Mein Vater und die andere Frau

Liebe Wissenden,

ich glaube mit diesem Posting suche ich nicht wirklich Rat, sondern will es einfach nur mal loswerden, bevor ich daran ersticke.
Ich habe meinen Vater mit einer anderen Frau beim Möbelkauf erwischt. Es war ein saudummer Zufall und ich glaube, er hat sich mehr erschrocken als ich.
Die Ehe meiner Eltern hätte meiner Meinung nach vor ca. 30 Jahren geschieden werden sollen, dem war aber nicht so.
Meine Mutter ist in dem Glauben, dass die beiden eine wunderbare Freundschaft führen. Sie ist krank und kann nicht mehr so, wie sie gerne möchte.
Ich habe nie ein wirklich gutes Verhältnis zu meinen Eltern gehabt, aber …
Ja was aber?
Ich habe immer zu meinem Vater aufgeschaut. Er war für mich der mächtige, ewig schlaue, über alles erhabene Mann. Der immer mit dem moralischen Zeigefinger gedroht hat.
„Sowas tut man nicht“.
Er war über alle Zweifel erhaben. Für mich als seine Tochter jedenfalls. Und dann das.
Ich sehe zufällig, wie er in die Einfahrt des Möbelmarktes in meiner Nähe fährt. Ich dachte, ich hätte meine Mutter neben ihm gesehen. Bin umgekehrt, um Hallo zu sagen.
Die Frau ging in Deckung und meine Alarmsirenen hoch. Ich habe gelächelt, mein Vater hat mich darum gebeten, ihn nicht gesehen zu haben und ich bin wieder gefahren.
Ich habe außer meinem Schatz niemenadem etwas davon erzählt. Warum meiner Mutter wehtun? Warum meine Geschwister mit reinziehen?
Aber ich ersticke daran.Alles gelogen.
Der große alte Mann vom Sockel gestoßen. Das kleine Stück meiner Kindheit, das ich so geliebt habe, ist weg.
Ich habe das ganze tiefe Bedürfnis, ihm weh zu tun. Ich würde ihn gerne zur Rede stellen. Aber ich weiß die Antworten. Es ist es nicht wert, darauf einzugehen.
Ich bin wütend auf ihn. Er hat mit der anderen Frau Möbel gekauft. Aber er ist nach wie vor bei meiner Mutter.

Danke, dass ich ein wenig Müll hier abladen durfte. Ob es mir danach besser geht, weiß ich nicht. Alt genug sollte ich eigentlich sein, das wegzustecken. Es steckt jedoch im Hals und will nicht weg.

Linde

Hallo Linde,

es tut gut, dass Du Deinen Frust hier ablädst. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dir mitteileilen dass es auch andere gibt, die auf ihrem Lebensweg erfahren dass ihr Vater (evtl. auch ihre Mutter) nicht dem Ideal entsprechen das sie sich eingeprägt haben.

Erst spät habe ich erfahren dass mein Vater meine Mutter betrügt und dass er, noch viel schlimmer, nicht dazu steht und die Konsequenzen zieht. Andererseits habe ich meine Lehre daraus gezogen und die heisst: Bedingungslose Offenheit in der Beziehung. Wenn mir etwas nicht pass dann lass ich es los und wenn ich anderer Meinung bin wie mein Gegenüber (das kann ein Freund oder ein Unbekannter sein) dann lass ich es raus. Die positive Erfahrung damit: Ehrlichkeit wird in der heutigen Gesellschaft am ehesten anerkannt. Was Dein Vater oder Deine Mutter machen ist ihre Sache. Das geht Dich, mit Verlaub, einen Sch*** an. Dein Leben ist wichtig - steh dazu und mach das Beste draus.

Thats it
Rolf

gilt denn …
dein Motto in deiner ViKa nur für dich selbst?

Hi linde

Die Ehe meiner Eltern hätte meiner Meinung nach vor ca. 30 Jahren geschieden werden sollen, dem war aber nicht so.

dann geht es dir wohl eher um eine Veränderung in deiner Beziehung zu deinem Vater (vielleicht eine schon lange überfällige?), weniger um eine zwischen deinen Eltern, oder?

Meine Mutter ist in dem Glauben, dass die beiden eine wunderbare Freundschaft führen.

Damit hat sie ja möglicherweise recht?

Er war für mich der mächtige, ewig schlaue, über alles erhabene Mann. Der immer mit dem moralischen Zeigefinger gedroht hat.

Das ist schwer nachvollziehbar: Ist ein Mann, der immer mit dem moralischen Zeigefinger droht, mächtig? schlau? Und ist „über alles erhaben sein“ nicht eher ein Zeichen einer trotz Alter völlig unausgereiften Beziehung zur eigenen Vitalität?

Er war über alle Zweifel erhaben. Für mich als seine Tochter

jedenfalls. Und dann das.

Gerade hier fällt der erstaunliche Widerspruch zu deinem ViKa-Motto auf! Ihn „über alle Zweifel erhaben“ sehen heißt, daß du ihn wahrhaftig zu einer leblosen Statue gemacht hast, wie du ja selbst sagst:

„Sowas tut man nicht“.
Der große alte Mann vom Sockel gestoßen.

