Untaten und 'psychisch' 'geistig' krank

Hi Psy-Fans,

ich verfolge im Moment mit Staunen die diskussionen um die Tat von Erfurt. Allerdings fiel mir dieses Phänomen schon bei anderen schweren Verbrechen auf.

Man liest und hört alleweil:
der Täter war psychisch krank
der Täter war verrückt
der Täter war in pschy. Behandlung
Die Tat eines Verrückten
etc.

Ich finde es beschämend, wie leichtfertig hier mit Krankheitsbezeichnungen umgesprungen wird. es darf nicht geschrieben werden, welcher Nation ein Verbrecher angehfört, aber pschychisch Kranke dürfen mit Rundumschlägen diffamiert werden.

Es ist für die Kranken eine große Hürde sich zu Ihrer Krankheit zu bekennen und diese zu veröffentlichen. durch diese unachtsamkeiten, werden aber viele Kranke noch mehr in die Isolation getrieben.

Soll ich weiterhin öffentlich erklären:
Ich habe Depressionen
aufgrund einer Persönlichkeitsstörung?

Muß nicht jeder Aussenstehende mich dann für eine potentielle Gefahr halten?

gruss
winkel

ich verfolge im Moment mit Staunen die diskussionen um die Tat
von Erfurt. Allerdings fiel mir dieses Phänomen schon bei
anderen schweren Verbrechen auf.

Man liest und hört alleweil:
der Täter war psychisch krank
der Täter war verrückt
der Täter war in pschy. Behandlung
Die Tat eines Verrückten
etc.

Hallo,

in der öffentlichen Diskussion sind griffige Formulierungen und einfache Lösungen gefragt, jedenfalls einfacher zu „verkaufen“, als ein ausführliches Persönlichkeitsprofil mit dem Versuch, Hintergründe zu beleuchten.

Im Erfurter Fall ist der Täter tot. Viel mehr als Hörensagen und Vermutungen kann deshalb niemand bieten. Es gibt sicher viele Umstände, die je nach Persönlichkeitsstruktur zum Realitätsverlust, zum Verrennen in Wahnideen oder etwa zu unkontrollierten Rachegefühlen führen können, ohne daß beim Betreffenden zuvor ein sicheres pathologisches Erscheinungsbild feststellbar wäre. Zu groß ist die Bandbreite des „Normalen“, so daß sich allenfalls aus den Lebensumständen auf ein (im konkreten Einzelfall aber absolut nichtssagendes) Risikopotential schließen ließe.

Beim toten Täter lassen sich nur noch Fragmente zusammen tragen, etwa aus der schulischen Vorgeschichte und einzelnen überlieferten Äußerungen. Weil man dem Täter keine Fragen stellen kann, können auch die (selbst gegebenen) Antworten nur Fragmente mit gewaltiger Fehlerbandbreite sein.

Der Täter wird flugs klassifiziert, wie auch ebenso schnell die Patentrezepte zur Verhinderung ähnlicher Taten sprudeln. Dabei erinnern mich etliche Rezepte an die Zeit, als es Mode war, mit Gullydeckeln allerlei Gewaltsames zu begehen. Da kamen doch tatsächlich so tiefschürfende Vorschläge, die auf das Anketten der Gullydeckel hinaus liefen.

Gruß
Wolfgang

Hi,

Jawoll wehr Dich!

Ich finde es beschämend, wie leichtfertig hier mit
Krankheitsbezeichnungen umgesprungen wird.

Es ist beschämend, aber nur, weil es Leute aussprechen, die
nicht allzuviel davon verstehen.

aber pschychisch Kranke dürfen mit Rundumschlägen diffamiert
werden.

Soweit kommt es grade noch, nur wenn Du die Nachrichten mitunter verfolgst (und das find ich viel beschämender) äußern sich SOGAR
Psychologen dahingehend, was eigentlich ein Unding ist.

Es ist für die Kranken eine große Hürde sich zu Ihrer
Krankheit zu bekennen und diese zu veröffentlichen. durch
diese unachtsamkeiten, werden aber viele Kranke noch mehr in
die Isolation getrieben.

