Sexualwissenschafl.gefragt:Hirngeilheit bei Männer

Hallo,
die Mutter meiner besten Freundin hat sich wieder gebunden. Sie ist 60 er 75 Jahre. Kurz zur Situation: beide wirken total jung und aufgeschlossen. Als sie sich kennenlernten, gab er sich immer sehr kirchlich und fast schon prüde und hörte von Sachen, die er angeblich nie gekannt hat. Dabei ist er ein sehr intelligenter Kopf früher in einer sehr hohen Position tätig. Nun ist er soweit „aufgetaut“, daß, wenn er nur eine leicht bekleidete oder auch nur sehr attraktive Frau sieht (Plakat oder in echt) er sie z:B. erst anstubbst, dann „oohh“ sagt und anschließend direkt „ich hab nichts gesagt…“ Sie regt sich darüber total auf, weil es sie zum einen nicht interessiert und er doch einfach nur gucken braucht und sie nicht immer noch darauf hinweisen muß. Was bedeutet so eine Reaktion bei Männern?

Ich weiß nicht, ob ich das jetzt so rüberbringen kann. Aber er tat immer super heilig, rannte früher nur in die Kirche und hatte eine total biedere Frau. Seine jetzige sieht super aus, ist flott und kann über alles reden.
Er aber nimmt jede Andeutung zum Anlaß, fast zu lechzen und blöde Sprüche zu bringen.
Gibt es so eine Art „hirngeilheit“ bei Männern und vor allem, gibt es eine Möglichkeit, diese offenlichtliche Geilheit, bei der einer Frau eher alles vergehen kann anstatt zu stimulieren/animieren zu unterbinden oder zu stoppen? Diese Geschichten vergällen alles, da es irgendwann einfach widerlich wird. Noch am Rande: ansonsten verstehen sie sich blendend, lachen und reden wohl viel zusammen. Wer hat nen Tip? Oder kennt jemand passende links oder Foren oder Literatur?

Hallo,

die Mutter meiner besten Freundin hat sich wieder gebunden.
Sie ist 60 er 75 Jahre. Kurz zur Situation: beide wirken total
jung und aufgeschlossen. Als sie sich kennenlernten, gab er
sich immer sehr kirchlich und fast schon prüde und hörte von
Sachen, die er angeblich nie gekannt hat. Dabei ist er ein
sehr intelligenter Kopf früher in einer sehr hohen Position
tätig. Nun ist er soweit „aufgetaut“, daß, wenn er nur eine
leicht bekleidete oder auch nur sehr attraktive Frau sieht
(Plakat oder in echt) er sie z:B. erst anstubbst, dann „oohh“
sagt und anschließend direkt „ich hab nichts gesagt…“ Sie
regt sich darüber total auf, weil es sie zum einen nicht
interessiert und er doch einfach nur gucken braucht und sie
nicht immer noch darauf hinweisen muß. Was bedeutet so eine
Reaktion bei Männern?

Unsicherheit in der Partnerschaft kann dies sein. Ein Versuch durch ungeeignete Objekte (Plakate) die Reaktion zu testen, ob jemand eifersüchtig ist. Wäre er 15 oder 16 würde ich sagen, er will auf sich aufmerksam machen, was für ein toller Kerl er ist.

Ich weiß nicht, ob ich das jetzt so rüberbringen kann. Aber er
tat immer super heilig, rannte früher nur in die Kirche und
hatte eine total biedere Frau. Seine jetzige sieht super aus,
ist flott und kann über alles reden.
Er aber nimmt jede Andeutung zum Anlaß, fast zu lechzen und
blöde Sprüche zu bringen.
Gibt es so eine Art „hirngeilheit“ bei Männern und vor allem,
gibt es eine Möglichkeit, diese offenlichtliche Geilheit, bei
der einer Frau eher alles vergehen kann anstatt zu
stimulieren/animieren zu unterbinden oder zu stoppen? Diese
Geschichten vergällen alles, da es irgendwann einfach
widerlich wird. Noch am Rande: ansonsten verstehen sie sich
blendend, lachen und reden wohl viel zusammen. Wer hat nen
Tip? Oder kennt jemand passende links oder Foren oder
Literatur?

