Hallo Metapher,
ich gehe mal davon aus, daß du von der Empfängerseite des
Briefes aus von dem Brief Kenntnis bekommen hast.
Gut getippt 
Aber ich kenne beide Seiten recht gut.
Gibt es tatsächlich Psychiater, Therapeuten o. ä., die ihren
Patienten empfehlen, sich allen Frust von der Seele zu
schreiben um ihn dann sehr unpersönlich an z. B. die Eltern zu
senden?
Die erste Frage wäre: Was wissen denn die Eltern darüber,
ob und wenn ja, welche Art von Therapie ihr Kind
macht?
Das, was da geschehen ist, ist so unspezifisch, daß man es
keinem speziellen psychotherapeutischen Verfahren zuordnen
kann. Innerhalb der vom geltenden Therapeutengesetz
abgesegneten psychotherapeutischen Verfahren (Psychoanalyse
und Verhaltenstherapie) ist es durchaus denkbar, daß bei der
Therapie eines Jugentlichen, innerhalb derer u.a. die
Elternbeziehung ein spezielleres Thema ist, die
Möglichkeit zur Sprache kommt (als Empfehlung
dürfte es nicht ausgesprochen worden sein, wenn korrekt nach
den Prinzipien dieser Therapieformen gehandelt wurde), daß der
Patient bestimmte Inhalte über die Elternbeziehung schriftlich
niederlegt in dem Sinne, als ob er seinen Eltern dies
als Brief schicken würde.
Wenn man mal davon absieht, daß der Therapeut ja keinen
Einfluß darauf hat, was der Patient seinen Eltern an Post
zukommen läßt, wäre die „Empfehlung“ jedenfalls, diesen Text
dann auch abzuschicken, ein therapeutischer Mißgriff ersten
Ranges. Es wäre ja ein direkter Eingriff in das familiäre
Szenarium! Da wäre die Vermutung durchaus naheliegend, die
Fionny ja auch schon schrieb, daß der Patient da etwas falsch
verstanden hat: Daß er sowohl das Schreiben als auch das
Abschicken als „Empfehlung“ des Therapeuten mißinterpretiert
hat.
Die Eltern wissen nix von einer Therapie bei dem mittlerweile mitte30-Jährigen Sohn.
Es herrscht schon seit längerem eine etwas gespanntere Atmosphäre, nur daß sie sich jetzt so entladen hat, da glaub ich auch, daß er doch was völlig falsch verstanden hat bzw. eine ziemlich blöde Idee gehabt hat, wenn es tatsächlich von ihm ausgegangen ist, diesen Brief zu schreiben.
Selbst in der sog. (systemischen) Familientherapie, wo
ähnliches schon eher denkbar wäre, könnte das nicht regulär
passieren, denn dann wäre es im Rahmen einer Vereinbarung mit
allen Betroffenen passiert - dann aber hätten die Eltern davon
gewußt, auch schon vorher.
Das hört sich auch gut an, dann rechnet man damit. Aber ich denke, selbst dann würde ein Brief nicht dermaßen voller Wut (schon Hass?) sein, _so_ bösartig und gemein sein.
Es gibt natürlich auch noch folgende Möglichkeiten, was hier
passiert sein könnte:
- der „Patient“ hat den Rat (den Text abzuschicken) von
irgendjemandem bekommen, den er als „seinen Therapeuten“
bezeichnet, bzw. den er für einen regulären Psychotherapeuten
hält. Obwohl die offizielle Verwendung der Bezeichnung
„(Psycho)Therapeut“ inzwischen (im Gegensatz zur Bezeichnung
„psychologische Beratung“) strengen Regeln unterliegt
(abgeschlossene (Zusatz-)Ausbildung in einem
anerkannten Schulungsverfahren), gibt es immer noch
Schlaumeier, die sich diesen Titel gerne zulegen. Was die dann
unter diesem Kompetenzetikett alles treiben, darauf hat
niemand Einfluß.
Diese Möglichkeit kann sehr stark in Betracht gezogen werden. Da habe ich bzw. eine Freundin von mir auch schon leidvolle Erfahrungen mit gemacht - aber das ist ein anderes Thema 
- der „Patient“ hatte einfach Lust, seinen Eltern „mal alles
vor die Füße zu werfen“, tatsächlich ohne Rücksicht auf
deren Reaktion (was als „virtueller Brief“, also ohne
Abschicken, ggf. durchaus therapeutisch sinnvoll sein könnte).
