Hallo Hagen!
Bei dem von Dir geschilderten Symptom der wiederholten ich-dystonen (also fremd und unsinnig, aber unaufschiebbaren) Rituale könnte es sich um ein Zwangsphänomen handeln – genauer: um Zwangshandlungen. Deine wenigen Worte stimmen mit den Aussagen von Patienten mit einer Zwangsstörung überein, allerdings ist eine genauere Abklärung, ob Du selbst unter einer solchen Störung leidest, nicht vom Internet aus möglich, so daß ich Dir rate, einen Fachmann zu einer genaueren Abklärung dieser Problemetik aufzusuchen.
Um Deine Frage zu beantworten, schreibe ich Dir mal die wissenschaftlichen Grundlagen zur Zwangsstörung auf, so daß Du über diese zu den Angsstörungen gehörige psychische Störung orientiert bist. Die Zwangsstörung wird unter den Angsstörungen eingeordnet, da Angst durch Zwangs-Gedanken, -Impulse, -Vorstellungen ausgelöst und durch Handlungen vermieden wird.
Als wissenschaftliche Kriterien der Störung gelten die folgenden
DSM- Kriterien für Zwangsstörung:
A
Entweder Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen
Zwangsgedanken (alle Kriterien müssen nebeneinander im gleichen Zeitraum bestehen):
1.
wiederkehrende und anhaltende Gedanken, Impulse oder Vorstellungen, die zeitweise während der Störung als aufdringlich und unangemesen empfunden werden und die ausgeprägte Angst und großes Unbehagen hervorrufen
2.
nicht nur übertriebene Sorgen über reale Lebensprobleme
3.
Versuch des Patienten, sie zu ignorieren oder zu unterdrücken oder zu neutralisieren (über Gedanken oder Tätigkeiten)
4.
Erkenntnis, daß sie nicht von außen „eingegeben“ sind (z. B. „dunkle Mächte zwingen mir ihren Willen auf“)
Zwangshandlungen (alle Kriterien müssen nebeneinander im gleichen Zeitraum bestehen):
1.
wiederholte Verhaltensweisen oder gedankliche Tätigkeiten, zu denen sich die Person als Reaktion auf einen Zwangsgedanken oder aufgrund von streng zu befolgenden Regeln gezwungen fühlt
2.
sie dienen dazu, Unwohlsein zu verhindern oder zu reduzieren oder gefürchteten Ereignissen vorzubeugen (nicht: Wohlbefinden oder Befriedigung hervorrufen); stehen in keinem Bezug zum zu verhindernden oder neutralisierenden, oder sind deutlich übertrieben
B
Die Person erkannte zu einem Zeitpunkt, daß A übetrieben oder unbegründet sind
C
Die Handlungen oder Gedanken bedeuten eine erhebliche Belastung, sind zeitaufwendig (mehr als 1 h/d) oder beeinträchtigen die Tagesroutine oder Funktionen
D
Falls eine andere psychische Störung vorliegt, so ist der Inhalt der Gedanken/Handlungen nicht auf diese beschränkt
E
Es liegt kein med. Krankheitsfaktor und auch nicht die Einwirkung einer Substanz (Droge, Medikament, Toxin) vor
Allgemein gilt, daß bei 2/3 der Fälle Zwangsgedanken und Zwangshandlungen gemeinsam auf treten; die Handlung ist dabei häufig eine Reaktion auf die Gedanken. Die Auftretenshäufigkeit liegt bei 1,5-2,1% jährlich, die Lebenszeitprävalenz wird mit 2,5% angegeben. Allgemein sind Männer und Frauen gleichhäufig betroffen. Der Häufigkeitsgipfel liegt bei Männern etwa zwischen 6 und 15 Jahren, bei Frauen zwischen 20 und 29 Jahren, d. h. die meisten Betroffenen zeigen während dieser Perioden die erste Manifestation der Störung, allerdings ist der Beginn in vielen Fällen eher schleichend und nur selten setzt die Störung plötzlich ein. Oft zeigt sich ein chronischer, progredienter, aber schwankender Verlauf, der Einfluss von Belastungsfaktoren ist dabei nachgewiesen. Eher selten ist ein episodischer Verlauf erkennbar.
