Hallo liebe w-w-wler!
In der letzten Zeit habe ich hier häufiger von Schwierigkeiten und Problemen auf dem Gebiet der Sozialen Kompetenzen gelesen (z.B. unter dem Stichwort „Mobbing“). Da es seit langer Zeit effektive Verfahren gibt, auf diesem Gebiet etwas für sich zu tun, verwies ich das ein oder andere Mal auf die sogenannten Trainings Sozialer Kompetenzen oder Selbstsicherheitstrainings. Mir schien aber, daß diese Begriffe einer genaueren Erläuterung bedürfen, und deshalb kündigte ich ein Infoposting zu ihnen an. Ermutigt von den Reaktionen einiger von Euch lasse ich meiner Ankündigung die Ausführung folgen und so poste ich, der ich selbst an einem Kurs „Sozialer Kompetenz“ während meines Studiums teilnahm und die schöne Gelegenheit hatte, einen in RL zu leiten, also:
Soziale Kompetenzen und ihre Trainings
Einleitung
In der heutigen Zeit werden Soziale Kompetenzen immer wichtiger. So werden sie z.B. als Schlüsselqualifikation gesehen, die eine grundlegende Bedeutung für den Berufserfolg haben sollen. Wirtschaftsunternehmen achten deshalb auch darauf, sozial kompetente Bewerber einzustellen, die „teamfähig“ sind. Im Assessment Center (AC) als einer in Deutschland recht beliebten Form der Personalauswahlmethode werden u.a. die soziale Fertigkeiten der Bewerber eingeschätzt.
Das Sozialverhalten ist zu einem großen Teil gelerntes Verhalten, beeinflußt von den Erfahrungen des Babys mit den Eltern, des Kindes in der Familie und im Kindergarten sowie des Jugendlichen in der Schule und zwischen Gleichaltrigen. Bei den vielfältigen Lernprozessen, die das Sozialverhalten mitbestimmen, besteht die Möglichkeit, daß sozial in kompetente Verhaltensweisen erlernt werden und daß sich Menschen selbstunsicher im Umgang mit Arbeitskollegen, Vorgesetzten, dem Ehepartner, Freunden oder Verwandten fühlen, ja manchmal sogar starke Angst entwickeln und soziale Situationen meiden (Soziale Phobie). In bestimmten Trainings, die Trainings sozialer Kompetenzen oder Selbstsicherheitstrainings genannt werden, können soziale Situationen, die verunsichern oder Angst machen, besprochen, mangelnde soziale Fertigkeiten erkannt und sozial kompetente Verhaltensweisen eingeübt werden.
Die genannten Trainings gehören seit Ende der 40er Jahre zu den Therapieverfahren in der Verhaltenstherapie. Dabei kann gar nicht von „einem“ Verfahren gesprochen werden, weil die Trainings in unterschiedlichen Formen angeboten werden und mehrere, unterschiedliche Elemente enthalten. Alle Trainings haben den Anspruch, die Soziale Kompetenz oder die Selbstsicherheit, das Selbstvertrauen oder wie auch immer der effektive Umgang mit anderen Menschen bezeichnet wird, bei den Teilnehmenden zu verbessern.
Was ist Soziale Kompetenz eigentlich genau?
Die eben genannten Begriffe Soziale Kompetenz, Selbstsicherheit oder Selbstvertrauen sind nicht einheitlich definiert, weil sehr viele verschiedene Aspekte bei Sozialer Kompetenz eine Rolle spielen. Sozial kompetente Verhaltensweisen sind z.B.:
Neinsagen
Versuchungen zurückweisen
auf Kritik reagieren
Änderungen bei störendem Verhalten
Widerspruch äußern
Unterbrechungen im Gespräch unterbinden
sich entschuldigen
Schwächen eingestehen
unerwünschte Kontakte beenden
Komplimente akzeptieren
auf Kontaktangebote reagieren
Gespräche beginnen
Gespräche aufrechterhalten
Gespräche beenden
erwünschte Kontakte arrangieren
um Gefallen bitten
Komplimente machen
Gefühle zeigen
Man kann diese Verhaltensweisen in grobe Kategorien einteilen, wie es z.B. Lazarus (1973) getan hat: Danach fallen unter die Sozialen Kompetenzen
die Fähigkeit, nein zu sagen,
die Fähigkeit, Bitten, Wünsche und Forderungen zu äußern,
die Fähigkeit, positive und negative Gefühle zu äußern,
die Fähigkeit, Gespräche anzuregen.
Wichtig ist, sozial kompetentes Verhalten von anderen, nicht sozial kompetenten Verhaltensweisen abzugrenzen.