Wie wäre es, wenn Du die Vorgänge einfach als Unsicherheit zur Kenntnis nimmst. Soweit ich aus meinem persönlichen Umfeld als Mann es sehen kann, belustigen mich manche Vorgänge von meinen Freunden auch und manchmal spreche ich sie an. Dies sind fast alles Männer in 2. Ehe. Einst mit ruhigen, teilweise streng christlichen Frauen verheiratet, man machte noch das Licht aus. Heute sind aus 50 - 60 Jährigen Männern, leider auch bei einigen um die dreißig beinahe 16-jährige Kinder geworden, die manchmal kräftig auf den Keks gehen können.

Ich nehme mir diese Feunde auf die Seite, versuche im Gespräch die übertriebenen Aktionen anzusprechen und hinzuweisen, dass dieses Verhalten störend ist. Es kann auch helfen, einen Mann einmal hinzuweisen, dass durch solches Verhalten eine Frau auf Sex reduziert wird.

Grüsse und einen guten Rutsch ins Jahr 2003 Günter

Sexuelle Persönlichkeitsentwicklung
Hi Caren

du fragtest nach sexualpsychologischen Perspektiven zu deinem Seniorenpärchen:

Deine relativ kurze, aber mit sehr deutlichen - und einschlägig bekannten - Merkmalen versehene Beschreibung schildert ein nur relativ harmloses Beispiel des Schadens, den christliche Sexualethik an Verkümmerungen in der Persönlichkeitsentwicklung anrichten kann. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob jemand ein „intelligenter Kopf“ oder in einer „hohen Position“ ist oder nicht: Die soziale Karriere ist kein Kriterium für die Reife im interaktiven Umgang mit Sexualität.

Du beschreibst einen Mann, dessen erotische Attitüden sich auf dem Level eines Knaben in der Anfangsphase der Pubertät bewegen: Der Knabe, der seiner Umwelt (besonders der bereits erwachseneren) voller Stolz, aber noch sehr ungelenk signalisiert „seht mal, ich bemerke, daß es da etwas Bedeutsames gibt, das in Zukunft auch mal mich selbst betreffen könnte“. Ein Knabe, der in seinem zu dieser Entwicklungsphase gehörigen narzißtisch engen Horizont aber zugleich glaubt, dieser Umwelt etwas Neues mitteilen zu können „da ich es jetzt erst wahrnehme, könnt ihr es folgerichtig auch noch nicht kennen“.

Dadurch kommt die urkomische, verquaste Erscheinungsform dieses Verhaltens zustande. Es ist aber ein Irrtum, daß dies eine speziell männliche Eigenart ist - bei Mädchen (und damit auch bei älteren Frauen, die den entsprechenden Entwicklungsmangel haben) hat es nur andere Erscheinungsformen.

Wenn diese Entwicklungsphase nun (abgesehen davon, daß sie bei diesem Mann in die Zeit des WK II fällt) in einer Umgebung stattfindet, die - wie es für die christliche Sexualethik charakteristisch ist - Sexualität mit Religion, oder genauer: Verdrängung der Sexualität mit Frömmigkeit programmatisch verwechselt, dann gibt es - grob gesagt - zwei hauptsächliche Entwicklungswege:

Der eine bedeutet Revolte gegen die vorgeblich religiöse Tabuisierung, Entdeckung der eigenen Sexualtität, Neugier, wache einschlägige Beobachtung der Umwelt und damit auch frühe Einübung in Formen des interaktiven Sexualverhaltens - man lernt sehr schnell, welche Strategien erfolgreich sind und welche nicht.

Der andere Weg bedeutet eine Fixierung der Sexualentwicklung in dieser Phase. Die Tabuisierungen werden verinnerlicht (internalisiert), die Wahrnehmung wird eingeengt nur auf das ausdrücklich Erlaubte, es fehlt jegliche Einübung im interaktiven Verhalten. Die Phantasie bleibt verkümmert, die Bewegungen der Vorstellungskraft werden durch verinnerlichte Verbote in Fesseln gelegt. Die Libido ist aber trotzdem da und sucht sich Auswege im verlegenen Kichern. Der Mann ist in einer Zeit aufgewachsen, in der er vielleicht mit knallrotem Kopf Bildchen verklemmt posierender nackter Frauen am Kiosk unter der Ladentheke erschmuggelte - die Zeit (er war da Mitte 30), in der dasselbe auf jedem Illustriertencover zu erblicken war, hat er gar nicht wahrgenommen.

