Die Zwangsstörung
Hi Claudia!
Zu Deiner Frage:
Was geht in ihr vor, oder was funktioniert nicht?
Da Deine Bekannte schon in Behandlung war, kann ich wohl davon ausgehen, daß es sich um eine „echte“ Zwangsstörung handelt?
Hier ein paar Infos zur Zwangsstörung:
Zwangsstörungen können danach unterschieden werden, ob Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen im Vordergrund stehen. Wesentliche Charakteristika der Zwangsstörungen sind, daß die Zwangsgedanken und Zwangsimpulse
- sich aufdrängen,
- sich das „Ich“ gegen sie vergebens wehrt,
- gleichzeitig als unsinnig oder verwerflich empfunden werden.
Die Zwangsstörung wird unter die Angststörungen gerechnet, weil die Psychoanalyse eine bestimmte Ansicht zur Genese dieser Störung vertritt, die die Einschätzung der Zwangsstörung bis in die heutige Zeit dominierte. Die psychoanalytische Theorie zur Zwangsstörung geht von einer Fixierung des Kindes auf der analen Entwicklungsstufe aus. Nach einem Trauma erfolgt eine Reaktivierung von Praktiken, die in der analen Phase durchgeführt worden sind und als Zwangsrituale definiert werden. Modernere Ansichten in der Tiefenpsychologie gehen davon aus, daß bei einer Zwangsstörung eine generelle Verdrängung von Es-Impulsen vorliegt, die durch Zwangsrituale gesichert werden.
Im Gegensatz dazu sieht das kognitiv-behavioristische Modell Vermeidungslernen bei der Zwangsstörung im Vordergrund (z.B. nach der Zwei-Faktoren-Theorie nach Mowrer). Das Vermeidungslernen stellt sicher, daß aversive Ereignisse nicht erlebt werden müssen. Nach Beendigung eines Zwangsrituals müßten Erleichterungsgefühle auftreten (negative Verstärkung). Es gibt auch kognitive Anteile: Bei der Zwangsstörung tritt häufig depressive Verstimmung auf, ebenso existiert ein Verhaltenscodex. Der kognitive Psychologe und Psychotherapeut Beck sprach von dysfunktionalen Überzeugungen hinsichtlich der Nützlichkeit der Zwangsrituale.
Die Kritik am kognitiv-behavioristischen Modell richtet sich v.a. auf zwei Punkte:
- Die Zwangspatienten vermeiden die Zwangsrituale auslösenden Situationen nicht, sondern suchen sie direkt auf. Vermeidungslernen als Erklärungsansatz kann also nicht in Frage kommen.
- Die Therapie für die Zwangsstörung hat nicht immer erfolgreiche Auswirkungen, weil die auslösenden Reize der Zwangshandlungen nicht immer einen direkten Bezug zu der Intensität der Zwangshandlungen haben. So löst bereits kleinster Schmutz das massive Zwangsritual aus.
Die heutige Sicht zu den Zwangsstörungen geht von neurobiologischen Überlegungen aus: Es zeigt sich, daß bei Zwangsstörung Medikation mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern wirksame Folgen hat. Dies führte zu einer Annahme einer kausalen Erklärung, daß nämlich bei Zwangskranken der Serotoninspiegel zu niedrig sei. Diese Annahme ist jedoch aufgrund ihrer Globalität nicht zulässig. Allerdings zeigen Patienten mit Serotonin-Agonisten und Wiederaufnahmehemmern ein verbessertes, jedoch nicht symptomfreies Verhalten.
Ein anderer neurobiologischer Ansatz ist derjenige von Floyd Blum. Blum geht davon aus, daß bei einer Zwangsstörung eine Basalganglienstörung (Störung in Hirngebieten, die bei der Koordinierung von Bewegungen unterstützende Funktionen leisten) vorliegt, die zu den perseverationsartig durchgeführten Zwangsritualen führt. Heute wird dieser Ansatz durch die Annahme eines gestörten fronto-striatalen Regelkreises ergänzt. Zwangsgedanken werden als subvokale Sprechperseverationen angesehen.
