Selektive Wahrnehmung

meine Therapeutin erwähnte in unserer letzten Sitzung den Begriff:selektive Wahrnehmung. Wenn ich Literatur suche oder mich anderweitig mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dann werde ich nicht fündig. Es geht immer darum, daß Menschen geholfen wird, die schönen Dinge des Lebens wahrnehmen zu können.

Bei mir ist das aber genau umgekehrt. Ich bin viel zu ptimistisch
und positiv eingestellt und verbanne die negativen Ereignisse aus
meinem Leben und meinem Hirn und Herzen. Das wirkt auf andere oberflächlich und naiv.

Und es belastet mich. Könnt ihr mir helfen? Gibt es ein gutes Buch zu diesem Thema? Oder eine andere Möglichkeit das zu trainieren? Sich die negativen Begebenheiten des Lebens bewußt zu machen, und sie nicht zu übergehen?

Liebe Yvonne,
der Begriff „Selektive Wahrnehmung“ wird auch in anderem Sinne benutzt. Beispiel: du stehst am Straßenrand und wartest auf einen Freund, der dich in einem roten Auto abholen soll.
Automatisch wirst du alle vorbeikommenden roten Autos wahrnehmen, während alle anders farbigen Autos nicht mehr im Vordergrund stehen.

Das Lexikon der Psychologie, (Arnold, Eysenck, Meili) sagt
zum Begriff „Selektive Wahrnehmung“ siehe: Soziale Wahrnehmung. Dann folgen mehrere Seiten zu dem Thema. Zu viel, um hier zu zitieren.
Herder Verlag

Viel Erfolg wünscht,
Inge

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Hi Yvonne,

Ich bin viel zu optimistisch und positiv eingestellt und verbanne die negativen Ereignisse aus meinem Leben und meinem Hirn und Herzen. Das wirkt auf andere oberflächlich und naiv.

Und es belastet mich.

Belastet es Dich, dass Andere es oberflächlich und naiv finden, wenn Du Negatives verbannst, oder belastet Dich dieses Verbannen des Negativen selbst? Und abgesehen von dem Belasten und wie es auf andere wirkt: kommst Du denn „im Prinzip klar“ oder hast Du den Eindruck, dass Dir immer wieder krasse rosarote Fehlurteile unterlaufen?

Das wären schon jeweils ziemlich unterschiedliche Sachen.

Gruß,

Thomas

Hallo Thomas,

es belastet mich einerseits zu wissen, daß andere mich für naiv halten. Schlimmer ist aber, daß ich das jetzt selbst merke, und mir „krasse rosarote Fehlurteile“ unterlaufen. Manchmal ist der Weg, den ich in meinem Leben gehe, der falsche, da ich durch die rosarote Brille die Realität aus den Augen verliere. Und ich weiß nicht, wie ich die Brille absetzen kann.
Was kann ich tun?

Gruß Yvonne

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Hi Yvonne,

… ich weiß nicht, wie ich die rosarote Brille

absetzen kann. Was kann ich tun?

So etwas geht in zwei Schritten.

  1. rosarote Brille absetzen (und zur späteren gezielten Verwendung aufbewahren; nicht etwa abschaffen!)
  2. eine andere Brille aufsetzen

Das heißt, es müssen andere Brillen her neben der rosaroten; eine „kritische Bille“ zunächst mal.

Ich bin viel zu optimistisch und positiv eingestellt und verbanne die negativen Ereignisse aus meinem Leben und meinem Hirn und Herzen.

Wichtig finde ich ist zu sehen, dass das Problem nicht darin besteht, dass du die Dinge positiv sehen kannst, sondern darin, dass du sie nur positiv siehst und nicht auch anders. Deswegen mein Ansatz mit „mehreren Brillen“ und nicht einfach eine Abschaffung der „rosaroten“.

