hallo ajo,
wie immer von muschel den hinweis vorab: ich bin keine psychologin und berichte nur aus meinen erfahrungen.
ein buch kann ich dir auch nicht empfehlen, aber ein paar gedankenanstösse kann ich dir sicher geben, bis hier von den ‚profis‘ jemand antwortet. so lang erzähl ich einfach mal.
was du beschreibst, das kenne ich gut. das war bei mir früher auch so bzw. ist es gelegentlich heute auch noch, wenn ich auf leute treffe, mit denen ich mir im wahrsten sinne des wortes ‚nichts zu sagen habe‘. aber das ist ja normal, das gibt es immer.
ich habe damals (heute auch noch) darüber nachgedacht, warum das so ist… warum kann ich mit fremden leuten nicht reden, warum lerne ich ‚nie‘ jemand kennen? natürlich waren da zunächst die typisch weiblichen gedanken: wenn ich grösser, schlanker, schöner wäre… ja dann… dann wäre alles ganz anders. das ist es aber nicht, von grösseren, schlankeren, schöneren menschen habe ich genau die gleichen probleme erzählt gekriegt (jetzt, jahre später, ich habe einen grossen bekanntenkreis mittlerweile).
mir fiel auf, dass ich an die gespräche einen zu hohen anspruch gestellt habe. ich hätte zwar oberflächlich gedacht gerne small talk gemacht, aber innerlich wollte ich es nicht wirklich. ich wollte eigentlich keine unverbindlichen bekanntschaften, ich habe freunde gesucht. dass ein neuer kontakt aber in der regel immer über small talk eingeleitet wird, auch einer, der später eine richtige freundschaft wird, das hab ich nicht realisiert damals. ich konnte nicht locker sein, der anspruch, jede person, die ich kennenlerne, gleich auf ihre eignung als freund/freundin abzuchecken war zu hoch.
wo habe ich die kunst des unverbindlichen lockeren gesprächs dann gelernt? zunächst mal beim jobben. ich habe während des studiums dann als briefträgerin gearbeitet. da bin ich mit vielen leuten in kontakt gekommen und hatte nur den anspruch, meine post zu verteilen. und hin und wieder gabs mit den leuten kleine unverbindliche gespräche. damals wurde ich wirklich lockerer, denn es hat spass gemacht. das war eine neue erfahrung für mich: blabla kann spass machen. der hohe anspruch auch an inhaltlich anspruchsvolle gesprächsthemen war weg.
freunde hatte ich dadurch aber immer noch nicht gefunden. klar, an der uni hatte ich ein paar lockere freundschaften, wir hatten ja die gleichen interessen. auf feten etc. stand ich wieder vor dem gleichen problem, was du beschreibst. ein paar themen (wetter, auto, auf die uni schimpfen, woher kommst du, wie heisst du, was arbeitest du etc.) abhandeln und schweigen.
lange rede … hm… überspringe ein paar jahre mit den üblichen versuchen, das problem zu lösen (kurse, bücher lesen etc.) … was es mir letztendlich gebracht hat, dass dieses problem ziemlich schnell aus dem weg geschafft war, das erzähle ich jetzt. kann sein, dass mich hier im board einige sonstwas heissen und meinen weg völlig verteufeln, aber meinen umgang mit kommunikation, smalltalk, umgang mit fremden personen etc. hat es völlig verändert. es war MEIN weg, bei vielen führt dieser weg zugegebenermassen völlig in die sackgasse, MIR hat es jedenfalls eine neue welt eröffnet. es war das chatten im i-net. das hat mich aus der ecke gebracht, zunächst nur im i-net, dann auch draussen, in der ganz normalen welt hier um mich rum. wie gesagt, ich weiss wohl, dass es menschen gibt, die dadurch endgültig in der isolation landen.
ich habe damit vor ca. 1,5 jahren begonnen und hatte glück, sofort an nette leute zu geraten. im nachhinein betrachtet kann ich dir auch sagen, warum es DAS war, was mir geholfen hat. letztendlich war es doch die unzufriedenheit mit mir und meiner optik. und ich habe mir von diesem weg nichts erwartet, hab das nur spasseshalber an einem langweiligen abend probieren wollen. dort konnte ich plötzlich ganz locker einfach mit den leuten reden, sie wussten nichts von mir, nicht wer ich bin, wie ich aussehe, wie alt ich bin. ich konnte mich nicht blamieren, denn ich hätte jederzeit ins nirwana verschwinden können, ich konnte kommunikation probieren ohne risiko. ich habe sehr schnell sehr viele leute kennengelernt, und es ging auch weiter, es entstanden auch genau DIE gespräche, die ich immer gesucht habe, die anspruchsvolleren, tiefergehenden, alles im schutz der anonymität. aus dieser bin ich dann irgendwann herausgetreten, langsam. erst durch ein foto … und siehe da, die haben immer noch mit mir geredet. sie haben sich immer noch gefreut, wenn ich einen chatraum betreten habe. dann mal telefonate … auf einmal war das miteinander sprechen auch kein problem mehr, die themen gingen nicht aus, denn vorher war ja schon viel geredet worden. dann auch treffen … mittlerweile hat sich ein richtiger freundeskreis herausgebildet. leute, die sich regelmässig treffen und abends in einem chatraum sitzen wie an einem stammtisch in einer kneipe.
und genau durch DIESE erfahrungen war ich auch in der ganz normalen welt locker geworden. auch da hat das mit dem leutekennenlernen auf einmal funktioniert. weil ich die positive erfahrung gemacht habe, dass ich den leuten wirklich was zu sagen habe und mich unheimlich gern unterhalte und das gnadenlos spass macht und es dabei nur auf eine positive ausstrahlung ankommt, dass man kontakte findet.
wie gesagt… mein weg… bei anderen kann es ins gegenteil umschlagen. und es war natürlich die geraffte rosarote fassung. negative erfahrungen habe ich damit auch gemacht, die macht jeder. man muss lernen, damit umzugehen.
so, nun hoffe ich, dass dir auch noch andere antworten gegeben werden. das waren meine erfahrungen.
toi toi toi! muschel