Freud + 100 jahre danach

hallo!!

habe in letzter zeit einiges über psychologie „verschlungen“; stimmt das bild das ich mir mache??:

freud ist es zu verdanken dass wir wissen das unser bewusstsein nur ein winziger teil dessen ist was in unseren köpfen vorgeht.
das meiste (90% ??) geschieht automatisch durch „alte“ gehirnregionen - nicht über unser grosshirn.

auch die einteilung oder die beschreibung der defensivmechanismen wie übertragung, … ist ok.

wofür er „angeklagt“ wird ist das fehlen von kontrollierten untersuchungen und seine ausgeprägte sexuelle fixierung.

zusätzlich suche ich noch quellen über diese defensivmechanismen!!
das müssten doch im prinzip die gleichen sein wie z.b. die handlung am ersatzobjekt wie bei unseren verwandten und bekannten im tierreich - nur nennt man sie bei uns anders?!

danke

matthias

Psychoanalyse und was ich davon halte
Lieber Matthias!

habe in letzter zeit einiges über psychologie „verschlungen“;
stimmt das bild das ich mir mache??:

freud ist es zu verdanken dass wir wissen das unser
bewusstsein nur ein winziger teil dessen ist was in unseren
köpfen vorgeht.

Also zum einen muß ich Dir leider mitteilen, daß Du, wenn Du über Freud gelesen hast, nichts über Psychologie i.e.S. (siehe meinen Artikel: Psychologie und verwandte Gebiete (FAQ)) gelesen hast, sondern über klassische Psychoanalyse.

Psychologie ist nicht gleich Psychoanalyse.

Nichtsdestoweniger trotz ist Psychoanalyse ein interessantes Gebiet.

das meiste (90% ??) geschieht automatisch durch „alte“
gehirnregionen - nicht über unser grosshirn.

Na, eine Prozentangabe machen zu wollen, ist ziemlich schwierig. Was sind denn „alte“ Hirnregionen genau? Meine sind alle so alt, wie ich es bin. Aber Du meinst sicherlich, phylogenetisch früh entstandene Hirnregionen. Ja, die regeln ´ne Menge der „Basisfunktionen“ des Lebewesens Mensch (also z.B. Atmen, Herz-Kreislauf). Und sie regeln zusammen mit dem Neocortex z.B. die Bewegung (z.B. Neocortex, Basalganglien, Kleinhirn). Aber ich würde die Funktionen nicht so sehr den Hirnregionen exklusiv zuordnen wollen, da die verschiedenen Hirnregionen stark miteinander zusammenarbeiten und man nicht so einfach sagen kann: Für die Funktion kann ich auf dieses oder jenes Hirngebiet verzichten.

Ach übrigens, was hat denn Freud mit den Hirnregionen und ihren Funktionen zu tun? Darüber hat er trotz seiner Ausbildung als Neurologe sehr, sehr wenig gesagt. Das, was er gesagt hat, war, daß die Psychoanalyse ihren Zweck getan haben wird, wenn das Gehirn so weit erforscht sein wird, daß man auf die Metaphern „Ich“, „Es“, „Über-Ich“ sowie „Bewußtes“ und „Unbewußtes“ wird verzichten können. Eine Zuordnung von Hirnregionen zum so genannten „psychischen Apparat“ Freuds ist bis heute nicht möglich (und wird es wohl nie sein).

Wenn man etwas über das Gehirn und das Verhalten und Erleben des Menschen erfahren will, dann sollte man lieber Bücher über die Neurowissenschaften lesen als Bücher über Psychoanalyse (oder psychoanalytische Bücher).

auch die einteilung oder die beschreibung der
defensivmechanismen wie übertragung, … ist ok.

Wo hast Du denn das her? Müssen wohl Analytikerbücher sein *grummel*. Was heißt „o.k.“? O.k. sind die Vorstellungen von Abwehrmechanismen vielleicht, weil sie für den weniger Bewanderten in Psychologie plausibel klingen (obwohl ich wirklich nicht glaube, daß Psychoanalyse „plausibel“ ist), aber ihre Existenz konnte niemals in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden.

wofür er „angeklagt“ wird ist das fehlen von kontrollierten
untersuchungen und seine ausgeprägte sexuelle fixierung.

