Arbeitssucht im Betrieb

Hallo liebe Psychologie-Experten,

ich fange gerade an mich im Zuge einer journalistischen Recherche über das Thema Arbeitssucht zu informieren. Zwei neuere Artikel von Poppelreuter habe ich u.a. dazu jetzt gelesen (Wirtschaftspsychologie 4/2001 und eine Zusammenfassung seiner Studie auf seiner Webseite der Uni), die wichtigsten Links von den Betroffenen kenne ich auch schon.

Was ich jetzt suche:smile::

Einen (Arbeits-)psychologen, der mir von 2-3 (natürlich anonymisierten) Fällen aus der Praxis berichten kann (gerne per E-Mail, aber es interessiert vielleicht auch mehr Leute im Forum). Fragen, die mich dabei interessieren sind:

a. Wie erkenne ich bei meinen Angestellten/Kollegen, ob jemand arbeitssüchtig ist?
b. Was kann ich als Vorgesetzter tun? Einige präventive Maßnahmen schneidet Poppelreuter an, was habt Ihr für ganz konkrete Ideen, die sich vielleicht aus Euren Erfahrungen aus eurer Praxis ergeben haben? (Arbeitsplatzgestaltung, -organisation, Teamseminare etc…)
c. Eine Einschätzung: ist das nur ein Modethema und wieviel ist da wirklich dran? Es sind ja ansich immer die selben „Verdächtigen“, die sich damit beschäftigen. Wie ist das alles einzuschätzen? Wie seht Ihr die Entwicklung?

Zur Info: Die Leserschaft unseres Magazins besteht eher aus Personalentwicklern der Führungsebene und sonstigen Managern. Mein Blickwinkel ist also eher der des „Chefs“, der schauen muss, wie er für gute Arbeitsverhältnisse sorgen kann.

Dabei belass ich es erstmal:smile:,

beste Grüße,

barbara

Hallo Barbara,

hier mal der Link zu einer eher unscheinbaren Seite. Könnte mir vorstellen, im dortigen Forum Informationen zu bekommen, die an die Chefs „normalerweise“ nicht herangetragen werden:

Gruß
Easy
der selbst mal von Alk auf work „verlagert“ hatte.

?? :smile:)
Hallo Gerhard,

krieg ich jetzt noch den Link :smile:)?

liebe Grüße,

barbara

P.S. Du willst mir nicht zufällig per E-Mail ein bisschen was aus deinen Erfahrungen berichten? Die Meinung eines „Betroffenen“ finde ich natürlich besonders interessant!

Re: Sorry, mit Link macht mehr Sinn :smile:

Hallo Gerhard,

krieg ich jetzt noch den Link :smile:)?

Sorry Barbara, natürlich. Darum ging es ja wohl eigentlich :o)

http://www.bcnet.de/Sucht/arbeitssucht/index.html

P.S. Du willst mir nicht zufällig per E-Mail ein bisschen was

aus deinen Erfahrungen berichten? Die Meinung eines
„Betroffenen“ finde ich natürlich besonders interessant!

doch, doch. Nur allzuviel gibt es da gar nicht zu erzählen. Das Meißte hab ich im nachherein festgestellt. Zum Großteil nicht mal selbst. Ich mail Dich mal an.

Gruß
Gerhard

P.S. Du willst mir nicht zufällig per E-Mail ein bisschen was
aus deinen Erfahrungen berichten? Die Meinung eines
„Betroffenen“ finde ich natürlich besonders interessant!

Hallo Barbara,

mir ist erst viel später klar geworden, daß ich ein Workaholic war. Als ich das noch praktizierte und als Workoaholic lebte, war mir das gar nicht bewußt. Für mich war so ein Leben ganz normal.

Ich muß Dir dazu erklären, daß ich bereits in relativ jungen Jahren Alkoholiker geworden bin. Auch da weiß ich nicht mehr, was zuerst da war, der Alkohol oder die Probleme und/oder die Erkenntnis, daß man mit Alkohlol Probleme vermeintlich besser in
den Griff bekommt, zumindest besser ertragen kann.

