Werbung ist aber kein Spass
Tjaja, wenn doch alles nur so einfach wäre…
Mag sein, daß manch einer die 20-30sec. Spots als Amusement betrachtet, die Konsequenzen auf sein Kaufverhalten nicht wahrhaben will und auch die eigene Lebenszufriedenheit nicht mit der Wirkung des Werbefernsehens in Verbindung bringt.
Nur ein Beispiel: Die privat finanzierte Anzahl an plastischen Operationen hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen, ebenso die psychosomatischen Erkrankungen bezüglich von Essstörungen. Diese beiden Phänomene stehen in direktem Zusammenhang mit dem eigenen Aussehen und der Einschätzung desselben. Scheinbar sind die Leute immer unzufriedener. Tatsächlich ist es ja möglich, daß wir uns bei allem Fortschritt wieder unseren natürlichen Instinken annähern und der damit verbundenen eigentlichen Wahrnehmung von Schönheit.
Doch welches Ideal entspricht denn unserer Natur? Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, daß der Begriff „Attraktivität“ mit unserer eigentlichen Wahrnehmung nicht mehr viel gemein hat. Nehmen wir z.B. den Mann. Studien belegen, daß Männer eigentlich auf eher üppiger bestückte Damen stehen, und die Wissenschaft weiß, die Natur verlangt es sogar vom Mann.
In zwei Punkten irren die Menschen nämlich.
Erstens: Schönheit wird in Bezug auf Probleme wie Partnerschaftswahl und sexuelle Attraktivität völlig falsch eingeschätzt (man weiß mittlerweile, daß der Geruchssinn eine wesentlich größere Rolle bei der Partnerwahl spielt als alleine die optischen Reize, da der menschliche Organismus bedingt in der Lage ist, über den Geruchssinn wichtige das Imunsystem betreffende Informationen aufnehmen kann und eine Auswahl trifft dahingehend, daß solche Menschen, die dieses Spektrum besonders gut ergänzen würden, als attraktiv angesehen werden).
Zweitens: Das Schönheitsideal ist von einer gesellschaftlichen Entwicklung verklärt und hat nichts mehr mit unserer ureigenen instinktiven Wahrnehmung von Schönheit zu tun.
Aber wie kommt es dann zu einer solch dramatischen Fehleinschätzung?
Ich würde behaupten, daß gerade die Werbung, die in 20-30sec. Takten nicht etwa „unterhaltsame“ Episoden zum Wohle des Publikums zeigt, sondern welche vielmehr bemüht ist, unterschwellige Botschaften in diese Spots zu packen, um den Menschen „Visionen“ von einem Idealzustand zu geben (alles auf äußerst subtile Art) trägt an dieser Entwicklung einen nicht unmaßgeblichen Anteil.
Die vorangegangenen Beispiele bezogen sich nun konkret auf „Schönheit“, es dürfte aber kaum einen Lebensbereich geben, in dem die Werbung keine Rolle mehr spielen dürfte.
Werbung geht aber noch viel weiter als die mittlerweile aggressiven Taktiken der Kundenwerbung wie z.B. der Besuch des RonaldMacDonald in Schulen.
Gerade in den subtilen unterschwelligen Botschaften liegt doch die Gefahr: es werden Lebenszustände erschaffen fernab von jeglicher Realität und Neurosen geschürt durch das Vorgaukeln falscher Tatsachen.
Noch ein Beispiel: wir sehen und erleben in unserem Alltag vielleicht 4-5 verschiedene Wohnräume im Monat. Im Werbefernsehen erlebe ich „Lebensräume von Menschen“ im 20 Sekunden Takt - über den Abend je nach TV Konsum etwa eine halbe bis Stunde lang. Dabei erlebe ich ständig Wohnräume, die aufgeräumt, adrett und stilvoll sind. Eventuell verändert sich dadurch meine Einschätzung der Sachlage: ein Wohnraum ist also prinzipiell stets sauber zu halten.