„Angeklagt“ wird er nicht, aber seine Psychoanalyse ist in vielen Bereichen nicht wissenschaftlich überprüfbar, weil sie so schwammig ist, daß man eigentlich nie genau weiß, was man bei einem Menschen denn aufgrund der Psychoanalyse an Verhalten und Erleben erwarten soll.

Es gibt zwar viele Studien, die versucht haben, etwas vom Gedankengebäude der Psychoanalyse nachzuweisen, und es handelt sich nicht nur um Fallstudien. Aber die Studien sind meist methodisch schlecht, d.h. man kann keine gültigen Schlußfolgerungen aus ihnen ziehen, jedenfalls keine, die die Aussagen der Psychoanalyse eindeutig stützen (und das ist milde formuliert).

Gegen das Fundament der Psychoanalyse, das v.a. auf Freuds Vorstellungen der psychosexuellen Entwicklung beruht, habe ich gar nichts einzuwenden. Es gibt viele Theorien und Hypothesen über das „Psychische“, die auf wenigen Basisannahmen beruhen. Da macht es wenig, wenn es bei Freud ebenso ist.

Ich habe wirklich nichts gegen die Psychoanalyse, gegen Freud oder andere tiefenpsychologische Richtungen und ihre Vertreter. Hier im Regal hinter mir stehen eine Menge von Freuds Schriften (neben denen von Adler, Jung, Fromm, Horney u.a.), die ich gelesen und durchdacht habe, dennoch habe ich irgendwann gesagt, daß es heute besser überprüfte und „sinnvollere“ Ansätze gibt, daß menschliche Verhalten und Erleben zu beschreiben, vorherzusagen und zu erklären.

zusätzlich suche ich noch quellen über diese
defensivmechanismen!!

Anna Freud (1936). Das Ich und die Abwehrmechanismen.

das müssten doch im prinzip die gleichen sein wie z.b. die
handlung am ersatzobjekt wie bei unseren verwandten und
bekannten im tierreich - nur nennt man sie bei uns anders?!

Hä? Psychoanalyse bei Tieren? Das ist nun völlig spooky! Wenn Du etwas über das Verhalten von Tieren lesen möchtest, dann empfehle ich Bücher über Verhaltensökologie, z.B.

Krebs & Davies (1996). Einführung in die Verhaltensökologie. Blackwell.

Gruß,

Oliver

hallo!!

ich habe meine frage einfach zu unspezifisch gestaltet - daher die verwirrung! sorry.
werde versuchen konkreter zu werden:

klar sind psychologie und psychoanalyse getrennt. habe zu meiner schande beides vermischt - wie ich halt so bin! :wink:

Na, eine Prozentangabe machen zu wollen, ist ziemlich
schwierig. Was sind denn „alte“ Hirnregionen genau? Meine sind
alle so alt, wie ich es bin. Aber Du meinst sicherlich,
phylogenetisch früh entstandene Hirnregionen.

mit den alten regionen ging es mir um folgendes:
es gibt jede menge „optischer“ täuschungen die ich viel lieber als „neuraltäuschungen“ (???) bezeichnen würde.
auch wenn man bewusst sagen kann: die linien die ich vor mir sehe sind parallel - so „sieht“ man sie doch als gebogen.
http://www.optillusions.com/
das scheint mir zu beweisen dass man gegen diese „alten“ systeme einfach nicht ankommt - die machen mit einem was sie gerade wollen!

Wenn man etwas über das Gehirn und das Verhalten und Erleben

des Menschen erfahren will, dann sollte man lieber Bücher über
die Neurowissenschaften lesen als Bücher über Psychoanalyse
(oder psychoanalytische Bücher).

mache ich momentan die ganze zeit - und da wird immer wieder auf freud zurüchverwiesen.
ausserdem bringt mich die reine psychoanalyse nicht weiter bei meinen patienten - da hätte ich dann den falschen beruf gewählt! :wink:

Hä? Psychoanalyse bei Tieren? Das ist nun völlig spooky! Wenn
Du etwas über das Verhalten von Tieren lesen möchtest, dann
empfehle ich Bücher über Verhaltensökologie, z.B.

