Familienstellen - wie funktioniert das?

Hallo,

ich hatte kürzlich schon einmal eine Anfrage zu oben gestellt, aber da ging es eher um Empfehlungen dazu. Nun bin ich vor kurzem rein zufällig und unangemeldet in ein Seminar dazu „reingeplatzt“ (war im Rahmen einer anderen Veranstaltung) und ziemlich beeindruckt von dem, was dort abgelaufen ist.

Derjenige, der aufgestellt hat, berührte verschiedene Personen an den Schultern und führte sie auf den Platz, für den er sich entschieden hatte. In diesem Moment muß sich ja irgendetwas abgespielt haben, damit sich die ausgesuchten Personen in die Rolle einfügen können. Wie funktioniert das? Denkt der Aufsteller intensiv an die jeweilige Person und diese Gedanken bekommen dann die Leute mit, die sich für’s Aufstellen zur Verfügung gestellt haben? Also, was ich meine ist, es muß doch irgendeinen Impuls geben, damit eben die jeweilige Person überhaupt in „ihre Rolle“ schlüpfen kann?

Wer kann mir dazu kurz etwas sagen?

Vielen Dank im voraus.

Liebe Grüße,
Christiane

Hallo Christiane,

es scheint keiner antworten zu wollen, dann mach ich mal, obwohl ich so gut wie keine Ahnung davon habe. Verlass dich also nicht auf das, was ich äußere:

Die Leute, die da auf ihre Plätze gestellt werden, wissen, wen sie verkörpern. Nicht in dem Sinne, dass sie den Menschen kennen, aber sie kennen die „Funktion“ bzw. die Stellung des Menschen innerhalb der Familie. Also Tante, Mutter Onkel, jüngerer Bruder, Stiefschwester, oder so.

Du hast beschrieben, dass sich bei den Leuten unmittelbare Reaktionen eingestellt haben, wenn sie die ihnen zugewiesenen Plätze eingenommen haben. Sie haben sich wohl, oder unwohl gefühlt, waren mit ihrem Platz nicht zufrieden, wollten weg, oder sowas…

Wie das genau funktioniert kann ich dir nicht sagen, das wirkt auf den ersten Blick sicher etwas esoterisch, ich vermute aber, du brauchst keine Gedankenübertragung, um die Wirkungsweise plausibel zu finden.

Was ich mir als Erklärung zurecht gebastelt habe:
Wir sind alle in sehr verschiedene Familien hineingeboren worden und müssen uns dort von Geburt an zurechtfinden. Das einigermaßen fehlerfrei hinzubekommen in diesem sehr komplexen sozialen Geflecht, ist auch heute noch oft im wahrsten Sinne überlebensnotwendig. Ich nehme an, wir sind deswegen allesamt von Natur aus in sozialer Hinsicht extrem gut ausgestattet, sowohl was Wahrnehmung als auch was Handlungskompetenz angeht. (Ich hör schon die Proteste: gut ausgestattet? Wieso gibts dann immer Streit? Die meisten sind doch komplett asozial! Aber bedenke, auf welch hohem Niveau geklagt wird… und gestritten :wink:) Und zwar stelle ich mir vor, wir sind mit einer Art „Sozialinstinkt“ ausgestattet, der uns befähigt komplexe soziale Situationen zu erkennen, zu beurteilen und darauf (angemessen) zu reagieren, ohne dass wir dieses Bild in seinen Einzelheiten durchdenken müssten.

Durch das Stellen gibst du eine Menge Information. Wo im Raum, Entfernung, Blickrichtung, wer steht dicht zusammen, wer weit voneinander entfernt. Dann kommt dazu, dass der Steller sich die Protagonisten aus dem Teilnehmerpool frei auswählt, auch damit trägt er Informationen weiter. Warum wählt er diesen speziellen Mann als seinen Onkel und nicht den Mann neben ihm? Da spielt dann wieder die komplexe soziale Wahrnehmungsfähigkeit des Stellers eine großen Einfluss nehmende Rolle.
Probier einmal aus, deine Familie aufzustellen. Das kannst du auch mit irgendwelchen Gegenständen machen, egal was für welche das sind: groß, klein, billig wertvoll, sie müssen nur eine „Nase“ haben, damit du eine Blickrichtung festlegen kannst. Wenn du es ernsthaft versuchst, durch das Stellen die soziale Struktur innerhalb eurer Familie abzubilden (wie nah steht dein Vater deiner Mutter?), dann wirst du merken, das schon das Aussuchen der Repräsentanten manche Information offenlegen kann. (Ist dein Vater eher eine Coladose, oder eine Bierflasche? Voll oder leer?) *grins.

