Hallo Frank,
es beschämt mich, daß ich so viel wahres von Dir zu hören bekomme. Vieles stimmt, vieles nicht. Also nicht direkt für mich. Ich versuche Dir mal adäquat zu antworten, hoffe es gelingt:
seit geraumer Zeit verfolge ich Deine Geschichte.
Die psychosomatischen Reaktionen, die Du beschreibst, kenne
ich bestens.
Bei mir ist es die Haut und der Rücken.
Ich habe nun schon mehrfach Artikel geschrieben, die eine
Erklärung in dieser Hinsicht liefern sollten, deshalb nimm es
mir nicht übel, wenn ich noch mal loslege, weil ich es einfach
für sehr wichtig halte und vermute, dass Du es nicht gelesen
hast.
Richtig, hab ich nicht, denn sonst hätte ich niemals gefragt.
Alle Menschen die einer psychischen Belastung unterliegen,
zeigen körperliche Reaktionen:
Haut, Rücken, Magen, Kopf. Es ist natürlich und gut so, um so
mehr erstaunt es mich, dass es die Menschen erstaunt. Und
genau das ist der Punkt.
Ja, weil ich ehrlicherweise zugeben muß, daß ich an solche Dinge
nie glauben konnte (22 Jahre Krankenhaus stumpfen ab, man hat keine Zeit mehr an sich zu denken).
Mir fällt auf, dass sehr viele Menschen, so gut wie gar keinen
Draht mehr zu ihren Körperempfindungen haben.
Doch, aber ich finde es sehr sehr belastend für mich, weil es nach dem Jahr „Ruhe“ , welches ich mir erlaubt hab, so geballt kam, hatte mir Ruhe anders vorgestellt. Ganz anders. Ich war nie unglücklicher, als zeitweise in dem mir selbst verordnetem Jahr.
Sie haben auch
kaum einen Zugang zu Ihren Gefühlen.
Ich wünschte, ich hätte keinen Zugang, wirklich! Sobald ich denke, wird alles bedrohlich, ich hasse es, aber ich steuere dem erfolgreich entgegegen. Nie wieder möchte ich so nachdenken müssen. Nicht weil ich mich micht mag, sondern weil die Assoziationen unberechenbar geworden sind. Ich hab alle Hände und Gedanken voll zu tun, aus meinem Kind keine gestörte
Person zu machen und mußte feststellen, was mit mir passiert ist. Und es ist ja niemand mehr da, den ich fragen könnte, also
lohnt es sich bestimmt nicht, weiter und weiter zu denken.
Ich hoffe, Du verstehst, wie ich dies meine.
Es erschreckt mich außerordentlich, auf die Frage „Wie geht es
Dir“, die grundsätzliche Antwort: „Gut“ zu bekommen.
*lächelt* Ja, denn sonst müßte man ja tiefer gehen, aber wen,
interessiert das schon?
Ein Gefühl näher zu definieren, ist den meisten Menschen
nahezu unmöglich. In meiner Arbeit erlebe ich es sehr, sehr
selten, dass mir jemand sagt: Ich bin aufgeregt, nervös, habe
ein Kribbeln im Bauch“ Du hörst in der Regel: Mir geht es gut,
oder mir geht es schlecht.
Der einfachste Weg… ich weiß es ja und hab mich immer eingesetzt dafür, dass die Menschen, deren Leben oft bedroht war, mir erzählten, es hat allen gut getan. Auch mir, vielleicht mehr, als ich zugeben würde.
Wenn wir Schmerzen haben, fragen wir gewöhnlich nicht „warum
habe ich Schmerzen? Was hat meinen Körper verletzt, in welche
Lage habe ich meinen Körper gebracht, dass er jetzt mit
Schmerzen reagiert?“, sondern wir fragen, „wo liegt das
Schmerzmittel?“
Ja, Schmerz ist schwer erträglich, und manchmal durch beruhigende Gespräche konnte ich Schmerzen wegnehmen, vergessen machen. Das war wunderbar.
Wir haben keine Zeit mehr uns ernsthaft mit unseren
Empfindungen und mit unseren körperlichen und seelischen
Schmerzen auseinanderzusetzen. Es ist traurig. Wichtiger ist
arbeiten, Geld verdienen, möglichst „gut dastehen“
Ha, eben nicht, ich hab aufgehört, weil ich dachte, nichts kann ich mehr ertragen, das Maß war voll! Wie übervoll es wirklich war/ist, hab ich erst in der Ruhephase erfahren.
Ich sehe
einen Großteil Köpfe durch die Gegend laufen, völlig losgelöst
vom Rest des Körpers. Kopfgesteuerte Maschinen, die nur
denken und nicht registrieren was im Rest des Körpers vor sich
geht.
Aber ich beneide sie, mein Freund und meine große Liebe ist so
jemand. Er diszipliniert sich, er kann unterscheiden, was mir zu Zeiten unglaublich schwer fiel.