Krebs & Davies (1996). Einführung in die Verhaltensökologie.
Blackwell.

bekannt.

hier war gemeint:
die selben „grundverhaltensmuster“ bei tier und mensch sind doch genau die gleichen - weil wir sehr eng verwandt sind.
wenn zwei tiere um die rangfolge streiten/kämpfen dann sieht man beim verlierer oft das verhalten dass er sich einen schwächeren sucht und seinen frust an dem auslässt.
das machen chefs, etc. doch auch! (aus sapolsky „why zebras dont get ulcers") - "they dont get ulcers - they give them“.

ich würde das für mich als defensivmechanismus bezeichnen.
wie sieht das die psychologie??

danke und tschüss

matthias

die selben „grundverhaltensmuster“ bei tier und mensch sind
doch genau die gleichen - weil wir sehr eng verwandt sind.
wenn zwei tiere um die rangfolge streiten/kämpfen dann sieht
man beim verlierer oft das verhalten dass er sich einen
schwächeren sucht und seinen frust an dem auslässt.
das machen chefs, etc. doch auch! (aus sapolsky „why zebras
dont get ulcers") - "they dont get ulcers - they give them“.

Herr Gott, mir fällt ums ver**** nicht der Autor ein, muß Dir aber das Buch empfehlen: „Das Tier im Menschen“…

ich würde das für mich als defensivmechanismus bezeichnen.
wie sieht das die psychologie??

wie Freud…ich weiss nicht mehr, an welcher Stelle ich ihn nicht mehr verstanden hab…:smile:

d.

danke und tschüss

matthias

Anmerkungen
Hallo, Matthias!

mit den alten regionen ging es mir um folgendes:
es gibt jede menge „optischer“ täuschungen die ich viel lieber
als „neuraltäuschungen“ (???) bezeichnen würde.
auch wenn man bewusst sagen kann: die linien die ich vor mir
sehe sind parallel - so „sieht“ man sie doch als gebogen.

Ja, stimme zu. Als „Täuschung“ würde ich diese Phänomene jedoch nur dann bezeichnen, wenn physikalische Korrektheit ein biologisches Kriterium wäre. Es kommt aber wahrscheinlich nur darauf an, daß die Träger der Allele, die den Aufbau visueller Systeme codieren, visuelle Systeme mit Funktionsweisen haben, so daß daraus ein höherer Lebensfortpflanzungserfolg erwächst. Wenn physikalische Korrektheit dazu nicht notwendig ist, müssen keine Organismen evolvieren, die visuelle Systeme mit physikalisch korrekten Abbildern liefern.

das scheint mir zu beweisen dass man gegen diese „alten“ systeme
einfach nicht ankommt - die machen mit einem was sie gerade
wollen!

Das ist mir zu einfach gestrickt. Auch phylogenetisch früh entstandene Organe kann man z.T. „willentlich“ beeinflussen (Stichwort Biofeedback). Daß es beim visuellen System in vielen Bereichen nicht geht, hat seinen evolutionären Grund wahrscheinlich darin, daß es nicht sinnvoll war, das visuelle System zu beeinflussen. Die „alten“ Systeme machen nicht, was sie wollen, sondern das, wofür sie evolviert sind.

Wenn man etwas über das Gehirn und das Verhalten und Erleben
des Menschen erfahren will, dann sollte man lieber Bücher über
die Neurowissenschaften lesen als Bücher über Psychoanalyse
(oder psychoanalytische Bücher).

mache ich momentan die ganze zeit - und da wird immer wieder auf
freud zurüchverwiesen.

Interessant! Was sind denn das für Bücher? Ich kenne zwar einige Bücher, in denen grundsätzlich die Verdienste Freuds als Vordenker einiger heute noch fruchtbaren Ideen anerkannt werden, aber neurowissenschaftliche Bücher, in denen Freudschen Gedanken heute noch einen wesentlichen und nicht nur historischen Wert zugesprochen werden, fallen mir momentan nicht ein.

ausserdem bringt mich die reine psychoanalyse nicht weiter bei
meinen patienten - da hätte ich dann den falschen beruf gewählt!

Will ich Dir auch nicht geraten haben, die reine Psychoanalyse zu verwenden *graus*.

Hä? Psychoanalyse bei Tieren? Das ist nun völlig spooky! Wenn
Du etwas über das Verhalten von Tieren lesen möchtest, dann
empfehle ich Bücher über Verhaltensökologie.

die selben „grundverhaltensmuster“ bei tier und mensch sind doch
genau die gleichen - weil wir sehr eng verwandt sind.
wenn zwei tiere um die rangfolge streiten/kämpfen dann sieht man
beim verlierer oft das verhalten dass er sich einen schwächeren
sucht und seinen frust an dem auslässt.
das machen chefs, etc. doch auch! (aus sapolsky „why zebras
dont get ulcers") - "they dont get ulcers - they give them“.

