Hallo liebe Experten,
in Gesprächen mit einem Freund, den ich wirklich gut leiden kann, bringt er immer mal wieder die Bemerkung, dass er ja eh’ nicht älter als Kurt (Cobain) werden will/wird, und dass dann ‚endlich Schluss‘ ist. Er selbst ist 22. (Kurt Cobain wurde durch seinen Selbstmord nur 27.) Und er definiert sich stark über Musik: hart und laut muss sie sein (z.B. Hardcore)
Weiter weiß ich von meinem Freund, dass er verschiedene, doch eher diffuse Ängste hat, vor Dingen, Tieren oder Situationen, aber alles nicht wirklich dramatisch, finde ich. Ich würde sie zu den Ängsten zählen, die eigentlich jeder hat. Und wenigstens spricht er sie ab und zu an, wenn auch ungern. Aber „mit mir kann er reden“ - immerhin.
Doch wie ernst muss ich das Ganze nehmen? Er studiert, hat Erfolg, wird in absehbarer Zeit fertig und weiß schon, dass er danch noch ein Aufbaustudium machen will, plant also für seine Zukunft. Aber warum dann immer wieder diese Äußerungen? Will er mich oder seine Umwelt erschrecken? Könnte eine frühere Erfahrung ihn irgendwie aus der Bahn geworfen haben? Seine jüngere Schwester hat seit einem Jahr Bulimie, worunter er ebenfalls sehr leidet, da er ihr nicht helfen kann. Deutet das auf eine schwierige Familiensituation hin, oder sollte man das ganz losgelöst betrachten? Was könnte ich dabei tun? Ihn ausfragen oder ihn doch damit in Ruhe lassen? Aber eigentlich erzählt er sehr gern von sich - fast schon narzisstisch. Naja, kennt jemand unter Euch so einen - wie könnte man sich verhalten, dass es trotzdem nicht als aufdringlich empfunden wird?
Meine Eindrücke:
Frag ihn direkt, WARUM er so etwas sagt. Dann merkst du schon, wenn er grinst oder so, daß er eher schocken/auf sich aufmerksam machen will.
Ich denke, wenn er eher ernst bleibt, Kopf senkt … traurig wird, ist AUF JEDEN FALL mehr dahinter, eine schlimme, bereits fortgeschrittene ernste Depression etc. Dann sollte er doch mal zu jemandem professionellen gehen u. sich helfen lassen. Da sind die Feedbacks doch meist sehr viel mehr qualifizierter u. zutreffender als aus dem Freundeskreis. Womit ich jetzt aber nicht sagen will, daß Tipps/Erfahrungen/Gespräche mit Freunden wertlos sind, im Gegenteil, jedoch kommt es schon auf die schwere der Situation an, wie man weiter fortfährt.
Erst einmal ein Danke an Dich, dass Du dich um Unterstützung umschaust, wo Deine Grenzen bald erreicht sind.
Todessehnsucht ist in jedem Einzelfall „wahr“ zu nehmen.
Als Schüler eines sehr bekannten Selbstmord-Forschers kann ich das nur klar sagen.
Zugleich musst Du aber Respekt haben vor einer Dynamik, die zu solchen Andeutungen geführt hat, und Dich in diese nicht selbst hineinziehen lassen.
Es geht hier doch recht deutlich um jemanden, der seine seelischen Wunden übertönen (laute Musik) und sich „Wegshaken“ muss (andere tun das mit Drogen), und um seine Schwester, die sich ebenfalls selbst schädigt.
Beide Symptome deuten auf Aggression und Lustfeindlichkeit hin.
Was das zu bedeuten hat, kann ich hier nicht so locker vermuten, ohne die Leute zu kennen.
Wie also darauf reagieren?
Einerseits das eigene Betroffensein zeigen, zugleich aber sich nicht emotional abhängig und damit erpressbar machen.
Die Familiengeschichte scheint ja einiges an beziehungs-Problemen zu beinhalten, so sehe ich aus Deiner Schilderung die Bulimie und die Depression beide als Symptome, die man eigentlich in einem Familien-Setting beratend bzw. therapeutisch angehen sollte.
Du als erster „Helfer“ hast Dein ohr geliehen, hast Dir Kontakte und vielleicht Rat gesucht, das ist Deines. mehr sollten Fachleute unternehmen, die sich mit Aggressions-Symptomatik, vielleicht auch mit sexuellem Missbrauch innerhalb von Familiensystemen, auskennen.
Weiteres an Infos gerne, auf dem Gebiet arbeite ich (arbeiten wir) ja seit einigen Jahren.
Danke erstmal
Hallo Volkmar, hab vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.
Ich versuche weiter dranzubleiben, doch sehe ich eher schwarz, was professionelle Hilfe angeht, auf „Psychospiele“ lässt er sich überhaupt nicht ein (also mit Fremden, womöglich noch „Professionellen“, die ja „nur helfen“ wollen…) Vielleicht ist er mit seinen 22 Jahren einfach noch nicht so weit, er findet auch so ziemlich alles uncool bzw. spießig, was die Gesellschaft so zu bieten hat… Also klingt ziemlich pubertär, ich weiß. Zum Glück hält er von Drogen gar nichts, und trinken tut er auch fast nie. Wie viele Jahre sollte man ihm geben bis zu einem neuen „Reifesprung“? Ich geb ja die Hoffnung nicht auf.
Danke nochmal, H.
Weiteres an Infos gerne, auf dem Gebiet arbeite ich (arbeiten
wir) ja seit einigen Jahren.
Hallo Michaela,
das mit der Frage ist ein guter Tipp, werd ich beherzigen (wenn es sich mal ergibt).
Ach, auf seinem Prüfungsplan steht sogar: Prüfung 1 dann und dann, Prüfung 2 dann und dann, usw.usf., und ganz unten drunter hat er geschrieben: Bald: Sterben. Das haut einen dann doch um… Natürlich WILL ich es nicht ernst nehmen.
H.
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