P.S. Du willst mir nicht zufällig per E-Mail ein bisschen was
aus deinen Erfahrungen berichten? Die Meinung eines
„Betroffenen“ finde ich natürlich besonders interessant!
Hallo Barbara,
mir ist erst viel später klar geworden, daß ich ein Workaholic war. Als ich das noch praktizierte und als Workoaholic lebte, war mir das gar nicht bewußt. Für mich war so ein Leben ganz normal.
Ich muß Dir dazu erklären, daß ich bereits in relativ jungen Jahren Alkoholiker geworden bin. Auch da weiß ich nicht mehr, was zuerst da war, der Alkohol oder die Probleme und/oder die Erkenntnis, daß man mit Alkohlol Probleme vermeintlich besser in
den Griff bekommt, zumindest besser ertragen kann.
Jedenfalls war es am Ende so, daß ich prophylaktisch schon immer so viel Alkohol intus hatte, daß die Probleme mal ruhig kommen sollten, sie würden schon sehen, was sie davon haben.
Ich war 25 und trank täglich 4 Flaschen Korn. Täglich ist dabei leicht gehetzt, denn der Tag hat 24 Stunden und teilte sich bei mir nun anders auf, als bei Otto Normalverbraucher. Es gab keine Tag- und Nachtphasen mehr, sondern nur noch a)ohnmächtig zugeschüttet im Bett liegen oder b)schweißnaß und halbvoll umhertorkeln bis wieder "a)"erreicht war.
Daß es so nicht weitergehen konnte, merkte zuerst meine Bauchspeicheldrüse, die anfing sich selbst zu verdauen. Mit akuter Bauchspeicheldrüsenentzündung im Krankenhaus liegend, war ich immer noch der Meinung, daß meine heftigen Entzüge eine Nebenwirkung dieser Bauchspeicheldrüsenentzündung waren. So ca. 30 Entgiftungen in stetigem Wechsel mit Rückfällen, ließen mich nach und nach erkennen, daß ich wohl doch alkoholsüchtig bin und ich wohl ohne die Hilfe Dritter keine Chance hätte dieser Sucht jemals wieder zu entfliehen. Ich entschloß mich zu dem, wovor ich mich sehr lange gedrückt hatte und machte eine Langzeittherapie.
Das war 1980. Ich war gerade 27 Jahre alt. Schnell stellte ich fest, daß ich mein eigentliches Ziel, nämlich Kontrolliertes Trinken wiederzuerlernen, nicht erreichen würde. Dies kann nicht funktionieren, wurde mir vermittelt, da im Gehirn so eine Art Relais verbrannt war. Ich nahm das mal so hin, was blieb mir übrig. Was wirklich so alles verbrannt war, merkte ich erst Jahre später.
Nach der Langzeittherapie (derzeit 12 Monate, 6 Monate sowieso und je 4 x 6 Wochen Verlängerung) fühlte ich mich geheilt. Die notwendige Anerkennung aus meinem Umfeld ließ auch nicht lange auf sich warten. Ich war ein Held und fühlte mich auch so. Nicht nur, daß ich nun auf den „immer noch Alkoholtrinkenden“ verächtlich herabblickte, denn ich war solch primitiven Verhaltensweisen gegenüber ja völlig erhaben, ich versuchte auch eine Botschaft zu verkünden, nein, hatte eine Mission zu erfüllen. Ich wollte die Welt retten.
Jedermann wurde von mir bekehrt. Ob er wollte oder nicht. Wer sich mit mir einließ erfuhr zwangsweise, was Alkohol doch für ein Teufelszeug ist. Und ich, der ja nun eine Therapie gemacht hatte und ganz genau bescheid wußte, ich konnte mich doch gar nicht irren und tat doch Recht daran so viele wie möglich mit meiner Überzeugungsarbeit zu konfrontieren. Ich, der Held, der jetzt auf einem Tanzabend, statt Alkohol, 30 Flaschen Cola trank und im Prinzip geisteskranker als vorher war. Um nun nicht ständig „nach Windeln zu riechen“ und auch ohne Alkohlol noch männlich zu wirken, rauchte ich weiterhin Camel ohne Filter und propagierte dies nicht als rauchen, sondern als Weltanschauung. Jo, ich muß schon mächtig einen an der Waffel gehabt haben und möchte heute gar nicht mehr so wirklich wissen, was manch einer um mich herum so derzeit über mich gedacht hat.
Ich wurde ruhiger. Blieb trocken aber war unzufrieden. Heute weiß ich, daß immer wieder Unzufriedenheit die treibende Kraft in die Sucht war. Hinzu kam, daß ich immer wieder versuchte Andere oder Sachen, die mich umgaben, zu ändern, anstatt das einzige zu ändern, was ich hätte wirklich hätte ändern können : mich.
Und so schlidderte ich trocken von eines Sucht in die Andere. Der Workoholic war meine nächste Station.