Bei Zwillingsuntersuchungen fand sich eine genetische Komponente, so haben eineiige Zwillinge eine höhere Konkordanzrate als zweieiige Zwillinge (d. h. entwickelt ein eineiiger Zwilling eine solche Störung, zeigt sich bei seinem Zwillingsgeschwister mit größerer Wahrscheinlichkeit ebenfalls eine Zwangsstörung als die bei zwei zeieiigen Geschwistern der Fall ist). Darüberhinaus ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit für erstgradige Verwandte um etwa das dreifache erhöht.
Es existieren mehrere Erklärungsversuche für die Störung:
Die Kognitiv-behavioristisch orientierten Psychologen gehen davon aus, daß unerwünschte Gedanken alltäglich sind, aber daß im Normalfall über diese Gedanken hinweggegangen wird. Es wird allerdings angenommen, daß die Zwangspatienten eine extreme Häufung dieser Gedanken aufweisen, mit ihnen Schuldgefühle und Sorgen entstehen. Durch die Entwicklung eines bestimmten Rituals versuchen die Patienten diese Gedanken zu beseitigen, damit fühlen sie sich besser und es gelingt ihnen, die Gedanken, Impulse oder auch nur das Gefühl „daß sonst etwas passiert“ etwas zu verringern. Dadurch zeigen die Patienten in der Folge davon dieses Ritual mit einer größeren Wahrscheinlichkeit beim nächsten Auftreten eines solchen Zwangsgedanken – das Ritual bzw. die Zwangshandlung hat dann eine höhere Auftretenswahrscheinlichkeit. Darüberhinaus wird der Gedanke als nun noch bedrohlicher empfunden als er bereits vorher interpretiert wurde – da ja immerhin die „Neutralisierung“ des Gedankens durch das Ritual funktioniert hat. Damit achtet der Patient noch stärker auf solche Gedanken bzw. macht sich häufiger am Tag Sorgen über ihn und bewirkt ein häufigeres Auftreten des Gedankens, der dann wiederum auch häufiger durch ein Ritual „abgewehrt“ werden muss.
Es existieren einige Faktoren, die die störenden Gedanken in ihrer Störwirkung oder Auftretenshäufigkeit verstärken, darunter finden sich:
Depressive Stimmung (das Unbehagen über die Gedanken ist erhöht), ein strenger Verhaltenskodex (die Gedanken werden noch weniger akzeptiert), dysfunktionale Überzeugungen von Verantwortlichkeit und Schaden (es wird davon ausgegangen, daß bereits der Gedake mit einer entsprechenden „bösen“ Handlung gleichzusetzen ist und er umso mehr abgewehrt werden muss; desweiteren fühlt sich der Pat. dafür verantwortlich, einen potentiellen Schaden „wieder gut zu machen“; sein Bedürfnis nach Kontrolle führt zu noch größeren Schuldgeühlen und Unbehagen gegenüber den Gedanken), dysfunktionale Überzeugungen von Gedankenkontrolle (der Pat. geht von einer vollkommenen Kontrolle seiner gedanken aus, der Zwang entsteht als verzweifelter Versuch zur Gedankenkontrolle, um Kontrollverlust und „Verrücktwerden“ zu verhindern).
Neben dieser psychologischen Theorie existieren biologische Ansätze, die über v. a. hirnphysiologische Grundlagen der Störung reflektieren:
Die neuropsychologische Theorie nach Gray (veraltet), geht von einem Defekt des Kontrollmechanismus im Zentralen Nervensystem (ZNS) aus: Der Abgleich zw. einem Handlungsplan und dem Handlungsziel ist defekt, daher können Handlungssequenzen nicht gestoppt werden (d. h. der Patient „bemerkt“ nicht, daß er bereits nachgeschaut hat, ob der Herd ausgestellt ist), dabei werden Defekte im parietalen Temporallappen und im Hippokampus angenommen – wichtige Hirngebiete für das Gedächtnis.