Das Zebra-Beispiel kommt nicht hin! Mag ja sein, daß Zebras nach einer Niederlage gegen Artgenossen andere unterlegene Artgenossen schlagen / beissen o.ä. Mag auch sein, daß Chefs ihren Frust abbauen, indem sie ihre Mitarbeiter zur Schnecke machen.

Aber Chefs können Ulzera bekommen, Zebras nicht (jedenfalls sagst Du das von Zebras).

Somit wäre die angebliche Parallele zwischen Chefs und Zebras hinfällig.

Ich kann mir außerdem tausend Gründe denken, warum Individuen einer bestimmten Art keine Ulzera bekommen, Vertreter einer anderen Art aber schon. Das ist doch kein Beweis für Deine Behauptung der engen Verwandtschaft, sondern dafür daß einige Krankheiten bei einigen Arten vorkommen, andere dagegen bei anderen. Die Schweinepest bekommen Menschen z.B. nicht.

ich würde das für mich als defensivmechanismus bezeichnen.
wie sieht das die psychologie??

Darüber könnte man dicke Wälzer schreiben. Ein kleiner Hinweis: Die Theorie, daß Frustration Aggression hervorruft, stammt aus den 30er Jahren und ist unter dem Namen „Frustrations-Aggressions-Hypothese“ bekannt. Sie stammt von Dollard, Doobs, Miller, Mowrer und Sears, die auch als Yale-Gruppe bekannt sind. Miller ist übrigens einer der Begründer des Biofeedbacks (und heißt mit Vornamen Neal E., nicht Thomas). Ihre „starke“ Version der „Frustrations-Aggressions-Hypothese“ lautete, daß jede Frustration Aggression hervorbringt, und wurde schon von ihnen selbst widerlegt.

Im übrigen kann es natürlich sein, daß manchmal auf Frustration Aggression folgt (besonders wenn der Frust selbst aus aggressivem Verhalten herrührt oder das Individuum in seinem Verarbeitungsrepertoire von Frust hauptsächlich aggressives Verhalten zur Verfügung hat - Stichwort Coping-Strategie). Physiologisch gesehen kann man das damit begründen, daß in Streßsituationen nach dem Henry-Stephens-Modell 2 Verhaltens"pfade" möglich sind: a) Kampf/Flucht, b) „Conservation-Withdrawal“. Der erste Pfad ist mit keinem Anstieg des Cortisol-Spiegels verbunden, der zweite schon. Wenn häufig in Streßsituationen der zweite Pfad „gewählt“ wird, dann können langfristig Organschäden auftreten - die so genannten psychosomatischen Störungen (z.B. die berühmten Ulzera). Irgendwelche Freudschen Abwehrmechanismen braucht man da aber nicht zu bemühen.

Ich würde daher eher vermuten, daß die während eines Kampfes freigesetzten Streßhormone (v.a. Adrenalin und Noradrenalin) den Organismus auf einen Kampf vorbereiteten und nach einer Niederlage „unnütz“ in höherer Konzentration im Blut vorhanden sind. Wenn ein anderes Zebra vorbei kommt, ist die Schwelle zur Aggression durch die erhöhte Katecholaminkonzentration so niedrig, daß das noch „kampfheiße“ Zebra „mal eben“ dem Nachbar „einen verpaßt“. Warum es oft die submissiven trifft? Könnte doch sein, daß die Zebras, die dominantere Zebras angriffen, weniger Nachkommen hatten, weil sie öfter im „Streßabbau“-Kampf mit den dominanten Zebras den kürzeren zogen?

Gruß,

Oliver

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hallo oliver!!

Interessant! Was sind denn das für Bücher? Ich kenne zwar
einige Bücher, in denen grundsätzlich die Verdienste Freuds
als Vordenker einiger heute noch fruchtbaren Ideen anerkannt
werden, aber neurowissenschaftliche Bücher, in denen
Freudschen Gedanken heute noch einen wesentlichen und nicht
nur historischen Wert zugesprochen werden, fallen mir momentan
nicht ein.

z.b. ramachandran, dennett, llinas, … - die erwähnen ihn immer wieder. aber nur teile seiner arbeit! v.a. die sache mit den automatismen im gehirn die wir gar nicht mitkriegen.

das machen chefs, etc. doch auch! (aus sapolsky „why zebras
dont get ulcers") - "they dont get ulcers - they give them“.