Unachtsamkeiten ist das richtige Wort und zum Trost und Schutz
nochmal, es entspringt nur der Hilflosigkeit und Unwissenheit
der Menschen, die von psychischen Erkrankungen weitestgehend
kaum eine Ahnung haben. Da gilt schon als verrückt, wenn man
depressiv ist. Das muß Dich und andere nicht tangieren.
Ihr wißt es besser und die meisten haben so viel mehr Potential,
als all die Dummschwätzer, die sich für „normal“ halten.

Soll ich weiterhin öffentlich erklären:
Ich habe Depressionen
aufgrund einer Persönlichkeitsstörung?

Immerhin war es sicher ein langer Weg, es überhaupt zu sagen, warum jetzt damit aufhören?

Muß nicht jeder Aussenstehende mich dann für eine potentielle
Gefahr halten?

Jeder unachtsame Aussenstehender vielleicht, aber was geht der
Dich an. Da solltest Du drüber, weit weit drüber stehen können.
Trotzdem ist es gut, das hier mal anzusprechen, vielleicht
denken dann mehr Leute nach, bevor sie von Dingen reden, die
sie nicht verstehen. Oder aber sie versuchen die Dinge besser zu verstehen, das wär doch dann sogar sehr positiv zu werten.

gruss
d.

Hallo,
ein Erfolgsrezept verkaufsfähiger Nachrichtenberichtserstattung,
ist es den Konsumenten nicht zu überforden und seine Vorurteile
zu bestätigen. Das ist genau das Ziel solcher Plattitüden.
Der Konsument wird von der schwierigen Aufgabe befreit, sich
Gedanken über die Motivationsgründe des Täters zu machen
(„wieder so ein Irrer“) - es gibt es immer welche - egal wie
sie juristisch betrachtet oder nach „normalen“
Moralvorstellungen bewertet werden können.

Gruss
Enno

‚Populistischer Unsinn‘ Teil 1

Hi Psy-Fans,

So habe ich mich noch gar nicht betrachtet :wink:

Hallo winkel!

ich verfolge im Moment mit Staunen die diskussionen um die Tat
von Erfurt.

Das Staunen hält sich bei mir in Grenzen. Die Diskussion hat sich schnell auf das alte Thema „Gewalt in den Medien“ verengt. Eine solche Trivialisierung der Probleme …

[…] fiel mir […] schon bei
anderen schweren Verbrechen auf.

Eben, eben.

Man liest und hört alleweil:
der Täter war psychisch krank
der Täter war verrückt
der Täter war in pschy. Behandlung
Die Tat eines Verrückten
etc.

und so etwas geben meistens Leute von sich, die von der Sache KEINE Ahnung haben. Aber Dilarah hat recht, daß es auch einige „Psychologen“ sind, die einen solchen „populistischen Unsinn“ verbreiten. [Psychologen im Fernsehen: Da schalte ich meistens um, weil es mir zu peinlich ist, was „Kollegen“ so verbrechen.]

Ich finde es beschämend, wie leichtfertig hier mit
Krankheitsbezeichnungen umgesprungen wird. es darf nicht
geschrieben werden, welcher Nation ein Verbrecher angehfört,
aber pschychisch Kranke dürfen mit Rundumschlägen diffamiert
werden.

Meiner Meinung nach handelt es sich um Auswirkungen von Normen. „Ausländer“ in eine Verbindung mit etwas negativ Bewertetem zu bringen, ist aufgrund deutscher Vergangenheit (sowohl älterer als auch jüngerer) verpönt. Bei psychisch Kranken ist das nicht so, obwohl auch sie unter dem Nazi-Regime zu leiden hatten und viele Menschen mit schweren Störungen getötet wurden (um das „Blut rein zu halten“, wobei die ignoranten Nazis „vergessen“ hatten, daß es mit der Vererbung der Störungen nicht so ist, wie sie es sich dachten).

Muß nicht jeder Aussenstehende mich dann für eine potentielle
Gefahr halten?

Daß Außenstehende zur Gefahr werden, wenn man eine Depression hat, ist erst einmal unwahrscheinlich. Gefährlich halte ich den Umgang mit dem Thema, weil - in „guter“ Tradition - nur wieder Sündenböcke gefunden werden sollen. Ist doch so: Wenn man etwas als „krank“ abstempelt, dann ist man nicht mehr dafür verantwortlich, was passiert ist. Es ist der „Andere“, der Schuld hat, weil er „krank“ war.

