Katharsis-Hypothese
Hallo Matthias!
Aber Chefs können Ulzera bekommen, Zebras nicht
(jedenfalls sagst Du das von Zebras).
der satz mit dem „they give them“ war auf die chefs bezogen!! -
Ja, eben. Chefs können Ulzera bekommen und Zebras sollen keine bekommen können. Also haut die Behauptung der nahen Verwandtschaft von Menschen und Tieren in dem Fall doch nicht hin! Und außerdem: Chefs können Ulzera bekommen. Wenn jetzt Sapolsky meinte, daß Zebras Ulzera bekommen können und Chefs nicht, dann ist da wieder keine Analogie. Dazu kommt, daß Chefs sehr wohl Ulzera bekommen können.
Ich habe im übrigen nicht bestritten, daß Ulzera bei Tier und Mensch auftreten können. Mich wundert nur dieser Zebra-Chef-Vergleich. Was soll uns dieser Vergleich sagen?
Folgendes: Ist die Hauptaussage diejenige, daß man seinen Frust abbauen soll, damit man keine Ulzera bekommt? Dann stimme ich insofern zu, als daß bei Herunterschlucken von Ärger das durch die Katecholamine verfügbare Aktivitätspotential ungenutzt bleibt. Der Organismus lernt, die „Conservation-Withdrawal“-Schiene (aus dem Henry-Stephens-Modell) bei Streß zu fahren, wodurch langfristig die Wahrscheinlichkeit von Organschäden (z.B. Ulcus) erhöht wird. Insofern wäre es gesünder, daß durch die Katecholamine zu Verfügung gestellte Aktivitätspotential auszuschöpfen (also Kampf/Flucht). Wenn die Zebras treten oder die Chefs jemanden zur Sau machen, dann tun sie nämlich genau das. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit für Ulzera geringer.
Das mit der Frustrations-Aggressions-Hypothese ist eine kompliziertere Geschichte. Die ursprüngliche Hypothese lautete:
„that the occurrence of aggression always presupposes the existence of frustration and, contrariwise, that the existence of frustration always leads to some form of aggression“ (Dollard, Doobs, Miller, Mowrer & Sears, 1939, p. 1).
Diese Hypothese ist natürlich nicht testbar, wenn nicht explizit gemacht wird, was mit Frustration und Aggression genau gemeint ist. Eibl-Eibesfeldt schreibt deshalb auch: „Man kann bisher keine Bedingungen angeben, die eine Aufzucht ohne die geringsten Entbehrungserlebnisse und Enttäuschungen garantiert. Irgendwelche Frustrationen kann man immer annehmen, notfalls eben solche des Abstillens, oder gar ein Erlebnis bei der Geburt, und so jede Aggression erklären“ (Eibl-Eibesfeldt, 1970, S. 98). Dies betrifft nur das Problem der Frustration. Außerdem dürfte es schwierig sein, eine exakte Definition von Aggression zu geben, so daß einwandfrei eine Entscheidung über die Gültigkeit der Frustrations-Aggressions-Hypothese aufgrund eines Experimentes zu treffen wäre.
Zusätzlich zu dieser Kritik kann man anführen, daß bereits Alltagsbeobachtungen zeigen, daß Frustration zu anderen Verhaltensweisen als Aggression führen können, ja diese Verhaltensweisen das Auftreten von Aggression hemmen (z.B. Prinzip der Entspannung: Körperliche Entspannung ist mit körperlicher Anspannung unvereinbar). Miller, Sears, Mowrer, Doobs und Dollard (1941) haben ihre ursprüngliche Hypothese daher sehr zurückgeschraubt. Sie formulierten neu: „Frustration produces investigations to a number of different types of response, one of which is an instigation to some form of aggression“ (Miller, Sears, Mowrer, Doobs & Dollard, 1941, p. 338). Diese Hypothese ist nun aber wirklich sehr verwässert: Frustration soll quasi die Wahrscheinlichkeit irgendeiner Form von Aggression erhöhen. Es muß also noch nicht einmal aggressives Verhalten auftreten! Damit halte ich aber die Grundidee, daß Frustration zu Aggression führt, für widerlegt. Denn nach Meinung der Autoren dieser Hypothese tut sie es nicht, sondern erhöht nur die Wahrscheinlichkeit.
warum nennt man solche sachen psychosomatisch?
es ist doch ein klarer hintergrund zu erkennen - der zu hohe
cortisol spiegel.
Die implizite Gleichsetzung von „unklar“ mit „psychosomatisch“ finde ich sehr humorvoll. 
welche genaue definition gibt es für psychosomatisch?
