Buch : Lolita

Ciao ich weiß nicht was ich von diesem Buch halten soll? Habe im Laden kurz reingelesen, eigentlich habe ich mich darüber sehr aufgeregt!
Wer kennt es? Und schreibt mir seine Meinung dazu? Danke und Gruß Filo

Hallo Filo,

Nabokov hat die oberflächliche Lektüre und oberflächliche Interpretationen dieses Romans immer von sich gewiesen. Weder ist das Buch obszön, noch gar pornographisch. Es ist das Buch einer Liebe, die ihr eigenes Ziel ohne Absicht, aber notwendig zerstört.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Rätsel mit eleganten Lösungen
Hallo Filo,

Habe im Laden kurz reingelesen, eigentlich habe ich mich darüber sehr aufgeregt!

Warum?

Lolita ist aus der Sicht des Protagonisten, Humbert Humbert, erzählt und verläßt diesen Blickwinkel nur in der Rahmenhandlung. Lolita kommt darin, und das darf man nicht vergessen, nur durch den Bericht Humbert Humberts zu Wort.

Nabokov ist darüber hinaus kein Autor, der seinen Leser an die Hand nimmt: Man muß sehr genau lesen, sonst wird man leicht irre geführt :wink: Wer in dem Roman eine „moralische“ Grundhaltung auszumachen versucht, muß zwangsläufig enttäuscht werden. Nabokov selbst schrieb dazu in einem Interview auf die Frage, warum er Lolita geschrieben habe:

„Why did I write any of my books, after all? For the sake of the pleasure, for the sake of the difficulty. I have no social purpose, no moral message; I’ve no general ideas to exploit, I just like composing riddles with elegant solutions.“

Viele Grüße
Diana

neugierig
Hi Filomena

Habe im Laden kurz reingelesen

eigentlich habe ich mich darüber sehr aufgeregt!

Wäre ja spannend zu wissen, welche Stelle in dem Buch du erwischt hast?

Und wenn du dich an der Stelle in dem Buch aufregst: warum und worüber?

Und wenn schon, dann warum nur „eigentlich“?

Das fände ich aufregend …

Gruß

Metapher

Lolita ist aus der Sicht des Protagonisten, Humbert Humbert, erzählt

Jaaa - und was gäben wir drum, wenn uns jemand das ganze aus Lolitas Sicht schildern würde …

Dann wüßten wir vielleicht auch, warum amerikanische Frauenverbände die (völlig entschärfte) Neuauflage des Lolita-Films zu verbieten versuchten *lach*
(Weißt du zufällig, ob sie es geschafft haben?)

Gruß

Metapher

und verläßt diesen Blickwinkel nur in der

Rahmenhandlung. Lolita kommt darin, und das darf man nicht
vergessen, nur durch den Bericht Humbert Humberts zu Wort.

Nabokov ist darüber hinaus kein Autor, der seinen Leser an die
Hand nimmt: Man muß sehr genau lesen, sonst wird man leicht
irre geführt :wink: Wer in dem Roman eine „moralische“
Grundhaltung auszumachen versucht, muß zwangsläufig enttäuscht
werden. Nabokov selbst schrieb dazu in einem Interview auf die
Frage, warum er Lolita geschrieben habe:

„Why did I write any of my books, after all? For the sake of
the pleasure, for the sake of the difficulty. I have no social
purpose, no moral message; I’ve no general ideas to exploit, I
just like composing riddles with elegant solutions.“

Viele Grüße
Diana

Child Obscenity and Pornography Prevention
Hallo Metapher,

Dann wüßten wir vielleicht auch, warum amerikanische Frauenverbände die (völlig entschärfte) Neuauflage des Lolita-Films zu verbieten versuchten *lach* (Weißt du zufällig, ob sie es geschafft haben?)

hab gerade mal bei amazon.com und amazon.ca gegoogelt: Die Neuverfilmung ist als Video in beiden Staaten erhältlich.

Außerdem ein paar interessante Links zum Thema: http://www.canoe.ca/JamMoviesFeaturesL/lolita_links…

Zu den namentlich benannten Frauenverbänden zählte u.a. dieser hier: http://www.afwuf.org/

Immerhin wurde im Zuge des Films eine Diskussion um den „Child Obscenity and Pornography Prevention Act“ von 1996 entfacht.

Eine engagiert Stellungnahme findet sich hier: http://www.cc.org/becomeinvolved/childpornographyact…

Und hier die aktuelle Fassung des besagten Paragraphen: http://www.house.gov/cannon/bills2001/hr4623.htm

Auch in Deutschland rief der Film Empörung hervor, der Verein BAG Prävention & Prophylaxe e.V. hat z.B. zu einer Protestaktion aufgerufen: http://www.bundesarbeitsgemeinschaft.de/lolita.htm

Ich kommentiere das nicht weiter :wink:

Kennst Du btw. den Vorläufer zu Lolita, Nabokovs Erzählung „Der Zauberer“ ISBN 3499126966 Buch anschauen?