Und eine ggf. vorhandene moralische Hemmung hätte er dann
unter der unwahren Vorgabe, es sei ein Rat eines
Theapeuten, für sich persönlich bewältigt.
Das war auch meine Reaktion: Einen Brief schreiben, gut, und dann entweder behalten, zerreissen oder auch verbrennen um die ganze aufgestaute Wut loszuwerden… oder so ähnlich. Aber doch nicht _abschicken_!
Man kann den Eltern nicht vorwerfen, daß sie nach diesem Brief ziemlich fertig und entsetzt sind. Theoretisch hat er sich das verbaut, daß er je wieder mit seinen Eltern im Ansatz harmonisch auskommen könnte.
Wäre er 16-17-18 Jahre alt oder so, könnt man das ja noch alles als pupertären Wutausbruch hinnehmen, aber als mitte30-jähriger …
Was man ohne näheres Wissen und aus der Ferne den betroffenen
Eltern aber (egal, wie es zu dem Brief kam!), empfehlen
könnte, wäre, diesen Brief als Ausdruck eines dringenden
Bedürfnisses ihres Kindes zu nehmen, so weh es auch tun mag,
und den Inhalt - so weit es möglich ist -
bewertungsfrei genau zu studieren. Ganz sicher ist das
Geschriebene Ausdruck einer subjektiven (und vermutlich
irgendwie eskalierten) Verfassung des Kindes - selbst, wenn
Details darin nach Maßgabe der Erinnerung der Eltern
nicht stimmig sein sollten.
Es könnte immerhin ein Ansatz daraus gewonnen werden, den
fruchtbaren Dialog mit ihrem Kind wiederzufinden, falls das
ihr Wunsch ist - je nachdem, wie sie die (stimmigen
oder auch unstimmigen, das ist zunächst gleichgültig)
Informationen des Briefes für sich selbst verarbeiten. Ein
ausschließliches Konzentrieren auf die Vermutung, es
könnte hier ein therapeutischer Mißgriff vorliegen (was ja
durchaus sein kann), würde vielleicht einige fruchtbare
Möglichkeiten, den Dialog wiederherzustellen, verhindern.
Eine Empfehlung jedoch, wie sie auf den Brief (auf seinen
Inhalt und auf die Tatsache, daß er geschrieben wurde)
konkret reagieren könnten, kann man ohne Kenntnis der
näheren Umstände leider nicht geben.
Dramatisch ist natürlich zweifellos, daß das Kind den Eltern
(wie angedeutet) dialogisch nicht zugänglich ist. Auch hier
kann ich den Eltern ohne Eindruck der näheren Umstände nichts
unmittelbar vorschlagen. An Möglichkeiten, „was noch geht,
wenn nichts mehr geht“, gibt es jedoch viele…
Hinfahren, direkt und ruhig zur Rede stellen? Dieser Brief zeigt m. E. - da er so hart geschrieben ist, - daß er nichts mehr mit den Eltern zu tun haben will. Denn mit seinen Worten hat der diese Reaktion eigentlich provoziert. Drei Seiten maschinengeschriebenen Text voller Beleidigungen - da kann man gerade als Eltern, denk ich mal, - nicht so einfach, bewertungsfrei zu studieren. Ich kenne beide Seiten und ich weiß, daß er da mit arg scharfen Geschützen geschossen hat.
Aber leider weiß ich auch, daß der Schreiber nicht konfliktfähig ist, nicht kompromissbereit, sondern einfach ein - leider - feiger Mensch ist. Anderen weh tun, ja, aber dann nicht dafür geradestehen. Er sieht sein verpfuschtes Leben (was sich manche wünschen würden zu führen, dieses Leben - Arbeit, liebe Frau, liebe Kinder, nicht vorbestraft, keine Drogensucht, körperlich gesund (geistig weiß ich nicht)) als Ergebnis der Erziehung seiner Eltern an. Wie ich Fionna schon beantwortete, alle anderen sind immer Schuld, schon immer Schuld gewesen, nie er. Nie. M. E. hat jeder, mit dem ein Mensch so im Laufe des Lebens zu tun hatte, irgendwie mit Einfluß auf das Verhalten. Seien es nun Familienmitglieder, Schule, Arbeitskollegen, Bekannte und Freunde.
Wenn sich das Ganze als ein „therapeutischen Mißgriff“ herausstellt, sollte man den Brief vielleicht wirklich nicht komplett ignorieren, aber dann hätte man wieder eine Basis, meiner Meinung nach, um darüber zu reden. Aber schwierig wird es, das ist sicher.
Danke erstmal für die Denkansätze!
Schönen Gruß
Silvia