Psychotherapeutische 'Vorsorge' ?

Hallo,

Ich frage mich z.Zt. ob es eine Art psychotherapeutischer Vorsorgeuntersuchungen gibt, welche z.B. zur Entdeckung krankhafter Entwicklungen schon im Ansatz führen.

Wenn ich z.B. an die Zahnmedizin denke, dann gehe ich auch zum Arzt, BEVOR mir alle Zähne aus dem Mund fallen.
Wenn ich an die Allgemeinmedizin denke, so geht man normalerweise ab und zum Arzt, um z.B. das Blut oder den Urin untersuchen zu lassen, oder ein EKG machen zu lassen, BEVOR man mit einem Herzinfakt oder einem diabetischen Schock umfällt, ohne vorher überhaupt bemerkt zu haben, daß einem etwas fehlt.

Gibt es solche Vorsorgeuntersuchungen auch in der Psychotherapie ? Haben solche Untersuchungen in diesem Gebiet einen echten Sinn, oder muss einem selbst in jedem Fall irgendein Beschwerdepunkt an sich selbst auffallen, bevor ein Besuch bei einem Psychotherapeuten einen Sinn macht ?

Gruss,
Jürgen

Hallo Jürgen!

Klar gibt es eine Art „Vorsorge“ für psychische Probleme. Dies nennt man Prävention. Die Präventionsform, die das erstmalige Auftreten von Störungen verhindern soll, nennt man primäre Prävention. Sie hat das Ziel, eine potentielle Risikogruppe so zu unterweisen oder zu behandeln, daß bestimmte Probleme nicht auftreten (z.B. Information über Möglichkeiten der Frühförderung von Risikokindern) oder Entscheidungsträger / Institutionen so zu sensibilisieren, daß Rahmenbedingungen z.B. der Erziehung verändert werden, die andernfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit zu bestimmten Problemen führen würden. Es steht im Gegensatz zur Einzelfallberatung aber nicht das Problemverhalten im Vordergrund, sondern das Risikoverhalten bzw. der Bedingungshintergrund einer Risikoumwelt.

Ein Beispielprogramm aus der Pädagogischen Psychologie ist das Primary Mental Health Project, bei dem in Schulen nach Kindern gesucht wurde, die bestimmte Risikofaktoren aufweisen. Diese Kinder erhielten dann eine besondere Förderung, ihre Eltern wurden ebenfalls mit einbezogen, indem z.B. Informationsveranstaltungen durchgeführt wurden. Es gibt daneben noch eine Reihe weiterer Programme, die sich der Primärprävention verschrieben haben.

Freundliche Grüße,

Oliver

Hallo Zusammen!
Und wie sieht es mit Präventivgesprächen oder besser gesagt
prä-,post-, dissoziativen „Alltagsgesprächen“ aus? Also einer Auflösung von Strukturen, bevor diese sich ins uferlose ausweiten können? Oder um schon deren Aufbau zu verhindern. In den USA scheint der Gang zum Therapeuten
normales Tagesgeschäft. Jedenfalls habe ich viele dort getroffen, die samt ihrer Familie regelmäßige Sitzungen beim
Psychoanalytiker abhalten. Mir schien das etwas hysterisch-überzogen, aber der Höflichkeit halber habe ich geschwiegen.
Argumentativ habe ich erfahren, soll das dem Zeitgeist entsprechend, den früheren Gang zum Beichtstuhl ersetzen. Der T. ersetzt den Pfarrer gewissermassen. Ist hier im Zuge der Abwendung von den Kirchen (Ersatz-) Handlungsbedarf erkennbar?
Nun muß man hierzulande (Gottseidank!) nicht ALLES nachmachen, was vom großen Teich herüberkommt. Aber glaubst du Oliver, daß solche Gespräche auch „Nichtrisikogruppen“ nützlich wären?
Die Amokläufer z.B., die normalen Familien entstammen, lassen diesen Gedanken durchaus zu! Vorrausetzung wäre natürlich auch die Finanzierbarkeit. Die Therapeuten dort langen kräftig zu.
Und würden ungeheurer an Macht gewinnen, was ich auch nicht für unbedenklich halte. Was wären Alternativen?
Gruss
HC

Hallo

Was wären Alternativen?

