Hallo Fachleute,
ich habe es in letzter Zeit öfter mit Psychologen zu tun.
Da der Verdacht besteht, dass main Sohn ADS hat, und ich renne mit ihm (3 Jahre) von Pontius zu Pilatus.
Viele Psychologen antworten mir bei kritischen Nachfragen: „Glauben sie mir. Ich habe Erfahrung“. Wenn man dann sagt: Leider Gottes höre ich aber von verschiedenen Psychologen sehr unterschiedliche Meinungen. Bekomme ich als Antwort: Es gibt sehr viele inkompetente Kollegen. Aber ich weiß was ich tue.
Ich habe folgende Zusatzausbildungen gemacht… Dann kommt eine
endlose Kette von Zusatztiteln, die oft mit der Thematik nichts zu tun haben, leider.
Spätestens dann bekomme ich einen Schreianfall *nicht wirklich*
Eine Antwort auf meine Frage bekomme ich nicht.
Was ist das für eine Argumentationskette? Halten sich Psychologen auch für Götter in weiß. Ist das nicht ein Anzeichen für Hilflosigkeit?
Du hast vollkommen recht, wenn Du kritische Nachfragen stellst und feststellst, daß es unter den Psychologen und Psychotherapeuten Vertreter unterschiedlicher Richtungen gibt. Das Problem liegt allerdings weniger darin, daß sich Psychologen für Halbgötter in Weiß halten oder hilflos sind, sondern daß die psychologische Wissenschaft und die verschiedenen psychotherapeutischen Richtungen noch keinen Grundkonsens gefunden haben, was „richtig“ ist. Selbst in der Psychologie gibt es einen solchen Konsens nicht.
Daher findest Du Vertreter verschiedener Richtungen vor, die verschiedenes erzählen und auf ihre Ausbildungen und Erfahrungen verweisen, um ihre Kompetenz deutlich zu machen. Darin sehe ich erst einmal kein Problem - es ist nur ziemlich verwirrend für jemanden, der den Dschungel „Psychotherapie“ erkunden muß. Von den vielen psychotherapeutischen Richtungen haben sich leider nur sehr wenige um eine Dokumentation und Überprüfung ihrer Verfahren hinsichtlich Wirksamkeit bemüht, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. Deshalb bringt die Information, daß die oder die Zusatzausbildung gemacht wurde, nicht unbedingt Klarheit (was nützt es schon zu wissen, wenn jemand eine Ausbildung in der „Nackt-durch-den-Wald-springen“-Therapie hat, man aber nicht weiß, ob Nackt-durch-den-Wald-springen etwas nützt).
Die einzige Gruppe von Therapien, deren Vorgehen in einer Weise überprüft wurde, die heutigen wissenschaftlichen Standards standhält und deren oberstes Ziel die Transparenz ihrer Verfahren auch für den Patienten / Klienten ist, ist die Gruppe der (kognitiven) Verhaltenstherapien. Wenn Du einen Blick in aktuelle Psychiatrie- und Psychotherapiebücher wirfst, wirst Du feststellen, daß diese Therapien bei vielen Störungen entweder als Haupttherapieform oder als zusätzliche Therapieform neben der medikamentösen Therapie gelten. Andere Therapieformen wie z.B. die klassische Psychoanalyse oder die Kurzzeitanalyse haben heute keinen zu rechtfertigenden Indikationsbereich mehr außer den der Persönlichkeitsstörungen. Wie in vielen anderen Therapieformen außer in den (kognitiven) Verhaltenstherapien lehnen es psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapeuten rundweg ab, daß was sie tun, wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit überprüfen zu lassen. Es heißt dann z.B.: „Unser Verfahren kann mit diesen Methoden nicht überprüft werden.“ Von solchen „Therapien“ würde ich die Finger lassen. Auch Psychotherapie - gleich welcher Art - muß sich auf ihre Effektivität und Effizienz überprüfen lassen.
Gruß,
Oliver
PS:
Selbstverständlich hat jede Psychotherapieform ihre Berechtigung in dem Moment gewonnen, indem sie sich der wissenschaftlich begründeten Effektivitätsprüfung unterzieht. Ein gutes Beispiel ist die IPT (Interpersonale Therapie), die nicht der Gruppe der kognitiven Verhaltenstherapien entstammt, allerdings ihr Vorgehen ständig auf Effektivität überprüft - und siehe da: Sie ist sehr erfolgreich bei der Behandlung von Depression.
solches Verhalten gibt es in allen Branchen, auch im Handwerk
Es gehört nach meiner Einschätzung ein gewisse Größe und Professionalität dazu, einem Patienten bzw. einem Kunden zu sagen, worin man momentan und auf die Schnelle seine Möglichkeiten sieht, und wo man seine Grenzen ahnt. Wie jeder, der gerne ein Geschäft machen möchte (z.B. einen Patienten gewinnen) wird aus dem Bauch raus keinen Zweifel aufkommen lassen wollen, dass man nicht kompetent genug ist.
So würde ich Dir raten (das machen wir mit unseren unsicheren Kunden auch immer, nachdem wir sie beraten haben) ein paar Psychotherapeuten abzuklappern, und dabei ein Gefühl zu entwickeln, wer vernünftig und vertrauenswürdig wirkt, und wer trotz all seiner „Sonderschulbesuche“ nicht so anziehend ist. Die Idee mit der Suche nach einer Selbsthilfegruppe finde ich nicht schlecht, weil unter Leidensgenossen ein offenes Wort gesprochen wird. Und die Informationen untereinander helfen bei der Entscheidung, welcher Therapeut es sein soll, auch noch einmal ein Stück weiter.
Man sollte nicht vergessen, dass Therapeuten genauso Menschen sind wie wir Hilfesuchenden selbst, also ganz bestimmt keine Götter. Auf der anderen Seite kann ein zu großes Mißtrauen aus Angst vor einem Überlegenheitsmißbrauch des Therapeuten eine Bremse für einen selber bedeuten, wenn man jemanden vertrauen muss.
Je besser Du über die Sachverhalte Eures Problems informiert bist, desto leichter wird Dir eine Entscheidung fallen.