Jedenfalls war es am Ende so, daß ich prophylaktisch schon immer so viel Alkohol intus hatte, daß die Probleme mal ruhig kommen sollten, sie würden schon sehen, was sie davon haben.

Ich war 25 und trank täglich 4 Flaschen Korn. Täglich ist dabei leicht gehetzt, denn der Tag hat 24 Stunden und teilte sich bei mir nun anders auf, als bei Otto Normalverbraucher. Es gab keine Tag- und Nachtphasen mehr, sondern nur noch a)ohnmächtig zugeschüttet im Bett liegen oder b)schweißnaß und halbvoll umhertorkeln bis wieder "a)"erreicht war.

Daß es so nicht weitergehen konnte, merkte zuerst meine Bauchspeicheldrüse, die anfing sich selbst zu verdauen. Mit akuter Bauchspeicheldrüsenentzündung im Krankenhaus liegend, war ich immer noch der Meinung, daß meine heftigen Entzüge eine Nebenwirkung dieser Bauchspeicheldrüsenentzündung waren. So ca. 30 Entgiftungen in stetigem Wechsel mit Rückfällen, ließen mich nach und nach erkennen, daß ich wohl doch alkoholsüchtig bin und ich wohl ohne die Hilfe Dritter keine Chance hätte dieser Sucht jemals wieder zu entfliehen. Ich entschloß mich zu dem, wovor ich mich sehr lange gedrückt hatte und machte eine Langzeittherapie.

Das war 1980. Ich war gerade 27 Jahre alt. Schnell stellte ich fest, daß ich mein eigentliches Ziel, nämlich Kontrolliertes Trinken wiederzuerlernen, nicht erreichen würde. Dies kann nicht funktionieren, wurde mir vermittelt, da im Gehirn so eine Art Relais verbrannt war. Ich nahm das mal so hin, was blieb mir übrig. Was wirklich so alles verbrannt war, merkte ich erst Jahre später.

Nach der Langzeittherapie (derzeit 12 Monate, 6 Monate sowieso und je 4 x 6 Wochen Verlängerung) fühlte ich mich geheilt. Die notwendige Anerkennung aus meinem Umfeld ließ auch nicht lange auf sich warten. Ich war ein Held und fühlte mich auch so. Nicht nur, daß ich nun auf den „immer noch Alkoholtrinkenden“ verächtlich herabblickte, denn ich war solch primitiven Verhaltensweisen gegenüber ja völlig erhaben, ich versuchte auch eine Botschaft zu verkünden, nein, hatte eine Mission zu erfüllen. Ich wollte die Welt retten.

Jedermann wurde von mir bekehrt. Ob er wollte oder nicht. Wer sich mit mir einließ erfuhr zwangsweise, was Alkohol doch für ein Teufelszeug ist. Und ich, der ja nun eine Therapie gemacht hatte und ganz genau bescheid wußte, ich konnte mich doch gar nicht irren und tat doch Recht daran so viele wie möglich mit meiner Überzeugungsarbeit zu konfrontieren. Ich, der Held, der jetzt auf einem Tanzabend, statt Alkohol, 30 Flaschen Cola trank und im Prinzip geisteskranker als vorher war. Um nun nicht ständig „nach Windeln zu riechen“ und auch ohne Alkohlol noch männlich zu wirken, rauchte ich weiterhin Camel ohne Filter und propagierte dies nicht als rauchen, sondern als Weltanschauung. Jo, ich muß schon mächtig einen an der Waffel gehabt haben und möchte heute gar nicht mehr so wirklich wissen, was manch einer um mich herum so derzeit über mich gedacht hat.

Ich wurde ruhiger. Blieb trocken aber war unzufrieden. Heute weiß ich, daß immer wieder Unzufriedenheit die treibende Kraft in die Sucht war. Hinzu kam, daß ich immer wieder versuchte Andere oder Sachen, die mich umgaben, zu ändern, anstatt das einzige zu ändern, was ich hätte wirklich hätte ändern können : mich.

Und so schlidderte ich trocken von eines Sucht in die Andere. Der Workoholic war meine nächste Station.