Schlimmer ist aber, daß ich das jetzt selbst

merke, und mir „krasse rosarote Fehlurteile“ unterlaufen.
Manchmal ist der Weg, den ich in meinem Leben gehe, der
falsche, da ich durch die rosarote Brille die Realität aus den
Augen verliere.

Also: Um „die ganze Realität“ in den Blick zu bekommen, braucht es weitere Brillen, die die rosarote ergänzen. Ich empfehle zunächst eine „kritische Bille“. D.h. wenn Du merkst, dass Dir gerade dabei bist dir eine Meinung zu bilden, dann schau Dir die Dinge zunächst frei bis vier Minuten durch die gewohnte rosarote Brille an und bilanzier die Vorteile, den Nutzen, das Erfreuliche, was Du halt so rosarot erkennen kannst. Schreib bei größeren Sachen auch ruhig was dazu auf. Dann bedank Dich bei der rosaroten Brille und versprich ihr, dass du auf sie zurückkommen wirst und wende dich folgenden Fragen zu:

Was sind die Nachteile, was kann schief gehen, wann wird es voraussichtlich eher schief gehen, welcher Schaden droht dann, wie gut bezahlbar ist das ganze, auf was musst du verzichten, wenn du eine „rosarote Entscheidung“ triffst, was werden die Auswirkungen sein, wer ist davon betroffen und mit welchen Reaktionen von Betroffenen und Beteiligten musst du rechnen?

Diese Fragen bilden die „kritische Brille“. Mach Dir auch Notizen von diesen kritischen Überlegungen.

Gegebenenfalls könnte noch eine „Analysebrille“ weiterhelfen, falls du Schwierigkeiten hast, Tatsachen von Meinungen zu trennen und zu sehr auf Meinungen und Bewertungen von anderen baust und zu wenig auf Tatsachen. Die Analysebrille funktioniert so:

Welche meiner Informationen ist eine Tatsache, welche eine (Fremd)meinung? Welche Tatsachen fehlen mir noch für ein zuverlässiges Bild. Habe ich bei denen Meinungen ungefähr den gleichen Geschmack wie der, der die Meinung hat oder habe ich einen völlig anderen Geschmack, andere Werte etc. (Bzw. weis ich überhaupt was von dem Geschmack des Meinungsträgers?)

Oft kommt heraus, dass man viel zu wenig weis, um sich überhaupt seriös eine Meinung zu bilden. Jemand sagt, „die Party war toll“ doch derjenige ist gerade frisch verliebt und findet sowieso jede jede Gelegenheit zum schmusen oder protzen mit der neuen Braut toll. Das sagt dann nichts über die Party, wenn der sagt die Party war toll, sondern nur, dass er sich toll gefühlt hat. Ist ja auch in Ordnung, nur für die Qualität der Party belanglos und damit noch kein Grund für die Annahme, dass man sich da selber auch wohl fühlen würde.

Übernimmst Du eher positive Urteile von anderen oder erfährst du einfach irgendwas und stellst es die dann selber toll vor? Das ist auch ein wichtiger Unterschied.

Wenn du dir vorstellen kannst, das etwas toll sein könnte, dann ist das völlig in Ordnung. Nur frag dich dann: Was müsste gewährleistet sein, damit es auch höchstwahrscheinlich toll wird. Meistend wissen wir kaum was über das was gewährleistet sein müsste, damit es auch toll werden kann, sondern wunsch-denken uns das einfach herbei.

Um bei den Parties zu bleiben: Die rosarote Brille sagt dir was über deine Erwartungen an eine tolle Party, nicht aber was darüber, ob du das bei einer bestimmten party auch antreffen wirst. Es sei denn: Du machst sie selber. Die rosarote Brille kann sehr wertvoll sein, um Kriterien zu finden, wenn man selber etwas aufziehen möchte; sie prognostiziert nur nicht das, was man antreffen wird.

Wenn du ein eher aktivistischer, organisierender Typ bist kannst du dir überlegen, welche deiner „rosaroten Erwartungen“ vielleicht dazu taugen daraus eigene Projekte zu machen. Allerdings musst du dann die analytische Brille sehr ernst nehmen und auf die Voraussetzungen schauen.

