Persönlichkeitsspaltung?

Hallo,

ich habe Fragen zum Thema Schizophrenie. Gleich vorab: in welchem Zusammenhang stehen Sch. und Persönlichkeitsspaltung? Ein und das selbe ist das doch nicht; soweit ich weiß, handelt es sich bei P. um einen Teil der S., stimmt das?

Im Grunde suche ich nach Anhaltspunkten bzw einer idiotensicheren :wink: Definition, anhand welcher man festzustellen versuchen könnte, ob eine Person mehr als nur sich selbst „hat“. Blöd zu formulieren, liegt aber daran, dass ich als Laie nicht so richtig weiß, was nun als P./S. zu verstehen ist, und wie.

Meines Wissens gibt es eine Liste von zehn oder elf Kriterien, welche man zur „Feststellung“ von Schizophrenie heranziehen kann. Vielleicht kann auch hier jemand weiterhelfen?

Um gleich ein konkretes Beispiel zu nennen: ein erwachsener Mensch um die 50 Jahre spricht nicht nur von sich, sondern auch von einem weiteren Individuum „in sich“, irgendeiner Lebensform im eigenen Körper. Der Mensch kann ziemlich präzise benennen, wo dieses Lebewesen am Körper sitzt („am Rücken, unter der Haut“), hat ebenso Vor-, Nach- und Rufnamen wie auch mehr oder minder eine Lebensgeschichte des „Zweiten“ parat. Weiterhin scheint die Person mit dem „Partner“ ein gemeinsames Leben zu führen, kann von Gesprächen und Situationen berichten, die offensichtlich nicht spontan erfunden, sondern scheinbar doch vorher direkt „miterlebt“ worden sind.

Der Mensch ist absolut fest von der Existenz des Individuums überzeugt, ob die Person auch eine Art intime und sexuelle Beziehung pflegt, vermag man nicht einzuschätzen. Allerdings sei angemerkt, dass die Person auch sonst im Alltagsleben viele Dinge mit der Phantasie verbindet und vielleicht auch durcheinander bringt. Die Person spricht z.B. von Geistern und Königen, welche nachts aus den Wänden hervortreten und durchaus mit ihr sprechen treten, mit ihr Kontakt suchen. Die Person empfindet das als völlig selbstverständlich, den Eindruck, sie wolle nur Aufmerksamkeit, hat keiner.

Langes Beispiel, auch nur aus persönlichem Interesse meinerseits :smile:. Grüße euch, vielleicht weiß ja jemand was :smile:. Reicht auch schon, wenn jemand was zum Thema generell zu schreiben weiß.

Gruß,
Stefan

zwei Links
Hallo Stefan!

Hier zwei Links. Der folgende zum Thema „Persönlickeitsstörungen“ und wie sie sich (lt. diagnostischer Kriterien aus dem DSM-IV) äußern:

http://www.psychologie.unizh.ch/klipsy/rink/psys00g1…

Und der zweite Link hier zum Thema „Schizophrenie“:

http://www.psychiatrie.de/diagnose/schizo.htm

Liebe Grüße
Bettina

(Es ist einfach gerade zu viel für mich, hier alles zusammenzufassen - Zeitmangel, sorry!.. Aber die Links erklären Deine Fragen meiner Meinung nach ganz gut).

Schizophrenie?
Hi Stefan

zunächst zu deiner Frage nach den Begriffen:

  1. „Persönlichkeits_spaltung_“ ist nur ein Übersetzungsversuch des Ausdrucks „Schizophrenie“ (eigentlich „gespaltenes Denken“), wobei der Name „Schizophrenie“ selbst aus den Anfängen der diesbezüglichen Forschung stammt (vom Schweizer Psychologne Bleuler eingeführt) und beibehalten wurde. Dieser Name hat aber mit den Eigenarten dieser heute so genannten Störung nur wenig zu tun.

