Umgang mit Trauer, Phasen des Trauerprozesses etc.
Hallo Nena!
Ich weiß zwar keine Online-Quelle, aber ich erstelle einmal kurz selber eine. :-)
Der klinische Psychologe Comer schreibt zum Trauerprozeß, daß es ein häufiger Irrtum sei, wenn man annehme, daß es einen festgelegten Zeitplan für den Trauerprozeß gebe. Manchmal dauere es viele Monate, bis ein Mensch diesen Prozeß abgeschlossen und sich sein Leben "normalisiert" (Anführungszeichen von mir) habe. Die Zeitspanne der Trauer hänge von vielen Faktoren ab, so u.a. von der Beziehung zwischen dem Trauernden und dem Verstorbenen, dem Alter des Trauernden und dessen Persönlichkeit. Es werde von einigen Forscher vermutet, daß der Trauerprozeß historisch und kulturell definiert sei und in unterschiedlichen kulturellen Gruppen unterschiedlich erlebt werde. In manchen Kulturen bestünden lebenslange Bindungen zu dem Verstorbenen, in anderen vergesse man ihn so schnell, wie es ginge. In den Ländern der sogenannten "westlichen" Kultur sähen wir (zumindest viele und zumindest implizit, Anmerk. von mir) in der Trauer eine Unterbrechung der Alltagsroutine, eine störende und beeinträchtigende emotionale Reaktion, die man so schnell und effektiv wie möglich überwinden müsse. Margaret Stroebe bezeichne diesen Umgang mit Trauer als "Abbruch der Bindungen", weil er von den Trauernden verlange, alle Bindungen an den Verstorbenen zu zerreißen und mit Hilfe neuer Belohnungen und Verstärkungen (so im Original) eine neue Identität zu finden. Menschen, die emotional weiter an den Toten gebunden blieben, würden im Rahmen dieser Sichtweise als fehlangepaßt gelten. Früher sei dieser Umgang mit Trauer aber nicht die Regel gewesen, wie Forschungen über den Trauerprozeß in den USA des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gezeigt hätten.
Nach Osterweis und Townsend (1988) könne man den Trauerprozeß in verschiedene Phasen einteilen, in denen die Trauernden trotz individueller Variationen ähnliche Erlebnisse teilen:
1. Schock: Der Trauernde habe Schwierigkeiten zu glauben, daß die Person gestorben sei.
2. Verlust und Trennung: Es folgten Gefühle von Verlust und Trennung, die manchmal zu Fehlwahrnehmungen und Illusionen führten, z.B. das Sehen der toten Person auf der Straße oder das Träumen davon, daß die tote Person lebendig sei.
3. Verzweiflung: Wenn realisiert werde, daß die Person tot sei, dann könnten Gefühle von Verzweiflung, depressive Stimmung, Schuldgefühle und Wut einsetzen, die als nicht pathologisch zu werten seien. In dieser Zeit könnten sich die sozialen Beziehungen verschlechtern. Das Interesse an der Außenwelt und den gewohnten Aktivitäten könne verloren gehen. (Hier kann es häufig zu einer ähnlichen Symptomatik wie der der Depression kommen. Anmerk. von mir).
4. Ausklingen des Trauerprozesses: Es werde möglich, an den Verstorbenen zu denken, ohne Verzweiflung zu erleben. Man sei bereit, sich dem Leben wieder zu stellen, selbt wenn Geburtstage und andere besondere Daten viele Jahre lang die Trauer wieder "aufleben" lassen könnten.
Der normale Trauerprozeß werde häufig dadurch gestört und verlängert, wie die Gesellschaft mit dem Trauernden umgehe. Freunde und Verwandte stellten sich nicht nur einen unrealistischen zeitlichen Ablauf der Bewältigung vor, sie konfrontierten den Betroffenen auch mit anderen hinderlichen Erwartungen. So meinten einige z.B., daß sich der überlebende Partner in Gesellschaft überflüssig fühle, und zögerten deshalb, Einladungen auszusprechen. Es komme auch dazu, daß der Trauernde seltener besucht werde, obwohl er/sie gerade Unterstützung brauche. Bei Besuchen komme es dann häufig zu Versuchen, den Verlust des Trauernden nicht zu erwähnen, wobei gerade das Reden über den Verlust den Schmerz lindern könne.
Die Ähnlichkeit der Symptome der Trauer mit der der Depression veranlaßten Freud und seinen Schüler Abraham eine psychodynamische Theorie der Depression aufzustellen, die von einer engen Verbindung von Trauer und Depression ausgeht. Die beiden Psychoanalytiker nahmen an, daß ein Verlust (von Menschen, aber auch ein symbolischer Verlust) zuerst nicht akzeptiert werde und der Trauernde sich auf die sogenannte orale Entwicklungsstufe zurückentwickle. Durch die Zurückentwicklung (genannt Regression) auf diese Stufe verschmelze der Trauernde seine eigene Identität mit der der verlorenen Person und gewinne diese Person auf diese Weise symbolisch zurück. Die Rückgewinnung werde als Introjektion bezeichnet, bei der der Trauernde seine Gefühle der verlorenen Person gegenüber als Gefühle sich selbst gegenüber empfinde. Bei den meisten Trauernden sei dieser unbewußte Prozeß zeitlich auf die Trauerphase begrenzt. Die eigene Identität werde bald wiedergewonnen und frühere soziale Beziehungen wiederaufgenommen. Jedoch könne sich die Trauerreaktion bei manchen Personen vertiefen: Diese fühlten sich leer, mieden weiterhin sozialen Kontakt und beschäftigten sich immer ausschließlicher mit dem Verlust. Die Wut auf die verlorene Person (wegen des Verlassens oder wegen früherer Konflikte) wende sich wegen der Introjektion in Selbsthaß, wodurch eine negative Stimmungslage, Selbstbeschuldigungen und weiterer Rückzug ausgelöst würden.
So das war´s auf die Schnelle. Wie der Konjunktiv im Text anzeigt, ist das nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern ich referierte verschiedene Ansichten zum Thema.
Gruß,
Oliver Walter