Beruflich veränderte ich mich vom Angestellten zum selbständigen Handelsvertreter und übernahm eine Handelsvertretung der Firma ADS Anker in Bielefeld. Ich vertrieb mit anfangs mäßigem Erfolg Abrechnungssystem für Handel- Gastronomie- und Tankstellen.

Irgendwie mußte ich mich doch von anderen unterscheiden und so war es für mich ganz klar, daß ich für jeden Kunden immer und ewig erreichbar sein mußte. Ungeachtet dessen es Tag oder Nacht war und egal ob Sonn- oder Feiertag. Wenn mein Kunde seinen Laden geöffnet hatte, hatte ich auch für ihn Zeit. Tankstellen haben 7 Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag geöffnet. Ich hatte es auch. Das war ich mir, meiner Firma, meinen Kunden einfach schuldig. Dummerweise gab der Erfolg mir auch noch recht. Ich verdoppelte von Jahr zu Jahr meinen Umsatz und meinen Gewinn, verdiente am Ende 50.000 DM im Monat (das hab ich zur Zeit nicht im Jahr) aber um welchen Preis. Meine Ehe wurde immer glücklicher, es konnte ja keinen Streit geben, man sah sich ja nie.

Ich konnte mir alles leisten, hatte schnell ein Haus auf dem Lande gekauft, fuhr Mercedes 300, kaufte für meine Frau auch nen Mercedes (damit sie nicht immer mit meinem fährt). Meine Frau kaufte sich Stilmöbel und Seidenteppiche. Man steckte schnell mal 100.000 DM in das Hanggrundstück um es optisch aufzuwerten, kaufe einen Holzpavillion in dem 30 Partygäste Platz fanden, ging chic Essen und konnte es mir leisten dem Kellner nen 100er Trinkgeld zu geben und dem Koch noch 100 drauf. Und die Parties im Pavillion machten sich gut. Man riß sich um die Einladungen.

Geld war bald der einzige akzeptable Wert, den man um sich herum noch gelten ließ. Menschlichkeit, Liebe und Freundschaften ließen sich kaufen, man brauchte sich persönlich nicht mehr bemühen, es ging tatsächlich alles: mit Geld.

Daß alle um mich herum auch eher an meinem Geld, als vielleicht an mir selbst interssiert waren (bis auf wenige Ausnahmen), blieb mir in meiner Verblendung verborgen. Natürlich war ich beliebt. Was sage ich: man liebte mich. Jeder. Alle. Das dachte ich damals tätsächlich.

So dauerte es ca. noch 5 Jahre, bis meine Frau und ich uns total auseinander gelebt hatten, uns nur noch das gemeinsame Haus und Geld zusammenhielt. Die Gesundheit war wohl auch schon angeknackst, nur sah ich das nicht so. Für Geld gab es alles zu kaufen, an Geld mangelte es dem Workoholic Gerhard Bröker nicht, bis dann die Trennung von der Frau die Weichen noch mal neu stellte. Die Richtung war vorgegeben. Es war in Richtung Sucht, wie eigentlich immer.

Meine Frau hatte ich nun nicht mehr, aber immer noch Geld. Und für Geld kann man alles kaufen, auch Rauschgift. Die neue Frau, die ich kennenlernte sah fantastisch aus. Mußte sie auch, denn ihr Körper war ihr Kapital. Sie war eine Edelnutte, die sich für Rauschgift prostituierte. Das wußte ich da noch nicht, erfuhr es aber früh genug, um selbst so süchtig zu werden, daß ich über die neue Sucht alles verlieren sollte:

Frau, Tochter, Hund, Haus, Firma, Job, Führerschein und beinahe mich selbst.

Um von 5 g Koks und 2 g Heroin, die ich mir inzwischen täglich spritzte, wieder herunter zu kommen, war eine erneute Langzeittherapie fällig. Dummerweise auch gleich ne Herz-Op, bei der mir die drei durch das Kokain zerfressenen Herzkranzgefäße durch Arterien ersetzt wurden, die man mir zuvor aus dem linken Bein entnommen hatte. 1 Jahr Langzeittherapie, ein Jahr Herz-Reha.