  2. Der von Bettina unten angegebene Link zu den „Persönlichkeits_störungen_“ führt zu einer Gruppe von Störungen, die nicht zu den psychotischen zählen und mit dem von dir beschriebenen Beispiel nichts zu tun haben

  3. Dir schwebte vermutlich die Bezeichnung „multiple Persönlickeit“ vor. Die „multiple Persönlichkeitsstörung“ gehört aber trotz dieser Bezeichnung nicht zu den o.g. Persönlichkeitsstörungen, sondern zu den sog. Dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen) und diese wiederum zu den neurotischen Störungen. Die multiple Persönlichkeit hat aber ein anderes Erscheinungsbild als das von dir beschriebene. Hier treten (meist zeitlich getrennt) Persönlichkeiten auf, die entweder gar nichts voneinander wissen oder miteinander kommunizieren, die entweder völlig verschiedene Biografien, Eigenschaften, sogar Fähigkeiten haben oder charakteristische Gemeinsamkeiten in Biografien, Eigenschaften oder Fähigkeiten. Oft sind auch die Namen, die die Hauptperson ihren Nebenpersonen gibt, an deren Hauptmerkmale assoziiert usw.
    Diese und andere Eigenschaften betreffen aber immer Personen, die tatsächlich so auftreten (also nicht nur so phantasieren) und in dieser „Rolle“ mit ihrer Umwelt interagieren. Das unterscheidet dieses Phänomen von dem von dir erzählten. Im Übrigen werden auch immer wieder Zweifel an der Korrektheit der Beschreibung solcher Phänomene angemeldet, vor allem auch, weil vor einigen Jahren sich ein besonders spektakulärer Fall als Erfindung einer Autorin herausstellte.

Im Grunde suche ich nach Anhaltspunkten bzw einer
idiotensicheren :wink: Definition, anhand welcher man
festzustellen versuchen könnte, ob eine Person mehr als nur
sich selbst „hat“.

Es gibt zwar Versuche, Charakteristika psychischer Störungen in normierter Form zu beschreiben (hauptsächlich zum Zweck, eine möglichst eindeutige Kommunikation in der psychologischen und psychiatrischen Forschung und in der Therapietheorie zu ermöglichen), und es gibt daher auch diagnostische Manuale dafür, aber idiotensicher ist das keineswegs. Vor allem, weil es zur Identifizierung eines vorliegenden Krankheitsbildes in einem solchen Manual einer reichhaltigen Erfahrung und Schulung bedarf. Einfach solche Manuale durchscannen und nachschauen, ob man etwas wiedererkennt, was man meint, beobachtet zu haben, reicht da nicht und könnte katastrophale Folgen nicht nur für die Betroffenen haben.

Meines Wissens gibt es eine Liste von zehn oder elf Kriterien,
welche man zur „Feststellung“ von Schizophrenie heranziehen
kann.

Nein, bei weitem nicht. Es gibt - auch in der normierten diagnostischen Form - eine Menge von sog. Typen schizophrener Störungen, die alle eine eigene (lange) Liste haben. Zu einigen dieser Typen gehören Wahnvorstellungen (so würde das von dir Erwähnte genannt) gerade nicht. Und die diagnostische Identifizierung benötigt alle möglichen zusätzlichen Kriterien wie z.B. Randbedingungen oder Dauer des Aufretens der jeweiligen Phänomene, Vorgeschichte, Ausschlußkriterien gegen organische Ursachen (Drogen, Vergiftungen u.a.).

Nun zu deinem Beispiel:
Was du berichtest als solches genommen würde schon immerhin den Verdacht auf Schizophrenie nahelegen, da es zu einem von zahlreichen definierenden Charakteristika gehört, zumal du zusätzliche Merkmale unter „Allerdings sei angemerkt, dass die Person auch sonst im Alltagsleben …“ aufzählst.

Aber(!) - mehr als ein Verdacht auch keineswegs. Das Berichtete könnte einen beauftragten Diagnostiker bestenfalls veranlassen, in einer solchen Richtung genauer zu untersuchen, aber niemals allein auf der Basis eines niedergeschriebenen, zudem viel zu ungenauen und zu kurzen Berichtes, und erst recht nicht eines Berichtes, der auch noch von einer anderen Person geschrieben wurde, und die, wie du ja selbst sagst, Laie auf diesem Gebiet ist.