Diese Annahmen beruhen auf den Tierversuchen von Gray, der Läsionsstudien am Hippokampus durchführte. Der Hippokampus arbeitet im 40Hz-Rhythmus (Hippokampus-Theta). In den 70er Jahren wurde der Hippokampus als Schrittmacher bei der Codierung von Gedächtnisinhalten angesehen. Grays Annahme war, daß eine Störung der hippokampal-basalganglionären Verbindungen zu Störungen bei der Einspeicherung in das Gedächtnis führt. Der Befund aus den Tierversuchen bestätigt, daß eine Störung des Hippokampus-Theta zu einer mangelhaften Speicherung aller Informationen führt. Mit der Störung gehen perseverierende Handlungen einher.
1994 haben Rauch und Mitarbeiter mit Hilfe von PET-Untersuchungen (Positronenemissionstomographie, ein noninvasives bildgebendes Verfahren zur funktionalen Analyse von Organen, v.a. dem Gehirn) die Gehirnaktivität von Zwangspatienten in Ruhe untersucht. Bei diesen Untersuchungen fanden sie, daß der Nucleus caudatus, das Putamen und das vordere Cingulum (bilden die Basalganglien) metabolitisch hyperaktiv sind, d.h. daß der Stoffwechsel in diesen Gehirnstrukturen erhöht ist. Dies war die Grundlage für die Theorie der fronto-striatalen Störung: Auch der orbitofrontale Cortex soll gestört sein, was mit einer Störung der Exekutivfunktionen (u.a. Überwachung und Koordinierung von Handlungen) verbunden ist.
Neuropsychologische Befunde zu Zwangsstörungen gibt es kaum. Allerdings liegt eine Untersuchung zur Emotionserkennung anhand von Gesichtern vor. In der Untersuchung wurde das „Facial expression coding system“ der Emotionsforscher Ekman und Friesen verwendet: Die postulierten Grundemotionen wurden anhand von Gesichtern dargestellt, wobei per Computer die Gesichter mit unterschiedlichen Emotionen übereinander gelegt wurden. Die Ergebnisse zeigen, daß Zwangspatienten die Emotion Ekel schlechter erkennen und verarbeiten konnten als Kontrollpersonen, die nicht an Zwangsstörung litten.
Mit PET konnte gezeigt werden, daß bei den Zwangspatienten das hintere Cingulum in anderer Weise als bei den Kontrollpersonen funktioniert. Zwangsstörungen könnten also auch auf Störungen in der Emotionsentwicklung verbunden sein.
Baxter untersuchte Patienten und Kontrollpersonen mit Zwangsstörung vor und nach einer Verhaltenstherapie. Erfolgreiche Verhaltenstherapie geht mit einer Senkung der Basalganglien- und Thalamus-Aktivität einher. Der Regelkreis der Basalganglien dient möglicherweise der Initiierung, Kontrolle und der Übersendung von Handlungen. Der frontale Cortex dient als übergeordnete Kontrolle.
Mehr habe ich für den Moment nicht auf Lager. Ich hoffe, daß Du trotzdem einen Einblick in die vermuteten Ursachen der Zwangsstörung gewonnen hast. Was das „In-einem-Patienten-vorgehen“ anbelangt, glaube ich nicht, daß es Dir irgend jemand außer den Patienten selbst, richtig sagen kann. Und die Patienten wissen auch nicht immer. Es soll so sein, daß Zwangspatienten - wie oben erwähnt - ihre Handlungen und / oder Gedanken ausführen müssen, sie sich dagegen oft vergeblich wehren und ihre Zwänge als unsinnig empfinden (dieses Symptom kann bei Kindern fehlen). Nach jahrelanger Zwangsstörung kann der Betroffene sich aber auch mit der Störung arrangiert haben und sein Widerstand schwächer sein.
Grüße,
Oliver