Das Zebra-Beispiel kommt nicht hin! Mag ja sein, daß Zebras
nach einer Niederlage gegen Artgenossen andere unterlegene
Artgenossen schlagen / beissen o.ä. Mag auch sein, daß Chefs
ihren Frust abbauen, indem sie ihre Mitarbeiter zur Schnecke
machen.

Aber Chefs können Ulzera bekommen, Zebras nicht
(jedenfalls sagst Du das von Zebras).

der satz mit dem „they give them“ war auf die chefs bezogen!! - war etwas unglücklich geschrieben.

Ich kann mir außerdem tausend Gründe denken, warum Individuen
einer bestimmten Art keine Ulzera bekommen, Vertreter einer
anderen Art aber schon. Das ist doch kein Beweis für Deine
Behauptung der engen Verwandtschaft, sondern dafür daß einige
Krankheiten bei einigen Arten vorkommen, andere dagegen bei
anderen. Die Schweinepest bekommen Menschen z.B. nicht.

sapolsky - ein stressforscher beschriebt ulcera in allen versuchstieren die er kennt.
seyle hat gerade durch sein ungeschicktes handling der laborratten eben gerade dieses phänomen entdeckt!
die haben dann hunderte versuche gemacht an ratten denen eine möglichkeit gegeben wurde nach einer frustrierenden erfahrung (elektroschock) sich an einem artgenossen auszulassen - die haben keine magengeschwüre bekommen.

ich würde das für mich als defensivmechanismus bezeichnen.
wie sieht das die psychologie??

Darüber könnte man dicke Wälzer schreiben. Ein kleiner
Hinweis: Die Theorie, daß Frustration Aggression hervorruft,
stammt aus den 30er Jahren und ist unter dem Namen
„Frustrations-Aggressions-Hypothese“ bekannt. Sie stammt von
Dollard, Doobs, Miller, Mowrer und Sears, die auch als
Yale-Gruppe bekannt sind. Miller ist übrigens einer der
Begründer des Biofeedbacks (und heißt mit Vornamen Neal E.,
nicht Thomas). Ihre „starke“ Version der
„Frustrations-Aggressions-Hypothese“ lautete, daß jede
Frustration Aggression hervorbringt, und wurde schon von ihnen
selbst widerlegt.

wie haben die das objektiv gemessen?

Im übrigen kann es natürlich sein, daß manchmal auf
Frustration Aggression folgt (besonders wenn der Frust selbst
aus aggressivem Verhalten herrührt oder das Individuum in
seinem Verarbeitungsrepertoire von Frust hauptsächlich
aggressives Verhalten zur Verfügung hat - Stichwort
Coping-Strategie). Physiologisch gesehen kann man das damit
begründen, daß in Streßsituationen nach dem
Henry-Stephens-Modell 2 Verhaltens"pfade" möglich sind: a)
Kampf/Flucht, b) „Conservation-Withdrawal“. Der erste Pfad ist
mit keinem Anstieg des Cortisol-Spiegels verbunden, der zweite
schon. Wenn häufig in Streßsituationen der zweite Pfad
„gewählt“ wird, dann können langfristig Organschäden auftreten

  • die so genannten psychosomatischen Störungen (z.B. die
    berühmten Ulzera).

warum nennt man solche sachen psychosomatisch?
es ist doch ein klarer hintergrund zu erkennen - der zu hohe cortisol spiegel.
welche genaue definition gibt es für psychosomatisch?
habe da noch niemanden gefunden der mir eine geben konnte - hoffe auf deine antwort!

also scheint es sich hier nur um ein definitionsproblem zu handeln??
ich kenne dieses „abreagiren“ nur unter den von freud verwendeten begriffen - die psychologie hat dafür andere??

der buchtitel ist rein zufällig auf zebras bezogen.
er beschreibt aber hauptsächlich die arbeit mit ratten und primaten.

Katharsis-Hypothese
Hallo Matthias!

Aber Chefs können Ulzera bekommen, Zebras nicht
(jedenfalls sagst Du das von Zebras).

der satz mit dem „they give them“ war auf die chefs bezogen!! -

Ja, eben. Chefs können Ulzera bekommen und Zebras sollen keine bekommen können. Also haut die Behauptung der nahen Verwandtschaft von Menschen und Tieren in dem Fall doch nicht hin! Und außerdem: Chefs können Ulzera bekommen. Wenn jetzt Sapolsky meinte, daß Zebras Ulzera bekommen können und Chefs nicht, dann ist da wieder keine Analogie. Dazu kommt, daß Chefs sehr wohl Ulzera bekommen können.