Viele viele andere Dinge müßten dazu untersucht werden. Vor allem fehlen die oben erwähnten Ausschlußkriterien, d.h. es müßte sichergestellt werden, daß bestimmte andere Merkmale nicht vorhanden sind. Ferner ist die Dauer von erheblicher Bedeutung (tritt es kontinuierlich oder episodisch auf, und wenn kontinuierlich, dann wielange, seit wann das ganze überhaupt usw. usw.) und es würden dazu auch zahlreiche andere Merkmale gehören, von denen in dem Bericht gar nicht die Rede ist.

Also, Stefan, so einfach ist es nicht. Und auch ein auf solche Erscheinungen spezialisierter Fachkundiger würde unter diesen Bedingungen eines Kurzberichtes eines Dritten nichts weiter sagen können und vor allem nicht dürfen. Die ungefähre Richtung, im Sinne eines bloßen Verdachtes - soweit darf man unter diesen Umständen sicher gehen - würde heißen: ja (siehe oben).

Und auch dies ist ganz sicher zu empfehlen, daß man den Herrn doch dringend ermutigen sollte, sich einmal einer eingehenden fachkundigen Untersuchung zu unterziehen (das wäre meines Erachtens eine psychiatrische) - je eher, desto besser.

Grüße

Metapher

Die Schizophrenien
Hi Stefan!

Es wurde hier schon viel Richtiges über die Schizophrenien (vermutlich sind es nämlich mehrere verschiedene Störungen unter einem Namen) geschrieben. Dennoch scheint es mir notwendig, noch etwas zu schreiben.

  1. Der Begriff „Schizophrenie“ stammt - wie Metapher schon richtig schrieb - von Eugen Bleuler, einem Schweizer Psychiater und Zeitgenossen Sigmund Freuds (standen auch in Kontakt). Der Begriff sollte tatsächlich auf eine Spaltung hindeuten, die Bleuler bei den Patienten (damals wurden sie noch als Patienten mit Dementia praecox bezeichnet - ein Begriff des deutschen Psychiaters Emil Kraepelin) entdeckt zu haben glaubte. Die „Spaltung“ sollte auf die Desintegration der psychischen Funktionen des Ichs hinweisen, die Bleuler anhand von „Basissymptomen“ (die 4 großen „A“: Assoziation (Gedankenzerfahrenheit), Affekt (Affektverflachung), Ambivalenz (in Gefühl, Handlung, Wille), Autismus (Loslösung von der Wirklichkeit)) kennzeichnete. Die 4 Basissymptome werden auch heute - zwar unter anderen Namen - noch als charakteristisch und häufig bei den Schizophrenien vorkommend angesehen. Diagnosen können damit jedoch nicht gestellt werden, weil die Symptomatik in ähnlicher Form auch bei anderen Störungen vorkommt.

Diagnosen können heute in der Tat anhand von Klassifikationssystemen gestellt werden, die bestimmte Kriterienlisten aufweisen und v.a. die von Bleuler genannten „akzessorischen“ Symptome herausstellen:

  • Wahn (v.a. bizarrer Wahn ist typisch)
  • Halluzinationen (typisch sind akustische H. in Form von kommentierenden, dialogisierenden, imperativen Stimmen)
  • Störungen des Ich-Erlebens (Gefühl der von „außen gemachten“ Handlungen, Gedanken, Gefühle)

DSM-IV (eines dieser Klassifikationssysteme) stellt außerdem noch heraus:

  • desorganisiertes Sprechen (Zerfahrenheit: Pat. fängst mit irgendwas an und springt nicht nachvollziehbar von einem Gedanken zum anderen),
  • desorganisiertes Verhalten (bizarre Bewegungen, bizarre Kleidung, Sich-nicht-mehr-Bewegen, Verharren in seltsamen Positionen)
  • sogenannte Negativsymptomatik (v.a. die Basissymptome von Bleuler).

