Ich bin unendlich traurig, denn

Hallo wer-weiss-was-ler,

ich hoffe von euch einen Rat zu bekommen wie ich mit einer bestimmten Situation ferig werden kann.

Ich habe einen lieben Freund, meinen bester Freund, ihn kenne ich schon von Kind an. Wir hatten viel Spaß zusammen gehabt und sind sozusagen durch dick und dünn gegangen. Nun ist er unheilbar erkrankt und liegt im Sterben, kein Medikament wird ihm jemals helfen können. Vor einiger Zeit ist er in ein spezielles Hospitz gekommen das 300 km von unserem Wohnort entfernt ist, ich kann ihn nicht einmal besuchen wann ich es möchte, deshalb rufe ich ihn so oft an wie es mir möglich ist und frage ihn nach seinem Befinden. Er ist so optimistisch und sagt, das es Schlimmeres gibt als seine „Wehwechen“, aber er weiß nicht einmal, dass er sterben wird, für ihn ist das was er spürt „normal“. Ihn macht das nur traurig, dass er nicht mehr in seiner gewohnten Umgebung wohnen kann, er glaubt, dass er in eine Wohngemeinschaft wohnt. Ich sagte ihm, das es besser für ihn ist, er bekommt seine Mahlzeiten und man kümmert sich um seine Wäsche. Ich weiß, dass er in den nächsten Wochen sterben wird und ich bin unendlich trauig, ich kann manchmal an nichts anderes mehr denken, als dass er bald nicht mehr da sein wird. Dabei ist er erst 42 Jahre. Jetzt habe ich mein Herz ausgeschüttet und hoffe auf gute Ratschläge. Vielen Dank und lieber Gruß Heike

Hallo Heike,

Also eines wird nicht zu umgehen sein, wenn Dir so viel an ihm liegt: Dein / Euer ganz spezieller Abschied.
So wie es klingtt, ist er geistig nicht voll orientiert, trotzdem kann e s emotional, also gefühls- und seelenmäßig einen Abschied geben, der nicht traurig zu sein braucht.
Ein gelungener Anschied hat etwas von Loslassen in die Zukunft, und bringt beiden sehr viel.
Würd’ ich mir an Deiner Stelle nicht entgehen lassen.
Innerlich gut vorbereiten - und dann hin fahren.

Alles Gute dabei!
Vo.

Hallo Jò,

danke erst einmal für deine Antwort. Es liegt mir sehr viel an ihm, wie gesagt, er ist mein bester Freund. - Das stimmt, er ist geistig nicht mehr orientiert, er hat - PLM - progressive multifokale Leukenzephalopahie - . Ich war auch schon 2mal in der Zeit da wo er in diesem Hospitz lebt, ich habe jedesmal versucht Abschied zu nehmen und ihn loszulassen, aber ich kann das nicht. Jedesmal wenn ich von ihm ging hat er mich so traurig angesehen, als wenn er wüsste, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Lieber Gruß Heike

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Hallo Heike,

was Du sagst rührt mich sehr. Ich finde es toll, dass sich in unserer heutigen Gesellschaft noch jemand so um einen anderen Menschen sorgt.
Ich möchte hier keine Floskeln anbringen in dem ich sage, wir müssen ja alle einmal gehen oder so… Das hilft Dir wenig.
Meine spontane Meinung nach dem Lesen Deines Threads:
Du weißt er muss gehen, Du musst versuchen ihn loszulassen. Nicht im Herzen, da wird er sicher lange bleiben, aber für Dich selbst.
Du gibst ihm schon sehr viel indem Du ihn anrufst und ihm hilfst, z.B. zu glauben er sei in einer WG.
In gewisser Weise ist das doch auch ein Trost, dass er so denkt oder?
An Deiner Stelle würde ich mich innerlich darauf vorbereiten ihn noch ein letztes Mal zu sehen und ihn dann ein letztes Mal besuchen.
Den Zeitpunkt wirst Du selber wissen oder spüren, aber tun würde ich es in jedem Fall.
Aber vorbereiten musst Du Dich innerlich schon. Zu wissen, Du fährst ein letztes Mal hin, verabschiedest Dich im Inneren von ihm, läßt ihn los in seinen Frieden gehen… Das halte ich für sehr wichtig. Für Euch beide!!