Ich habe im übrigen nicht bestritten, daß Ulzera bei Tier und Mensch auftreten können. Mich wundert nur dieser Zebra-Chef-Vergleich. Was soll uns dieser Vergleich sagen?

Folgendes: Ist die Hauptaussage diejenige, daß man seinen Frust abbauen soll, damit man keine Ulzera bekommt? Dann stimme ich insofern zu, als daß bei Herunterschlucken von Ärger das durch die Katecholamine verfügbare Aktivitätspotential ungenutzt bleibt. Der Organismus lernt, die „Conservation-Withdrawal“-Schiene (aus dem Henry-Stephens-Modell) bei Streß zu fahren, wodurch langfristig die Wahrscheinlichkeit von Organschäden (z.B. Ulcus) erhöht wird. Insofern wäre es gesünder, daß durch die Katecholamine zu Verfügung gestellte Aktivitätspotential auszuschöpfen (also Kampf/Flucht). Wenn die Zebras treten oder die Chefs jemanden zur Sau machen, dann tun sie nämlich genau das. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit für Ulzera geringer.

Das mit der Frustrations-Aggressions-Hypothese ist eine kompliziertere Geschichte. Die ursprüngliche Hypothese lautete:

„that the occurrence of aggression always presupposes the existence of frustration and, contrariwise, that the existence of frustration always leads to some form of aggression“ (Dollard, Doobs, Miller, Mowrer & Sears, 1939, p. 1).

Diese Hypothese ist natürlich nicht testbar, wenn nicht explizit gemacht wird, was mit Frustration und Aggression genau gemeint ist. Eibl-Eibesfeldt schreibt deshalb auch: „Man kann bisher keine Bedingungen angeben, die eine Aufzucht ohne die geringsten Entbehrungserlebnisse und Enttäuschungen garantiert. Irgendwelche Frustrationen kann man immer annehmen, notfalls eben solche des Abstillens, oder gar ein Erlebnis bei der Geburt, und so jede Aggression erklären“ (Eibl-Eibesfeldt, 1970, S. 98). Dies betrifft nur das Problem der Frustration. Außerdem dürfte es schwierig sein, eine exakte Definition von Aggression zu geben, so daß einwandfrei eine Entscheidung über die Gültigkeit der Frustrations-Aggressions-Hypothese aufgrund eines Experimentes zu treffen wäre.

Zusätzlich zu dieser Kritik kann man anführen, daß bereits Alltagsbeobachtungen zeigen, daß Frustration zu anderen Verhaltensweisen als Aggression führen können, ja diese Verhaltensweisen das Auftreten von Aggression hemmen (z.B. Prinzip der Entspannung: Körperliche Entspannung ist mit körperlicher Anspannung unvereinbar). Miller, Sears, Mowrer, Doobs und Dollard (1941) haben ihre ursprüngliche Hypothese daher sehr zurückgeschraubt. Sie formulierten neu: „Frustration produces investigations to a number of different types of response, one of which is an instigation to some form of aggression“ (Miller, Sears, Mowrer, Doobs & Dollard, 1941, p. 338). Diese Hypothese ist nun aber wirklich sehr verwässert: Frustration soll quasi die Wahrscheinlichkeit irgendeiner Form von Aggression erhöhen. Es muß also noch nicht einmal aggressives Verhalten auftreten! Damit halte ich aber die Grundidee, daß Frustration zu Aggression führt, für widerlegt. Denn nach Meinung der Autoren dieser Hypothese tut sie es nicht, sondern erhöht nur die Wahrscheinlichkeit.

warum nennt man solche sachen psychosomatisch?
es ist doch ein klarer hintergrund zu erkennen - der zu hohe
cortisol spiegel.

Die implizite Gleichsetzung von „unklar“ mit „psychosomatisch“ finde ich sehr humorvoll. :wink:

welche genaue definition gibt es für psychosomatisch?