Vergleiche die Ausbeute deiner rosaroten mit der kritischen Umschau und unterscheide bei beiden Bilanzen zwischen gesicherten Informationen über Tatsachen und bloßen Meinungen oder Erwartungen. Wie sieht dann die Bilanz aus? Auch wenn sie positiv ist, überlege, ob das was du unternehmen möchtest, auch gerade in deinem Leben Vorrang verdient, oder ob nicht gerade noch etwas wichtigeres ansteht. Wenn das der Fall ist, dann plane dein Vorhaben für später ein. Nicht jede Entscheidung ist eine ja-nein Entscheidung, oft geht es auch darum, ob etwas sofort oder erst nachdem wichtigeres erledigt ist, unternommen werden sollte.

Wenn du mit der rosaroten Brille guckst, über lege dir auch, welche stabilen Wertvorstellungen und längerfristigen Interessen von dir in dem rosaroten Gesichtsfeld vorkommen. Hört sich etwas toll an, wäre aber etwas völlig neues für dich oder kommen in dem Blick auch deine eigenen Stärken, Talente und Leidenschaften vor? Ein Partyurlaub auf Ibiza kann sich meinetwegen gut anhören, aber wenn du mal angenommen Lehrerin werden willst und du eine „Urlaubsmöglichkeit“ als Jugendgruppenleiterin als Alternative hast, dann wäre diese Alternative für dich „beruflich wertvoll“. (Es sei denn, du bist schon Lehrerin, und willst von Kids im Urlaub verschont bleiben…) Auch am „rosaroten Blick“ selbst gibt es immer noch eine Menge zu qualifizieren.

Das wirkt auf andere oberflächlich und naiv.

Wenn man mal seinen Ruf weg hat, dann kann man den nicht so schnell ändern, ein Ruf ist ziemlich zäh und allzu schnelle Umwidmungen wirken oft auch nicht sehr glaubwürdig.

Ich würde nicht im Bekanntenkreis verkündigen: „Ich sehe jetzt die Dinge nicht mehr so rosarot,“ sondern: „Ich lerne jetzt abwägen, d.h. meine bekannte rosarote Sicht an Voraussetzungen zu messen und mit Nachteilen zu vergleichen“. Oder „Meine rosarote Regierungsfraktion kriegt jetzt eine kritische Opposition in meinem Kopf“. Mach deutlich, dass du dabei bist, deine Perspektive zu ergänzen, zu erweitern und nicht einfach umzuschwenken. „Umschwenken“ wird nämlich nicht geglaubt.

Viele Leute sind griesgrämig, miesmacherisch, pessimistisch und verdrossen. Die müssen den Blick für das positive lernen, oder sie bleiben eine Zumutung für sich und den Rest der Welt (soweit sie sich trauen damit in Berührung zu kommen). Kaum jemand ist von Hause aus „ausgeglichen“. An sich arbeiten sollte auf seine Art jeder. Insofern machst du etwas sehr wertvolles und überhaupt nichts komisches, wenn du an dir arbeitest.

Ich habe noch einen link entdeckt mit einer Übersicht über eine Reihe von Nachdenkrichtungen, die noch etwas weitergehender ist als die kritische und analytische Brille. Vielleicht kannst auch noch mit der einen oder anderen Perspektive etwas anfangen.

http://320079422503-001.bei.t-online.de/Datt.pdf

Deine Therapeutin hatte was von „selektiver Wahrnehmung“ erzählt. Jede Wahrnehmung ist voreingenommen und auswählend. Es kommt darauf an, die jeweils unterbelichteten Wahrnehmungsbereiche gezielt (also auch „selektiv“ nachzubelichten) Eine „unselektive Wahrnehmung“ gibt es nicht, allenfalls eine „abgerundetere“.

Liebe Grüße,

Thomas

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