Er war Dein bester Freund und wird es in Dir immer bleiben. Erweise ihm diesen letzten Freundschaftsdienst, in dem Du zu ihm fährst und ihn dann in Frieden ziehen lässt.
Das würde ich tun und mein Gefühl sagt mir, dass es das Richtige ist…

Ich wünsche Dir ganz ganz viel Kraft für diese Fahrt, Kraft auch für den letzten Abschied und Mut zum Leben für Dich selbst.

funr@cer

Hallo fun…

vielen Dank auch für deine Antwort, ich werde auf jeden Fall noch einmal da hinfahren, wenn es nicht schon zu spät ist. Ich weiß nur nicht was ich ihm sagen werde, er wird sicher denken, dass ich ihn noch öfter besuchen werde und er wird mich wieder traurig ansehen wenn ich gehe… lieber Gruß Heike

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Hallo Heike,

dass er traurig sein wird wenn Du gehst ist doch klar und dass er denkt, Du kommst ihn wieder besuchen genauso.
Das kannst aber nur Du mit Dir selbst ausmachen, dass Du damit klar kommst. Du musst es Dir WIRKLICH bewusst machen, bewusst Abschied nehmen. Ich glaube das gehört zu so einem Abschied unbedingt dazu, denn sonst kannst Du nicht loslassen.
Du verlässt ihn ja nicht, Du bist ja noch telefonisch da, aber irgendwann musst Du ( auch schon für Dich selbst ) mal einen Strich ziehen und sagen: O.K. ich hab getan was ich konnte / musste und wollte, der Rest liegt nicht mehr in meiner Hand.
Sei für ihn da solange es geht und Du kannst. Du schreibst ja selbst, dass es nicht mehr lange dauert, dann würde ich mich nicht so quälen und versuchen das Ganze zu beenden ( hört sich blöd an, denn das geht ja nicht ), aber ein letzter, ich meine WIRKLICH letzter Besuch ist wichtig!

Was Du ihm sagen sollst fragst Du?
Nun, das kann Dir nur Dein Gefühl sagen… Du sagst ja, er weiß nicht dass er sterben wird, also kannst Du nicht mit ihm darüber reden. Überlass es ihm über was er reden will, unterhaltet Euch über gemeinsame Erinnerungen und Aktivitäten, lacht zusammen und habt einen schönen Tag. So wirst Du ihn auch später in guter Erinnerung behalten können.

Einen lieben Gruß und viel Kraft wünscht Dir
funr@cer

Hallo funracer,

du hast recht, ich muss es mir bewusst machen, bewusst Abschied zu nehmen. Es fällt mir schwer Abschied zu nehmen, aber wenigstens kann ich das ja noch, denn als mein Vater starb konnte ich nicht mehr von ihm Abschied nehmen. Ich sage Danke für deinen Beistand und der guten Wünsche. Lieber Gruß Heike

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Hallo Heike,

auch ich wünsche dir alle Kraft der Welt und finde es sehr bewundernswert dass du nicht den Kopf einziehst (aus Hilflosigkeit der Situation gegenüber) sondern für deinen Freund da bist.

Eine andere Frage stellt sich mir aber doch - also wenn ich mir vorstelle in der Situation deines Freundes zu sein - ich würde wissen wollen wie es um mich steht, ich würde wissen wollen dass ich sterben muss und wieviel Zeit mir in etwa bleibt, würde mir die Ehrlichkeit aller Beteiligten zu meiner Situation wünschen.

Damit ich eine Chance habe mich selbst zu verabschieden, letzte Dinge zu regeln, mich mit der Situation auseinanderzusetzen. Diese Chance nimmt man ihm offensichtlich in diesem Hospiz (und wer weiss ob das alle Beteiligten überhaupt so durchhalten, dein Freund ist ja nicht dumm und es kann sehr gut sein dass er mehr mitbekommt als er offensichtlich soll) und das erschreckt mich doch schon etwas…

Gruss Carolin

Hallo Heike!

Ich habe jetzt den Thread zu Deiner Frage gelesen und hätte da vielleicht noch einen Lesetip für Dich.

„Es wird mir fehlen, das Leben“ von Ruth Picardie. Bei einer jungen Journalistin wurd Krebs diagnostiziert und sie schrieb darüber Kolumnen im britischen „Observer“ und führte Mailkorrespondenz mit Ihren Freunden. Nach Ihrem Tod haben Ihr Mann und Ihre Schwester diese Kolumnen, Emails usw. als Buch herausgegeben. Mir hat’s gefallen ISBN 3499227770 Buch anschauen

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und Mut für die Zukunft!