„Psychophysiologische Störungen manifestieren sich in körperlichen Erkrankungen, deren Auftreten und Verlauf nicht ausschließlich durch medizinische Kategorien klassifizierbar ist, sondern zusätzlich auch mit Hilfe psychologischer Modelle beschrieben werden kann. Dies ist dann der Fall, wenn Phasen der Verschlechterung … und Besserung … mit auslösenden und/oder aufrechterhaltenden Bedingungsfaktoren funktional zusammenhängen. Solche Bedingungen können sowohl über akute psychische Belastungssituationen als auch über längerfristige Lernvorgänge oder besondere Risikoverhaltensweisen … realisiert sein. Die Bedingungsfaktoren können sich zudem als externe Situationsanforderungen oder als intrapsychische, kognitive Vorgänge darstellen. In den meisten Fällen wirken externe und interne Bedingungsfaktoren zusammen“ (Leplow & Ferstl, 1998, S. 539).

„Psychophysiologische Störungen“ ist der modernere Name für „psychosomatische Störungen“.

ich kenne dieses „abreagiren“ nur unter den von freud
verwendeten begriffen - die psychologie hat dafür andere??

„Abreagieren“ würde ich unter die Katharsis-Hypothese fallen lassen. Die ist zwar (auch) von Freud, aber das schadet ja nichts. Im übrigen sind einige der Überlegungen zur Aggression sehr ähnlich zu einigen Freudschen Denkansätzen: Sowohl die Frustrations-Aggressions-Hypothese als auch das Lorenzsche Dampfkesselmodell beinhalten wie die Freudsche Version der Katharsis-Hypothese eine Art Aufstauen psychischer Energie, die irgendwie in Verhalten umgesetzt werden muß. Nur stellt sich die Frage, ob die Annahme einer „psychischen Energie“ haltbar ist. Die Idee ist alt, was aber nicht heißt, daß sie richtig ist!

Mir dämmert aber langsam, was Du eigentlich meintest: Das Verhalten der Zebras und der Chefs soll eine Art Katharsis sein. Und weil Freud einer der prominentesten Vertreter der Katharsis-Hypothese ist, wird er als geistiger Urheber dieser Vorstellung des sich „Abreagierens“ genannt. Dazu werden in den Büchern, auf die Du Dich beziehst, wahrscheinlich noch die neurophysiologischen Hintergründe des vermeintlichen Abreagierens besprochen und Analogien im Tierreich genannt. Na, wenn es das ist, was Du eigentlich mitteilen wolltest, dann hätte ich gleich gesagt: Das ist eine mögliche Sichtweise, die ihren wissenschaftlichen Hintergrund hat.

Um damit auf Dein Ursprungsposting zurückzukommen: Bei mir würde nicht der Eindruck entstehen, daß die Übernahme des Prinzips der Katharsis eine Bestätigung der Psychoanalyse als ganzes bedeutet. Es ist richtig, daß Freud und Breuer (1895) in ihren „Studien über Hysterie“ angaben, die kathartische Methode benutzt und einige Patientinnen damit geheilt zu haben. Diese Behauptung der Heilung psychischer Störungen durch die kathartische Methode ist aber sehr stark anzuzweifeln, weil über Bertha Pappenheim alias Anna O. bekannt ist, daß sie keineswegs geheilt war und sich ihre Störung noch verschlimmerte. C. G. Jung gibt an, daß Freud ihm das 1925 auf einer Konferenz selbst mitgeteilt habe. Von Ellenberger (1972) entdeckte Krankenblätter bestätigten, daß Bertha Pappenheim Jahre nach der „Heilung“ durch Breuer noch Morphin nahm, um ihre weiter bestehenden Leiden in den Griff zu bekommen. Soviel zur Effektivität der kathartischen Methode und dem Gründungsmythos der Psychoanalyse: eine Selbstüberschätzung der Therapeuten (wenn nicht eine glatte Lüge)!

Gruß,

Oliver

Literaturverzeichnis

Breuer, J. & Freud, S. (1895). Studien über Hysterie. Leipzig, Wien: Franz Deuticke.

Dollard, J., Doobs, L.W., Miller, N.E., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and aggression. New Haven: Yale University Freer.

Eibl-Eibesfeldt, I. (1970). Liebe und Haß: Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen. München: Piper.

Ellenberger, H.F. (1972). The story of "Anna O.“: A critical review with new data. Journal of the History of the Behavior Sciences, 8, 267-279.

Leplow, B. & Ferstl, R. (1998). Psychophysiologische Störungen. In H. Reinecker (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Psychologie (S. 539-562). Göttingen: Hogrefe.