Wenn nämlich das ein Sockel ist, auf dem ein als leblos vorgestellter Mann zeigefingerartig erstarrt gesehen wird, dann ist es sicher höchste Zeit, ihn da herunterzustoßen (d.h. es ist ja deine Beziehung zu ihm, die dringend neues Leben eingehaucht braucht).

Und wenn es so sein sollte, daß du ihn nicht nur so siehst, sondern daß es bei ihm tatsächlich so ist, daß er nämlich die längst überfälligen radikalen Lebenskrisen durchackern sollte, in denen man einmal alles bisherige einer gründlichen Befragung aussetzt, dann wäre es doch genau jetzt die rechte Zeit, daß auch du deine Beziehung zu ihm erneuerst: Und ihm vielleicht gerade jetzt eine kluge Gesprächspartnerin bist, die ihn dabei begleitet, vielleicht wie der Phönix aus der Asche hervorzugehen. Und wenn er den Phönix nicht schaffen sollte: Gerade dann wird er bei diesem Prozess vielleicht, was du ihm ja längst möchtest, daß er lebendig, vital wird oder bleibt.

Von deiner Mutter sagst du „sie kann nicht mehr, wie sie will“. Auch wenn sich das auf eine Krankheit bezieht: Könnte es sein, daß ihr alle in euerer Familie (durch Sockelstellerei, Zeigefingerheberei, Geheimniskrämerei und „sowas tut man nicht“-Mentalität) nicht mehr könnt, wie ihr wollt?

Das kleine Stück meiner Kindheit, das ich so geliebt habe, ist weg.

Linda, das kleine Stück deiner Kindheit ist bereits seit ca 35 Jahren weg! Genau wie deine Kinderschuhe! Erst, wenn die Kindheit (und die Kindheitsperspektiven auf die Eltern) da sind, wo sie hingehören, nämlich in die Erinnerung, kommt man zum erwachsenen Leben.

Ich habe das ganze tiefe Bedürfnis, ihm weh zu tun.
Ich bin wütend auf ihn.

Ein wichtiges Gefühl! Niemand verzeiht es seinen Eltern kampflos, daß sie irgendwann aufhören, die Eltern der Kindheit zu sein. Das Gefühl ist ebenso lebensnotwendig, wie die von manchen erlebte Trauer oder Wut, die eigene Kindheit verloren zu haben (erst recht bei Menschen, deren Kindheit unglücklich war).

Ich würde ihn gerne zur Rede stellen.

Worüber? Um ihm zu sagen daß er tut, was er tut?
Versuchst du dich, mit seinem Zeigefinger zu identifizieren? Tu das doch nicht, dann dann mußt du dich selbst auch irgendwann vom Sockel stoßen. Leben ist komplexer, paradoxer, widersprüchlicher, schmerzlicher und tragischer, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Dies einzusehen kostet manchmal alles, was man zu haben glaubte, aber nur, wer das _durch_lebt, verhindert die frühzeitge geistige Erstarrung.

Aber ich weiß die Antworten. Es ist es nicht wert, darauf einzugehen.

Sei da nicht so sicher! Du könntest dabei etwas lernen, was du nicht kennst! Und sowas ist immer von unermeßlichem Wert.

Danke, dass ich ein wenig Müll hier abladen durfte.

Daß du es für Müll hältst, ist sicher nicht sehr klug.

Alt genug sollte ich eigentlich sein, das wegzustecken.

vielleicht auch zu alt, um es nicht wegzustecken?

Gru0

Metapher

Hallo Linde,

seine Eltern erziehen zu wollen funktioniert nicht. Auch ist die Tochter-Vater Beziehung eine andere als die Vater-Mutter Beziehung. Eine normale Tochter-Vater Beziehung ist eigentlich immer von bedingungsloser Liebe geprägt. Du darfst jetzt nicht den Fehler machen, von ihm dasselbe für die Vater-Mutter Beziehung zu fordern. Weisst Du denn, was zwischen beiden vorgefallen ist? Es ist der Wunsch jeden (auch erwachsenen) Kindes, in einer „intakten“ Familie zu leben, weil diese einem Geborgenheit vermittelt. Aber Kinder lösen sich auch von ihren Eltern, suchen neue Partner und gehen neue Beziehungen ein. Ist es denn Deine erste Beziehung? Und wenn nicht, wie haben die früheren Beziehungen geendet? Hat Dich Dein Vater dafür verurteilt? Würdest Du eine Einmischung Deines Vaters in Dein Beziehungsleben akzeptieren? Und bevor Du Deinen Vater moralisch verurteilst, solltest Du Dich fragen, ob er sonst irgendwas getan hat, was eurer beider Beziehung geschadet hat. Diese stellst Du nämlich hier in Frage.

Das Gefühlsleben ist keine gerade Linie, sondern (leider?gottseidank?) ein verschlungener Weg.