Wieder aufmerksamer miteinander umgehen. Zuhören neu lernen
und Zulassen, wenn man mit Probl. nicht gut zurechtkommt,
dass einem zugehört wird.

hd

Hallo Zusammen!
Und wie sieht es mit Präventivgesprächen oder besser gesagt
prä-,post-, dissoziativen „Alltagsgesprächen“ aus? Also einer
Auflösung von Strukturen, bevor diese sich ins uferlose
ausweiten können? Oder um schon deren Aufbau zu verhindern. In
den USA scheint der Gang zum Therapeuten
normales Tagesgeschäft. Jedenfalls habe ich viele dort
getroffen, die samt ihrer Familie regelmäßige Sitzungen beim
Psychoanalytiker abhalten. Mir schien das etwas
hysterisch-überzogen, aber der Höflichkeit halber habe ich
geschwiegen.

Genau das hatte ich gemeint. Ich hatte mich gefragt, ob es tatsächlich die Möglichkeit gibt, daß eine Person einen Therapeuten aufsucht, nicht um wegen psychischer Probleme, die schon bemerkt worden sind, behandelt zu werden, sondern um durch ein therapeutisches Gespräch erst herauszufinden, ob er ein solches Gespräch wegen Problemen, die er selbst nur schwer oder gar nicht erkennen kann, benötigen könnte.
Quasi als prophylaktische psychotherapeutische Untersuchung.
Ist so etwas in der Psychotherapie überhaupt als sinnvoll zu erachten ? Oder fördert man damit nur Hypochonder oder auch Selbstzweifel bei Menschen, bei denen solche Probleme diagnostiziert werden ?

Gruss,
Jürgen

Hallo Jürgen,

meine persönliche Einschätzung ist das für 95% aller Menschen
nützlich wäre sich mit Ihrer psychischen Konstitution
auseinander zu setzen.

Wirklich NOTWENDIG ist es nur dann wenn jemand großen Leidensdruck empfindet.

In der Kindererziehung kann man ebenso größes Können entwickeln wie im Stabhochsprung, Fußballspielen oder was auch immer.

Aber welche Eltern verwenden schon soviel Mühe darauf es zu lernen?

Meiner Einschätzung nach machen es die meisten Eltern ziemlich
unreflektiert so wie sie es als Kind erlebt haben.

D.h. die meisten haben als Kinder mindestens die eine oder
andere Verletzung erlitten die sich auch im Erwachsenenleben
auswirkt.

Trotzdem kommen die meisten Menschen im Alltag sehr gut zurecht und fühlen sich wohl. Wirklich mit sich im Reinen sind nur sehr
wenige Menschen. Wenn irgendwelche „unnormalen“ Situationen auftreten reagieren sie unangemessen. Ich auch. Aber ich strebe danach mich
in diese Richtung zu entwickeln.

Sich beim Analytiker auf die Couch legen halte ich aber für
weniger sinnvoll. Ich bevorzuge lösungsorientierte Ansätze.

D.h. es macht schon Sinn über das was man in der Kindheit
erlebt hat zu reflektieren, aber nicht als weitgehender Selbstzweck, sondern im Zusammenhang mit dem was einem heute
für Probleme beim Umgang mit anderen Menschen oder den eigenen Kindern begegnet.

Ich denke bei fast jedem Menschen gibt es Schattenseiten.
Dinge die man an sich selbst nicht wahrhaben will.
Es erscheint meist unangenehm sich damit auseinander zu setzen.

Man kann das aber auch aus einer neutralen beobachtenden Perspektive heraus tun. Dann ist es auch nicht unangenehm.
Dabei kann ein Therapeut, Supervisor oder Coach helfen.

Also wenn es etwas gibt wo es für Dich schwierig ist damit umzugehen - was immer das auch sein mag -

KANN Dir ein Psychotherapeut dabei weiterhelfen - ob Du es
machen willst mußt Du selbst entscheiden.

viele Grüße

Stefan

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

so sehe ich das
Hallo,
so ein Gespräch ist nach meinem Verständnis in jedem Fall dann sinnvoll, wenn jemand ein Bedürfnis danach hat.
Denn dann gibt es zwei Varianten:

a) er ist völlig problemlos und gesund - dann ist er hinterher beruhigt, und es spricht nichts dagegen, ihm diese beruhigende Sicherheit zu verschaffen durch dieses Gespräch
b) er hat ein irgendwie geartetes Problem (möglicherweise z.B. Hypochondrie): Dann kann das Gespräch der Anfang einer Problemlösung sein.

Einziger Wermutstropfen: Keine Krankenkasse wird wohl so ein präventives Gespräch finanzieren - somit sind die Kosten wohl grundsätzlich vom (potenziellen) Patienten selber zu tragen.

hbx
(Psychotherapeutin)