Viele Grüße
Diana

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neue Weltordnung et al.
Hi Diana

danke für die feinen Links - man kommt ja aus dem Lachen nicht mehr raus, wenns nur nicht so gruselig wäre …

Ich kommentiere das nicht weiter :wink:

that’s ladylike … :smile:

Kennst Du btw. den Vorläufer zu Lolita, Nabokovs Erzählung
„Der Zauberer“ ISBN 3499126966 Buch anschauen?

nee, kannte ich nicht - hab’s schon bestellt

*wink*

Metapher

Auch in Deutschland rief der Film Empörung hervor, der Verein
BAG Prävention & Prophylaxe e.V. hat z.B. zu einer
Protestaktion aufgerufen:
http://www.bundesarbeitsgemeinschaft.de/lolita.htm

Ich kommentiere das nicht weiter :wink:

hi diana,
das ist aber mal interessant. besonders:
"Doch hier - wie bei dem noch wesentlich brutaleren Roman von
Vladimir Nabokov - geht es nicht um Pornographie. Hier geht es um
etwas ganz anderes: darum, das Verbrechen und die Täter zu
entschuldigen, das kindliche Opfer als Verführerin und später auch
Erpresserin zu beschuldigen. "

ich dachte, die zeiten der bücherverbrennung wären vorbei. der hier
angeschlagene ton sagt deutlich, daß entweder das buch nicht gelesen
wurde oder aber fundamentalistische betroffenheitsorgien stattfinden,
die sich keinen deut scheren um die freiheit des gedankens.
ich halte dieses werk für eine grandiose psychologische studie, die
bekannten verfilmungen für eher schlicht. trotzdem ist es mir ein
rätsel, wie sich gewisse kreise so angefaßt fühlen können…

wenn´s danach geht, sollte auch endlich mal baudelaire eingesperrt
werden, neben de sade sind bestimmt noch zellen frei…:wink:

grüße aus der achsel des bösen,
frank

2 „Gefällt mir“

Hi Leute,

ich schließe mich euch an. Und mir ist dabei ein Beispiel aus dem „Deutschen Herbst“ eingefallen:

Da wurde ironischerweise gefordert „Die Entführung aus dem Serail“ zu verbieten, da sie indirekt ein Aufruf zur Gefangenenbefreiung sei.

gruss
winkel

Achsel des Bösen (Danke, Frank :wink:
Hallo Metapher,

man kommt ja aus dem Lachen nicht mehr raus, wenns nur nicht so gruselig wäre …

Trefflich kommentiert :wink: Fundamentalismus, egal welcher Couleur, irritiert mich immer zutiefst…

Herzliche Grüße
Diana

Hallo Thomas,

wenn gewalttätige Besessenheit etwas mit Liebe zu tun hätte, hättest Du recht. In meinen Augen ist das Buch in dem Sinne obszön, als hier eine Darstellung von sexuellem Mißbrauch stattfindet, die sich ausufernd in Details ergeht und etwas durchaus Voyeuristisches hat. Für so etwas verwende ich die Bezeichnung Pornographie, auch wenn der Autor Nabokov heißt und sich diese Kategorisierung möglicherweise verbittet.

Gruß
Aia

1 „Gefällt mir“

Hallo Aia,

wenn gewalttätige Besessenheit etwas mit Liebe zu tun hätte,
hättest Du recht. In meinen Augen ist das Buch in dem Sinne
obszön, als hier eine Darstellung von sexuellem Mißbrauch
stattfindet, die sich ausufernd in Details ergeht und etwas
durchaus Voyeuristisches hat. Für so etwas verwende ich die
Bezeichnung Pornographie, auch wenn der Autor Nabokov heißt
und sich diese Kategorisierung möglicherweise verbittet.

die Kategorisierung als pornographisch oder nicht-pornographisch hängt natürlich nicht am Namen des Autors oder an dessen Meinung seinem eigenen Roman gegenüber - damit hast du sicher Recht. Was die anderen impliziten Behauptungen angeht, möchte ich gerne differenzieren.

Was meinst du mit „gewalttätige Besessenheit“? Welchen Gewaltbegriff möchtest du hier zugrunde legen?

Fraglich finde ich auch, dass du die Begriffe „obszön“ und detaillierte Darstellung von Sexuellem Missbrauch" so in einem Atemzug nennst. Stört dich eher, dass etwas Sexuelles detailliert dargestellt wird oder dass ein Missbrauch dargestellt wird? Und überhaupt ist es fraglich, inwiefern man hier von Missbrauch sprechen kann, denn es ist ja keineswegs eine einseitige Beziehung. Die Darstellung des Sexuellen ist zudem in eine psychologischen Rahmen eingebunden und insofern eigentlich auch nicht pornographisch, als für die Kennzeichnung „pornographisch“ zwei Bedingungen unabdingbar sind: Erstens dass die Darstellung sexuelle Erregung erzeugen soll, aber zweitens eben auch, dass diese Erregung losgelöst von nicht-sexuellen Kontexten dargestellt wird.

