Hallo Anne!
Ich würde gerne von jemandem der gerade Psychologie studiert
oder irgendwann studiert hat wissen:
Ich habe Mitte September letzten Jahres meinen Abschluß nach 10 Semestern Psychologie-Studium an der Universität Kiel gemacht. Ich denke, daß ich Deine Fragen daher beantworten kann.
Wie viel Mathe muss man machen?
Recht viel, v.a. Statistik. Es kommt aber auf die Uni an. In Kiel z.B. wird viel Wert auf Statistik und Methodenlehre gelegt. Für das Grundstudium sieht der Studienplan folgendes vor:
- Semester:
4 Semesterwochenstunden (SWS) Quantitative Methoden I (d.h. Statistik)
1 SWS Einführung in die EDV (d.h. den Umgang mit Statistikprogrammen wie SPSS lernen)
Daß Du ´was gelernt hast, darfst Du in Klausuren und einer Prüfung am Computer zeigen. Wer´s nicht schafft, der darf im übernächsten Semester noch ´mal sein Glück versuchen.
- Semester
4 SWS Quantitative Methoden II
4 SWS Empiriepraktikum I (Du wirst erste psychologische Experimente an Dir selbst durchführen und Experimentalberichte dazu schreiben, was auch das Schreiben eines methodischen / statistischen Teils erfordert)
2 SWS Planung von Experimenten (weniger Mathe, aber man sollte schon ´was wissen)
Daß Du ´was gelernt hast, darfst Du wieder in Klausuren und einer Prüfung am Computer zeigen. Wer´s nicht schafft, der darf im übernächsten Semester noch ´mal sein Glück versuchen.
- Semester
2 SWS Methodenlehre
2 SWS Meß- und Erhebungsmethoden
1 SWS Einführung in die EDV
4 SWS Empiriepraktikum II (1 psychologisches Experiment an einer Gruppe von Studenten durchführen, Bericht darüber schreiben)
Dies waren die methodenlastigen Veranstaltungen im Grundstudium. In den Vorlesungen zu den inhaltlichen Grundlagenfächern gibt es aber auch mindestens eine Veranstaltung, in denen Methodik gemacht wird. Außerdem sollte man immer auf der Höhe des Studienplans sein, da man in den inhaltlichen Veranstaltungen die Worte der Profs besser verstehen kann, wenn man weiß, was z.B. eine Korrelation ist und was ein t-Test macht.
In der Vordiplomsprüfung nach Ende des Grundstudiums gibt es eine explizite mündliche Prüfung im Fach Methodenlehre. Allerdings mußt Du darauf gefaßt sein, daß in den anderen Fächern regelmäßig Statistik und Methodenlehre gefragt wird.
Hauptstudium:
Im Hauptstudium wird die Methodenausbildung gründlich fortgesetzt.
- Semester:
2 SWS Testtheorie
2 SWS Multivariate Verfahren
- Semester:
3 SWS Überblick über Standardmethoden
- Semester:
2 SWS Evaluation
2 SWS Höhere Versuchsplanung
Im 7. und 8. Semester ist außerdem noch das Diplomanden-Kolloquium zu besuchen, in dem Diplomanden ihre Diplomarbeitsthemen vorstellen.
Außerdem muß man noch das Anwendungsfach Diagnostik und Intervention studieren. Dort wird vorausgesetzt, daß Du mit den üblichen statistischen Verfahren vertraut bist.
Ist das was man lernt alles sehr theoretisch?
Ja. Das Psychologie-Studium ist ein theorielastiges Studium, weil es erst einmal Grundlagen für die spätere psychologische Arbeit schaffen muß. Es kann ja nichts vorausgesetzt werden, weil psychologische Kenntnisse in der Schule so gut wie nicht vermittelt werden.
Praktische Erfahrungen sammelst Du - was die experimentalpsychologische und wissenschaftliche Arbeit angeht - in den Empiriepraktika und in der Diplomarbeit. In der diagnostischen Fallarbeit im 8. Semester wirst Du mit einem „echten“ Patienten konfrontiert, den Du psychologisch untersuchen und über den Du ein psychologisches Gutachten schreiben mußt. Außerdem mußt Du mindestens 3 Praktika absolvieren. Diese dienen dazu in der Berufspraxis Erfahrung zu sammeln. Man kann dann z.B. in psychiatrischen Kliniken als Praktikant arbeiten, bei den eignungsdiagnostischen Untersuchungen der Lufthansa mithelfen oder auch in eine Justizvollzugsanstalt gehen.
Ist das eher ein Lernfach, wo man sich viel Anlesen muss, oder
muss man viel selbstständig entwickeln und denken?
