Sexuelle Persönlichkeitsentwicklung
Hi Caren
du fragtest nach sexualpsychologischen Perspektiven zu deinem Seniorenpärchen:
Deine relativ kurze, aber mit sehr deutlichen - und einschlägig bekannten - Merkmalen versehene Beschreibung schildert ein nur relativ harmloses Beispiel des Schadens, den christliche Sexualethik an Verkümmerungen in der Persönlichkeitsentwicklung anrichten kann. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob jemand ein „intelligenter Kopf“ oder in einer „hohen Position“ ist oder nicht: Die soziale Karriere ist kein Kriterium für die Reife im interaktiven Umgang mit Sexualität.
Du beschreibst einen Mann, dessen erotische Attitüden sich auf dem Level eines Knaben in der Anfangsphase der Pubertät bewegen: Der Knabe, der seiner Umwelt (besonders der bereits erwachseneren) voller Stolz, aber noch sehr ungelenk signalisiert „seht mal, ich bemerke, daß es da etwas Bedeutsames gibt, das in Zukunft auch mal mich selbst betreffen könnte“. Ein Knabe, der in seinem zu dieser Entwicklungsphase gehörigen narzißtisch engen Horizont aber zugleich glaubt, dieser Umwelt etwas Neues mitteilen zu können „da ich es jetzt erst wahrnehme, könnt ihr es folgerichtig auch noch nicht kennen“.
Dadurch kommt die urkomische, verquaste Erscheinungsform dieses Verhaltens zustande. Es ist aber ein Irrtum, daß dies eine speziell männliche Eigenart ist - bei Mädchen (und damit auch bei älteren Frauen, die den entsprechenden Entwicklungsmangel haben) hat es nur andere Erscheinungsformen.
Wenn diese Entwicklungsphase nun (abgesehen davon, daß sie bei diesem Mann in die Zeit des WK II fällt) in einer Umgebung stattfindet, die - wie es für die christliche Sexualethik charakteristisch ist - Sexualität mit Religion, oder genauer: Verdrängung der Sexualität mit Frömmigkeit programmatisch verwechselt, dann gibt es - grob gesagt - zwei hauptsächliche Entwicklungswege:
Der eine bedeutet Revolte gegen die vorgeblich religiöse Tabuisierung, Entdeckung der eigenen Sexualtität, Neugier, wache einschlägige Beobachtung der Umwelt und damit auch frühe Einübung in Formen des interaktiven Sexualverhaltens - man lernt sehr schnell, welche Strategien erfolgreich sind und welche nicht.
Der andere Weg bedeutet eine Fixierung der Sexualentwicklung in dieser Phase. Die Tabuisierungen werden verinnerlicht (internalisiert), die Wahrnehmung wird eingeengt nur auf das ausdrücklich Erlaubte, es fehlt jegliche Einübung im interaktiven Verhalten. Die Phantasie bleibt verkümmert, die Bewegungen der Vorstellungskraft werden durch verinnerlichte Verbote in Fesseln gelegt. Die Libido ist aber trotzdem da und sucht sich Auswege im verlegenen Kichern. Der Mann ist in einer Zeit aufgewachsen, in der er vielleicht mit knallrotem Kopf Bildchen verklemmt posierender nackter Frauen am Kiosk unter der Ladentheke erschmuggelte - die Zeit (er war da Mitte 30), in der dasselbe auf jedem Illustriertencover zu erblicken war, hat er gar nicht wahrgenommen.
So frei die erwähnte Partnerin in derselben Hinsicht auch sein mag: Sei hat es mit einem Mann zu tun, der 60 Jahre Persönlichkeitsentwicklung nachzuholen hat …
Abgesehen davon, daß ohne Geilheit auch keine Sexualität existiert, würde ich an deiner Stelle diese verkümmerten Signale dieses älteren Herrn nicht allzu negativ bewerten: Sie zeigen zumindest, daß da „noch was ist“ *fg*. Es zeigt sich nur halt in einer über ca 60 Jahre blockierten Entwicklungsform.
Ob da noch was draus werden kann? Die Erfahrung sagt: Ja. Ich weiß von Menschen in noch viel höherem Alter, die ihre sexuelle Phantasie und Experimentierfreude noch voll entwickelt haben und die sich herzhaft darüber lustig machen, wie sagenhaft verklemmt sie noch vor 10 Jahren waren - nicht ohne Trauer darüber, fast ihr ganzes Leben an sexueller Lebensfreude vergammelt zu haben.
Wenn die Lady wirklich so frei und locker sein sollte, wie du es andeutest, dann klemmt sie sich den Herrn unter den Arm und zeigt ihm mit Charme und Esprit wo’s langgeht. Wenn sie sich aber mit Motzen über seine Verklemmtheit aufhält, wird sie keine Chance haben.
Grüße
Metapher