Was ich sagen will: Du liest in das Buch deine eigenen Wertmaßstäbe hinein. Dass das dein Empfinden ist, muss und kann ich akzeptieren; dass du dieses Buch deswegen als „pornographisch“ verdammt wissen möchtest, auch. Aber das besagt herzlich wenig über das Buch, sondern ist lediglich deine Meinungsäußerung, die auf falschen Begriffen beruht bzw. ein moralisches Empfinden widerspiegelt, das ich in früheren Jahrzehnten ansiedeln würde. Sollte dieses Empfinden bei dir gegebenenfalls auf eigene schlimme Erfahrungen mit Sexualität zurückzuführen sein, dann schweige ich respektvoll. Möchtest du aber aufgrund dieser Meinung einen gegen die psychologische - und meinetwegen auch „obszöne“, aber eben auch begründet obzöne - Darstellung von sexuellen Untiefen der menschlichen Seele einen Feldzug führen; dann muss ich dir widersprechen.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

2 „Gefällt mir“

immer toller …
… wird das ja!

jetzt kann man sogar

… gewalttätige Besessenheit

in diesem Roman lesen?

obszön, als hier eine Darstellung von sexuellem Mißbrauch stattfindet

Bist du sicher, daß man das so sehen kann? Daß Lolita den Herrn Humbert sexuell mißbraucht?

… die sich ausufernd in Details ergeht … Für so etwas verwende ich die Bezeichnung Pornographie

Mag ja sein, daß jemand mit gut trainierter obszöner Phantasie sogar pornographische Details dort liest … aber wo nur?

grübelnde Grüße

Metapher

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das ist der beste satz:

Mag ja sein, daß jemand mit gut trainierter obszöner Phantasie
sogar pornographische Details dort liest … aber wo nur?

ebenso treffend wie köstlich! :smiley:

beste grüße
ann (noch immer schallend lachend)

Für so etwas verwende ich die
Bezeichnung Pornographie, auch wenn der Autor Nabokov heißt
und sich diese Kategorisierung möglicherweise verbittet.

hi aia,
nur am rande: es wäre besser, den autor nicht mit seiner figur
gleichzusetzen. sonst wäre shakespeare ein faschist oder boyle ein
gemeingefährlicher irrer.
der rest ist unten schon gesagt, ich frage mich allerdings auch, ob
nicht das gesamte pralle leben unter pornographie-verdacht steht.der
rest wäre eher was fürs literatur-brett, aber hierher passt
natürlich, was für prozesse ausgelöst werden durch flüchtiges
konsumieren und interpretieren von gedanken, die allseitiges
„auweia“-geschrei ignorieren, um ein wenig an den fassaden zu
kratzen.
und: h.h. ist ein arsch, und der leser folgt ihm in dieses zerquälte
arschsein. was erwartest du noch an selbsterniedrigung an dieser
figur, die sich jeder identifizierung verschließt? lolita könnte
vielleicht auch ein schaf sein. kommst du dann mit tierschutz?

gruß,
frank

verboten…

Mag ja sein, daß jemand mit gut trainierter obszöner Phantasie
sogar pornographische Details dort liest … aber wo nur?

…sollte werden in diesem zusammenhang besonders der „garten der
lüste“ von hieronymus bosch. da ist ja wirklich aller schweinkram
dieser welt versammelt und darüber hinaus. ohne fsk!!!
und es gibt noch viel, viel mehr.
flamme empor!

allerdings ist „lolita“ zuerst bei „olympia press“ erschienen, was
dem pornographie-vorwurf eventuell allein durch diese tatsache
vorschub geleistet hat (aber das ist 50 jahre her…)

gruß,
frank (ich bin ruhig & entspannt…gargl…)

The Bluest Eye
Hallo Aia,

ich schließe mich der Antwort Thomas’ an Dich an, möchte nur zu Deinem Satz

wenn gewalttätige Besessenheit etwas mit Liebe zu tun hätte

noch ein Zitat aus Toni Morrisons „The Bluest Eye“ hinzufügen, just to think about:

„He, at any rate, was the one who loved her enough to touch her, envelop her, give something of himself to her. But his touch was fatal […] Love is never any better than the lover. Wicked people love wickedly, violent people love violently, weak people love weakly, stupid people love stupidly […] There is no gift for the beloved. The lover alone possesses his gift of love. The loved one is shorn, neutralized, frozen in the glare of the lover’s inward eye.“

Viele Grüße
Diana