Das 'es muss sich was ändern' syndrom (lang)

hallo!!

die bundestagswahl ist vorbei und schon nimmt die zahl derer ab die immer mit absolut überzeugter stimme verkünden: „so kann es nicht weitergehen-es muss sich was ändern“.

aber auch ausserhalb (d.h. unabhängig von wahlen) hört man dieses „sprüchlein“ immer und immer wieder.

vor kurzem wurde auch eine untersuchung durchgeführt bei der man mitarbeiter von diversen firmen gefragt hat welche art von gesundheitlichem engagement sie sich in ihren betrieben wünschen würden. die zahlen lagen bei über 70-80% (interesse an rückenschulen, ernährungsberatung, herz-kreislauf-training, …).

jedoch zeigt sich in der realität ein interesse von geschätzten maximalen 10%! ,d.h. wenn es dann soweit kommt dann waren die aussagen nur heisse luft. ganz zu schweigen von der eigeninitiative der leute die bei den meisten gegen null geht.

auch im bezug auf die wahlen: wer wäre denn wirklich bereit etwas aufzugeben damit sich endlich was ändert?? es wird z.b. über überstunden geklagt-aber will man die manchen wegnehmen schreien sie weil die viel geld bringen. aber über die arbeitslosigkeit schimpfen.

will man rauchen teurer machen schimpfen auch welche-und gleichzeitig sich über die hohen beitragssätze der krankenkassen beklagen.

ich denke mir dass jeder von euch noch hundert (eigene!!) beispiele anführen kann. :wink:)

fragen:

  1. wurden solche sachen schon untersucht?, d.h. v.a. der unterschied zwischen den aussagen und dem tatsächlichen engagement.

  2. was sind die besten „strategien“ gegen solche diskrepanzen? brauche ich auch für die therapie denn da „kann es ja auch nicht so weitergehen“ (bezogen auf die probleme mancher patienten).

danke

matthias

Hallo Matthias!

Das, was Du beschreibst, ist ein uraltes Problem der Einstellungsforschung (Sozialpsychologie). Man weiß schon seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, daß das Verhalten nur in geringem Maße von der Einstellung abhängig ist. Die klassische Studie stammt von LaPierre (1934). In dieser Studie zeigte sich sogar ein negativer Zusammenhang: LaPierre hatte nämlich einige Jahre zuvor mit einem chinesischen Ehepaar die USA bereist und war entgegen seiner Sorge um Abweisung nur einmal aus einem Hotel verwiesen worden (damals gab es in den USA sehr starke Vorurteile gegen Chinesen). Ein halbes Jahr später fragte er schriftlich bei allen Hotels und Gaststätten an, die er besucht hatte, ob sie Chinesen als Gäste akzeptieren würden. Obwohl ja nur ein Hotel während der Reise die Chinesen nicht beherbergen wollte, lehnten nun 92% der Hotels und Gaststätten die Anfrage ab.

Dieser Befund wurde häufig als Beispiel für eine fehlende Übereinstimmung zwischen Einstellung und Verhalten herangezogen und durch andere Untersuchungen bestätigt. Allerdings gab es auch Studien, die dem widersprachen. Seit den 1960er Jahren wurde festgestellt, daß unter bestimmten Bedingungen ein Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten festzustellen ist. Wenn Einstellung und Verhalten auf 4 Ebenen ähnlich spezifisch betrachtet werden, dann stellt man fest, daß durch die Einstellung das Verhalten zu einem gewissen Grad vorhergesagt werden kann(sogenannte Korresponendenzhypothese):

  • Handlungsaspekt: Welches Verhalten soll untersucht werden ?
  • Zielaspekt: Welches Ziel hat das Verhalten ?
  • Kontextaspekt: Wie sieht der Kontext aus, in dem das Verhalten gezeigt wird?
  • Zeitaspekt: Wann soll das Verhalten gezeigt werden ?

Es wurde in vielen Studien versäumt, eine enge Korrespondenz zwischen den vier Aspekten herzustellen, so daß z.B. die Einstellung nur in den beiden ersten Aspekten spezifiziert wurde, das Verhalten dagegen in allen vier. Gemäß der Korrespondenzhypothese wird aber nur dann eine Übereinstimmung von Einstellung und Verhalten erwartet, wenn beide in genau derselben Weise spezifiziert sind.

Aber auch wenn man eine Korrespondenz in den 4 Aspekten herstellt, zeigt sich, daß bei Kenntnis der Einstellung das Verhalten nur in geringem Maß vorhergesagt werden kann. Deshalb entwickelten Fishbein und Ajzen (1975) und Ajzen und Madden (1985) 2 Theorien, die „theory of reasoned action“ und die „theory of planned behavior“, nach denen das Verhalten von der Verhaltensabsicht und die Verhaltensabsicht von der Einstellung, der subjektiven Norm (glaubt man, daß die anderen, die einem wichtig sind, es gut finden, wenn man so handelt) und der subjektiven Verhaltenskontrolle (glaubt man, daß man das Verhalten auch zeigen kann, das man zeigen möchte) abhängt.

Obwohl Verhalten jetzt nur noch indirekt und u.a. von der Einstellung abhängig sein soll, können auch diese Modelle das Verhalten nur ungenügend vorhersagen (Unterschiede im Verhalten sind nur zu ca. 20% durch Unterschiede in den genannten Variablen erklärbar).

Mein persönliches Fazit zur Einstellungsforschung: Höre nicht darauf, was die Leute sagen, sondern schaue Dir an, was sie machen, dann kannst Du ihr zukünftiges Verhalten am besten vorhersagen.

Wie schon Jesus Christus sagte: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Oder wie das alte Behavioristensprichwort sagt: „Vergangenes Verhalten ist der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten.“

Freundliche Grüße,

Oliver

Hi Matthias,

wie dir der Name schon sagt, ist dieses Phänomen offensichtlich so alt, daß die Altvorderen es schon bezeichnet haben.

die Welt soll besser werden, aber fangt bitte nicht bei mir an.

Zudem kommt heute noch der Freizeitstreß dazu, „ich würde ja auch, aber …“

gruss
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