Und wenn du dich dann in die einzelnen Repräsentanten an ihren Plätzen hineinzufühlen versuchst, merkst du, wieviel du in der Lage bist, selbst aus der Perspektive einer Coladose heraus wahrzunehmen.

Viel Spaß beim Probieren!

Gruß
Burkh

Auf dem Gebiet des „Familienstellen“ fällt oder der Name Bert Hellinger: www.hellinger.com

Hallo Burkh,

erstmal vielen Dank für Deine umfangreiche, hilfreiche Antwort!
Ich wollte übrigens nicht in eine riesige Diskussion um das Thema an sich einsteigen (scheint ja wahnsinnig umstritten zu sein), meine einzige Frage war tatsächlich: wie kommen die Leute, die der Aufsteller ausgewählt hat, in „ihre Rolle“?

Die Leute, die da auf ihre Plätze gestellt werden, wissen, wen
sie verkörpern. Nicht in dem Sinne, dass sie den Menschen
kennen, aber sie kennen die „Funktion“ bzw. die Stellung des
Menschen innerhalb der Familie. Also Tante, Mutter Onkel,
jüngerer Bruder, Stiefschwester, oder so.

Nein, das ist es ja eben, eben genau nicht! Deshalb bin ich ja mehr als erstaunt. Und ich war Zeuge, es hat funktioniert, ich war mehr als beeindruckt.

Der Aufsteller hat 3 Personen ausgewählt, ist hinter die Person gegangen, hat die Augen zu gemacht, die Person von hinten an den Schultern berührt und sie sachte zu dem Platz bewegt, den er für richtig empfunden hat. Mehr war nicht! Die Personen wußten nicht einmal WER sie sein sollten. Trotzdem hatten sie Empfindungen (identisch mit denen der eigentlichen Personen) und kamen im Laufe der Aufstellung selbst darauf WER sie sein sollen.

Was ich nicht verstehe ist, wie schlüpfen die Personen in ihre Rolle? Reicht es wirklich aus, wenn der Aufsteller sich denkt: so, das ist nun mein Bruder und den stell ich hier hin - und dann funktioniert das ganze?

Was mich so erstaunt hat, es hat alles absolut funktioniert. Und es waren Leute, die sich nicht kannten, total durcheinander gemischt. Da war nichts vorher bekannt oder so.

Liebe Grüße,
Christiane

hallo
bin selbst mal gestellt worden (allerdings wurde mir die person, die ich darstellen sollte mitgeteilt - ehemann -)
ich würde sagen es funktioniert so ähnlich wie wenn mal zum ersten mal auf einen menschen trifft und ohne das man ein wort gewechselt hat sympathie oder antipathie empfindet.
man steht an seinem punkt und die ausgangsposition zu den anderen personen ist einem angenehm oder unangenehm - z.b. jemand steht mit dem rücken zu dir. daraufhin verbalisiert man wie man sich an der stelle fühlt und kann sich, wenn man möchte wegbewegen, wohin man sich wohler fühlt. manchmal reicht es auch wenn eine andere person sich wegbewegt oder wegbewegt wird.
äußerungen die man macht und gefühle, die man den personen gegenüber empfindet etc. werden vom therapeuten „verarbeitet“ er stellt in eine harmonische beziehung um und läßt die personen gespräche führen, die dem klienten in natura helfen können. ich stand meinem „schwiegervater“ gegenüber (mir völlig fremde person) und ich hab ihn und er mich gehasst - war einfach da das gefühl, so wie wir positioniert waren (unangenehm). war auch im realen leben so, wie die klientin erwähnte.
mir war ein paar schritte weiter zurück wohler, so das ich meine ganze „familie“ im auge hatte…welches die auflösung der problematik war, und warum stellte sich nach eingreifen der therapeutin (umstellen) heraus. war ne ziemlich harte geschichte und man war anschließend selbst ganz schön fertig, so hat es einen mitgenommen! erst dann durfte die klientin ihre eigene rolle, die bis dahin auch von jemanden dargestellt wurde - einnehmen um diese lösungserfahrung zu machen.
beim stellen nach hellinger hat es viel mit verzeihen können zu tun und auch bereits verstorbene spielen eine nicht unbedeutende rolle und werden bei der aufstellung dargestellt…daher ist er glaub ich auch sehr umstritten.
wenn man einen gewinn aus dem stellen ziehen möchte, braucht es gute und sensible therapeuten, die „aufdröseln“ können ohne schuldzuschreibung sonst geht man da kranker raus als rein…
gruss croeti