Es ist eher ein Lernfach, in dem Du viel lesen mußt, v.a. im Eigenstudium. Die Vorlesungen und Seminare sind eher Einführungen in die Thematik, die Du dann per Eigenlektüre vertiefen solltest.
Da der NC relativ hoch ist: ist das Studium so anspruchsvoll,
dass man automatisch länger als die Mindeststudienzeit
braucht?
Die meisten brauchen länger als 9 Semester Regelstudienzeit. Ich z.B. war mit 10 Semestern der zweitschnellste. Die meisten, mit denen ich angefangen habe und die bis zu den Abschlußprüfungen durchgekommen sind, brauchen 11-12 Semester.
Sitzen dort nur hochintelligente Menschen?
Ach, nur in Kiel! *g*
Nein, es sind nicht nur Intelligenzbestien zu finden. Der Psychologe und Persönlichkeitstheoretiker Hans-Jürgen Eysenck sagte einmal sinngemäß: „Wissenschaftler sind genauso dickköpfige Menschen wie alle anderen auch. Ihre außerordentlich hohe Intelligenz macht sie nur umso gefährlicher.“ An der Außerordentlichkeit der Intelligenz kann man aber das eine oder andere Mal zweifeln.
Werden während der ganzen Semester auch mal praktische
Unterbrechungen gemacht? Welche?
Es gibt die Empiriepraktika, die während der Vorlesungszeit stattfinden. Aber sie schauen nicht so aus, daß Du als Nichtpsychologin sagen würdest, daß sie eine „praktische“ Unterbrechung seien. Die eigentlichen Berufs-Praktika finden in der Regel auch nicht während der Vorlesungszeit statt, sondern in den Semesterferien.
Aus welchem Grund brechen die meisten Studienabbrecher in dem
Fach ab?
Es brechen eine Menge ab. In Kiel fangen 70 im ersten Semester an und schon im zweiten Semester ist die Gruppe deutlich kleiner. Diplomprüfungen legen jedes Semester ungefähr 10-15 Studierende ab, wobei sie verschieden lange studiert haben.
Der Schwund dürfte sich in Kiel zumindest aus der anspruchsvollen und gründlichen Methodik- und Statistikausbildung ergeben. Dazu kommt die Desillusionierung (eben kein Therapiestudium) und bei vielen die Doppelbelastung durch Studium und Beruf. Außerdem muß man am Anfang lernen, wie selbständiges Studieren funktioniert.
Ist das alles psychisch belastbar
Du meinst, ob es psychisch auszuhalten ist? Prinzipiell schon. Aber ich muß sagen, daß das Klima unter den Studierenden nicht immer das Beste ist wegen des Konkurrenzgerangels.
oder sollte man, wenn man
Psychologe werden möchte auf keinen Fall selbst Probleme haben?
Je weniger Probleme Du hast, umso besser. Das Studium beansprucht Dich stark, wenn Du richtig studierst. Alles, was Dich sonst noch so beansprucht, verlängert die Studienzeit.
Wie lange dauert eine Ausbildung danach zum Psychotherapeuten?
Kommt darauf an, was Du für eine Therapieausbildung machst. Die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie umfaßt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie:
Theoretische Ausbildung:
600 Stunden in Seminaren, Vorlesungen und Übungen - insbesondere an Feiertagen, Samstagen und Sonntagen
Praktische Ausbildung:
600 Behandlungsstunden
1000 Stunden Gruppensupervision
50 Stunden Einzelsupervision
120 Stunden Selbsterfahrung
Praktische Tätigkeit
1800 Stunden, davon
1200 Stunden in einer stationär-psychiatrischen Einrichtung und
600 Stunden in einer Einrichtung der psychotherapeutisch-psychosomatischen Versorgung.
Das Ganze dauert also ein paar Jährchen. Die 1200 Stunden Psychiatrie leistet man, glaube ich, in einem "Praktikums"jahr ab. Allerdings heißt Praktikum, daß Du es bist, die arbeitet!
Die gesamte Ausbildung kostet zwischen 15.000 und 20.000 Euro.
Wie gesagt gilt das für die Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten.
Ich habe Dich jetzt vielleicht verschreckt, weil sich das Studium nach Arbeit anhört. Es ist auch arbeitsreich. Bedenke aber, daß sich die Arbeit auf mindestens 5 Jahre verteilt und daß es genügend Leute gibt, die es schaffen, durchzukommen, und die schließlich dieses recht unscheinbare Blatt dickeren Papiers in den Händen halten, auf dem steht:
„Aufgrund dieser Prüfung wird hiermit der akademische Grad Diplom - Psychologe verliehen.“
Gruß,
Oliver Walter