Wichtig ist, daß die Symptome mindestens 6 Monate andauern, wobei es 1 Monat lang Symptome wie Wahn, Halluzinationen, desorganisierte Sprache, desorganisiertes Handeln (mindestens 2 davon) gegeben haben muß. Außerdem muß es zu sozialen und beruflichen Leistungseinbußen gekommen sein. Andere Störungen dürfen die Symptomatik nicht besser „erklären“ und die Symptome dürfen nicht auf eine organische Krankheit oder Einnahme von Drogen / Medikamenten (z.B. Ampethamine, Phencyclidin (angel dust)) zurückzuführen sein.

  1. Es ist richtig, daß es verschiedene Subtypen der Schizophrenie gibt. Diese gehen auf die verschiedenen Krankheiten zurück, die vor der Einführung eines gemeinsamen Namens Dementia praecox oder Schizophrenie unterschieden wurden. Man unterscheidet v.a.:

a) paranoid-halluzinatorischer Typus
b) hebephrener Typus
c) katatoner Typus

Es ist richtig, daß diese Typen eigene Kriterienlisten haben, diese sind jedoch aus der Hauptkriterienliste der Schizophrenie abgeleitet und nicht sehr lang :

zu a) hauptsächlich Wahn und Halluzinationen
zu b) hauptsächlich Stimmungsveränderungen, Verhaltensauffälligkeiten, Denkzerfahrenheit
zu c) hauptsächlich psychomotorische Symptome (Sich-Nicht-Bewegen, Sich-gegen-alles-Wehren, bizarre Haltungen einnehmen, Wie-eine-Wachsfigur-Modelliert-Werden-Können, sehr starke Erregung).

Daneben gibt es noch weitere Typen, (1) von denen nicht immer ganz klar ist, ob sie zur Schizophrenie gehören ( Schizophrenia simplex, schizotype Störung ), (2) die v.a. Negativsymptomatik aufweisen ( schizophrenes Residuum ) oder die (3) Mischzustände der 3 Haupttypen sind ( undifferenzierter Typus ).

  1. Die „Persönlichkeitsspaltung“ gehört - wie Metapher sagte - zu einer Störung, die früher „Multiple Persönlichkeitsstörung“ hieß und heute „Dissoziative Identitätsstörung“ heißt. Die Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeit) gehört einer ganz anderen Gruppe von Störungen an und darf nicht mit der Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen im engeren Sinn verwechselt werden. Im übrigen hat Metapher sehr zutreffend diese Störung geschildert, so daß ich nichts mehr hinzufüge.

  2. Zu dem von Dir geschilderten konkreten Fallbeispiel hat Metapher sehr viel Richtiges und Wichtiges gesagt. Auch mir scheinen die Symptome auffällig. Sie rechtfertigen sicherlich eine psychiatrische Abklärung, v.a. im Hinblick auf Schizophrenie. Jedoch kann vor dieser Untersuchung nicht behauptet werden, die von Dir erwähnte Person sei schizophren (was auch niemand getan hat). Wer so etwas täte, beginge einen Kunstfehler 1. Ranges.

Man darf nicht vergessen, daß es sich um einen Menschen handelt, dem man sehr Schlimmes antäte, wenn man ihn ohne Weiteres mit der Bezeichnung „schizophren“ abstempelt. Man soll sich nur vor Augen führen, was es bedeutet, tatsächlich schizophrene Symptome zu haben (also schwer krank zu sein) und dann als „verrückt“ stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Allzu leicht kommt es im Alltag dem einen oder anderen über die Lippen, jemand sei „schizophren“ oder „paranoid“, nur weil derjenige nicht so reagiert, wie man es sich wünscht. Wer so etwas schreibt, der offenbart, daß er / sie wenig Feingefühl hinsichtlich des Umgangs mit anderen Menschen hat und von Psychiatrie / Psychologie schon gar keine Ahnung.

Gruß,

Oliver