Beste Grüsse
Michael

Mein Vater und … Aufgabe einer Kindheitsillusion
Hallo Linde,

Dein posting ist ja tatsächlich von der Seele geschrieben.
Zugleich aber, und das ist der Wert für Alle, zeigt es etwas, das selten erwähnt wird und immer vorkommt:
Das Abbröckeln der oft großartigen, meist „geschlechtslosen“ und moralisch festen Übermenschen-Eltern, als die wir Kinder diese einst erlebt haben.

Bei jedem setzt dieser Klärungsvorgang zu einer anderen Zeit ein, oft während der Pubertät, wo menschliche Schwächen einerseits glasklar erkannt, andererseits verschämt versteckt werden.

So geht eine der sichersten (kindlichen) Bastionen im Leben den Weg alles Vergänglichen: die Illusion von der Unfehlbarkeit - und damit verbunden: der eigenen Unverletzlichkeit.

Dein Beitrag hat es sehr schön gezeigt, und wir können Dir nur wünschen, dass Du diesen „Kulturschock“ gut verarbeiten kannst. Vielleicht wird dann die so eigenartig unattraktive Beziehung zu Dienem Vater auch verändert.
Alles Gute
V.

Hallo Linde,

so ein ähnliches Erlebnis hatte ich auch. Auf einmal hatte mein Vater eine andere Frau.
Ich war ziemlich schockiert, und weiss heute noch nicht (nach fast 10 Jahren) so genau, wie ich damit umgehen soll.
Was mich zuerst beschäftigt hat, war der Schock, denn ich lebe schon eine ganze Weile nicht mehr in Obhut meiner Eltern. Also Angst vor Mangelversorgung war es nicht.
Mir ging das Gekränktsein meiner Mutter nahe, das konnte ich selbst unbewußt gut nachempfinden - ich war mitgekränkt.
Auf der anderen Seite konnte ich meinen Vater verstehen, denn mit dem Auszug von uns Kindern gab und gibt es keine Lebens-Berührungspunkte mehr. Warum sollte er sein Leben nicht neu gestalten. Bei allem Sinn für Loyalität gibt es auch noch andere Werte, die in den Vordergrund treten können.

Ich will mir nicht in die Tasche lügen, mein Verstand nimmt alles glasklar wahr, aber meine Gefühle fahren Achterbahn, zwischen Sympathie und Frust, zwischen Vater und Mutter. Ich hoffe, dass mein Gefühlswagen einmal zur Ruhe kommt. Dagegen anzukämpfen habe ich aufgegeben.

viele Grüße
Claudia

vielleicht
Hallo Claudia,

so ein ähnliches Erlebnis hatte ich auch. Auf einmal hatte
mein Vater eine andere Frau.
Ich war ziemlich schockiert, und weiss heute noch nicht (nach
fast 10 Jahren) so genau, wie ich damit umgehen soll.
Mir ging das Gekränktsein meiner Mutter nahe, das konnte ich
selbst unbewußt gut nachempfinden - ich war mitgekränkt.
Auf der anderen Seite konnte ich meinen Vater verstehen, denn
mit dem Auszug von uns Kindern gab und gibt es keine
Lebens-Berührungspunkte mehr. Warum sollte er sein Leben nicht
neu gestalten. Bei allem Sinn für Loyalität gibt es auch noch
andere Werte, die in den Vordergrund treten können.

Ich will mir nicht in die Tasche lügen, mein Verstand nimmt
alles glasklar wahr, aber meine Gefühle fahren Achterbahn,
zwischen Sympathie und Frust, zwischen Vater und Mutter. Ich
hoffe, dass mein Gefühlswagen einmal zur Ruhe kommt. Dagegen
anzukämpfen habe ich aufgegeben.

Vielleicht ist es einfach die Angst, dass es Dir genau so ergeht wie deiner Mutter, wenn Du in der gleichen Phase (Kinder aus dem Haus bist) ?

Tschuess Marco

Danke Euch allen
für Eure Antworten.

Ich hab natürlich auch nochmal über alles nachgedacht.

Es ist nicht die andere Frau, die mich empört. Das sind Dinge im Leben, die passieren. Wenn eine Sache zuende ist, wird Platz für etwas neues.
Nein, es ist die Lüge, die dahintersteckt. mein vater hat mich immer sehr hart gestraft, wenn ich als Kind bei einer Unwahrheit ertappt wurde.
Aber es eine gnädige Lüge meiner Mutter gegenüber, also laß ich es so stehen.
Und das mein Vater nun endgültig von meinem „Sockel“ runter ist, ist auch ein Schritt in die richtige Richtung.

Also, nochmal Dank an alle
Linde

Hallo Marco,

Vielleicht ist es einfach die Angst, dass es Dir genau so
ergeht wie deiner Mutter, wenn Du in der gleichen Phase
(Kinder aus dem Haus bist) ?

wahrscheinlich hast Du recht. Aber ganz sicher bin ich mir nicht, denn ich glaube, dass die Angst vor dem Verlasssen werden in allen Menschen steckt (sicher bin ich mir nicht, nur eine Vermutung).

liebe Grüße
Claudia