Heute lebe ich mit einer Lebensgefährtin zusammen, die mir wirklich zur Seite steht. Jutta schwirrt hier auch ab und an unter dem Nick Juki bei w-w-w herum *wink* *hallo Jutta*.
Und ich habe aufgehört andere zu ändern und endlich mich selbst geändert. Ich bin materiell längst nicht so gut gestellt wie damals, hab aber etwas gewonnen, was man mit Geld nicht bezahlen kann: Zufriedenheit.

Der Unterschied zwischen dem süchtigen und dem nicht süchtigen Gerhard macht nur ein einziges Wort aus: Zufriedenheit. So blöde sich das anhören mag. Ich weiß, daß es so ist.

Tut mir leid, daß das Posting etwas lang geworden ist und explizit, Dein Thema betreffend, vieles vielleicht „off topic“ ist. Für mich allerdings gehört alles zusammen, ging alles ineinander über. Der Worcoholic war nur eine Station auf der langen Reise meiner Sucht.

Zufriedene Grüße
Easy

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Die besten Romane schreibt das Leben…es hört sich wirklich
wie ein Roman an. Schon mal drüber nachgedacht…ich weiss es
gibt viele solche Bücher, aber…na egal.
Ich hätte nur eine Frage:

Ich bin materiell längst nicht so gut

gestellt wie damals, hab aber etwas gewonnen, was man mit Geld
nicht bezahlen kann: Zufriedenheit.

Der Unterschied zwischen dem süchtigen und dem nicht süchtigen
Gerhard macht nur ein einziges Wort aus: Zufriedenheit. So
blöde sich das anhören mag. Ich weiß, daß es so ist.

Was hat diese Zufriedenheit ausgelöst? Es kann doch nicht nur
an der neuen Partnerin liegen, das wäre wohl zu einfach.
Vielleicht, weil Du fernab jeder Drogen, quasie nüchtern Dich
erstmals erkannt hast?
Das würde mich interessieren, wenn ich Dir damit nicht zu nahe
trete, natürlich.

Herzl. Gruß
d.

Hallo Gerhard,

erstmal möchte ich ein großes Danke vorausgehen lassen für deine Offenheit! Das ist sicher nicht leicht.

Ich fand es in dem Sinne auhc nicht off-topic, da ich von einem Betroffenen bestätigt bekam, das Arbeitssucht fast immer mit anderen „Süchten“ einher geht.

Und jetzt habe ich eine vielleicht „blöde“ Frage - wie kann man als Arbeitssüchtiger wieder auf ein normales Maß kommen beim Arbeiten? Bei allen anderen „Drogen“ muss man ja völlig abstinent bleiben, wie du ja selbst schreibst. Wie kann an einen „Rückfall“ bei dieser Sucht vermeiden, wenn nicht durch Abstinenz?

Liebe Grüße und mit den besten Wünschen, dass du dir diese Zufriedenheit erhälst:smile:),