Die Theorie der Basalganglienstörung nach Bloom geht vom folgenden aus: Ein defekter „Schaltkreis“ im Gehirn sorgt dafür, daß übermäßig über bestimmte Gedanken nachgedacht wird (genauer: der orbitofrontale Kortex [das Hirngebiet direkt über der Augenpartie] sendet an die sog. Nuclei caudati, die wiederum an den Thalamus senden – Zwangsgedanken entsehen bei zu großer Aktivität im Orbitofrontalem Cortex oder in den Nuclei caudati; Bloom stützt sich dabei auf Menschen, deren angegebene Hirngebiete beschädigt sind [Unfälle] und die seit der Schädigung Zwangssymptome zeigen bzw. keine mehr zeigen, sowie auf PET-Studien, die in den genannten Hirngebieten eine erhöhte Aktivität bei Zwangsgedanken und –Handlungen auslösenden Reizen zeigten. Allgemein ist der angegeben "Schaltkreis so zu verstehen: der Orbitofrontale Cortex ist zuständig für das self-monitoring [Überwachen der eigenen Handlungen] und die Impulsentstehung für primitive Aktivitäten [Ausscheidung, Sexualität, Gewalt etc.], er sendet an die Nuclei caudati, die Impulse werden dort in Gedanken und Handlungen umgesetzt. Die Nuclei caudati haben eine Filterfunktion, d. h. nur die stärksten Impulse gehen weiter an den Thalamus. Dort schließlich entsteht der Drang zum weiteren Nachdenken über die Impulse.). Desweiteren geht Bloom zur Erklärung der Zwangshandlungen davon aus, daß die sog. Basalganglien (Hirngebiete zum Abgleich zw. visueller und motorischer Wahrnehmung (=Abgleich zw. Befehl und Ausführung) defekt sind und damit ein motorischer Anteil der Gedanken entstehen könnte.
Eine weitere Theorie geht von einem Mangel des sog. Neurotransmitters Serotonin aus, der für die Kommunikation zwischen bestimmten Nervenzellen (v. a. in den Basalganglien) im Gehirn notwendig ist. Dies wurde u. a. damit nachgewiesen, daß Antidepressiva (z. B. Clomipramin), die die Menge an Serotonin zwischen den Nervenzellen erhöhen, Zwangssymptome mindern.
Die Therapiemöglichkeiten für Zwangspatienten sind bislang begrenzt, allgemein zeigten sich bei Zwangsphänomenen die schlechtesten Therapieaussichten von allen psychischen Störungen mit einer hohen Rückfallquote und langjährigen Behandlungsdauern. Der derzeit erfolgreichste Ansatz geht von einer Kombination aus Verhaltenstherapie und der Gabe von Medikamenten aus. Psychotherapeutisch wird der Patient einem die Zwangsgedanken auslösenden Reiz ausgesetzt und gezwungen, seine Handlungen NICHT durchzuführen. Allerdings hilft dies nicht gegen die Zwangsgedanken. Weitere (sog. „kognitiv“ orientierte) Ansätze versuchen zusätzlich dazu die Gedanken über eine Veränderung der Meinungen und Urteile über die eigenen Zwangsgedanken zu verändern. Medikamentös werden serotoninaktivitätssteigernde Antidepressiva (Clomipramin [Erhöhung der Serotoninkonzentration im Synapsenspalt und Aktivitätserhöhung serotonerger Strukturen in den Basalganglien], SSRIs wie Fluoxetin) verwendet.
Noch ein Wort zu der von Dir angesprochenen „narzisstischen“ Qualität der Zwangsgedanken – ich bin mir nicht ganz sicher, wie Du auf diesen Begriff gekommen bist, aber es stimmt schon, daß Patienten mit einer sog. „Narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ in ihren Symptomkriterien zur Diagnose dieser Störung eine mangelnde Empathie aufweisen. Sicherlich sind mangelhafte Empiriefähigkeiten aber so unspezifisch, daß sie neben der genannten Störung auch bei vielen anderen vorkommen können und sich auch im Normalverhalten zeigen. Solltest Du hierzu weitergehende Informationen benötigen, melde Dich bitte wieder.
Ich hoffe, ich konnte Deine Fragen beantworten,
Der Captain