifestieren kann (da spielt dann in der Folge auch die klonale Selektion eine Rolle).
Doch nochmal zu den Tumorpromotoren: sie sind also selbst nicht mutagen. Dadurch, daß sie aber den Zellstoffwechsel und -teilung durcheinanderbringen, ist die Wahrscheinlichkeit von Folgemutationen erhöht (bzw. die Reparatur von Mutationen läuft nicht mehr richtig), was anschließend zur Tumortransformation beitragen kann. Die unmittelbare, direkte Ursache für die Tumortransformation sind aber die Mutationen, glaube ich. Die sind begünstigt, wenn die Mutabilität erhöht ist, und diese wiederum kann indirekt durch selbst nicht mutagene Agenzien erhöht sein (so wie man sagen kann: eine Party war Ursache eines Autounfalls. Nun fährt die Party selbst ja nicht Auto, aber jemand der gefeiert hat. Auf der Feier hat er Alk getrunken, dadurch schlecht reagiert und sich überschätzt und das Lenkrad im falschen Moment bewegt und das hast das Auto von der Fahrbahn abgebracht. Naja, der Vergleich hinkt, geb ich zu).