barbara

Hallo Dilarah,

Du kannst wieder Fragen stellen…

Ich bin einketzerischer Mensch (müßtest Du ja inzwischen wissen). Und als ein solcher behaupte ich hier ganz einfach mal, daß eigentlich so ziemlich alles, was bei der behandlung von Suchtkrankheiten derzeit passiert, am kern vorbeigeht.
Die ganzen geschichten mit den Verhaltensregeln und so… das kratzt alles nur and er oberfläche und gute Therapeuten wissen das auch. Ich schreibe ja auch immer mal wieder davon.
Es geht einfach darum, daß zum Beispiel Abstinenz viel mehr bedeutet, als nur auf ein Suchtnmittel zu verzichten, es ist für mich eine Lebensweise.
Man muß ganz einfach sich selber hinterfragen und verändern, wirklich verändern. Das fängt damit an, daß man seine krankheit akzeptiert. Aber dahinter steckt viel mehr, dahinter steckt auch Sück von dem, was man so gemeinhin Demut nennt. „Nimm Dich sebst nicht so wichtig, Du bist nicht der Nabel der Welt. Deine Probleme sind auch nicht größer, als die anderer Leute.“
Es gehört dazu, daß man seine lebenseinstekllung und seine Lebsnziele hinterfragt, daß man eigentlich erst einmal festellt, was man eigentlich will und was man vom Leben erwartet. Gerhard hat es ja schon angesprochen, Geld und Reichtum sind da wirklich nicht alles. Es gehört aber auch dazu, daß man seine grenzen hinterfragt. Ich kann nicht die ganze Welt ändern (auch wenn ich das manchmal möchte), ich muß einfach auch begreifen, daß manche Probleme nun mal nicht meine Probleme sind. Deshalb kann ich auch über die dummen Streiche mancher Politiker zum beispiel einfach nur noch lachen. Ob Scharping zur Unzeit baden geht oder mal irgendwo wieder ein Spendenskandal hochgeht - ich kann diese Dummheiten sowieso nicht ändern. Also bringt es mir auch nicht viel, mich drüber ewig aufzuregen. bei der nächsten Wahl kann man dann mal wieder daran denken, aber vorher…
Ich kann Dir nicht mal genau sagen, was da eigentlich passiert ist mit mir bei der Therapie damals. Ich weiß nur, daß ich plötzlich mit all meinen Ansichten und Überzeugungen auf dem Prüfstand stand und daß ich mich dieser prüfung gestellt habe. Und manches wurde gewogen und für zu leicht befunden, das tat auch ganz schön weh damals. Wer hört das schon gerne…
Weißt Du - Sucht hat ja irgendwie mit Suchen zu tun, mit der suche naach sich selbst und nach dem Sinn des Lebens. Da ist schon ein ganzer teil lebensphilospohie dabei und was weiß ich noch alles. Den frieden mit sich selber finden… das ist das Hauptproblem.
Wer das nicht schafft, der wird wahrscheinlich immer wieder reinfallen. Gerhard hat ja die ganze Bandbreite durch, bei mir ging es etwas schneller. Es dabei völlig egal, ob das Ding dann an Drogen gebunden ist oder eine stofflose Sucht ist. Manche Leute werden auch zu extremen Sportlern, da fällt das Ganze nicht so sehr auf. Unser aller Außenmister hat suich erst fettgefressen vor frust, nun rennt er vor sich selber davon. Der sucht auch noch (und da hat er bei seiner prinzipienlosigkeit bestimmt noch ne Weile zu tun mit).
Manchmal denke ich, unsere gesellschaft ist krank. Sie legt zuviel Wert auf Äußerlichkeiten - aber sie honoriert die wahren Werte nicht. Und die Süchtigen dieser welt sind nur besonders empfindlich, sie zeigen, wie krank die Gesellschaft schon ist. Aber darüber könnte man sicher ewig reden.

Gernot Geyer

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Hallo Dilarah,

Die besten Romane schreibt das Leben…es hört sich wirklich
wie ein Roman an. Schon mal drüber nachgedacht…ich weiss es
gibt viele solche Bücher, aber…na egal.

das war bisher kein Thema für mich, hab ich nie drüber nachgedacht. Weiß natürlich, daß Du Dich den Büchern und vor allem dem Schreiben verschrieben hast :wink:

Ich hätte nur eine Frage:

Was hat diese Zufriedenheit ausgelöst?

Ich weiß es nicht genau. Meine Anspruchshaltung hat sich einfach geändert, die Prioritäten sind andere geworden.
Irgendwann mußte ich erkennen, daß es viele Dinge gibt, die man nicht kaufen kann und Geld eben doch nicht das Maß aller Dinge ist.

Ich brauche weder hungern noch frieren, habe eine schöne, große und helle Wohnung auf 2 Ebenen mit 2 Bädern riesigem Balkon und Tiefgarage gemietet. Das war früher für mich undenkbar. Eigentum mußte es schon sein und statt des Ford KA hätte garantiert ein Wagen in der Tiefgarage gestanden, der den Stellplatz auch ausfüllt hätte. Momentan würde direkt noch ein weiteres Fahrzeug hinter meinem parken können.