Beruflich veränderte ich mich vom Angestellten zum selbständigen Handelsvertreter und übernahm eine Handelsvertretung der Firma ADS Anker in Bielefeld. Ich vertrieb mit anfangs mäßigem Erfolg Abrechnungssystem für Handel- Gastronomie- und Tankstellen.
Irgendwie mußte ich mich doch von anderen unterscheiden und so war es für mich ganz klar, daß ich für jeden Kunden immer und ewig erreichbar sein mußte. Ungeachtet dessen es Tag oder Nacht war und egal ob Sonn- oder Feiertag. Wenn mein Kunde seinen Laden geöffnet hatte, hatte ich auch für ihn Zeit. Tankstellen haben 7 Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag geöffnet. Ich hatte es auch. Das war ich mir, meiner Firma, meinen Kunden einfach schuldig. Dummerweise gab der Erfolg mir auch noch recht. Ich verdoppelte von Jahr zu Jahr meinen Umsatz und meinen Gewinn, verdiente am Ende 50.000 DM im Monat (das hab ich zur Zeit nicht im Jahr) aber um welchen Preis. Meine Ehe wurde immer glücklicher, es konnte ja keinen Streit geben, man sah sich ja nie.
Ich konnte mir alles leisten, hatte schnell ein Haus auf dem Lande gekauft, fuhr Mercedes 300, kaufte für meine Frau auch nen Mercedes (damit sie nicht immer mit meinem fährt). Meine Frau kaufte sich Stilmöbel und Seidenteppiche. Man steckte schnell mal 100.000 DM in das Hanggrundstück um es optisch aufzuwerten, kaufe einen Holzpavillion in dem 30 Partygäste Platz fanden, ging chic Essen und konnte es mir leisten dem Kellner nen 100er Trinkgeld zu geben und dem Koch noch 100 drauf. Und die Parties im Pavillion machten sich gut. Man riß sich um die Einladungen.
Geld war bald der einzige akzeptable Wert, den man um sich herum noch gelten ließ. Menschlichkeit, Liebe und Freundschaften ließen sich kaufen, man brauchte sich persönlich nicht mehr bemühen, es ging tatsächlich alles: mit Geld.
Daß alle um mich herum auch eher an meinem Geld, als vielleicht an mir selbst interssiert waren (bis auf wenige Ausnahmen), blieb mir in meiner Verblendung verborgen. Natürlich war ich beliebt. Was sage ich: man liebte mich. Jeder. Alle. Das dachte ich damals tätsächlich.
So dauerte es ca. noch 5 Jahre, bis meine Frau und ich uns total auseinander gelebt hatten, uns nur noch das gemeinsame Haus und Geld zusammenhielt. Die Gesundheit war wohl auch schon angeknackst, nur sah ich das nicht so. Für Geld gab es alles zu kaufen, an Geld mangelte es dem Workoholic Gerhard Bröker nicht, bis dann die Trennung von der Frau die Weichen noch mal neu stellte. Die Richtung war vorgegeben. Es war in Richtung Sucht, wie eigentlich immer.
Meine Frau hatte ich nun nicht mehr, aber immer noch Geld. Und für Geld kann man alles kaufen, auch Rauschgift. Die neue Frau, die ich kennenlernte sah fantastisch aus. Mußte sie auch, denn ihr Körper war ihr Kapital. Sie war eine Edelnutte, die sich für Rauschgift prostituierte. Das wußte ich da noch nicht, erfuhr es aber früh genug, um selbst so süchtig zu werden, daß ich über die neue Sucht alles verlieren sollte:
Frau, Tochter, Hund, Haus, Firma, Job, Führerschein und beinahe mich selbst.
Um von 5 g Koks und 2 g Heroin, die ich mir inzwischen täglich spritzte, wieder herunter zu kommen, war eine erneute Langzeittherapie fällig. Dummerweise auch gleich ne Herz-Op, bei der mir die drei durch das Kokain zerfressenen Herzkranzgefäße durch Arterien ersetzt wurden, die man mir zuvor aus dem linken Bein entnommen hatte. 1 Jahr Langzeittherapie, ein Jahr Herz-Reha.
Heute lebe ich mit einer Lebensgefährtin zusammen, die mir wirklich zur Seite steht. Jutta schwirrt hier auch ab und an unter dem Nick Juki bei w-w-w herum *wink* *hallo Jutta*.
Und ich habe aufgehört andere zu ändern und endlich mich selbst geändert. Ich bin materiell längst nicht so gut gestellt wie damals, hab aber etwas gewonnen, was man mit Geld nicht bezahlen kann: Zufriedenheit.
Der Unterschied zwischen dem süchtigen und dem nicht süchtigen Gerhard macht nur ein einziges Wort aus: Zufriedenheit. So blöde sich das anhören mag. Ich weiß, daß es so ist.
Tut mir leid, daß das Posting etwas lang geworden ist und explizit, Dein Thema betreffend, vieles vielleicht „off topic“ ist. Für mich allerdings gehört alles zusammen, ging alles ineinander über. Der Worcoholic war nur eine Station auf der langen Reise meiner Sucht.
Zufriedene Grüße
Easy