So unterscheiden z.B. Alberti und Emmons (1974) 3 Typen von sozialen Verhaltensmustern: die passive Person, die aggressive Person und die assertive (selbstsichere) Person
- Die passive Person : Sie wird oft ausgenutzt und ist oft unfähig ihre Rechte einzufordern oder die eigenen Ziele zu erreichen. Sie fühlt sich frustriert, unglücklich, verletzt und empfindet Angst. Im Verhalten zeigt sich diese Person als abweisend (sie muß es und wird es oft nicht so empfinden) und wirkt gehemmt. Entscheidungen trifft diese Person nicht selbst, sondern sie erlaubt anderen, Entscheidungen für sich zu treffen.
- Die aggressive Person nutzt oft andere Menschen aus und verletzt deren Rechte. Sie verfolgt eigene Ziele meistens auf Kosten anderer. Menschen mit aggressivem Sozialverhalten fühlen sich oft in einer Verteidigungsposition, in die sie sich durch dauernde Konflikte mit anderen hineingedrängt fühlen. Solche Menschen sind häufig jähzornig und wirken unberechenbar feindselig und verärgert.
- Die assertive (selbstsichere) Person: Sie beschützt ihre eigenen Rechte, respektiert dabei aber auch die anderer Menschen. Auf diese Weise versucht sie, langfristig ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Im allgemeinen besitzt eine assertive Person ein gutes Selbstwertgefühl und ein angemessenes Selbstvertrauen. Sie kann sich auf der sozialen und emotionalen Ebene angemessen ausdrücken und trifft selbständig Entscheidungen.
Wichtig anzumerken ist, daß selbstsichere, sozial kompetente Menschen nicht immer Erfolg haben. Dieses Ziel wäre unrealistisch. Stattdessen zeigt sich Soziale Kompetenz darin, daß eine Person über kognitive (das Denken betreffende), emotionale (die Gefühle betreffende) und motorische (das tatsächliche Verhalten betreffende, v.a. auch nichtsprachliche ) Fertigkeiten verfügt und anwendet , die in bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigem Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen für den Handelnden führen.
Durch den Fettdruck ist besonders hervorgehoben, daß
- eine sozial kompetente Person über die genannten Fertigkeiten verfügt, sie aber auch tatsächlich anwenden muß, damit sie sozial kompetent genannt werden kann;
- eine sozial kompetente Person weiß, wann sie welche Fertigkeiten anwendet. Zu den wichtigsten sozialen Fertigkeiten gehören nichtsprachliche Fertigkeiten wie z.B. der angemessene Einsatz von Blickkontakt, Lautstärke beim Sprechen, Mimik und Gestik. Angemessenheit bedeutet im Bereich der Sozialen Kompetenz immer die situationale Angemessenheit. Keine Verhaltensweise ist immer angemessen.
- eine sozial kompetente Person nicht immer Erfolg hat, aber daß sie langfristig mehr Erfolge hat als Mißerfolge. Sozial inkompetente Personen können sehr wohl kurzfristig mehr Erfolg als sozial kompetente haben, langfristig sieht es jedoch umgekehrt aus.
Für wen sind Trainings Sozialer Kompetenzen gut?
Trainings Sozialer Kompetenzen sind nicht nur für Patientinnen und Patienten in der Psychiatrie (z.B. Schizophrene, Depressive oder Sozialphobiker) oder für Suchtkranke (z.B. Alkoholabhängige) geeignet, sondern für jeden. Denn ein solches Training ist nicht darauf gerichtet, das Sozialverhalten der Teilnehmenden vollständig zu verändern, sondern das Ziel ist die konstruktive Arbeit an den individuellen Schwierigkeiten und Problemen in sozialen Situationen. Solche Schwierigkeiten hat jeder (irgendwann) in mehr oder weniger ausgeprägter Weise (einmal gehabt) und deshalb kann auch ein im großen und ganzen psychisch Gesunder von Trainings Sozialer Kompetenzen profitieren.
Was passiert in Trainings Sozialer Kompetenzen?
Trainings Sozialer Kompetenzen werden oft in der Gruppe durchgeführt, weil am Beispiel anderer und im Rollenspiel mit den anderen leichter sozial kompetente Verhaltensweisen erlernt werden können. Wie eingangs berichtet, unterscheiden sich Trainings Sozialer Kompetenzen, so z.B. im konkreten Ablauf. Deshalb kann im Anschluß nur der Ablauf eines bestimmten Trainings, des „Personal Effectiveness Trainings“ von Liberman und Kollegen grob vorgestellt werden. Andere, besonders in Deutschland weit verbreitete Trainings sind das „Assertiveness Training Programme“ (ATP) von Ullrich de Muynck & Ullrich und das „Gruppentraining Sozialer Kompetenzen“ (GSK) von Hinsch und Pfingsten. Prinzipiell sind die Abläufe dieser Trainings dem des „Personal Effectiveness Trainings“ ähnlich.
In einem Training Sozialer Kompetenzen sollen die Teilnehmenden Möglichkeiten eines effektiven Umgangs mit anderen Personen (Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Verkäufern, Vertretern usw.) in für den einzelnen Patienten problematischen sozialen Situationen erarbeiten, beobachten und üben, wobei sowohl die eigenen Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse angemessen ausgedrückt (sprachlich sowie durch Mimik und Gestik) als auch die Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse der anderen angemessen berücksichtigt werden sollen: Langfristig positive Konsequenzen sollen Vorrang vor kurzfristig positiven Konsequenzen haben.