Hallo Winkel,
Für eine psychische Erkrankung des Täters in Erfurt gibt es erst mal keine konkreten Hinweise. Ich denke, dass die Zuweisung einer psych. Erkrankung ein Mechanismus ist, der in den Köpfen vieler Menschen zu finden ist und auch die Funktion hat, Angst zu reduzieren. Jemand der so etwas schreckliches macht hat gefälligst krank im Kopf zu sein, denn was wäre denn, wenn er es nicht wäre. Könnte dann nicht jeder Mensch ein potentieller Massenmörder sein?
Gruß
Crotalus

Hallo Winkel,
Für eine psychische Erkrankung des Täters in Erfurt gibt es
erst mal keine konkreten Hinweise. Ich denke, dass die
Zuweisung einer psych. Erkrankung ein Mechanismus ist, der in
den Köpfen vieler Menschen zu finden ist und auch die Funktion
hat, Angst zu reduzieren. Jemand der so etwas schreckliches
macht hat gefälligst krank im Kopf zu sein, denn was wäre
denn, wenn er es nicht wäre. Könnte dann nicht jeder Mensch
ein potentieller Massenmörder sein?

Hi

Crotalus

Ich wollte eigentlich nicht diskutieren ob dieser Robert tatsächlich krank war oder nicht, sondern wollte wissen, was das für auswirkungen auf die Kranken hat.

winkel

Hallo Oliver

Muß nicht jeder Aussenstehende mich dann für eine potentielle
Gefahr halten?

Daß Außenstehende zur Gefahr werden, wenn man eine Depression
hat, ist erst einmal unwahrscheinlich. Gefährlich halte ich
den Umgang mit dem Thema, weil - in „guter“ Tradition - nur
wieder Sündenböcke gefunden werden sollen. Ist doch so: Wenn
man etwas als „krank“ abstempelt, dann ist man nicht mehr
dafür verantwortlich, was passiert ist. Es ist der „Andere“,
der Schuld hat, weil er „krank“ war.

Ich meinte, daß ander MICH für gefährlich halten. Meine Frage war doch wie gehe ICH jetzt mit meiner Krankheit um? Vorallem in der Öffentlichkeit. Was denken jetzt andere über mich? Drängt das nicht die kranken wieder in isolation?

winkel

Der Täter wird flugs klassifiziert, wie auch ebenso schnell
die Patentrezepte zur Verhinderung ähnlicher Taten sprudeln.
Dabei erinnern mich etliche Rezepte an die Zeit, als es Mode
war, mit Gullydeckeln allerlei Gewaltsames zu begehen. Da
kamen doch tatsächlich so tiefschürfende Vorschläge, die auf
das Anketten der Gullydeckel hinaus liefen.

Und was ist mit den noch nicht toten Kranken, wie werden die jetzt qualifiziert?

winkel

Volle Zustimmung.

Wie ich finde, herrscht in Bezug auf die Wahrnehmung und Benennung geistiger Schwächen ein Zustand, der als extrem rückständig bezeichnet werden muss. Was an Wissen und qualifiziertem Umgang in der Fachwelt dazu bestimmt vorhanden ist, erreicht die Öffentlichkeit viel zu wenig.

Darüber hinaus halte ich es für höchst zweifelhaft, dass alle Personen, die mit dem Prädikat „psychisch auffällig“ oder gar „psychisch krank“ versehen oder abgestempelt werden, es tatsächlich sind.

In vielen Fällen handelt es sich wahrscheinlich in Wirklichkeit um vollkommen normal geborene Menschen, die lediglich mit einer überdurchschnittlichen Wahrnehmungs- und Widerstandskraft gegenüber abnormen Gesellschaftsmustern ausgestattet sind. Ich möchte nicht behaupten, dass dies bei dem Erfurter jungen Mann der Fall gewesen sein muss, vermute aber so etwas. Im Verlauf vielfacher Enttäuschungen kann sich dann ähnlich der Verbiegung einer elastischen Rute allmählich eine Verschiebung der eigentlichen Persönlichkeit aufbauen, was sich dann plötzlich entlädt und äusserlich nach einer organischen Ursache aussieht. Diese ist dann wohl tatsächlich auch vorhanden, nur eben mit entgegengesetztem Vorzeichen, als es diagnostiziert wird. Selbstverständlich wäre der Endpunkt damit nicht abschliessend zu entschuldigen. Der Endpunkt kann aber auch nicht allein mit tatsächlichen oder angeblichen psychischen Problemen einer Person, die so ausrastet, entschuldigt werden. Schuld sind vielmehr öffentliche Verhältnisse, die meiner Ansicht nach von folgendem gekennzeichnet sind: Entkopplung von „unten“ und „oben“ in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht auf zahlreichen Ebenen in einem Grad, der bereits oder noch als Diktatur bezeichnet werden kann und damit verbundene weitere Erscheinungen, wie totalitäre Reizgebung, fortgeschrittene Erosion der Kultur und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, Diktatur des Mittelmasses, um nur einiges zu nennen.