Wäre meine Wohnung Eigentum, wäre das Wohnen darin sicher auch nicht anders, und fahren läßt sich mein kleiner KA letztlich auch sehr gut. Vernünftiger ists in meiner momentanen Situation allemal, nur früher hätte es so was nicht gegeben.

Ich brauche mich nicht mehr mit Rolex-Uhr und 1cm breiter Panzerkette und Armband behängen um dann das Gefühl zu haben wertvoller zu sein und andere mit dicken Ringen zu blenden, um ihnen indirekt zu zeigen, daß ich mir heute leisten kann, was sie in 20 Jahren noch nicht haben werden. Ich brauche das nicht mehr und das fühlt sich gut an.

Ich habe in meiner Vika geschrieben, daß wahrer Reichtum aus den Dingen besteht, die man nicht braucht. Und so ist es tatsächlich, ich lebe danach und es tut mir gut.

Und meine Jutta behauptet im Scherz schon mal, daß sie ca. 500.000 Euro mehr auf dem Konto hat, als Matthias Reim. Sie hat knapp 1000 Euro auf dem Konto und somit wohl nicht einmal gelogen :smile:

Gruß
Easy

Hallo Barbara,

[…]

Und jetzt habe ich eine vielleicht „blöde“ Frage - wie kann
man als Arbeitssüchtiger wieder auf ein normales Maß kommen
beim Arbeiten? Bei allen anderen „Drogen“ muss man ja völlig
abstinent bleiben, wie du ja selbst schreibst. Wie kann an
einen „Rückfall“ bei dieser Sucht vermeiden, wenn nicht durch
Abstinenz?

Ich denke, daß sich einerseits stoffgebundene und nicht stoffgebundene „Drogen“ genau in diesem Punkt schon mal wesentlich unterscheiden.

Einzige wirkliche Ausnahme ist da m.E. die Eßsucht, die ich hier ganz außen vor lassen möchte.

Im Gegensatz zu den stoffgebundenen Drogen läßt sich Arbeitssucht auf eine akzeptable Dosis zurückschrauben, wie ich durchaus an mir selbst feststellen konnte.

Allerdings war mein Antrieb derzeit die Gier nach Geld. Ich war 17 Jahre lang selbständig und somit nicht „fishing for compliments“. Mich motivierte Geld allein, nicht Lob und Anerkennung von Kollegen und/oder Chefs, wie es vielleicht bei angestellten Workoholics zusätzlich noch der Fall sein konnte.

Hinzu kam, daß ich durch die Herz OP ja auch gesundheitlich ausgebremst wurde und mir gar nichts anderes übrig blieb, als zunächst mal mit ganz kleinen Schritten wieder durchzustarten.
Insofern hatte ich, durch die Unannehmlichkeiten meiner (zwar selbst verschuldeten) körperlichen Gebrechen, eine indirekte Unterstützung bei der Bewältigung der Arbeitssucht. Ich mußte nicht kämpfen, bei mir hat es sich einfach so ergeben.

Über die sich übergangslos anschließende Drogensucht und die daraus resultierende Langzeittherapie, ordnete ich mein Leben ohnehin neu. Es gab völlig neue Maßstäbe, ich entdeckte verschollene Hobbies wieder und kompensierte einiges allein dadurch, daß ich mir für jemandem Zeit nahm, den ich jahrelang vernachlässigt hatte: mich selbst.

Es gab völlig neue Wertigkeiten und eine ganz andere Anspruchshaltung an das Leben und an mich selbst, als ich sie mir jahrelang fälschlicherweise vorgegaukelt hatte.

Heute arbeite ich um zu leben, früher war es genau umgekehrt.
Für mich hat sich außerdem ergeben, daß durch meine korrigierte Anspruchshaltung einfach nicht mehr so ein Geldbedarf erforderlich war, um diesen weitaus bescheideneren Ansprüchen zu genügen.