„Psychophysiologische Störungen manifestieren sich in körperlichen Erkrankungen, deren Auftreten und Verlauf nicht ausschließlich durch medizinische Kategorien klassifizierbar ist, sondern zusätzlich auch mit Hilfe psychologischer Modelle beschrieben werden kann. Dies ist dann der Fall, wenn Phasen der Verschlechterung … und Besserung … mit auslösenden und/oder aufrechterhaltenden Bedingungsfaktoren funktional zusammenhängen. Solche Bedingungen können sowohl über akute psychische Belastungssituationen als auch über längerfristige Lernvorgänge oder besondere Risikoverhaltensweisen … realisiert sein. Die Bedingungsfaktoren können sich zudem als externe Situationsanforderungen oder als intrapsychische, kognitive Vorgänge darstellen. In den meisten Fällen wirken externe und interne Bedingungsfaktoren zusammen“ (Leplow & Ferstl, 1998, S. 539).
„Psychophysiologische Störungen“ ist der modernere Name für „psychosomatische Störungen“.
ich kenne dieses „abreagiren“ nur unter den von freud
verwendeten begriffen - die psychologie hat dafür andere??
„Abreagieren“ würde ich unter die Katharsis-Hypothese fallen lassen. Die ist zwar (auch) von Freud, aber das schadet ja nichts. Im übrigen sind einige der Überlegungen zur Aggression sehr ähnlich zu einigen Freudschen Denkansätzen: Sowohl die Frustrations-Aggressions-Hypothese als auch das Lorenzsche Dampfkesselmodell beinhalten wie die Freudsche Version der Katharsis-Hypothese eine Art Aufstauen psychischer Energie, die irgendwie in Verhalten umgesetzt werden muß. Nur stellt sich die Frage, ob die Annahme einer „psychischen Energie“ haltbar ist. Die Idee ist alt, was aber nicht heißt, daß sie richtig ist!
Mir dämmert aber langsam, was Du eigentlich meintest: Das Verhalten der Zebras und der Chefs soll eine Art Katharsis sein. Und weil Freud einer der prominentesten Vertreter der Katharsis-Hypothese ist, wird er als geistiger Urheber dieser Vorstellung des sich „Abreagierens“ genannt. Dazu werden in den Büchern, auf die Du Dich beziehst, wahrscheinlich noch die neurophysiologischen Hintergründe des vermeintlichen Abreagierens besprochen und Analogien im Tierreich genannt. Na, wenn es das ist, was Du eigentlich mitteilen wolltest, dann hätte ich gleich gesagt: Das ist eine mögliche Sichtweise, die ihren wissenschaftlichen Hintergrund hat.
Um damit auf Dein Ursprungsposting zurückzukommen: Bei mir würde nicht der Eindruck entstehen, daß die Übernahme des Prinzips der Katharsis eine Bestätigung der Psychoanalyse als ganzes bedeutet. Es ist richtig, daß Freud und Breuer (1895) in ihren „Studien über Hysterie“ angaben, die kathartische Methode benutzt und einige Patientinnen damit geheilt zu haben. Diese Behauptung der Heilung psychischer Störungen durch die kathartische Methode ist aber sehr stark anzuzweifeln, weil über Bertha Pappenheim alias Anna O. bekannt ist, daß sie keineswegs geheilt war und sich ihre Störung noch verschlimmerte. C. G. Jung gibt an, daß Freud ihm das 1925 auf einer Konferenz selbst mitgeteilt habe. Von Ellenberger (1972) entdeckte Krankenblätter bestätigten, daß Bertha Pappenheim Jahre nach der „Heilung“ durch Breuer noch Morphin nahm, um ihre weiter bestehenden Leiden in den Griff zu bekommen. Soviel zur Effektivität der kathartischen Methode und dem Gründungsmythos der Psychoanalyse: eine Selbstüberschätzung der Therapeuten (wenn nicht eine glatte Lüge)!
Gruß,
Oliver
Literaturverzeichnis
Breuer, J. & Freud, S. (1895). Studien über Hysterie. Leipzig, Wien: Franz Deuticke.
Dollard, J., Doobs, L.W., Miller, N.E., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and aggression. New Haven: Yale University Freer.
Eibl-Eibesfeldt, I. (1970). Liebe und Haß: Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen. München: Piper.
Ellenberger, H.F. (1972). The story of "Anna O.“: A critical review with new data. Journal of the History of the Behavior Sciences, 8, 267-279.
Leplow, B. & Ferstl, R. (1998). Psychophysiologische Störungen. In H. Reinecker (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Psychologie (S. 539-562). Göttingen: Hogrefe.
Miller, N.E., Sears, R. R., Mowrer, O.H., Doobs, L.W & Dollard, J. (1941). The Frustration-Aggression-Hypothesis. Psychological Review, 48, 337-342.