Daß dies mit der Realität nichts zu tun hat, bemerkt man spätestens dann, wenn man sich auf die Realität besinnt. Doch wie viele tun das denn schon. Tatsächlich kriegen es doch viele Menschen gar nicht mehr hin, Ihren Haushalt vernünftzig zu führen (da sie Ihrer Idealvorstellung nicht mehr gerecht werden).
Dieses Beispiel lässt sich übrigens beliebig auf andere Bereiche wie Kleidung, Auto oder ähnliches Übertragen.
Wir kriegen vorgelebt, was eine ganze Crew von Spezialisten an mehreren Drehtagen schafft, und reflektieren dieses Bild in unsere Erwartungen.
Die Konsequenz ist, daß die Menschen mit Ihrer eigenen Leistung und Ihren Lebensumständen immer unzufriedener werden.
Aber auch das Verhalten in Bezug auf Zufriedenheit wird fehlgeleitet. Die wahren Werte unserer Instinkte gehen verloren. Wir Verknüpfen neurotischerweise das gezeigte Produkt mit den Idealzuständen - kann man den Zustand nicht erreichen, so kann man sich Ihm wenigstens annähern, wenn man das Produkt kauft. Man kann durch das Produkt zu dem werden, was uns die Werbung suggeriert. Wir wählen die Ersatzbefriedigung.
In dem Posting, welches ich hier beantworte, sthet geschrieben, daß das Kaufen von unnützen Gegenständen, der Besuch bei erwähntem „schöttischem Spezialitätenrestaurat“ und die ach so geliebte Cola (ich schätze einmal, daß sich der Begriff Cola in dem Zusammenhang tatsächlich auf eine spezielle Marke beziehen soll, man aber diese Firma mit Hauptsitz in Atlanta gar nicht mehr namentlich zitieren braucht, da sowieso jeder weiß, um welche Marke es sich handelt. Woran das wohl liegt…?) haben doch nichts mit Realitäten zu tun.
In einem FastfoddRestaurant mit vorverdautem ConvenienceFood ist doch das Erlebnis als solches in keinster Weise als positiv zu bezeichnen? Die Umgebung ist - gelinde gesagt gräßlich - da quetschen sich Menschen auf unbequeme Stühle, die am Boden festgeschraubt sind und welche man schon zu Schulzeiten gehasst hat. Da ist die Geräuschkulisse alles andere als angenehm: Lärm, Reizüberflutung etc. Man muss in den meisten Fällen für sein Essen anstehen, wobei man für das gleiche Geld evtl. schon in einem „richtigem“ Restaurant von vorne bis hinten bedient wird. Und zuletzt das Essen selber, das Ereignis, welches thoretisch im Mittelpunkt stehen sollte…
Tja - was die klassische Konditionierung doch nicht alles zu tun vermag - und daß nicht nur bei Pavlows Hunden…
Ich halet es für äußerst Kurzsichtig, die „Risiken und Nebenwirkungen“ von Werbung zu unterschätzen.
Es geht Deutschland nicht schlecht. Es geht den Deutschen nicht schlecht. Die Lebenserwartung, Gesundheit und Lebensqualität steigt stetig. Unser Standart erhöht sich, wir sind in der Lage, technische Erneuerungsprozesse in unseren Lebensalltag problemlos zu Integrieren (den technischen Standart kontinuierlich dem Zeitgeschehen anzupassen). Aber unsere Einschätzung und Wahrnehmung ist eine völlig andere.
Die Bedeutung von Glück hat sich gewandelt: nicht mehr ein Lebensziel, sondern unser Konsum bestimmt unsere Zufriedenheit.
Bereits Kinder haben nicht mehr den vermehrten Wunsch nach Geborgenheit, sondern vielmehr das Bedürfniss nach „Gameboy“.
Diese Entwicklung schönzureden ist bedenklich - wie gesagt, wenn doch alles so einfach wäre…
An alle, die meinem Erguss bis hierher folgen konnten, Respekt für Ihr Durchhaltevermögen!
Gruß
Patrick