Völlig neu war, daß es für mich wichtig wurde, was ich mache, und wie ich es mache und nicht ausschließlich wieviel es denn einbringt. Ich habe, trotz allem was passiert ist, wohl auch noch sehr viel Glück gehabt.

Gruß
Easy

Hallo Gerhard,

Was hat diese Zufriedenheit ausgelöst?

Irgendwann mußte ich erkennen, daß es viele Dinge gibt, die
man nicht kaufen kann und Geld eben doch nicht das Maß aller
Dinge ist.

Nur mal konstanierend: mußte ich erkennen - mußtest Du?
Ja klar, es blieb ja weiter nichts.

Ich brauche weder hungern noch frieren, habe eine schöne,
große und helle Wohnung auf 2 Ebenen mit 2 Bädern riesigem
Balkon und Tiefgarage gemietet. Das war früher für mich
undenkbar. Eigentum mußte es schon sein und statt des Ford KA
hätte garantiert ein Wagen in der Tiefgarage gestanden, der
den Stellplatz auch ausfüllt hätte. Momentan würde direkt noch
ein weiteres Fahrzeug hinter meinem parken können.

Hm, wenn ich mir so Deine VIKA angesehen habe, man glaubt es
kaum. Du und auch Gernot geht ziemlich hart mit Euch ins Gericht, aber wenn daraus Zufriedenheit erwachsen ist, hatte
dieser in den Abgrund führende Weg ja doch einen tieferen Sinn.
Mit Dummheit und Haltlosigkeit oder gar Charakterschwäche hat
Abhängigkeit für mich noch nie zu tun gehabt. Traurig nur, daß
so viele es nicht schaffen, es wenig glückliche Umstände gehören wohl auch dazu (Freunde z.B.).

Ich brauche mich nicht mehr mit Rolex-Uhr und 1cm breiter
Panzerkette und Armband behängen um dann das Gefühl zu haben
wertvoller zu sein und andere mit dicken Ringen zu blenden,

Das ist, nein Du HAST damit Deine ganze Lebenseinstellung
verändert. Aber wenn man alles hat, wovon dann noch träumen?

Ich habe in meiner Vika geschrieben, daß wahrer Reichtum aus
den Dingen besteht, die man nicht braucht. Und so ist es
tatsächlich, ich lebe danach und es tut mir gut.

Das ist auch meine Meinung. Ich hab mir nie was aus Luxus gemacht, viele (einschl. mein Liebster) hetzen ihren Karrieren
hinterher, kommen dennoch nie an. Ich werd da oft mißverstanden.
Klar ist es zum Ko**** jeden Pfennig dreimal umdrehen zu müssen,
aber solange man das Leben genießen kann, ist das nicht wichtig.

Und meine Jutta behauptet im Scherz schon mal, daß sie ca.
500.000 Euro mehr auf dem Konto hat, als Matthias Reim. Sie
hat knapp 1000 Euro auf dem Konto und somit wohl nicht einmal
gelogen :smile:

hahahaha, Klasse!

Vielen Dank für die Beantwortung meiner Frage.

Herzl. Gruß
hd

Du kannst wieder Fragen stellen…

Furchtar, nicht wahr…:smile:

Ich bin einketzerischer Mensch (müßtest Du ja inzwischen
wissen). Und als ein solcher behaupte ich hier ganz einfach
mal, daß eigentlich so ziemlich alles, was bei der behandlung
von Suchtkrankheiten derzeit passiert, am kern vorbeigeht.

Ich les erstmal weiter, obwohl ich mir fast denke, was gleich kommt…

Die ganzen geschichten mit den Verhaltensregeln und so… das
kratzt alles nur and er oberfläche und gute Therapeuten wissen
das auch. Ich schreibe ja auch immer mal wieder davon.
Es geht einfach darum, daß zum Beispiel Abstinenz viel mehr
bedeutet, als nur auf ein Suchtnmittel zu verzichten, es ist
für mich eine Lebensweise.

Ja, dieses sich selber unabhängig machen, das Erlernen, für sich
selber verantwortlich zu sein, auch späterhin ohne therapeut.
Hilfe, eben seine ganze Einstellung zum Leben zu ändern.
Wenn Du es so meinst, kann ich Dir nur beipflichten. Aber ich denke auch, jeder Mensch muß da anders angefasst werden.

