Hallo Uwe!
Hm…ich dachte, ich solle Deiner Meinung nach selbst denken und nicht nur mein frisches Uni-Wissen an „kranken Menschen“ ausprobieren?
Schizophrenie ist erst immer nur ein gewisses Anderssein, bis
es durch einen Psychologen als Schizophrenie deklariert wird.
Formell korrekt. Dahinter ist jedoch der von Dir vertretene Standpunkt des Labeling-Ansatzes der Antipsychiatrie-Bewegung verborgen. Dieser Standpunkt übersieht, wie ich in meinem vorangehenden Posting bereits aufzeigte, den Umstand, daß Schizophrene auch dann erhebliche Schwierigkeiten hätten, ihr Leben zu gestalten bzw. überhaupt am Leben zu bleiben, wenn ihre Andersartigkeit gesellschaftlich vollkommen akzeptiert werden würde.
Ich habe schon den gleichen Patienten durch „Experten“ als
neurotisch, manisch depressiv, psychotisch und ich weiß nicht
was alles diagnostiziert gesehen. Viele Gutachten
widersprechen sich teilweise drastisch!
Die Differentialdiagnose bei Schizophrenien wurde früher sehr schlecht durchgeführt. Bei Anwendung der modernen Klassifikationssysteme ist die Diagnose heute deutlich sicherer.
Nach meinen Erfahrungen werden in Deutschland Menschen eher zu
schnell als zu nachlässig eingewiesen (siehe meine Antwort
unten). Viele Heimbewohner haben einfach etwas Ungewöhnliches
erlebt, es vielleicht dummerweise falsch interpretiert und
schon landen sie in einer Anstalt.
Aha. Viele „Heimbewohner“ sind also Opfer übereifriger Psychiater, ja? Wer - außer Dir - hat das denn herausgefunden?
Wenn sie dann erst einmal
Medikamente bekommen haben, ist es oft für sie sehr schwierig,
ihre „Normalität“ zu beweisen.
Ich kenne die Argumente des „Labeling“-Ansatzes.
Glaubst Du wirklich, daß alle
„Bewohner“ einer psychatrischen Klinik tatsächlich „verrückt“
sind?
Wo habe ich geschrieben, daß „alle Bewohner einer psychiatrischen Klinik verrückt sind?“
Wie ich schon schrieb: wenn jemand eine Gefahr für sich oder
andere darstellt, muß er therapiert werden.
Das ist richtig. Aber zu einseitig. Auch wenn jemand leidet, hat er ein Recht auf Behandlung mit den nach heutigem Kenntnisstand besten Methoden.
Wenn nicht (und
wenn er anderen nur verdächtig vorkommt), sollte er doch leben
dürfen, wie er mag, oder nicht?
Wer hat bestritten, daß jemand, der „nur“ von der sozialen Norm abweicht, nicht leben dürfe, wie er wolle? Wir leben nicht im Dritten Reich. Wenn jemand aber eine schwere psychische Störung aufweist, dann ist es die Pflicht der Gesellschaft ausgehend von Werten der Mitmenschlichkeit ihm / ihr zu helfen.
Der von Dir vertretene Standpunkt, der der alte Standpunkt von Leuten wie Szaz und Laing ist, verharmlost und romantisiert das Leiden von Schwerkranken, denen man manchmal nicht einmal ansehen kann, ob sie noch am Leben sind. Hast Du schon einmal jemanden im Stupor der katatonen Schizophrenie gesehen? So jemand kann sich nicht einmal mehr bewegen! Willst Du ihn so „leben“ lassen? So jemand kann ohne Hilfe nicht leben! Er braucht unsere Hilfe in psychiatrischen Krankenhäusern und in Form von Psychopharmaka!
Freundliche Grüße,
Oliver