In den einzelnen Trainingsitzungen werden individuelle Problemsituationen besprochen, indem sie auf drei Ebenen behandelt werden: gedanklich, emotional und tatsächliches Verhalten. Diese Informationen werden vom Patienten erfragt und auf eine bestimmte Situation verdichtet (Planungsteil). Im anschließenden Trainingsteil wird eine Teilnehmerin / ein Teilnehmer gebeten, ihre Problemsituation in einem Rollenspiel darzustellen (sogenannter „Dry run“). Aus dem Kreis der übrigen Teilnehmenden sollen geeignete Personen ausgewählt werden, die ihre / seine Interaktionspartner darstellen. Geeignet bedeutet hier, daß die ausgewählten Interaktionspartner den Personen, mit denen wirklich Schwierigkeiten bestehen (z.B. der eigenen Mutter, dem Chef) ähnlich sein sollten.
Während des Rollenspiels achtet die Gruppe auf die angemessenen, die defizitären und die exzessiven Verhaltenskomponenten, wobei besonders die nichtsprachlichen Aspekte betont werden:
a) Lautstärke und Sprechtempo,
b) Modulation der Stimme und Flüssigkeit des Sprechens,
c) Einsatz der Hände,
d) Körperhaltung,
e) Gesichtsausdruck,
f) Blickkontakt.
Danach wird das Rollenspiel in der Gruppe besprochen, indem die positiven Aspekte im Verhalten der Person, die ihr Problem vorstellt, in der Gruppe erarbeitet werden. Nach der Nennung der positiven Aspekte werden maximal 2 Verbesserungsvorschläge gemacht, deren Umsetzung sich der Teilnehmende, um dessen Problem es geht, durch andere Teilnehmer oder den Therapeuten ansehen kann (Modellauf). Beim Modellauf kommt es darauf an, daß das Sozialverhalten nicht perfekt vorgespielt wird, weil die Person, um die es geht, sonst entmutigt werden könnte. Es geht vielmehr darum, es hinreichend gut vorzuführen, um Mut zu machen, daß der Beobachter es lernen kann. Nach dem Modellauf soll der Teilnehmende in einem erneuten Rollenspiel selbst die Verbesserungsvorschläge üben (Trainingslauf) und erhält von der Gruppe dafür positives Feedback.
Die Therapeuten erarbeiten dann zusammen mit demjenigen, der sein Problem geschildert hat, eine Übung für „zu Hause“, was z.B. das Geben von Komplimenten an die Ehefrau oder das Einmal-früher-Nachhause-Gehen-Können gegenüber dem Chef sein kann. Diese Übungen sind sehr wichtig, weil neues Verhalten nur dann zur Routine werden kann, wenn es oft genug wiederholt wird. Außerdem erfahren die Teilnehmer, daß das im Training Gesehene auch „im wirklichen Leben“ funktioniert und nicht nur im Kurs, wo „sowieso jeder macht, was der Therapeut sagt“.
Wirken Trainings Sozialer Kompetenzen?
Trainings Sozialer Kompetenzen gehören zwar zu den ältesten verhaltenstherapeutischen Therapieverfahren, ihr Alter allein stellt aber nicht ihre Wirksamkeit sicher. In der Tat haben kontrollierte Therapiestudien die Wirksamkeit dieser Trainings festgestellt. Schwierigkeiten bereitet allerdings die genaue Feststellung, welche von den vielen eingesetzten Techniken innerhalb der Trainings wirken. Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum es so viele unterschiedliche Trainingsformen gibt, die alle dasselbe Ziel erreichen wollen.
Den Teilnehmenden eines konkreten Kurses kann z.B. anhand der „Selbstsicherheitspyramide“ (eine auf dem Kopf stehende Pyramide mit den Anteilen: selbstsicheres Verhalten - selbstsichere Verhaltensgewohnheiten - selbstsichere Persönlichkeit) erläutert werden, daß über zunächst einfache Verhaltensweisen und deren positive Folgen selbstsichere Verhaltensgewohnheiten gebildet werden und langfristig die Selbstsicherheit allgemein ansteigt. Dabei wird darauf hingewiesen, daß das Training nicht dem Zweck dienen soll, ein „Star“ im Bereich der sozialen Kompetenzen zu werden, sondern problematische Situationen besser zu bewältigen. Hilfreich sind auch Vorher-Nachher-Messungen sozialer Fertigkeiten mit Fragebögen wie z.B. dem U(nsicherheits)-Fragebogen von Ullrich de Muynck & Ullrich: Die Teilnehmer können ihre Fertigkeiten anhand von Fragen selbst einstufen und erhalten von den Therapeuten vor und nach dem Kurs oder in regelmäßigen zeitlichen Abständen ein zusätzliches Feedback.

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