Torsten

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Winkel,

Ich finde es beschämend, wie leichtfertig hier mit
Krankheitsbezeichnungen umgesprungen wird. es darf nicht
geschrieben werden, welcher Nation ein Verbrecher angehfört,
aber pschychisch Kranke dürfen mit Rundumschlägen diffamiert
werden.

Weißt Du, ich finde es erstaunlich und beängstigend, daß Reporter Diagnosen stellen dürfen, scheinbar ohne Konsequenzen davon tragen zu müssen. Meines Wissens ist nach wie vor überhaupt nicht erwiesen, ob bei dem Jungen eine psychische/psychiartrische Erkrankung vorlag. Er war intelligent (sonst wäre er in der Schule nicht soweit gekommen), er war nach Aussage von Schülern liebenswert, nett. Er hatte da so einen Tick, er wollte etwas ganz *Großes* werden, die Welt sollte ihn kennen. Traum, Wünsch eines Kindes, daß die nötige Reife noch nicht entwickelt hat? Schluß, sind dann all unsere Kinder krank? Bei wie vielen kann das Schwärmen dieses Zieles vernommen werden? *Wenn ich einmal groß bin, verändere ich die Welt, ich werde sie regieren!* Ich denke, hier wird ganz schön was aufgebauscht.
Ich finde ganz schlimm, was da passiert ist. Für mich zeigt es, wie weit wir mit unserer Gesellschaft (und dessen Moral) gekommen sind, wie sehr wir unsere Kinder und Jugendlichen vernachlässigen. Wir lassen sie allein, sie sind sich völlig sich selbst überlassen. Nein, wir helfen ihnen nicht, wir schicken sie völlig unvorbereitet raus in die kalte Welt und setzen voraus, daß sie funktionieren. Ihr Rüstzeug ist das Geld, das Material, was wir ihnen mitgeben. Im Glauben ihnen alles gegeben zu haben, was in unserer Kraft (Macht) steht, wundern wir uns, daß so etwas passieren kann. Oder, was sehr viel häufiger ist, daß sie sich aufgeben, völlig mutlos sind. Sie zu Alkohol oder Drogen greifen, gar die kriminelle Laufbahn einschlagen oder schon sehr früh sehr depressiv (hier meine ich wirklich Krank) werden.
Ich sehe diesen Jungen nicht als Täter, für mich ist er genauso Opfer, wie die Menschen, denen er Leid zugefügt hat. Und er war in meinen Augen genauso viel oder wenig krank, wie wir alle. Sein Ventil war der Amoklauf, ein anderer reagiert mit Flucht (Alkohol, Drogen), ein weiterer zieht sich in sich zurück, wird krank. Ist es nicht egal, welches Ausmaß wir betrachten? Ist die Ursache nicht immer die gleiche? Die Gesellschaft, mit ihren Sparmaßnahemen auf der einen Seite und ihrer Verschwendung auf der anderen Seite! Und wer ist die Gesellschaft (die Schuldigen)? Du, ich, wir alle, die daran teilnehmen. Und doch sind wir gleichzeitig auch Opfer, oder nicht?

Ich fühle mich traurig, um die Lehrer, die Schüler (der Junge einbezogen), die Angehörigen (auch die des Jungen)! Wenn aber diese Aktion das erreicht, was dieser Junge möglicherweise zum Ziel hatte, wir alle wach werden und etwas ändern, damit es unseren Kindern besser gehen kann, sie von diesem Druck entlastet werden können, dann hatte ihr Sterben zumindest einen Sinn.

Lieben Gruß,
Fionny

Ps: Ich sehe in einer Depression nicht eine Geisteskrankheit, sondern eher Rückzug und Aufgabe. So in Richtung Kapitullation vor der Gesellschaft.