Miller, N.E., Sears, R. R., Mowrer, O.H., Doobs, L.W & Dollard, J. (1941). The Frustration-Aggression-Hypothesis. Psychological Review, 48, 337-342.

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hallo oliver!!

Ich habe im übrigen nicht bestritten, daß Ulzera bei Tier und
Mensch auftreten können. Mich wundert nur dieser
Zebra-Chef-Vergleich. Was soll uns dieser Vergleich sagen?

das war nur einer von vielen möglichen!
die zebras werden auch nur im titel erwähnt - im buch selbst gehts dann um ratten und primaten.
klingt im titel einfach gut.

Damit halte ich

aber die Grundidee, daß Frustration zu Aggression führt, für
widerlegt. Denn nach Meinung der Autoren dieser Hypothese tut
sie es nicht, sondern erhöht nur die Wahrscheinlichkeit.

klar. es gibt einige die wenn sie frustriert sind „durchdrehen“ - und andere gehen „konstruktiver“ damit um.
ist das ein erlerntes verhalten wie man damit umgeht?
ist das umlernbar?

Die implizite Gleichsetzung von „unklar“ mit „psychosomatisch“
finde ich sehr humorvoll. :wink:

ich habe damit täglich in der praxis zu kämpfen!!
die leute werden als „nicht-ganz-dicht“ abgestempelt - obwohl sich „eindeutige“ probleme finden lassen!
die leidensgeschichten die manche patienten erzählen lassen einem die haare zu berge stehen!
deshalb auch mein posting zu chronischen krankheiten im medizin-brett;
chronische und „psychosomatische“ patienten werden gemacht - die entstehen so gut wie nie von selber.

„Psychophysiologische Störungen manifestieren sich in
körperlichen Erkrankungen, deren Auftreten und Verlauf nicht
ausschließlich durch medizinische Kategorien klassifizierbar
ist, sondern zusätzlich auch mit Hilfe psychologischer Modelle
beschrieben werden kann. Dies ist dann der Fall, wenn Phasen
der Verschlechterung … und Besserung … mit auslösenden
und/oder aufrechterhaltenden Bedingungsfaktoren funktional
zusammenhängen. Solche Bedingungen können sowohl über akute
psychische Belastungssituationen als auch über längerfristige
Lernvorgänge oder besondere Risikoverhaltensweisen …
realisiert sein. Die Bedingungsfaktoren können sich zudem als
externe Situationsanforderungen oder als intrapsychische,
kognitive Vorgänge darstellen. In den meisten Fällen wirken
externe und interne Bedingungsfaktoren zusammen“ (Leplow &
Ferstl, 1998, S. 539).

das werde ich jetzt auswendig lernen!! :wink:
im ernst: gefällt mir gut. danke. die erste person die wirklich mal sagen kann was damit gemeint ist.
die meisten reagieren sehr aggressiv darauf wenn man nachfragt.

„Psychophysiologische Störungen“ ist der modernere Name für
„psychosomatische Störungen“.

und wer soll das aussprechen können?? :wink:

Mir dämmert aber langsam, was Du eigentlich meintest: Das
Verhalten der Zebras und der Chefs soll eine Art Katharsis
sein. Und weil Freud einer der prominentesten Vertreter der
Katharsis-Hypothese ist, wird er als geistiger Urheber dieser
Vorstellung des sich „Abreagierens“ genannt. Dazu werden in
den Büchern, auf die Du Dich beziehst, wahrscheinlich noch die
neurophysiologischen Hintergründe des vermeintlichen
Abreagierens besprochen und Analogien im Tierreich genannt.
Na, wenn es das ist, was Du eigentlich mitteilen wolltest,
dann hätte ich gleich gesagt: Das ist eine mögliche
Sichtweise, die ihren wissenschaftlichen Hintergrund hat.

ja - genau das wars!!

Soviel zur Effektivität der kathartischen Methode
und dem Gründungsmythos der Psychoanalyse: eine
Selbstüberschätzung der Therapeuten (wenn nicht eine glatte
Lüge)!

wie gesagt: die ganzen autoren nehmen immer nur einen sehr kleinen teil von freud - die anderen sachen lassen sie entweder weg oder bringen die entsprechende kritik.

ok - jetzt bin ich wieder ein bisschen schlauer.
dass ihr psychologen aber auch alles so genau nehmen müsst!! :wink:)

danke

matthias