Depressionen und die gehirnhälften

hallo!!

habe heute diesen artikel zugesandt bekommen: http://www.the-scientist.com/yr2002/sep/research_020…

darin wird beschrieben dass es eine mögliche verbindung zwischen der aktivität der rechten gehirnhälfte und depressionen gibt.
das erstaunlichste dabei sind sehr schnelle änderungen der stimmungslage wenn die leute eine brille aufsetzen die so abgeklebt war dass sie nur eine seite wahrnehmen konnten-und man somit eine gehirnhälfte stärker ansprechen konnte.

wie steht die forschung zu dem thema im moment?
wird sowas in der therapie mit eingebaut?

tschüss

matthias

Hallo Matthias!

Die Hypothese, daß Gehirnaktivitäten, die mit Emotionen einhergehen, lateralisiert sind (d.h. daß sich bei bestimmten Emotionen verstärkte Aktivität in einer der beiden Gehirnhälften findet) existiert schon länger. Besonders Richard J. Davidson von der University of Wisconsin-Madison (da war er jedenfalls 1990) hat sich mit dieser Hypothese auseinander gesetzt.

Davidson nahm an, daß Emotionen, die mit Annäherungsverhalten einhergehen (also salopp gesagt: mit „positiven Emotionen“ wie z.B. Freude), mit linkshemisphärischer Aktivität korreliert sind, während Emotionen, die mit Rückzugsverhalten einhergehen (also salopp gesagt: mit „negativen Emotionen“ wie z.B. Ärger, Angst), mit rechtshemisphärischer Aktivität korreliert sind.

In dem Artikel, der mir vorliegt, gingen Davidson, Ekman, Saron, Senulis und Friesen (1990) davon aus, daß Emotionen v.a. mit frontaler und anterior temporaler Gehirnaktivität gekoppelt sind. Ihre Studie (u.a. mit Einsatz des EEGs) bestätigte nach ihrer Auffassung eine Lateralisierung der Emotionen gemäß der oben genannten Hypothese.

Die Befunde neuropsychologischer Studien zur Depression faßte Rebecca Elliot 1998 in einem Artikel in „Trends in Cognitive Sciences“ zusammen, in dem sie ausführte, daß bei Depressionen ungewöhnliche Aktivitäten im dorsolateralen und ventralen präfrontalen Cortex und im anterioren Gyrus cinguli beobachtet wurden. Diese Gehirnstrukturen sollen auch etwas mit Stimmungen zu tun haben. Ob die Aktivität rechtshemisphärisch besonders auffällig war, so wie man nach der Hypothese von Davidson vermuten könnte, ist mir momentan nicht bekannt. Allerdings könnte man vermuten, daß bei Depressionen sich verstärkt rechtshemisphärische Gehirnaktivität in den bezeichneten Bereichen finden könnte, falls die Hypothese von Davidson auch bei Depressiven zutreffen sollte.

Zusammengefaßt: Unter den Emotionstheorien gibt es also in der Tat eine Hypothese, die eine Lateralisierung der Emotionen annimmt, wobei „negative“ Emotionen mit rechtshemisphärischer Aktivität und „positive“ Emotionen mit linkshemisphärischer Aktivität in Verbindung gebracht werden. Die Gehirnstrukturen, die nach dieser Hypothese betroffen sein sollen, weisen bei Depressiven im Vergleich zu Nichtdepressiven ungewöhnliche Aktivitäten auf.

Diese Befunde für eine Therapie zu nutzen - jedenfalls nach dem mir vorliegenden Kenntnisstand -, halte ich für verfrüht. Die Davidson-Studie nutzte das EEG, mit dem eine genaue Lokalisation der betroffenen Hirnstrukturen nur sehr schlecht möglich ist. Außerdem sind die genannten Hirnstrukturen bei sehr vielen anderen Störungen in ihrer Aktivität ebenfalls auffällig, so daß es sich wahrscheinlich um unspezifische Abweichungen handelt. In die Zukunft blickend könnte man spekulieren, ob man solche neuropsychologischen Befunde einsetzen könnte, um die Ergebnisse von Psychotherapie zu untersuchen. Wenn man vor der Therapie die ungewöhnliche Aktivität im Gehirn feststellt und diese spezifisch für die Störung wäre, dann sollte die Gehirnaktivität nach einer erfolgreichen Therapie „normalisiert“ sein. Solche Gedanken sind keine völlig abwegige Vorstellung, weil man bei Zwangsstörung bereits vor einigen Jahren festgestellt hat, daß nach einer erfolgreichen Therapie (übrigens VT *g*) die ungewöhnliche Gehirnaktivität in den Basalganglien (Gehirnstrukturen, die etwas mit Bewegungsplanung zu tun haben) verschwunden war.

Freundliche Grüße,

Oliver Walter

das ging ja schnell!
hallo!!

danke für die ausführliche antwort.

mit einsatz in der therapie habe ich solche sachen gemeint wie den patienten mehr mit einer hand machen zu lassen um die entsprechende gehirnhälfte stärker zu aktivieren. oder koordinativ anspruchsvolle sachen damit die beiden besser zusammenarbeiten müssen und somit wieder ein gleichgewicht hergestellt wird.

wäre das mal einen versuch wert??
habe wenig kontakt mit kollegen aus der psychiatrie, …-glaube aber nicht dass die sowas berücksichtigen.

tschüss

matthias