Es gehört dazu, daß man seine lebenseinstekllung und seine
Lebsnziele hinterfragt, daß man eigentlich erst einmal
festellt, was man eigentlich will und was man vom Leben
erwartet.

Ich glaube, das ist der schwierigste Part. Und oft werden gerade Menschen abhängig, die einen zu hohen Anspruch ans Leben stellen und sich immer wieder vom Leben betrogen fühlen (siehe mein
Vater, der fast alles lösen konnte, bis es durch die Sucht bergabging und der nie begriffen hat, daß der Alk. dran Schuld war, der es lieber auf alles andere geschoben hat).

Ich kann Dir nicht mal genau sagen, was da eigentlich passiert
ist mit mir bei der Therapie damals. Ich weiß nur, daß ich
plötzlich mit all meinen Ansichten und Überzeugungen auf dem
Prüfstand stand und daß ich mich dieser prüfung gestellt habe.

Der berühmte erste Schritt, es anzunehmen.

Und manches wurde gewogen und für zu leicht befunden, das tat
auch ganz schön weh damals. Wer hört das schon gerne…

Glaub ich gerne, vor allem, weil nüchtern betrachtet, mit
freiem Kopf sozusagen, manches zieml. besch**** aussieht.

Den frieden mit sich selber finden… das ist das

Hauptproblem.
Wer das nicht schafft, der wird wahrscheinlich immer wieder
reinfallen.

Zumindest in den grundlegenden Sachen.

Unser aller Außenmister hat suich

erst fettgefressen vor frust, nun rennt er vor sich selber
davon.

Sehr gut ausgedrückt. Weißt warum, weil ich bin mir immer nen
Schritt voraus und krieg mich nie ein…:smile:. Exzessiv halt,
aber ein Stückchen Suche-Sucht steckt schon dahinter, stimmt.

Manchmal denke ich, unsere gesellschaft ist krank. Sie legt
zuviel Wert auf Äußerlichkeiten - aber sie honoriert die
wahren Werte nicht.

Vergiss einfach, drüber nachzudenken, denn das diese Gesell-
schaft krank ist oder sehr kränkelt, ist klar. Aber in jeder
Gesellschaft ist das so. Damit hab ich abgeschlossen. Wir leben
in dieser Gesellschaft. Und Deine inneren Werte werden all jene
Menschen erkennen, die des Sehens fähig sind, die anderen sollen
sich weiter darstellen, als das, was sie gern sein wollen.

Und die Süchtigen dieser welt sind nur

besonders empfindlich, sie zeigen, wie krank die Gesellschaft
schon ist. Aber darüber könnte man sicher ewig reden.

Stimmt ewig reden und ändern kann man es nur für einzelne.
An dieser Stelle wollt ich mal fragen. Es gab hier diese
Barbara, die selber süchtig war, ich hab hier lange nichts von
ihr gelesen…sie war zwar etwas „deftig“, aber grundehrlich.
Eine zieml. starke Frau.

Sei Dir auch ganz herzlich gedankt für Deinen Artikel.

Herzl. Gruß
d-

Hallo,

ich rege mich auch nicht sonderlich über die gesellschaft als solche auf. Ich stelle es nur immer manchmal wieder fest.
Ansonsten komme ich damit schon klar, schon deshlab weil mir ja auch nichts anderes übrigbleibt, als sich da irgendwie zu arrangieren.
Ich bohre da nur halt gern immer mal wieder ein wenig - es reizt einfach zu sehr, da immer mal ein wenig zu sticheln…

Im Übrigen: Natürlich bin auch ich nicht wunschlos glücklich. Das wäre ja Stillstand und der ist immer gefährlich. Ich habe halt einfach das Gefühl, auf dem richtigen Wege zu sein… wohin der mich führt und wie es dann weitergeht, das sehe ich, wenn ich dort bin. Aber erst mal mach schon der Weg Spaß und das ist wichtig.

Gernot Geyer