Nicht nur Zeit ist die Ursache des Übels, sondern auch, dass
wir von Kind auf sämtlichen Körperempfindungen entfremdet
werden. Kinder werden ständig unter Druck gesetzt und
abgelenkt, nur um den Spaß und die Lust an Körperlicher
Erfahrung nicht zu erleben und um sie von Wohlgefühl und
Schmerzen fernzuhalten.
Oh ja, das hab ich genauso gemacht und bin dabei, es zu ändern.
Es gelingt mir auch ab und an, leider ist es nicht nur mein
Zutun, welches wieder und wieder Einbrüche bringt.
Viele Menschen haben gar keinen Draht mehr zu ihren
Körperempfindungen, der Körper ist vom Innersten der
Persönlichkeit abgeschnitten, ihr physisches Selbst ist ihnen
entglitten: sie sind lustlos.
NEIN!! Ich weigere mich, daß zu glauben.
Die Signale, in Deinem Fall die Pickel, haben eine
tieferliegende Ursache. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Du
musst nur hinschauen.
Bitte, versteh mich nicht zu falsch. Es ist ein Unterschied zu wissen und nicht wissen zu wollen, oder auch nur drüber reden zu wollen. DAS ist meine Entscheidung. Ich möchte einfach, daß diese akzeptiert wird, denn wie schon mal gesagt, ich weiss ja,
das was ganz und gar nicht stimmt, aber - und nicht aus Trägheit - ich w i l l es nicht genau wissen. Das ist doch i.O.???
Das wird Dir aus den oben genannten
Gründen nicht gelingen, also wäre es wünschenswert, es zu
lernen. Das wiederum könntest Du mit Unterstützung eines
Psychologen tun. Insofern verwundert es mich nicht, dass Deine
Psychologin nicht erfreut ist.
Sie hat mir nicht gut getan, es ging zu schnell über in Kindheitserinnerungen und Auseinandersetzungen mit meinen Eltern, warum ich meine Tochte nicht lieben kann, bla bla bla.
Dabei fehlen mir meine Eltern so sehr, das allerdings hat sie nicht begriffen, auch nicht, daß ich meine Tochter sehr wohl liebe, es vielleicht nur nicht so ausdrücken kann, wie man es erwartet.
Es geht nicht darum, ob Du eine Entscheidung für Dich triffst,
sondern es geht darum, dass Du eine BEFRIEDIGENDE Entscheidung
für Dich triffst. Dein Körper sendet Signale, die Du ernst
nehmen solltest.
Ja, aber was, wenn ich es einfach nicht will. Ich will, daß mein Körper so funktioniert, wie ich es will. Kindisch? Nein, logisch.
Du bist glücklich, über das Ende Deiner Gesprächstherapie. Das
glaube ich Dir gerne, weil Du scheinbar das unangenehme
„ich-muss-mich-mit-mir-und-meinen-Gefühlen-beschäftigen“ los
bist.
Oh ja, und wie! Schau mal, was für Dich richtig ist, muß doch nicht für mich richtig sein. Verstehst Du, was ich meine.
Es ist kein feiges Wegrennen, eher ein Weitermachen, bis ich
in Ruhe über Dinge nachdenken darf (Kinder weg vom Haushalt).
Es läuft scheinbar gut, aber Dein Körper sagt Dir, dass es
nicht gut ist. Du willst es nicht glauben. Du wehrst Dich. Du
willst nicht wahrhaben, dass noch etwas im Argen liegt.
Ja ich wehre mich. Ist das denn niemanden verständlich?
Und alles Arge hat Zeit, bis ich Zeit hab.
Bei mir war es so: Als ich aufgegeben habe, mich dagegen zu
wehren, gingen die körperl. Symptome langsam zurück.
Das ist schön.
Liebe Dilarah, ich wünsche Dir die Kraft und den Mut weiter zu
machen.
Ach Frank, ich hab allen Mut der Welt, nur bin ich sehr oft zu allein und fühl mich nicht wohl mit mir, obwohl ich nie wirklich allein bin, ich werde nicht mehr zu dieser Therapie gehen, alles was Du hier geschrieben hast, hat mehr in mir ausgelöst, als diese Kindheitsrückerinnerungsgespräche über ein halbes Jahr lang.
Es tut weh und gleichzeitig gut, jetzt fang ich mich wieder auf und sehe zu, daß es weitergeht. Ich finde es ja eigentlich als
den größten Besch***, und das ist mein Problem, daß ich nie mehr wieder meine Eltern fragen kann, warum so viele Dinge so passiert sind, aber das ist Vergangenheit und irgendwann muß man sie ruhen lassen.
Hab vielen Dank, ich kann Dir gar nicht genug danken für Deine Worte, Du verstehst mich aber - glaub ich - auch so.
Dir auch ein schönes Wochenende
Dilarah