Liebe Grüße
Frauke

Hallo Frauke,

auch dir lieben Dank. - Heike

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Hallo Carolin,

das Gute an dieser Krankheit ist, dass mein Freund nicht merkt, dass er so krank ist und bald sterben wird, er denkt, er würde sich normal bewegen, dabei schleicht er und ist fast gelähmt. Er hat Sprachstörungen und denkt, er würde normal sprechen. Auch denkt er, er würde in eine Wohngemeinschaft leben und nicht in ein Hospiz. Er nimmt an, dass alles seine Richtigkeit hat, dass es so sein muss wie es jetzt ist. - An manchen Erlebnissen die wir zusammen hatten kann er sich garnicht mehr erinnern - wenn ich ihm erzähle schaut er mich verwundert an. Diese Krankheit nennt man PLM( progressive multifokale Leukenzephalopathie), das ist eine Virusinfektion des Gehirnes. Das Virus befällt mehrere Gehirnregionen bis häufig eine ganze Gehirnhälfte geschädigt ist. Es treten Lähmungen, Wahrnehmungsstörungen und Sprachstörungen auf, bald verliert man die Fähigkeit zu denken. Diese Krankheit läßt sich nicht aufhalten, es gibt keine Medikamente und in wenigen Monaten wird man sterben.

Vielen Dank auch für deinen Beistand, lieber Gruß - Heike

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Hallo Heike,

danke für die ausführliche Erläuterung, ich hatte von so einer Krankheit bisher noch nicht gehört.

Trotzdem - du hast die Möglichkeit dich von ihm zu verabschieden, die Situation zu akzeptieren, vielleicht sogar zu verstehen, zu verarbeiten - er hat sie nicht. Die einen werden es vielleicht als Gnade bezeichnen, andere als verpasste Chance.

Sei es wie es ist, ich weiss aus eigener Erfahrung dass es nicht leicht ist unter diesen Umständen eine Freundschaft aufrechtzuerhalten, deswegen nochmal meinen Respekt und meine Hochachtung dass du dich der Situation so stellst, ich bin in Gedanken bei dir.

Alles Liebe
Carolin

Hallo Heike,

Du sagst da etwas Wichtiges:
„Ich kann das nicht!“
Also ist Dein Anteil an dem Abschioed eher ein verlustgefühl, über das Du trauerst und wohl so bald nicht hinweg kommst.
Ich kann Dir dafür nur empfehlen: Wende Dich an jemanden in Deiner Wohngegend oder auch im Internet, der es gelernt hat, Trauernde (evtl. auch Sterbende) zu begleiten.
Es muss nicht unbedingt „Psychotherapie“ sein, weil mir nicht klar ist, ob da bei Dir bereits ein Krankheitswert vorliegt.
Es soll nur jetzt langsam weg vom öffentlichen Brett.
Aus meiner Erfahrung kann ich Dir gerne sagen, dass diese Form des seelischen Schmerzes sehr gut bearbeitbar ist.
Vo.

… wenn da dieses ständige DU MUSST nicht wäre, …

Hallo Heike,
habe mit Anteilnahme das alles hier gelesen in den letzten Tagen und möchte das, was „Jö schau“ unten schreibt bekräftigen.
Es ist keine Kleinigkeit, die da in Deinem Leben passiert und wird was auch immer Du erkennst, tust oder nicht tust Spuren in Deiner Seele hinterlassen.
Was ich meine: Es ist wirklich wichtig.
Da ist so ein öffentliches Forum nur begrenzt leistungsfähig.
Aber es gibt so viele gute Angebote im Bereich der Psychologie und der Sterbebegleitung, die auch für Angehörige -egal welcher Form- da ist, dass das eine wunderbare Chance ist mit einem wirklich extremen Thema, meiner Ansicht nach dem extremsten mit dem einen das Leben konfrontieren kann, auseinanderzusetzen.
Um mit ganzer Seele dabei zu sein und zu tun, was Dein Herz tun möchte.
Das Abschiednehmen halte ich auch für ganz ganz wichtig.
Und oft ohne Begleitung schwer zu schaffen.
Ich möchte Dir gerne von ganzem Herzen dafür Kraft wünschen und dass Du spürst, was wann richtig ist.
Alles Liebe,Semele

Hallo an alle die mir Beistand geben und gegeben haben,

das stimmt wohl, dass das öffentl. Forum nur begrenzt leistungsfähig ist, aber dennoch hat es mir geholfen. Ich werde in mich hineinhorchen, an mich arbeiten und ganz bewusst Abschied nehmen. Dann werde ich ein letztes Mal zu ihm fahren und ein paar schöne letzte Stunden mit ihm verbringen. Also, ich Danke euch allen, ich konnte aus euren lieben Ratschlägen Kraft schöpfen - lieber Gruß Heike

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