So frei die erwähnte Partnerin in derselben Hinsicht auch sein mag: Sei hat es mit einem Mann zu tun, der 60 Jahre Persönlichkeitsentwicklung nachzuholen hat …

Abgesehen davon, daß ohne Geilheit auch keine Sexualität existiert, würde ich an deiner Stelle diese verkümmerten Signale dieses älteren Herrn nicht allzu negativ bewerten: Sie zeigen zumindest, daß da „noch was ist“ *fg*. Es zeigt sich nur halt in einer über ca 60 Jahre blockierten Entwicklungsform.

Ob da noch was draus werden kann? Die Erfahrung sagt: Ja. Ich weiß von Menschen in noch viel höherem Alter, die ihre sexuelle Phantasie und Experimentierfreude noch voll entwickelt haben und die sich herzhaft darüber lustig machen, wie sagenhaft verklemmt sie noch vor 10 Jahren waren - nicht ohne Trauer darüber, fast ihr ganzes Leben an sexueller Lebensfreude vergammelt zu haben.

Wenn die Lady wirklich so frei und locker sein sollte, wie du es andeutest, dann klemmt sie sich den Herrn unter den Arm und zeigt ihm mit Charme und Esprit wo’s langgeht. Wenn sie sich aber mit Motzen über seine Verklemmtheit aufhält, wird sie keine Chance haben.

Grüße

Metapher

Kann nur noch ergänzen…
… da Metapher, noch dazu aus Expertensicht, schon das Wichtigste so hervorragend geschildert hat.

Erst mal Hallo Caren,

als Nicht-Fachfrau möchte ich aber doch noch kurz meine Meinung dazu sagen.

Er war früher also „superheilig“ und hatte eine total biedere Frau, wie Du schreibst. Und nun, da er eine flotte, jugendliche Freundin hat, tut er ihr so etwas an!

  • Das habe ich sinngemäß bei Dir herausgelesen.

Ich finde aber seine Reaktion völlig verständlich.

Und zäume das Pferd mal vom persönlichen Standpunkt aus auf: Also, ich für mein Teil schau mir sehr gerne leicht oder gar nicht bekleidete, appetitliche Männer an. Frauen übrigens auch. Und ich kann sehr gut verstehen, daß mein Freund das auch tut. Wenn wir mal wirklich ehrlich zu uns selbst sind, dürfte jeder von uns zugeben, daß er es gerne tut.
Insofern hat das meines Erachtens nichts mit Hirngeilheit der Männer zu tun, ich bin eine Frau. Einen schönen, erotischen Körper sieht sich jeder gerne an, ob Mann oder Frau.

Wenn ich nun durch ein gesellschaftliches Korsett und eine prüde Gattin jahrzehntelang gezwungen gewesen wäre, diese natürlichste Sache der Welt zu verleugnen, dann ist es gut möglich, daß meine Kontrollmechanismen versagen, nun, da ich einen lieberalen, lockeren Partner habe.

Und, mal ganz ehrlich: Ist das verkehrt? Seine Art, damit umzugehen, ist vielleicht nicht die geschickteste - wie auch? Er hat es ja nie gelernt, sondern mußte seine Instinkte immer unterdrücken. Aber daß er jetzt beginnt, zu sich selbst und seinen erotischen Neigungen zu stehen, finde ich sehr positiv.

Vielleicht macht seine Freundin mit ihm einen Deal: Für jedes sexy Dessous-Model, auf das er aufmerksam macht, weist er sie auf irgendeinen knackigen Kerl, ob in der Werbung oder im wahren Leben, hin. Das kann für die beiden zu einem anregenden Spiel werden, und er lernt dabei, nicht zu vergessen, daß er eine Partnerin an seiner Seite hat. Mit der er viel Spaß haben kann. Und das meinte ich jetzt gar nicht ausschließlich sexuell. :wink:

Liebe Grüße und einen guten Rutsch!
Nike

Danke an alle f. die viele Mühe!!!

…und die teils wirklich sehr ausfühliche Beanwortung!
Einige Denkanstöße waren wohl schon dabei!

merci